Gießener Zamilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Siehener Anzeiger
Zrhrgang 1(929 Freitag, den 22. März Nummer 25
Ium Tag des Buches.
Ich finde und habe immer gefunden, daß sich ein Buch gerade vorzugsweise zu einem freundschaftlichen Geschenk eignet. Man lieft es oft, man kehrt oft dazu zurück, man naht sich ihm aber nur in ausgewählten Momenten, braucht es nicht wie eine Taffe, ein Glas, einen Hausrat in jedem gleichgültigen Augenblick des Lebens und erinnert sich so immer des Freundes im Augenblick eines würdigen Genusses.
Wilhelm van Humboldt.
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Ihr Frauen habt Unrecht, wenn Ihr immer Partei macht; Ihr leset gewöhnlich ein Buch, um darin Nahrung für Euer Herz zu finden, einen Helden, den Ihr lieben könntet! So soll man aber eigentlich nicht lesen, und es kommt gar nicht darauf an, daß Euch dieser oder jener Charakter gefalle, sondern daß Euch das Buch gefalle.
Goethe.
Es geht den Büchern wie den Jungfrauen. Gerade die besten, die würdigsten, bleiben oft am längsten sitzen. Aber endlich kommt doch einer, der sie erkennt und aus dem Dunkel der Verborgenheit an das Licht eines schönen Wirkungskreises hervorzieht.
Ludwig Feuerbach.
Nur in der Literatur linden wir unsere Physiognomie, da blickt hinter jedem einzelnen Gesicht, das uns bedeutend und aufrichtig ansieht, noch aus dunklem Spiegelgrund das rätselhafte Nationalgesicht hervor.
Hugo van Hofmannsthal.
Pinsel, Hammer, Meißel, Stift, lieber alles siegt die Schrift.
Idol, vor dem die übrigen verblassen — Die Ttzelt in Worte fassen!
Arno Holz.
Vom Umgang mit Büchern.
Von Hanns Martin Elster.
Die Frage: „Wie geht man mit Büchern um?", ist nicht so dumm, wie mancher beim ersten Lesen vermeinen wird. Man muß wirklich so fragen, es gibt beim Umgänge mit Büchern mehr zu bedenken, als der naive Mensch zugeben mag.
Zuerst fragt man natürlich überhaupt töeiter, ob man überhaupt Bücher hat, mit denen man umgeht. Man hat Umgang mit lebenden Wesen: aber auch mit toten Sachen? Warum nicht?, vorausgesetzt, daß mau eben Bücher besitzt, die einem Freund sind. Solcher Besitzer und solcher Bücher finden sich nicht viele. Gerade wie echte Freundschaften von Mensch zu Mensch selten sind, so auch Freundschaften zwischen Menschen und Büchern. Ich sage: Freundschaften! Büchersanatiker, Büchernarren gibt es leider zahlreicher als Bücherfreunde. Wir müssen sie suchen. Oft vermuten wir sie bei Bekannten oder Menschen, die uns besonders klug erschienen sind: betreten wir dann aber deren Heim, so finden wir, nichts, was wie ein Buch aussieht, oder wir finden einen dicken, schwerfälligen Bücherschrank, hinter dessen Glastüren Reihen von goldbedruckten Buchrücken glänzen, doch nichts hot den Anschein, als ob die Eigentümer dieses klotzigen Kastens Umgang mit den dicken oder zierlichen Bänden hätten. Und uns überkommt wieder einmal das ekelnde Gefühl, das wir stets vor allem Scheinwesen haben: man will uns eine Kenntnis der Klassiker vortäuschen, doch schiebt man sie beiseite, so kommt nur eine Liebe zu den Skatkarten ober zum Kegelspiel heraus. Am besten märe es, man vernichtete alle Bücherei, die ungenutzt bleibt. Was soll bas Papier in unseren Zimmern, dieser Staubfänger, wenn er doch nur Ballast ist? Suchen wir also nicht nach dem Besitz von Büchern, sondern nach dem einen Buch, mit dem man Umgang hat. Besser ist, man hat ein Buch im Kopf, im Herzen, als tausend Bücher ungelesen im Schranke. . Damit will ich nun freilich nicht sagen, daß man überhaupt keine Bücher kaufen solle. Im Gegenteil: wer es kann, soll ein regelmäßiger Bücherkäufer fein. Er tut Somit nicht nur ein gutes Werk gegen sich allein, sondern auch gegen seine Zeit und deren Kunst. Sagen ihm die gekauften Bücher nicht "zu, mag er sie verschenken. Nichts ist besser, als Bücher, die wandern, auf denen viele Augen ruhen. Ist ihr Jnhalt voller ®cgen, so sät das eine Exemplar tausendfachen Samen aus. Schon darum muß man Bücherkäufer sein, um das eine Buch oder die mehr oder weniger große Anzahl Bücher zu finden, womit man Umgang IWben will. Es ist nicht leicht, mit Büchern Freundschaft zu schließen. Auch bedrucktes Papier hak seine Launen. Manches Werk, das einem bei «r erstmaligen Lektüre persönlich wert geworden ist, hat beim zweiten Lesen ein ganz anderes Gesicht. Do geschieht es denn dem echten Bücher
freunde, daß er seine Sammlung Bücher fortwährend sichtet und durchliest. Dann bildet sich schließlich das heraus, was kein Zweiter haben wird: die wirklich subjektive Bücherei, zu der man iu allen Stunden des Lebens tritt, um sich Trost zu holen oder glücklich zu sein, um heiter zu werden oder Rat zu erfragen. — Wenn man Bücher nur äußerlich besitzt, kann man nicht mit ihnen umgehen. Es kennzeichnet den Protzen, wenn der Kasten voller Bücher ist, das Hirn sie aber nie kennenlernte. Bei allem Umgang mit Büchern gilt eine Hauptregel: die schlechten Bücher lies, wenn irgend möglich, nur einmal; dazu ist natürlich nötig, daß man gleich beim ersten Lesen der Wertlosigkeit eines Buches inne wird; und zum anderen: die guten Bücher lies, sooft du kannst. Denn es ist etwas anderes, ob du Grimms Märchen als Kind in dich auf« nimmst, ober ob bu als reifer Mann ober reife Frau hineinschaust. Wenn man bles vergleichende Lesen ein und desselben Buches zu verschiedenen Lebenszeiten getan hat, bann weiß man etwas mehr von dem Buchs und — von sich selbst.
Hat man seine Auswahl von Büchern getroffen, jo betrachte man sie auch ganz als fein Eigentum. Das heißt: man scheue sich nicht, beim Lesen Striche an den Rand zu machen, Stellen hinzuzuschreiben. Liest man bas Buch zu einer anderen Stunde einmal wieder, so hat man ein tiefes Wiedererleben seines eigenen Jchs; man erfährt bann ben Fortschritt und den Abstand von jenem Zeitpunkt, in dem man die ersten Bemerkungen schrieb. Oder wie mancher tote Freund oder Verwandter lebt nicht unmittelbar vor uns auf, wenn wir ein Buch In die Hand nehmen, wohinein er seine zarten ober festen Zeichen, seine Gedanken geschrieben hat! Eine der Wirklichkeit nähere Unterhaltung mit einem Verstorbenen gibt es gar nicht. So überbrückt das Buch den Abgrund zwischen Diesseits und Jenseits...
So kann auch nun jedes gute Buch mit der Zeit eine kleine Gemeinde bilden, die die Sehnsucht der Dichter ist, eine kleine Zahl von Menschen, die sich untereinander verwandt und verbunden fühlen, die sich durch das Mittel des Buches hindurch verstehen und kennen. Sie sind nicht Vielleser, die aufnehmen, ohne ihr Gedächtnis damit zu beschweren, keine Leser, die die Zeit durch Umwenden von bedrucktem Papier tot» schlagen, keine Leser, die Unterhaltung suchen, sondern echte Jünger der Lebens, Gläubige der Kunst.
Der Völkerbund des Buches.
Von Dr. Friedrich Spreen.
Goethes Todestag, der 22. März, wird in diesem Jahr zum erstenmal als ein „T a g des Buche s" begangen, der dann regelmäßig sich wiederholen soll. Es ist ein hoher und schöner Gedanke, den nachdrücklichen Hinweis auf die ewigen Geistesschätze, die sich im Buch verkörpern, mit dem Gedenken an den zu verknüpfen, der diese Weltmacht wohl am umfassendsten und überwältigendsten repräsentiert. Wie in einem Ozean vereinen sich die Ströme dichterischen und wissenschaftlichen Schaffens in dem ungeheueren Lebenswerk dieses einen, der zugleich als Künstler und Denker, als Gelehrter und Forscher das Höchste menschlicher Kraft offenbarte, der die bezwingende unb beglückende Wirkung des Buches durch die Geschichte seines Ruhmes beweist. Nirgends ist die Bedeutung des Schrifttums, die die Summe der Druckwerke darstellt, großartiger und tiefsinniger ausgesprochen als in einem Lieblingsgedanken Goethejcher Altersweisheit, der gleichsam die Krönung seiner ästhetischen Anschauungen darstellt: dem von ihm geprägten Begriff der „Weltlite» ratur”. Dieser Begriff, den er ganz anders auffaßte als bas, was man gemeinhin darunter versteht, kann uns so recht die Bedeutung des Buches für unsere Zeit vergegenwärtigen.
Goethe'hat von Kindheit an danach gestrebt, in den Geist der verschiedenen Literaturen einzubrinaen, hat neben dem Lateinischen, Französischen und Englischen, Italienisch unb Hebräisch gelernt und, wie er selbst in „Dichtung unb Wahrheit" erzählt, der Schwester schon als Knabe „eine weit ausgeoreitete Melipoesie durch seine Uebersetzungen erschlossen. Herder erweiterte seinen Blick für die Volks- und Kunstdichtung der Völker, und je größere Gebiete sein eigenes Schaffen umspannte, je stärker bas Echo würbe, das seine Schriften im In- unb Ausland fanden, desto klarer erkannte er die inneren Zusammenhänge der Literaturen, fühlte, wie sein Schaffen über das Nationale in das Allgemein-Menschliche, Universelle hinauswuchs. Dazu kam, daß die junge Generation, von ihm beeinflußt, sich immer mehr in bas Wesen frember Dichtungen vertiefte und diese durch Uebertragungen im deutschen Schrifttum heimisch machte, daß die Romantik eine „Universalpoesie" forderte. Dadurch erhielt auch Goethes Altersdichkung und Altersweisheit einen neuen Zug ins Ferne, Allgemeine, Weltumspannende. Wie er sich in seinem Dichten dem Orient zuwandte, so traten ihm andererseits in der französischen, englischen, italienischen Literatur die deutlichen Spuren seines Einflusses entgegen, und ein Chor von Bewunderern aus allen Weltgegenden zeigte ihm, welche beherrschende Stellung er dem deutschen Schrifttum erobert.


