Ausgabe 
22.2.1929
 
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zu begleichen? Nun, bas wird nicht der Rede weri sein. Ich fahre diese Wo.i.e nach Hamburg, dort wirb ei i neues Stück von mir gegeben; so­lange wird sich der Meister wohl noch gedulden iönnen eine Zigarette gefällig?" Er ahmte dabei auf iowische Art Berger in Sprache und Hal­tung nach.

Eben wollte Radler noch die grüne Schürze ablegen, als ihn der Meister cntnurrte:Was treibn S' denn da für G'schichtn? Schaun S', bah weiter kumina und richten S' Jhna net zsamm, als ob S' auf a Brautschau gangerten."

Da machte sich Franz eilig auf die Beine.

Er hatte Glück. Die Toni war allein zuhause. Er begrüßte das Mädchen herzlich und wollte sie an sich ziehen, aber sie klopfte ihm derb auf die Finger:Was fallt denn Jhna ein, am hellichien Tag do herzukommen?" fragte sie ärgerlich.Der Master schickt mi, i soll zum Herrn von Berger um a Gold."

Ah, der Berger, der wohnt setzt nimmt da. Er is Sekretär bei an reichen Amerikaner und wohnt mit eahm in an fein Hotel auf der Ring­straßen. Hotel Liverpool. Genoan S' nur glei hin, daß S' eahm net versehln. I hab jetzt eh ka Zeit für Jhna", dabei drängte sie den Berdntzten zur Tür hinaus und schlug sie ihm vor der Nase zu.

Was hat das Madl heut nur?" brummte Franz.Sie tuat ja sonst net so!" Aber das Nachdenken war nicht seine Sache, und so machte er sich auf den Weg in das Hotel, das Toni ihm genannt hatte.

Als er vor dem prächtigen Haus stand, fiel ihm ein, bah er ja noch die Schürze umhatte, und er wäre am liebsten umgekehrt. Er wagte es nicht gleich, durch die Drehtür mit den hohen Glasscheiben einzutreten, und blickte bewundernd zu dem schön uniformierten Türsteher hin, der ihn keines Blickes würdigte.

Da kam aber gerade eine Gruppe lachender, schwatzender Herren aus dem Hotel heraus und Franz erkannte zu seiner Freude unter ihnen den Herrn von Berger. Er ging an der Seite eines eleganten Mannes mit großer Hakennase; das war gewiß der Amerikaner. Franz überlegte, wie er sich bemerkbar machen könnte; da hatte ihn aber Berger erblickt und dem Amerikaner etwas zugerufen und im Nu sah sich Radler von den Herren umringt. Verschiedene Ausrufe umschwirrten ihn, deren Sinn er nicht fassen konnte:So ein Glückspilz".Ich möchte gleich mit ihm tauschen".Der Zufall ist der beste Dichter".Der Dumme hats Glück". Den Seinen gibts der Herr im Schlaf" ... Franz wurde durch die Türe gewirbelt und durch die große Halle geführt und gleich darauf stand er mitten in der schwatzenden Gruppe in dem geräumigen Lift und fuhr zur Höhe empor.

Man führte ihn in ein Zimmer, stieß ihn in einen Fauteuil, in dem er tief und weich versank, und stürmte von allen Seiten mit Fragen auf ihn ein. Franz fürchtete schon, in ein Rarrenhaus geraten z» feim Allmähli-d aber vermochte er den Reden zu entnehmen, daß ihm ein großes Glück in den Schoß gefallen mar, nur konnte er es noch nicht begreifen und noch weniger konnte er dran glauben. Er meinte zu träumen und wagte es nicht, sich vom Platze zu rühren, voll Angst, aus dieser Wunberwelt in die Wirklichkeit zu erwachen. Smith und Berger sahen, daß mit dem verschüchterten jungen Menschen auf diese Weise nicht weiterzukommen war, so drängten sie die Herren es war die Tischgesellschaft von geltem abend zur Tür hinaus.

Nun war es um Franz ruhiger und er begann langsam zu lesen, was auf dem Zettel stand, den ihm einer der Herren er konnte sich nicht entsinnen wer in die Hand gedrückt hatte.Jenem Wiener" buchstabierte erdem ich morgen früh nach Heraustreten aus dem Hotel als Erstem begegnen werde, verpflichte ich mich durch vierzehn Tage alle Wünsche zu erfüllen, zu deren Verwirklichung Geld nötig ist." Immer wieder las er diese Worte und suchte ihrem Sinn auf den Grund zu kommen: was alles durfte er sich da wünschen? Durfte er auch Geld verlangen, um sich dann dafür zu kaufen, was Immer er wollte? Der Amerikaner ließ ihin aber keine Zeit zum Ueberlegen und drängte ihn, doch endlich zu sagen, was er gerne haben möchte. Da sagte Radler stockend:A guats Frühstück war ma recht", denn die Gemütsbewegungen der letzten Minuten hatten ihm Appetit gemacht.

Smith eilte selbst zur Klingel und läutete. Der Zimmerkellner kam so rasch, daß sich Franz noch nicht zurechtgelegt hatte, was er bestellen sollte. Smith wollte ihm helfen und zählte einige verlockende Delikatessen auf, aber Radler schüttelte nur immer wieder verneinend den Kopf. Diese Dinge waren ihm fremd, und was er nicht kannte, wollte er nicht essen. Da mischte fick Berger ein:Sie werden dach eine Lieblingsspeise haben? Sie schaffen Sie sich an." Der Geselle lehnte sich behaglich zurück und über sein Gesicht ging ein Grinsen.Freili, a Pstmrn mit Sauerkraut und Erdäpfln; und a Piilsner dazu." Ein schallendes Gelächter der beiden Herren war das Echo. Franz wollte es schon bereuen, daß er so vor­eilig auf einen Scherz eingegangen war, aber der Kellner verneigte sich so lief und entfernte sich so würdevoll, daß der Schulter doch wieder an den Ernst glaubte, umsomehr, als er das höhnische Lächeln des Kellners überleben hatte.

Dem Amerikaner gefiel dieser Mann, dem sich das Märchen vom Tischleindeckdich erfüllen sollte, und er eiferte ihn an, weitere Wünsche bekanntzvoeben. Dem Gesellen war es, als mühte das Kartenhaus eines schönen Traumes zufammenbrechen, sobald er wirklich nach Geld ver­langen würde. Mit leiser, heiserer Stimme sagte er schließlich:Na. wann S' woll'n, so gehn S' ma halt hundert Dollar". Smith sog einen Hundert- dollarschein aus der Tasche und hielt ihn Franz hin. Radler riß ih,n die Note aus der Hand und oanz verblüflt verlangte er tausend Dollars. Ruch dieser Wunsch wurde ihm erfüllt. Franz wurde ganz rot im Gesicht, als wäre er vor einem schrecklichen fv'ftenanfall, und stammelnd und stockend forderte er nun zehntausend Dollars. Er konnte es nicht be­greifen. daß daraufhin der Amerikaner gar nicht erschrak. Der bedauerte nur. nickt so viel bares Geld bei sich zu haben, aber er würde einen Scheck auf diese Summe ausstellen- das Geld könne sich Franz in der Bank beheben.

Radler hielt den Scheck: auf dem die Schriftzüge noch nah waren, vorsichtig zwischen zwei Fingern, und schaute mißtrauisch auf das Blättchen. Cs war zu erkennen, daß er den Wert dieses Wisches be­

zweifelte. Er erhob sich aus seiner bequemen Lage und knöpfte den Rock zu. Schließlich hatte er ja Gelb genug bekommen. Nun war es Zeit zu gehen. Der Meister würbe schon warten. Mit einem gewissen Unbehagen blickte er nach der Ausgangstür.

Smith merkte, was in dem Kopf des Schusters vorging.Ich werde meine Bank antelephonieren und Ihnen die zehntausend Dollars her­bringen lassen."

Franz schaute ihn ungläubig an.Jo, wenns wahr is', aber i wull Schilling, tane Dollars. In Schilling kenn i mi besser aus."

Einverstanden", lachte Smith und ging zum Telephon, indes Franz sich bemühte, in seinem Kopf auszurechnen, wieviel Geld er da bekommen würde. Aber er kam damit nickt zurecht, denn eben trat der Kellner mit einer großen weißgedeckten Tasse ein, auf der eine Blutwurst ein­gebettet in Kartoffeln und Kraut dampfte. Franz vergaß auchs Rechnen und machte sich mit ungeheurem Appetit über seine Lieblingsspeise her.

Gesättigt lehnte er sich wieder in seinen weichen Sessel zurück, ließ sich eine Zigarre reichen und schaute gedankenverloren den blauen Rauch­wolken nach. Smith und Berger überließen ihn seinen Träumen.

Eine halbe Stunde später klopfte es an die Türe und der Zimmer­kellner führte einen Mann herein, der eine große Lcdertasche umgehängt hatte. Nachdem der Kellner abgeräumt hatte, lieh Smith das Geld dem Schuster auf der Tischplatte herzählen. Es waren fast lauter kleinere Geldscheine und vor den Blicken des Gesellen wuchs alsbald ein ansehn­licher Berg von Banknoten in die Höhe.

Das gehört alles Ihnen", sagte Smith ermunternd zu dem reglosen Schuster, da der Bankdiener sich entfernt hatte. Franz starrte auf das Geld; plötzlich sprang er in die Hihe, drehte sich auf dem Absatz, pfiff, lachte, fluchte und machte so groteske Sprünge, daß die Beiden besürch- teten, er sei in Gefahr, dem Wahnsinn zu verfallen.

Allmählich beruhigte er sich und setzte sich, wie ermüdet von der über­großen Freude, vor seinen Eeldbera hin.. Mit vorsichtig tastenden Händen griff er danach und versuchte, die Banknoten in seinen Taschen nnterzt!- bringen. Aber die Taschen waren schon voll und der Berg vor ihm auf dem Tische war noch nicht sonderlich kleiner geworden.

(Schluß folgt.)

Erkenntnis.

Von Gottfried Keller.

Willst du, » Herz! ein gutes Ziel erreichen, mußt du in eigner Angel schwebend ruhn; ein Tor versucht zu gehn in fremden Schuh'n. Rur mit sich selbst kann sich der Mann vergleichen!

Ein Tor, der aus des Nachbars Kinderstreichen sich Trost nimmt für das eigne schwache Tun, der immer um sich späht und lauscht und nun sich seinen Wert bestimmt nach falschen Zeichen!

Tu frei und offen, was du nicht willst lassen, doch wandle streng auf selbstbeschränkten Wegen und lerne früh nur deine Fehler hassen!

Und ruhig geh den anderen entgegen; kannst du dein Ich nun sest zusammenfassen, wird deine Kraft die fremde Kraft erregen.

Der Klaf iker der Rechtswissenschaft.

Zu Saoigntjs 150. (Geburtstage.

Von Er. Friedrich S p r e e n.

Ms der nationale Aufschwung der Befreiungskrige den deutschen Ge­danken tief in die Herzen gesenkt hatte, wuchs das Verlangen nach einem nationalen Recht. Mit der Beseitigung des aufgebrungenen Code Napoleon, der französischen Gesetzgebung mit dem Fortfall des Flickwerkes tleinftoü Ucher Sonderformen schien der Weg zum deutschen Recht gebahnt, und der berühmte Pandekten-Lehrer T h i b a u t betontedie Notwendigkeit eines allgemeinen bürgerlichen Rechtes für Deutschland". Da erschien 1814 als Antwort die Schriftlieber den Beruf unserer Zeit zur Gesetzgebung' von Karl Friedrich von Savigny, dem Vertreter des römischen Rechtes an der neuen Universität Berlin. Es war eine Geiste-tat ersten Ranges, für den Augenblick wie für die Zukunft, denn dieses Werk eines klaren und überlegenen Meisters brachte die unmöglichen Wünsche nach einer künstlichen Rechtsschöpfung zum Schweigen und begründete zugleich die historische Rechtswissenschaft.

Die Aufklärung hatte sich hauptsächlich damit beschäftigt, die vernünf­tigen Grundlagen des Rechts philosophisch zu erörtern, und geglaubt, dog diese als richtig erkannten Gesetze dann ganz einfach von den jüriftscken Praktikern diktiert werden könnten. So hatten es Friedrich der Kroße, so Joseph!.. so zuletzt noch Nanoleon getan. Aber dos tiefere Derständni- jür geschichtliches Werden und Walten, das Justus Möser und Herder vorbereitet, Wilhelm von Humboldt auf den Staat angewendet hatten und die Romantik leidenschaftlich vertrat, 'onnfe sich mit einer so äußerlichen Auffassung des Recktoq nicht begnüoen. Saviany sprach nut seiner »unhörbaren Ruhe und Wärme den großen Gedanken aus dog der oberste Gesetzoeber nickt die Regierung, sondern bas Volk fei. Gleich der Sprache erwächst bas Reck) aus der ursprünglichen Natur und dem Leben des VoKes und o>fe Recktsbilbuna kann nickt durch Ve-Voiches- arb-st und willkü-'liche Feftfetzuna entll-chen, fonb"rn muß RückfW nehmen auf das Gewordene und lieberlieferte, auf Glauben und Sim-