Ausgabe 
22.3.1929
 
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Zeiten hereinbrechen, Berufsfreiheit fordern und schließlich zu politischer Freiheit übergehen, wie sie die Gegenwart bringen sollte.

Gibt es heute ein Buch der Frau wie einst das Stundenbuch und dann die Schüfergefchichte und den empfindlichen Roman? Sie liest alles, was sie interessiert, und hat Recht, denn die Zeiten sind vorüber, in denen strenge Väter und sogar Ehemänner sagten:Das darfst du lesen und das nicht." Sie liest manchmal vielleicht etwas wahllos und einiges zu viel, indem sie vergißt, daß man das Buch der Frau das gute Buch nennen sollte, mag es sich um leichte Unterhaltung, um Belehrung, oder sogar um Werbeschriften für diesen oder jenen Gedanken handeln.

Was ist aber ein gutes Buch?

Jedes, das einem desto besser gefällt, je öfter man es lieft; das Fein­heiten und Offenbarungen zu vergeben hat, di« sich nicht marktschreierisch aufdrängen, sondern die mit Liebe und Verständnis erfaßt sein wollen, wie man einen Menschen erst wirklich kennenlernt, wenn man die Be­weggründe seines Handelns begreift. Und das Buch der Frau will öfters gelesen sein in der stillen Stunde, wenn der Lärm des Alltags zurück­ebbt, wenn Sport und Gesellschaft, Arbeit und Beruf, Kindererziehung und häusliche Sorgen «ine Pause machen, in der die Frau aufatmet und sich zurückzieht in ihrenheimlichen Garten", wie ein Dichter gesagt hat, in dem die schönsten Blüten die Lieblingsbücher sind ... Dichter, Frauen und königliche Menschen gehören zusammen.

Das Bilderbuch.

Von Will Vesper.

Den Weg, den die Menschheit in Jahrmillionen zurücklegt, muß, wie wir wissen, jedes Menschenkind in seinem kurzen Dasein noch einmal durchlaufen. So kommt auch das Kind in jenes Alter, wo es zwar die Schrift noch nicht kennt, aber schon das Bild begreift, sicher mit ganz dem gleichen geheimnisvollen Schauder im Herzen, mit dem einst der Urmensch das Bild entdeckte, ungefüge und doch ergreifend lebendig in die Erde oder in den Fels kratzte und dann anbetend betrachtete. Man beobachte einmal das zitternd« Verlangen und bebende Entzücken, mit dem ein Kind jein erstes Bilderbuch beschaut, in dem Augenblick, wo cs erkennt, daß man dies nicht in den Mund steckt, daß dies nicht ein Ding ist, wie die anderen ringsum, sondern eine neue Wirklichkeit, ein geheimnisvolles Heranjchaffen vonDingenKuh, Pferd undHasevon Dingen, die eigentlich nicht dajindunddiedochda sind. Ungeheure Schritte imGeist macht dasMndin solchen Augenblicken und seine noch ganz frische, unbeschriebene Seele füllt sichinwendig mit Figur", mit Bildern, die vielleicht für seine Ent­wicklung bestimmender sind, als alle spätere Erziehung und Unterricht.

Diese allerersten Jahre der sich entfaltenden Menschenseele, in denen noch nichts als das Bild zu ihr spricht, geben dem Charakter und Wesen die später kaum noch abzubiegende, jedenfalls nur schwer noch zu ändernde Richtung. Von einem Bild und einem Bilderbuch geht in dieser frühesten zartesten Seelenzeit, wie ich glaube, mehr wahrhaft bestimmen­der Einfluß aus, als später von jahrelangem Unterricht. Ich bin über­zeugt, daß das Kind, das wir mit sechs Ähren aus dem Elternhaus in die Schule entlassen, damit es die Schrift lernt, schon ein in seiner Haupt­richtung fertiges Menschlein ist, an dem die Erziehung zwar noch allerlei schleifen mag, daß sie aber wesenhaft nicht mehr so bestimmt wie die erste Kinderzeit es bestimmt hat.

Wenn alle Eltern sich das klar machten, so würden sie endlich be­greifen, wie ungeheuer wichtig die Wahl des Bilderbuches ist, dieses ersten Fensters, durch das sich dem Kinde die geistige Welt öffnet, natürlich nicht nur für die ersten sechs Jahre, sondern überhaupt, solange das Kind noch vom Bilde aus stärker die Welt begreift, als von der Schrift aus. Für manche Menschen bleibt das bis ins Alter.

Und nun muß man sich anschauen, wie gedankenlos viele Eltern noch immer diese erste wichtigste Nahrung ihres Kindes behandeln, wie sie sie ihm entweder ganz versagen oder sich damit begnügen, ihm irgendeinen bunten Fetzen in die Hand zu drücken, nur weil er nichts kostet. Un­endlich oft wird hier den Kindern, die um Brot bitten, wahrhaft ein Stein, und wenn sie um Fisch bitten, eine Schlange gereicht. Die offene kleine Seele wird vergiftet und betrogen mit wertlosem Schund; denn ein schlechtes, oberflächliches, plattes Buch ist Gift für die Seele.

Jedes Elternpaar wird sich bemühen, die beste und geeignetste Nah­rung für den Leib der Kinder zu finden, die beste Kleidung. Und die Nahrung der Seele und des Geistes? Ist die weniger wichtig? Darf man da auf den Pfennig sehen und ohne nachgudenken dasErstbeste", das heißt unüberlegt das Schlechte wählen? Gewissenhafte Eltern werden doch die Nahrung für die Seele ihres Kindes mindestens mit derselben Vorsicht prüfen, wie die Nahrung für den Leib. Sie werden sich von verständigen Führern beraten lassen denn auch nicht jedes gute Buch eignet sich für jedes Kind und wenn sie auch Jean Pauls Wort kennen und wissen, daß Bücher allein den Menschen nicht gut oder schlecht machen, so werden sie doch bedenken, daß ein einziges Buch ein Kind sehr wohl besser ober schlechter machen kann. Der Einfluß des Bilderbuches und des Jugendbuches überhaupt ist aber, wie gesagt, stärker als der aller anderen Bücher, weil er noch von weichen Seelen ausgenommen wird, bei denen noch jeder Eindruck in die Tiefe des Wesens geht und für das ganze Leben lang haftet.

s Was gebt ihr für Essen und Trinken, was gebt ihr für die Kleidung toter Kinder aus? Man sagt, Essen und Kleidung müssen zuerst sein. Gewiß. Aber wollt ihr wirklich nur schön angezogene Tiere erziehen? Das Bilderbuch öffnet dem kleinen Wesen das erste Tor zum Menschen 3U bem wir alle noch auf weiter Wanderschaft sind. Gute Bücher sind die besten Erzieher zum Menschen und die billigsten dazu. Ein gutes Buch ronn gar nicht in seinem Wert mit Geld bezahlt werden. Es ist das Zeichen kleiner Seelen und einer schäbigen Zeit, daß sie gerade dort Iparen wollen, wo sie selber im Grunde nur beschenkt werden.

Unferm Birnbaum.

Von Theodor Fontane.

(Fortsetzung.)

Keinen ordentlichen Schlaf also," fuhr Geelhaar fort,nid) bei Tag und nid) bei Nacht, und wankt immer sorum, und is mal im Hof und mal im Garten. Das hab' ich von der Male ... Hären Sie, Mutter Jeschke, wenn ich so mal nächtens hier auf Posten stehen könnte! Das wäre jo was. Line bleibt mit auf, und wir fetzen uns dann ans Fenster und wachen und gucken. Rich wahr, Line?"

Line, die schon vorher das Weißzeug beiseite gelegt und ihren blonden Zopf halb aufgeflochten hatte, schlug jetzt mit dem losen Büschel über ihre linke Hand und sagte:Will es mir noch überlegen, Herr Geelhaar. Ein armes Mädchen hat nichts als seinen Ruf."

Und dabei lachte sie.

Kümmen's man, Geelhaar", tröstete die Jeschke, trotzdem Trost eigentlich nicht nötig war.Kümmen's man. Ick geih io Bett. Wat doa to fiehn is, ick meen hier buten, bat hebb' ick siehn, bat roeet ick all. Un is ümmer bat Sülwigte."

Dat Sülwigte?" _

Joa. Nu nid) mihr. Awers as noch tccn Snee wihr. Doa ..." Da. Was denn?" >

Doa wihr fe nächtens ümmer sorümm hier."

So, so", sagte der Gendarm und tat vorsichtig allerlei weitere Fragen. Und da sich die Jeschke von guten Beziehungen zur Dorfpolizei nur Vor­teile versprechen konnte, so wurde sie trotz aller Zurückhaltung immer mitteilsamer und erzählte dem Gendarmen Neues und Altes, namentlich auch das, was sie damals, in der stürmischen Novembernacht, von ihrer Küchentür aus beobachtet hatte. Hradscheck habe lang da gestanden, ein flackrig Licht in der Hand.Un wihr binoah so, as ob he wull, bat man em seihn füll." Und bann hab' er einen Spaten genommen unb sei bis an den Birnbaum gegangen. Und da hab' er ein Loch gegraben. An der Gartentür aber habe was gestanden wie ein Koffer ober Korb ober eine Kiste. Was? das habe sie nicht genau sehen können. Und bann hab' er bas Loch roieber zugefchütiet.

Geelhaar, der sich bis dahin, allem Diensteifer zum Trotz, ebenso sehr mit Line wie mit Hradscheck beschäftigt hatte, ja, vielleicht mehr noch Courmacher als Beamter gewesen war, war unter diesem Bericht sehr ernsthaft geworden unb sagte, während er mit Wichtigkeitsmiene seinen gebunfenen Kopf hin unb her wiegte:3a, Mutter Jeschke, das tut mir leib. Aber es wird Euch Ungelegenheiten madjen."

Wat? wat, Geelhaar?"

Ungelegenheiten, weil Ihr damit so spät herauskommt."

Joa, Geelhaar, wat fall bat? wat mienen's mitto spät"? Et hett mi joa teuer nich froagt. Un Se ook nich. Un wat roeet ick denn 00k? Ick roeet joa nix. Ick roeet joa goar nix."

Ihr wißt genug, Mutter Jeschke."

,,'Jlei, nei, Geelhaar. Ick roeet jaar nix."

Das ist gerabe genug, daß einer nachts in seinem Garten ein Loch gräbt unb roieber zuschüttet."

Joa, Geelhaar, ick roeet nich, aroers jeb* een möt doch in fielt ejen ®oarben en Loch bubbeln tonn."

Freilich. Aber nicht um Mitternacht und nicht bei solchem Wetter." Ra, riebens mi man nich rin. Un moaten Se't good mit mi ... Line, Line, segg dock) 00t wat."

Und wirtlich, Line trat infolge dieser Aufforderung an den Gendarmen heran und sagte, tief aufatmenb, wie wenn sie mit einer plötzlichen und mächtigen Sinnenerregung zu tämpfen hätte:Laß nur, Mutter Jeschke. Herr Geelhaar wird schon wissen, was er zu tun hat. Und wir werden es auch wissen. Das versteht sich dock) von selbst. Nicht wahr, Herr Geel­haar?"

Dieser nickte zutraulich und sagte mit plötzlich verändertem und wieder freundlicher werdendem Tone:Werde schon machen, Mamsell Line. Schulze Woytasch läßt ja, Gott sei Dank, mit sich reden und Vowinkel auch. Hauktsach' is, daß wir den Fuchs überhaupt ins Eisen kriegen. Un is dann am Ende gleich, wann wir ihn haben und ob ihm der Balg heut oder morgen abgezogen wird."

XI. <

Vierundzwanzig Stunden spater tarn und zwar auf die Meldung hin, die Geelhaar, gleich nach seinem Gespräche mit der Jeschke, bei der Behörde gemacht hatte von Küstrin her ein offener Wagen, in dem, außer dem Kutscher, der Justizrat und Hradscheck saßen. Die Luft ging scharf und die Sonne blendete, weshalb Vowinkel, um sich gegen beides zu schützen, feinen Mantel aufgeklappt, der Kutscher aber seinen bis an Nase unb Ohren in den Pelzkragen hineingezogen hatte. Nur Hradscheck saß frei da, Luft und Licht, deren er seit länger als vier Wochen entbehrt hatte, begierig einfaugenb. Der Wagen fuhr auf der Dammhöhe, von der aus sich das unten liegende Dorf bequem überblicken und beinah jedes einzelne Haus in aller Deutlichkeit erkennen ließ. Das da, mit dem schwarzen, teergestrichenen Gebälk, war das Schulhaus und das gelbe, mit dem gläsernen Aussichtsturm, muhte Kunickes sein, KunickesVilla", wie die Tschechiner es spöttisch nannten. Das niedrige, grab gegenüber aber, das war feine, das sah er an dem Birnbaum, dessen schwarzes Gezweig über die mit Schnee bedeckte Dachfläche roegragte. Vowinkel be­merkte wohl, wie Hradscheck sick) unwillkürlich auf seinem Sitze hob, aber nichts von Besorgnis drückte sich in seinen Mienen und Bewegungen aus, sondern nur Freude, seine Heimstätte wieder zu sehen.

Im Dorfe selbst schien man der Ankunft des justizrötlichen Wagens schon entgegen gesehen zu haben. Auf dem Vorplatz der Jgelschen Brett- und Schneidemühle, die man, wenn man von der Küstriner Seite her kam, als erstes Gehöft zu passieren hatte (gerade so wie bas Orthsche nach der Frankfurter Seite hin), stand der alte Brett- und Schneidemüller und fegte mit einem kurzen ftorrigen Besen den Schnee von der obersten Bretterlage fort, anscheinend aufs eifrigste mit dieser seiner Arbeit be­schäftigt, in Wahrheit aber nur begierig, den herankommenden Hradscheck