Gesetze werden gefunden, nicht gemacht und zwar hauptsächlich von jugendlichen, gesunden, aujsteigenLen Völkern. 'Aber nicht jede Zeit ist zur Gesetzgebung berufen, ebensowenig wie jede Zeit eine große Kunst hervorzubringen vermag. Die Gege,>wart, jagte Savigny, müsje erst den Zusammenhang mit der Vergangenheit gewinnen, um"Zukünstiges schaffen za fönncn. Dazu sei eine nationale, organisch fortschreitende Rechtswisfen- chast r.otwend g, die zu den Urquellen des deutschen Rechtes hinabsteigt, ■ ein? Entwicklung klarlegt und erkennt, was davon tot, was noch lebendig st; nur durch solche Forscherarbcit könne eine neue Rechtsbildung verbreitet werden.
Savigny stellte hier den Begriff des geschichtlichen Werdens dem ab- . prakten Glauben an. ein „ideales Recht" gegenüber; er .glaubte an das „unbewußte Schaffen der Volksseele in Sprache, Sitte und Recht." Doch diese romantische Anschauung hat er in seinen anderen Werken dann in klassischer Weise durchgefkihrt. In Goethes Vaterstadt aus einer ursprüng- li.h französischen Familie geboren, die schon vorher in vier Generationen , bedeutende Männer besonders auf jurstischem Gebiet hervorgebracht, geriet der junge Savigny früh in Verbindung mit dem Kreis der Romantiker, besonders mit Clemens Brentano, der ihm in dem seherhafi . majestätischen Jüngling Jaropone seiner „Romanzen vom Rosenkranz" ein Denkmal setzte, heiratete seine Schwester Gunda und wurde als Professor in Marburg der Lehrer der Brüder Grimm, deren gelehrte Ar- beit er entscheidend bestimmte. Sein großes Verdienst war es, die genialen und dunklen Anregungen der Romantik in eine Sphäre der Klarheit zu heben und mit wissenschaftlichem Geiste zu durchdringen, jo daß er die geschichtlichen und germanistischen Studien befruchtete. Wir haben erst jetzt von dem jungen Savigny, diesem srühgerciften, genialen und guten, wahrhaft universalen und im edelsten Sinne harmonischen Geiste eine anschauliche Vorstellung erhalten in der reichhaltigen Vriefveröffent- lichung von Adolf Stoll, b'e ihn mitten hineinstellt in den Kreis der jüngeren Romantik und als ihren heimlichen König erkennen läßt. War dieser vornehme und verschlossene Mann bis dahin trotz seiner Berühmtheit doch eigentlich ein Unbekannter geblieben, so gewinnt er erst jetzt . auck menschlich seinen. Platz unter den besten Geistern der deutschen Geistesges.chichte. Wie hilfsbereit tritt er hier auf, wie großartig in feiner Beurteilung der Zeiten und Menschen, zugleich wie stolz und abgellärt, durch nichts von seinem Wege abzubringen, durch nichts zu entmutigen, wie etwa nach dem Verlust feiner unersetzlichen Pariser Handschriften, der Fruckt mühseliger Studien, an deren Neubeschaffung er sofort geht.
Mit der Berufung nach Berlin 1810 schließt die Jugendzeit Savignys ab. An der Schöpsung der Universität hatte er bedeutenden Anteil, wirkte als einer der ersten Rektoren und wurde durch seine Lehrtätigkeit und seine Schriften das Haupt der h storischen Rechtsschule. Seine Arbeit gehörte der Erforschung des römischen Rechtes, dessen kritisches urb geschichtlich bedingtes Studium er in seiner Erstlinaeschrift „Dos Recht des Besitzes" (1803) begründet hatte. Em Hauptwerk ist die „Geschichte des römischen Rechts im Mittelalter", durch die «r zum ersten Male den Zusammenhang des antiken und modernen Rechtes aüf- deckie. Ein überraschender Fund kam ihm dabei zu Hilfe: die Entdeckung des verlorenen Textes des Gaius, der das klassische Zeitalter der römischen Rechtswissenschaft erst der Forschung zugänglich machte, und dessen Bedeutung Savigny erkannte. Nachdem er so die Rechtegeschichte Europas, soweit sie durch das römische Recht bestimmt wurde, der Wissenschaft erschlossen hatte,.stellte er in seinem zweiten gelehrten Hauptwerk „Das System des heutigen römischen Rechts" bar, ohne diese lebte Arbeit freilich trotz der acht erschienenen Bände zu vollenden. Unterdessen hatte er selbst seinen „Beruf zur Gesetzgebung" zu zeigen, da ihn Friedrich WlhelmIV. an die Spitze eines „Ministeriums für Gesetzgebung" berief. Saviany. der kein Staatsmann und Divlomat roar, hat in dieser schwierigen Stest-wg unter den größten Hemmnissen doch Bedeutendes geschaffen und „Musterleistungen an Gründlichkeit, Ideenreichtum und echt wissenschaftlichem Geist" hinterlassen.
Als Savigny am 25. Oktober 1861 starb, endete ein reiches, fruchtbares und glückliches Gelchrtenleben, das aus Deutschlands höchster Geistesblüte kostbaren Gewinn gezogen. Savignys Persönlichkeit hatte viel von jener olympischen Würde und umfastenden Geisteskraft, die Goethe eigen war. Mit seinem großen Landsmann ist er daher öfters verglichen worden, am treffendsten wohl von seinem Biographen Ernst Landsberg, der darüber schreibt: „Nicht Romantiker, sondern Klassiker ist Savigny nach Bildung, Gesinnung, Empfindung, Schreibart und Denkart. So sehr Klassiker, daß man kaum seiner gedenken kann, ohne ihn, wie vielfach geschehen, mit Goethe zu vergleichen. Eine Reihe äußerer Umstände haben den Bergleich nahegelegt: beide Männer sind in Frankfurt a. M. geboren, aus bester Familie abstammend; beide find während ihres ganzen Lebens durch reiche Glücksgüter vor allen Sorgen der mate- ri'llen Existenz geschützt, in der Lage gewesen, sich frei, wie der Geist sie trieb, bewegen zu können, auch haben sie beide hohe Etoateämter eingenommen und diesem Umstande in ihrer ganzen Haltung bemerkbar Rechnung getraoen: zuletzt haben beide ihr Leben bis zum höchsten Greisenalter fortsühren, so ihre Keisteegaben allseitig voll entwickeln und der Welt ein abgeschlossenes Bild organischen Blühens und Verblühens hinterlassen können. Und so sind wir denn wohl berechtigt, obschon mir die bedeutsamen — weit über das etwa bloß durch die Verschied<-nheit des Gebietes der Geistesbetätigung Bedinote hinausreichenden — Unter« ßieb? keineswegs verkennen dürfen, für die die abschließende Würdigung r allgemeinen Bedeutung Savianys von Goetbe auszugehen. Was uns dieser in Poesie und Literatur, das ist jener aus dem bescheideneren Gebiße der Rechtswissenschaft gewesen; wie alle Völker der gebildeten Welt Goethe verehren, so hat überallhin — Goethe selbst bezeugt es in einem bekannten Wort — den Ruf deutscher Rechtsgelebrsamkeit Saviany getragen; wie Goethe hinausragt über Nation und Zeit. und. ein Gut der ganzen Menschheit, sich den alten Klassikern anrecht, so ist Saviany eine Zierde nicht bloß der deutschen, sondern aller Jurisprudenz, der Klassiker bürgerlichen Gelehrsamkeit in unmittelbarem Anschlüsse an die Klassiker der römischen Zivilistik."
Im llr/o zum OrafuI von Delphi.
Bon Friedrich Koch-Wawra.
So'rates spricht: Vor das Ziel haben die Götter den Schweiß gesetzt. Die ersten Schweißtropfen perlen gleich hinter der österreichischen Grenze. Es gibt näm.ich eine t-anlstraße Agram—Be grab—Ues^üb-Athen. Diese „Straße" haben vor vielen, vielen Jahren die Türken angelegt: Schmal, höckerig, ohne Unterbau. Drei Iah Hunderte find Frachtwagen und Kriege darüber hinwexgerollt, zuletzt der Weltkrieg. Nicmard hat je etwas getan für diese verwaschene, verschlammte Fährte aus Höckern und Mulden und zugewchten Autofallen. So geht es weiter über Topola, Kragujewatz, hinauf ins serbische Hochland und wieder hinunter zur griechischen Grenze, bis dahin, wo vor zehn Jahren deutsche Truppen den Wardar gegen Senegalneger verteidigten.
Genau an dieser Stelle ändert sich das Bild. Eine neu angelegte schmale Landstraße führt über Termopylä nach Theben im Herzen von Attika. Und am Wege stehen heute ebensooiele Venzsnkantir.en wie einstmals heilige Haine und gottgeweihte Zeichnen, Denn fortschrittlich und hilfsbereit find die Chaussee-Griechen, bas muh man ihnen lassen.
Einmal versacke ich spät abend« auf der Landstraße in tiefem Schlamm. Vis über die Achsen stecken die Räder im Lehm; an Herauskommen ist nicht zu denken. In den nahen Sümpfen zirpen Grillen, die balsamische Nachtkuft flimmert vor Wärme. Am attischen Himmel ober zwinkern die ©ferne, als wollten sie mich auslachen.
Da sitze ich nun mit meiner Gefährtin und flehe vergebens zum göttlichen Hephaistos, dem Schirrnhern des Feuers und der Metallbearbeitung, also auch zum Schutzgott dieser sinnreichen Kombination von Benzin und Metall, die der Neugrieche „Äutomobilos" nennt kmkt dem Akzent auf der dritten Silbe), und siehe — es erscheint sogleich ein Bauer mit sechs Pferden Es sind genau sechs. Man hat den Eindruck, gks fei das hilfreiche Gespann soeben aus dem Erdboden gewachsen. Da steht er nun vor uns im Dunkel der Nacht und bietet seine Dienste an, und wie von ungefähr erscheinen noch zwei Knechte mit langen Peitschen.
Ein paar Versuche mit vereinten Kräften. Der Motor brummt wie ein zorniges Raubtier, der Wagen zittert im ersten Gang wie ein geheizter Schiffsrumpf, die Pferde werben von den Knechten bis aufs Blut malträtiert, da — ein R"ck! Der Wagen fährt knirschend an und steht halb glücklich auf festem Grund. Der Bauer nennt sein Honorar.
„Es macht zweihundert Drachmen, Herr!"
Zweihundert Drachmen sind beinahe sechzehn Mark. Ich zahle fünfzig, und das ist noch viel zu viel. Denn die Lehmkuhle auf der nachtdunklen Straße ist die privilegierte Erwerbsquelle des menschenfreundlichen Bauern. Er pflegt sie sorgsam mit Sumpfwosser, damit sie nicht aus- trocknet. Sein Sozius ist offenbar der Schutzmann, der im Augenblick der Honorarzahlung plötzlich neben uns stand.
Da erschlaffen mitten auf freier Strecke die beiden Hinterrsisen. Beide — und zu gleicher Zeit. Kein Nagel ist zu entdecken. Das Mißgeschick scheint rätselhaft. Doch genau wie bei der bösen Lehmkuhle sind sogleich bi? rettenden Mechaniker zur Stelle. Sie kommen ganz zufällig auf einem Motorrad vorüber und stürzen sich begeistert a' f die Arbeit, die sie träge und plaudernd zu Ende führen. Auch dieses Honorar bezahlt man nur einmal. Wenn man das nächstemal in einer Weinkneipe sitzt und recht aufmerksam durchs Fenster steht, hat man bere’ts den Lümmel om Kragen, der, mit einer Ahle bewaffnet, den Wagen umschleicht und auf die Gelegenheit lauert, die Pneumatiks anzubohren.
So läßt der Himmel die Sonne über attische Landstraßen scheinen, und die klassischen Enkel lassen sichs wohlergehen: fern den Musen und nahe den Drachmen.
Eines Morgens mache ich mich auf den Weg zum Orakel van Delphi. Eine Straße führt nicht dorthin, man muß auf Richtung fahren übet Stock und Stein, durch ausgetrocknete Flüsse und über steile Engpässe. Doch für einen guten Wagen gibt es nichts Unmögliches, und so erscheine ich am nächsten Mittag in Begleitung eines Janitscharen, den ich vom Automobilklub mitbekommen habe, in dem Oertchen Delphi. Ein kleiner Zeitungsjunge, Epaminondas Papafigou, hat nufere Ankunft als erster bemerkt. Darauf übergibt er fein Gewerbe dem Stiefelputzer Themistokles Ambatllos und bietet mir das erste Geschäft an, noch ehe ich die Hotel- zimmertüre hinter mir geschloßen habe.
Er hat einen Korb voll Raritäten gesammelt: Knochen, Kieselsteine, Kröten, Fliegen, Kellerasseln, und was es forst roch in einem Ora'el- städtchen zu greifen gibt. Er stellt mir den Korb aufs -Bett und berichtet im gebrochenen Englisch von feinem Leid. Von Hunger und Elend, von Krankheit und menschlicher Niedertracht, von Lumpen und Läusen und bloßen Füßen. Alles sei ihm genommen und nichts ließe man ihn verdienen. Und er verlangt fünfundzwanzig Drachmen.
Da ergreife ich den Korb, stelle ibn vor die Türe, packe den kleinen Epaminondas am Kragen und fetze ihn daneben. „So ein frecher Hund, was?" Das Wörtchen „was" ist-noch nickt ausgesprochen, da steht Cpa- minondas fckon wieder im Zimmer und bietet mir feine gesammelte Verwandtschaft zur Benutzung an. Die-mal fliegt er zur Türe hinaus, daß feine braunen Knochen knacken. Als ich ins Zimmer zurückkomme, sibt Eplmanondas schon wieder drin. Er ist über den Balkon geklettert Wenn der Herr dann schon feine Waren nickt kaufen wolle, so gäbe ef wohl etwas anderes zu verdienen? Vielleicht Filmanfpahmen zu machen) Ist der H?nr Kameramann? Zeitungsmann wie er? Solidarität sei dock heut? die Losung.
Aks ick aus dem Hotel komme, bat fick eine Volksmenge ancefammeli die ein beifälliges Murmeln von sich gibt, als sie mei^r anfW-g wird Ganz Delphi ist hierhergekommen, um an mir zu verdi-m-m. D'e Stad rüstet sich. Die Emsiakeit enireift foaar di" H"lcke. Selbst die beidei Recktsanwält- aeg»nüber stehen an ihren Fenstenn ,>nd fckeinen es z! merken: Ein Fnemder ist angekommen. Jetzt whh rosten !>' Delnhl
Ein alter M-mn bietet mir die B-wölker-na des Stirntckens kür Film ausnastmen an. Was denn aezablt wlird"? Ex bn*fg so fünsüo Dnackmei n-o Mann und Stunde. Und was das Volk machen faste: Geb-stsülmngen Orakelbeschwörungen, Schattenspiele, Hahnenkämpse, Streichmusik, rituelle


