Der „Tettenborn" fuhr schon drei Stunden in der geheimnisvollen , Eüd-Ost-Richtung. Es war ein trüber Tag. Auf einmal hörte der Kapitän vom Ausguck den Ruf „Ahoi!" Alle rannten auf Deck, um zu sehen. Kaum hundert Meter weit schwamm etwas Helles auf dem Wasser. Die Entfernung verringerte sich. Es war ein gelb angestrichener, truyenförmiger Gegenstand. „Da ist der Schatz drin!" meinten die Schatzsucher des „Tettenborn". Der Kapitän lächelte; Truhen mit Gold schwimmen bekanntlich nicht. Dennoch war auch er neugierig. Ein Boot wurde ausgesetzt, man fischte den ziemlich großen Kasten aus dem Wasser und schleppte ihn an Bord. Es war eine längliche Kiste mit fremdartigen Schriftzeichen. Der Deckel war ganz verquollen, es brauchte einige Zeit, bis man ihn aufbrachte, denn man wollte die Kiste nicht beschädigen. Endlich ging der Deckel auf; unter allgemeiner Spannung wurde die Kiste geöffnet. — Sie war leer.
Es begann zu regnen. Eine Bö jagte die andere. Nach einer guten Stunde rief es vom Mast: „Schiff, vier Strich backbord voraus!"
Vollerisen fetzte sein Fernrohr an.
„Mit dem Schiss ist etwas nicht richtig!" meinte Setzpfand zum Kapitän, der gar nicht darauf antwortete.
Das fremde Schiff war nun zu erkennen. Eine leichte Brigg. Man rief hinüber. Keine Antwort.
Setzpfand stand wieder bei Bollertsen: „Käpi'n, drehen wir um. Mit dem Schiff dort ist es nicht geheuer, das bringt uns allen noch Unglück!" — Bollertsen winkte mürrisch ab: „Maat mach' mir die Leute nicht feige! Gespensterschiffe gibt es nur in euren Kindsköppen! Die Brigg dort drüben ist auf eine Sandbank geraten. Deshalb ist es mit dem Schiff nicht richtig!" — Setzpfand lächelte ungläubig; dabei war fein Gesicht von plötzlicher Angst verzerrt.
Bollertsen schrie: „Boot hinunterlassen!" — Steuermann Janns, Dulm- krack und Schuh bestiegen das große Rettungsboot. Es war ein Stück Arbeit gegen Regen und hohen Seegang anzukämpfen. Endlich war das Boot längsseits. Sie riefen das fremde Schiff an. Keine Antwort. Nur das Klatschen des Regens und das Heulen des Windes war zu hören.
Die drei stiegen an Bord. Das Deck war leer. Vorsichtig und auch ein wenig ängstlich suchten sie das Schiff ab. — Nichts. — Nun standen sie in der Großluke. Janns rief nach unten. Sie lauschten. Kein Laut. Dann stiegen sie die Holztreppe hinunter, die Pistolen schußbereit haltend.
Drüben auf dem „Tettenborn" standen die andern und verfolgten gespannt das Tun ihrer drei Kameraden.
Plötzlich tauchte auf dem fremden Schiff Steuermann Janns wieder auf, der, wie von Furien gehetzt, sich über Bord schwang und an dem Fallreep hinunter ins Boot kletterte.
Was war drüben geschehen? Und wo waren die zwei andern?
Schon war Janns an Bord des „Tettenborn", atemlos stürzte er auf den Kapitän zu und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Seine Worte hatten eine furchtbare Wirkung. Dollertfens Gesicht wurde plötzlich blaß. Dann riß er sich zusammen und kommandierte:
„Das zweite Boot hinunterlassen! Kriete und Lüders gehen mit. Drüben wird euch Janns das Weitere sagen!"
Schweigend gehorchten die Leute. Beide Boote stießen ab. Die Zurückgebliebenen standen an Bord und ließen die Brigg nicht aus den Augen. Man sah. wie die drei drüben an Bord stiegen und in der Luke verschwanden.
Die Leute auf dem „Tettenborn" warteten in fieberhafter Spannung. Der Kapitän gab auf neugierige Fragen keine Antwort.
Der Regen hatte aufgehört. Endlich regte es sich drüben. Gebückt kamen zwei aus der Luke, die etwas Langes trugen. Man konnte nur Umriffe erkennen, da dicke Nedelfchwaden die Sicht uerfperrkn. Dann trat Janns aus der Luke und blieb an der Reeling stehen. Die andern verschwanden nach unten. Gleich kamen sie wieder, auch diesmal gebückt, etwas Langes tragend; das wiederholte sich mehrmals.
Plötzlich lagen die Brigg und der „Tettenborn" für einige Minuten in dichtem Nebel. Man sah überhaupt nichts mehr. Als eine Brise endlich den Nebel zerteilte, erblickte man die zwei Boote schon ganz in der Nähe der „Tettenborn". In der Mitte eines jeden Bootes lagen Menschen, mit Segeltuch zugedeckt. Mit großer Mühe wurden sie an Bord gebracht. Es waren Fieberkranke.
Fünf Seeleute hatte man geborgen. Steuermann Janns machte einen seltsam aufgeräumten Eindruck. Er pfiff fröhlich vor sich hin und war um einen Fieberkranken, den man als Letzten an Bord gebracht hatte, besonders bemüht. Er ließ ihn sofort in seine Kabine bringen. -
Die Geretteten waren Seeleute der Hamburger Brigg „Kattwyk", die hier vor vier Wochen im Nebel auf eine Sandbank gelaufen war. In einem Anfall von Berzweiflung hatte sich der Kapitän erschossen. Da diese Stelle abseits von den Schiffsstraßen lag, waren die Leute, die alle am Tropenfieber erkrankt waren, ohne Hilfe geblieben. Bor drei Tagen waren dazu noch alle Eßvorräte sowie auch noch das Trinkwasser auf- gebraucht. Heute morgen war einer von ihnen nach der Nachtwache fest eingeschlafen, nach zwei Stunden war er plötzlich wieder aufgewacht — es war gegen zehn Uhr — und sagte mit fester Stimme: „Wir werden heute gerettet werden!" Er hatte bann (einen verzweifelten Kameraden erzählt, ein Zweimaster, den er im Traum gesehen hätte, nähme seinen Kurs auf die Sandbank. Auf einmal hatte sich das Wetter gewendet; Böen gingen über das Schiff hinweg, dazu hatte es zu regnen begonnen. Sie hätten sich alle mit Mühe unter das Deck geschleppt und wären dort vor Entkräftung im Fieber bann eingeschlafen.
Das erzählten die Kranken ihren Rettern. Was aber Steuermann Janns gegen Abend dem Kapitän in dessen Kajüte sagte, davon erfuhren die anderen Leute des „Tettenborn" erst später.
Janns erzählte, wie er drüben auf der Brigg plötzlich in einem Fieberkranken den Mann erkannt hätte, der ihn am Vormittag in Vollerisens Kajüte so erschreckt hatte. Aber das war noch nicht alles. Als Janns dem Kranken zu trinken gegeben und ihm die Haare aus der Stirn gestrichen hatte, war ihm an der linken Schläfe des Kranken eine dreieckige Narbe aufgefallen. Diese seltsame Narbe konnte nur ein Mensch auf der Welt haben: Der Fieberkranke war fein feit zehn Jahren verschollener Zwil- l'ngsbruder Hein, der in der Nähe einer australifchen Insel schiffbrüchig
geworden war, dann lange Jahre unter Wilden gelebt und endlich unter vielen Gefahren auf einem Baumkahn an der australischen Küste gelandet war. Er hatte sich bis Adelaide durchgeschlagen und war dort auf der deutschen „Kattwyk", die nach Hamburg zurückkehrte, angeheuert worden. Als dann die Brigg auf die Sandbank festgerammt war, hatte ihn große Verzweiflung gepackt. Die Sehnsucht nach der Heimat war von Tag zu Tag stärker in ihm geworden. Seine Gedanken suchten immer wieder seinen Zwillingsbruder, den Steuermann, und erreichten ihn, wie heute Radiowellen ihren Empfänger ereichen. Es waren aber außer der Blutsverwandtschaft der beiden noch andere Gründe eines gegenseitigen Kontaktes gegeben. Denn auf dem „Tettenborn" war ja bas Zeichen „P. I. - Geestemünde" eingebrannt; dieser Zweimaster war, wie wir schon wissen, von dem Vater der Zwillingsbrüder gebaut worden. Die beiden hatten als Knaben ost auf den Planken des unfertigen Schiffes gespielt. Das Schiff des Vaters war Hein im Traum erschienen.
Am nächsten Tage lieh Vollertsen den Bruder des Steuermanns, dessen Fieber schon nachgelassen hatte, die Worte „Fahret Sud-Ost!" schreiben. Es war dieselbe Schrift wie auf dem Papier in der. Kapitans- ta,UUnb doch hatte Steuermann Janns diese Worte selbst geschrieben. Er war schlafwandelnd in die Kapitänskajüte gegangen und hatte den geheimnisvollen Befehl in der Handschrift seines Bruders niedergeschrieben, als Werkzeug eines fremden Willens. Das Traumbild des Uebetannten beim Erwachen Janns' war fo stark gewesen, daß er an die Existenz des fremden Passagiers selbst geglaubt hatte. Es war gegen zehn Uhr vormittags gewesen, um dieselbe Zeit, in der sein Bruder auf der Brigg von feiner Rettung und dem Zweimaster geträumt hatte.
Aus den Lebensläufen der Polarforscher.
Von Anton Schnack.
Der Bootsmaat Nikifor Begitschew. Er war ein untersetzter Bursche, von Kälte gerötet und von dem vielen Alleinsein schweigend gemacht. Er hatte ein kühles graues Auge und den Instinkt eines Tieres. Sein Gesicht war hoch und ungemein kühn. Er liebte Robbenfleisch, das Nordlicht, das Gleiten der Hundeschlitten und das Erzählen über den russischen General Koltschak.
lieber dem gewaltigen Fluß Jenissei touren die Abenddämmerungen eisgrün. Im Frühling tobte er die ganze Nacht; das Eis spaltete sich mit krachendem Donner. Nikifor hakte eine Hütte bei Dudinka, ein wenig abseits stehend und von Hunden umheult. Sie lag im Schatten einer Steinklippe, auf der er oft stand.
Er hatte schmale Kajaks, eine Wand voller Gewehre, eine Kiste mit Fallen, Wurfhaken, Harpunen, Lammfell- und Eisbärmutzen, Mäntel aus Seehundsfell, Stiefel aus Rindsleber, Geweihe von Renntieren, Pelze von Silberfüchsen, einen Herd, eine kleine flotte Frau, bie ein paar kohlschwarze Augen und eingefettetes schwarzes Haar hatte.
Grausam war sein Beruf. Er jagte unb fischte. Er stach blitzschnell nach ben Lachsen. Die Wildgänse schoß er im Fluge ab, an bie schlafenben Seehunde schlich er sich lautlos heran.
Ende Mai des Jahres 1920 erreichte ihn beim Fallenreinigen die Nachricht der Sowjetunion, daß Amundsens Maudmatrosen Peter Tefsem und Paul Knudsen seit einem Jahre vermißt wären. Er möge nach ihnen suchen. Die Norweger hätten viel Geld gestiftet.
Begitschew rüstete eine Hundeexpeditton aus, suchte vier Manner aus Dudinka, Sibirier von Entfchlofsenheit und Kenntnis, unb brach auf.
Immer die Küste entlang, von der bas Eis im Sommerwind sich loste. Die Fahrt ging langsam, ba sie untersuchten, spähten, in Felsrisse rochen und nach Feuerstellen ausschauten. Zuweilen schoß er einen Baren, bann gab es frisches Fleisch. Stürme fegten über sein Zelt. Er war nicht so wie die anderen: er fand, daß manchmal bie Sterne furchtbar in ihrem nahen Glanze waren. Er horchte oft nach dem Gebell der Eisstichse und nach dem Rausck;en der Brandung. m
Bei Port Dikfon trafen sie auf Hütten, Zelte, Walfifchfanger, Pelzjäger und Soldaten. Keiner wußte etwas von den vsrfchollenen Nor-
Jn^Port Dikfon blieben sie einige Tage zur Raft, fütterten die Hunde auf, besserten die Schlitten aus, bas Leder, die Stricke unb ihre Mantel, schliefen und fraßen sich voll. .
Dann zogen sie zum Kap Wilde hinauf, das sie m der Dämmerung erreichten. Sie waren wieder viele Tage lang gefahren, suchend, spähend, horchend; nichts.
Eines morgens stolperte er allein über einen Felshang, der besät war mit losen Steinen. Er stutzte, ba er Steinblöcke sah, die aufeinanbergelefit ivaren. Er ging hin unb fand zwischen ben Steinen eine kleine Konservenbüchse norwegischer Herkunst. Sie war vom Schnee verrostet, aber gut verschlossen. Sie enthielt ein Schriftstück, bas er lesen konnte. Os lautete: . _ „
„Zwei Mitglieder der Maubexpedition haben auf Hundeschlitten diele» Punkt am 10. November 1919 erreicht. Wir stießen hier aus ein Lebms- mittelbepot. Das Brot war feucht und vom Salzwasser verdorben. Wir schlugen an einer höheren Stelle der Küste unser Lager auf und nahmen Nahrungsmittel mit. Wir sind gesund. Unser Marsch geht weiter, zim 15. November 1919. Peter Tessem, Paul Knudsen."
Nikifor zitterte, als er dies gelesen hatte. Er war ihnen auf der Spur.
Eine großartige Entschlossenheit kam über ihn. Er zog mit einem Schlitten und einigen Hunden, Proviant und einem Kajak, allein j» dreizehn Tagemärschen nach der Bucht Blibukaia. Manchmal stieg ein Schneehuhn vor ihm aus, äugte unb verfchwanb. Das Meer lag unter grauen Schneegestöbern. Es rvar am Ufer eisfrei unb von wilder Brandung. Eines Nachmittags kam er an einen Felsen, der riffartig vom Meere aufstieg. Eine Wolke schwarzer Raben saß auf ihm.
Hinter diesem Felsen entdeckte er alte Asche, ein von Rost angegru- fenes Jagdmesser, eine Patronenhülse und drei Schritte weiter noch eine. Als er mit seinem Gewehrlauf die Asche durchstöberte, fand er Knocyei, ein Schulterblatt, lange schmale Schienbeinknochen, Schädelstücke und or


