Das Gefühl dieses Stolzes und einer Gemeinschaft alles geistigen Schaffens tritt daher in den letzten Jahren seines Lebens immer stärker hervor. Hatte er 1823 scherzhaft gesagt, man werde ihn „aus der allgemeinen Literatur und der besonderen deutschen jetzt und künftig nicht mehr los werden," so sah er nun „die Eilboten aller Art aus allen Weltgegenden her immerfort sich kreuzen", um ihm Nachrichten von der Aufnahme feiner Bücher zu bringen. Andererseits mehrten sich die trefflichen Uebersetzungen ausländischer Werke ins Deutsche, fo daß er öfters die Meinung äußerte: „Die andern Nationen werden schon deshalb Deutsch lernen, weil sie inne werden müssen, daß sie sich damit das Lernen fast aller andern Sprachen ersparen köitnen," und er betont die Bedeutung dieses Austausches für die Weltkultur, indem er den Gebildeten die Pflicht auf- erlcgt, „ebenso mildernd und versöhnend auf die Beziehungen der Völker einzuwirken, wie die Schiffahrt zu erleichtern oder Wege über Gebirge zu bahnen. Der Freihandel der Begriffe und Gefühle steigere ebenso wie der Verkehr in Produkten und Bodenerzeugnifsen den Reichtum und das allgemeine Wohl der Menschheit."
Aus diesen Gedankengängen heraus prägte er nun 1827 in „Kunst und Altertum" im Anschluß an eine Vergleichung seines „Tasso" mit dem gleichnamigen Drama von Duval, die französische Zeitschriften gegeben hatten, das Wort „Weltliteratur", indem er schrieb, er wolle seine Freunde darauf aufmerksam machen, „daß ich überzeugt bin, es bilde sich eine allgemeine Weltliteratur, worin uns Deutschen eine ehrenvolle Rolle vorbehalten ist. Alle Nationen schauen sich nach uns um, sie loben, sie tadeln, sie nehmen auf und verwerfen, ahmen nach und entstellen, verstehen und mißverstehen uns, eröffnen oder verschließen ihre Herzen; dies alles müssen wir gleichmütig aufnehmen, indem uns das Ganze von großem Wert ist." Er sieht also die Entwicklung eines „Höheren", ein „Vorschreiten des Menschengeschlechtes" über die notwendige begrenzte Nationalliteratur hinaus zu einer gemeinsamen Weltdichtung, wobei allerdings kein Volk feine Eigenart aufgeben soll. Bei der Begrüßung der englischen Zeitschrift „Edinburgh Review", in der er wie in ähnlichen französischen Zeitschriften Bundesgenossen erblickt, betont er ausdrücklich: „Nur wiederholen wir, daß nicht die Rede sein könne, die Nationen sollten überein denken, sondern sie sollen nur einander gewahr werden, sich begreifen und, wenn sie sich wechselseitig nicht lieben mögen, einander wenigstens dulden lernen." Und bei der -Besprechung einer englischen Ueberfetzung aus deutschen Autoren, „German Romance", kommt er 1828 wieder auf die liebgewordenen Gedanken zurück: „Offenbar ist das Bestreben der besten Dichter und ästhetifchen Schriftsteller aller Nationen schon seit geraumer Zeit auf das allgemein Menschliche gerichtet... Die Besonderheiten einer jeden muß man kennenlernen, um sie ihr zu lassen, um gerade dadurch mit ihr zu verkehren; denn die Einzelheiten einer Nation sind wie ihre Sprache und ihre Münze: sie erleichtern den Verkehr, ja sie machen ihn erst vollkommen möglich. Eine wahrhaft allgemeine Duldung wird am sichersten erreicht, wenn man das Besondere der einzelnen Menschen und Völkerschaften auf sich beruhen läßt, bei der Ueberzeugung jedoch festhält, daß das wahrhaft Verdienstliche sich dadurch auszeichnet, daß es der ganzen Menschheit angehört. Zu einer solchen Vermittlung und wechselseitigen Anerkennung tragen die Deutschen feit langer Zeit schon bei."
Mit Genugtuung verzeichnet Goethe das Echo, das seine Ideen in den ausländischen Zeitschriften finden, besonders in dem französischen „Giode", und er freut sich der „Spiegelung", in der die Bilder deutscher Dichtung im fremden Gewand erscheinen. „Eine jede Literatur ennuyiert sich zuletzt in sich selbst, wenn sie nicht durch fremde Teilnahme wieder ausgefrifcht wird", meint er. Vor allem Carlyles geniales Wirken für deutsche Literatur in England erfüllt ihn mit Hoffnung: „Die sämtlichen Nationen, in den fürchterlichsten Kriegen durcheinander geschüttelt, hatten zu bemerken, daß sie manches Fremde gewahr worden, in sich aufgenommen, bisher unbekannte geistige Bedürfnisse hie und da empfunden. Daraus entftanb das Gefühl nachbarlicher Berhältnisie, und anstatt daß man sich bisher zugeschlossen hatte, kam der Geist nach und nach zu dem Verlangen, auch in den mehr oder weniger freien geistigen Handelsverkehr mit ausgenommen zu werden." Goethe hat sich mit diesem Gedanken bis in die letzte Zeit feines Lebens immer wieder beschäftigt, so in der Auszeichnung „Ferneres über Weltliteratur", in der er, warnend und ermunternd, die Notwendigkeit nationaler Eigenart und das natürliche Herauswachsen universeller Werke aus dem nationalen Boden hervorhebt, und in einer Reihe hinterlassener Schemata, von denen eines, am 5. April 1830 aufgezeichnet, die segensreiche Wechselwirkung der Völker zusammmen- faßt: „Daraus nur kann die allgemeine Weltliteratur entspringen, daß die Nationen die Verhältnisie aller gegen alle kennenlernen, und so wird es nicht fehlen, daß jede in der andern etwas Annehmliches und etwas Widerwärtiges, etwas Nachahmenswertes und etwas zu Meidendes untre ff en wird. Auch dieses wird zu der immer mehr umgreifenden Gernerks- und Handelstätigkeit auf das wirksamste beitragen; denn aus uns bekannten übereinstimmenden Gesinnungen entsteht ein schnelleres, entschiedenes Zutrauen."
So sieht Goethe in der „Weltliteratur" einen Höhepunkt der geistigen Entwicklung, auf dem jedes Volk, feiner Eigenart bewußt, auch der der anderen Literatur gerecht wird und dadurch dazu beiträgt, daß die Menschheit sich in einer allgemeinen Harmonie vereinigt. Es ist alfo ein idealer Völkerbund, der nach seiner Anschauung durch die Völker verbindende und Völker versöhnende Macht des Buches geschloffen wird, wie er «s in dem „Weltliteratur" überschriebenen Gedicht ausdrückt:
„Wie David königlich zur Harfe fang, Der Winzerin Lied am Throne lieblich klang. Des Perfers Bulbul Rofenbufch umbangt, Und Schlangenhaut als Wildengürtel prangt, Von Pol zu Pol Gesänge sich emeu’n. Ein Sphärentanz harmonisch im Getümmel, ■ < Laßt alle Völker unter gleichem Himmel
Sich gleicher Gabe wohigemut erfreu’n!"
Die Frau und ihr Buch.
Don Alexander von Gleichen-Rußwurm.
Die Frau hat immer ihr Buch gehabt, und seine Art hat viel gewechselt im Lauf der Erscheinungen. Als im Mittelalter kostbare, oft miniaturgeschmückte Handschriften Burgen und Stadipaläste zu Stätten der Bildung machten, beherrschte der Ritterroman zwar das geistige Interesse, und manches Lied ging von Mund zu Ohr, aber das Buch der Frau war ihr Stunbenbuch, ein kostbares Kleinod, aus dem sie in stillen Stunden Andacht und Erbauung schöpfte.
Unter den Rittern konnten nur wenige lesen, diese Kunst »vor so ziemlich den Priestern und den Frauen vorbehalten, so daß die Edelfrau, die vielumschwärmte Same, geistig meist weit über den Männern ihres Kreises stand und im Stundenbuch eine Welt für sich suchte, einen heimlichen Garten, zu dessen Blüten sie an Tagen der Einsamkeit flüchtete. Es war nicht eigentlich ein Gebetbuch, wenn es auch auf die Note der Frömmigkeit gestimmt war, es rief zur Sammlung und sollte „böse Gedanken" vertreiben, wie sie leicht eine einsame Frau befallen, und die mittelalterliche Dame war der Einsamkeit oft preisgegeben, wenn die Männer auszogen zum Waidwerk oder zu ritterlicher Abenteuerfahrt. Frau Aventiure lockte, und wenn der Hörnerklang vor dem Burgtor verhallte, ging die Herrin stolz gefaßt in ihre Kemenate und öffnete das Stundenbuch.
Aus den größten und gewaltigsten Abenteuerfahrten, den Kreuzzügen, brachten die Ritter außer vielen anderen Dingen, die den Welthandel belebten, der europäischen Frauenwelt ein neues Buch, das ihr so recht zu eigen wurde und der eleganten Dame des gotischen Zeitalters und der Renaissance wie anderer prächtiger Schmuck und Zierrat zugehört. Wir begegnen ihm zuerst in Venedig, wo die Mode des gotischen Luxus lange Ausgang nahm. Es war die erste Kosmetik, die zierlich geschrieben und kostbar gebunden, am Gürtel hing, damit kein profanes Auge und vor allem keine gute Freundin Einblick nehmen konnte, denn die Geheimnisse der weiblichen Schönheit, die Kunst, jung zu bleiben, war von kundiger Hand darin aufgezeichnet.
Diese Rezepte — wie wir sagen würden — kamen zum großen Teil aus dem Orient und gaben an, wie das Haar und der Teint gepflegt, wie Fülle oder Schlankheit erzeugt werden sollten, aber es drängten sich auch „unfehlbare Liebeszauber" und ähnliche Dinge in die kunstvoll geschriebenen Seiten und man las darin, wie ein Gift zu bereiten fei, der Nebenbuhlerin oder einem, den man haßte, stillschweigendes Ende zu bereiten. Wer wußte, was die Frau in ihrem Buch alles am Gürtel trug, der man sich mit zierlich gewähltem Wort und heißem Begehren im Herzen näherte? Damals war das Leben in seinem Inneren stark dramatisch bewegt und das Buch der Frau zeigte an, wie man sich zum Liebeskampf rüstete ... wie man ihn zu beenden vermochte.
Neue Zeiten bringen neue Erfindungen; die gedruckte Welt drängt die geschriebene zur Seite und in den Gemächern der Frau zeigt das Bücherschränkchen ein verändertes Angesicht. In vornehmen Häusern hielt man noch lange auf das geschriebene Stundenbuch und das Damenbüchlein (livret aux dames) mit seinen Geheimmitteln und Liebesgeschichtchen bleibt noch lange der Handschrift Vorbehalten. Unter den gedruckten Werken gab es anfangs überhaupt kein eigentliches Frauenbuch, die humanistisch gesinnten Damen liebten die lateinischen Klassiker, die frommen beschäftigten sich nicht anders wie die Männer mit religiösen Streitschriften. Eine besondere Vorliebe des weiblichen Geschlechts für einen bestimmten Literaturzweig tritt erst zutage, als die Pastorale sich von der Renaissance ablöste und das Barockzeitalter mit Schäferromanen und leichtem Liebesspiel einsetzte. Von Tassos „Aminia" und dem spanischen Roman Montemayors „Diana" beeinflußt, schrieb Honorä b’U r f 6 bas gelefenfte Buch seines Jahrhunderts „Astree", und die Prüfungen der Liebe, die fein Held „Cöladon" zu erdulden hatte, zauberten Tränen auf viel taufend schöne Wangen.
Den Liebesroman in Körbchen ober Tasche, wanderte die Frau von Welt zwischen den zierlich geschnittenen Hecken ihres Gartens und versenkte sich auf moosiger Bank in die spannenden Geschichten der Modedichter, um von eigener Liebe zu träumen, wenn der Faden des Romans abbrach und der gelehrte Verfaffer sich in Theorien über die Liebe verlor. Immer gefühlsseliger, ja gefühlstrunkener wurden die Bücher, deren sich die Frau am liebsten bemächtigte, und wir sehen von England aus die empfindsame Welle auffteigen, die bas Rokoko unb die Zopfzeit überflutet. Sie sind unzählig unb ähneln sich alle, die sentimentalen Geschichten, die bas Boudoir der Frau überschwemmten, bis plötzlich wieder ein Buch von internationaler Bedeutung die Leserinnen Europas mächtig ergriff. Es war Rousseaus „Neue Heloise", ein Roman, der so gewaltiges Aufsehen erregte, daß es wenige Jahre nach feinem Erscheinen wohl keine Frau von Bildung gegeben haben mag, die ihn nicht gelesen und darüber nachgebachi ober wenigstens gesprochen hätte. Die Schriften Rousseaus finb nicht nur nach ihrem ästhetifchen unb moralischen Wen als eigentliche Frauenbücher zu betrachten, sondern in Verbindung mit der Gefamtkultur des 18. Jahrhunderts. Sie waren Mode, weil sie einer siegreichen Lebensanschauung Ausdruck gaben, die der Frau die Fesseln der vergangenen Kultur löste und ihr in der Philanthropie eine neue Lebensaufgabe stellte.
Goethes „Werther" war mehr ein Männerbuch, wenn es auch die Frauen begierig lasen, und im 19. Jahrhundert schmückt sich der TW des Salons wie der zierlich ausgeftattete Lesewinkel des Boudoirs nicht nur mit endlosen Romanen und Liebesgeschichten, sondern es entsteht mn steigendem Einfluß eine Frauenfachliteratur, in der sich die veränderte Stellung des weiblichen Geschlechtes dem Gesamtleben gegenüber vorbereitet. Man kann den Faden dieser Gedankenrichtung bis zur Neuen Heloise zurückverfolgen. Die Bücher der Frau beginnen einen Kampf uns fetzen ihn fort, indem sie Liebesfreiheit verlangen, bann, als ernstere


