Ausgabe 
22.2.1929
 
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Gießener ZainilieiibMer

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

3 rhrgang <929 Freitag, den 22. Zedruar Kummer 15

Lchlafendss Dorf.

Von Martin Weife.

Nun geht das müde Dorf zur Ruh.

Die Fensterläden klappen zu.

Die Lichter löschen alle aus Im Dunkeln liegen Hof und Haus.

Nur ein behäbiger Wächter wacht.

Ruft Stund um Stunde in die Nacht: Die Zeit kommt her, die Zeit verrinnt, Gar bald der neue Tag beginnt.

Der Glückspilz.

Novelle von Robert Michel.

I.

Sie fuhren in einem zweifpännigen Gummiradler nach Grinzing. Berger hatte viel Mühe gehabt, diesen altmodischen Fiaker auszutreiben. Nun freute er sich, daß es ihm gelungen war, den Wunsch des jungen Amerikaners zu erfüllen, denn nur in einem der echten Wiener Fiaker, von denen ihm sein Vater ost vorgeschwärmt hatte, wollte Smith zu dem Heurigengarlen fahren, den er gleichfalls aus den Schilderungen seines Vaters kannte.

Richard Smith war jenseits des großen Wassers zur Welt gekommen. Sein Deutsch hatte amerikanischen Klang, war aber von mannigfachen Wiener Dialektausdrücken durchsetzt, denn sein« Eltern sprachen noch immer, wenn sie zuhause und unter sich waren,wienerisch.

Trotz seiner Jugend hatte sich Smith in Amerika bereits eine führende Position errungen. Er hatte eine ganze Anzahl wichtiger Erfindungen, besonders auf dem Gebiete der Elektrotechnik und Elektrochemie, zustande- gebracht und sie als umsichtiger Kaufmann in eigenen Betrieben aus­gewertet. Er war Besitzer und Kontroller zahlreicher Fabriken und indu­strieller Betriebe, die über die Vereinigten Staaten verstreut waren, und ein unermetzlicher Reichtum floß ihm aus diesen Quellen zu.

Die heimatliche Atmosphäre beeinflußte den Amerikaner auf eine tief­greifende Art und es war für Berger, seinen Sekretär und ständigen Be­gleiter, unterhaltend zu beobachten, wie das Wienertum, das im Blute des Amerikaners geschlummert hatte, sich in einen ergötzlichen Wider­spruch zu seinem anerzogenen Amerikanismus stellte.

Der schön« Sommerabend überglänzte den Wienerwald und die Wein- dörser lagen in den Talfalten in einen geheimnisvollen dämmrigen Dunst gehüllt. Die vielen vorbeisausenden Autos regten die flinken Rappen zu immer flotterem Trabe an und bald hielten die jungen Leute in der Kobenzlstraße vor dem alten Garten, aus dem ihnen Musik und fröh­licher Gesang entgegenscholl.

Als sie zwischen den vollbesetzten einfachen Holztischen durch den Garten gingen, hatten die Schrammeln eben ein altes Wiener Lied an­gestimmt. das Smith ost von seinem Vater singen gehört hatte; so war der Empfang beim Heurigen für ihn besonders anheimelnd.

Suchend blickte sich Berger nach einem leeren Tisch um; da hörte er aus einer Ecke des Gartens seinen Namen rufen. Er sah hin und erkannte einige seiner Kollegen, Journalisten und Künstler, die ihn mit lärmender Heiterkeit einluden, mit seinem Begleiter bei ihnen Platz zu nehmen.

Smith fühlte sich überaus wohl in dieser Welt voll Gemütlichkeit und trank den duftenden leichten Wein so unbedacht, als wäre er bloß küh­lendes Eiswasfer. Er wurde immer gesprächiger und gebärdete sich bald wienerischer als irgendeiner der anwesenden Stammpäst«. Er sang, klatschte mit den Händen den Takt zur Musik und trieb mit den Sängern und bald auch mit verschiedenen Leuten der Nachbarschaft allerlei Scherz. Als ihn einer der Journalisten über seine Tätigkeit in Amerika aus­forschte. gab er bereitwillig Auskunft und ließ sich auch nicht lang« bitten, den Tischgenosien seine neueste Erfindung vorzuführen. Er zog aus seinem Ueberzieher ein Futteral hervor, dem er feine llniversalgluhbirne entnahm; sie war in einem kurzen zylindrischen Gehäuse eingebaut, das unten in eine Spitze auslief. Smith stieß diesen nmden Pflock mit der Spitze in die Erde und ließ einen der Herren an einem daran befindlichen Schalter drehen. Die Birne leuchtete in prächtigem Lichte aus und erregte allgemeine Derwundenmg. M»sik und Lärm verstummten und ein Kreis Neugieriger drängt« sich nm diese Lampe, die den Brennstoff gratis au» dem Erdboden und der Lust bezog. Da erhob sich Smith einigermaßen unsicher nochmals von seinem Sitz und drehte den zweiten Schalter. Da» Licht wurde schwächer, aber die Birne begann alsbald eine Wärme aus­zustrahlen, wie ein gntgeheizter Ofen und der Krei» der Neugierigen weitete sich rasch, denn nach Erwärmung hatte niemand Sehnsucht.

Smith steckte die Glühbirne wieder ein, die Leute verzogen sich, aber er wurde noch lange von allen Tischen aus angestaunt wie ein Zauberer, bis neu« Lieder und eine neue Welle von Fröhlichkeit die Wunderlampe und ihren Besitzer in Vergessenheit geraten ließen. P

Smith wurde darob für Augenblicke ganz traurig. Als aber ein Nach, bar mit ihm anstieß und er wieder den berauschenden Duft des Weines zwischen Gaumen und Zunge durchkostete, kam seine gute Laune rasch zuruck. Mit lauter Stimme begann er eine Lobeshymne aus die Stadt Wien und ihre Gemütlichkeit und nannte sich voll Stolz einen Wiener. "N h^.e meine Landsleute so sehr, daß ich die größte Lust hab«, ein echtes Wiener Kmd reich und dadurch auch glücklich zu machen."

Man lachte und einige stellten sich gleich wie zum Scherz für diese, Experiment zur Verfügung. Ein junger Dichter, der schweigsam in der Tafelrunde gewesen war widersetzte sich aber heftig der Auffassung, daß Reichtum so selbstverständlich Glück bedeute. Weil er bisher nichts ge­sprochen hatte, horchte man unwillkürlich aufmerksam aus seine Wort« und bald entbrannte ein stammender Streit darüber, inwieweit Geld Gluck Hervorrufen könne: viele verfochten die Ansicht, nur Liebe oder Macht seien die Wege zum Glück; der Dichter aber schwieg schon wieder und nur das Lächeln um seinen Mund sprach davon, daß er es für töricht hielt, zu glauben, das Wunder des Glückes sei so eindeutig und seine Wurzeln bei allen Menschen seien gleicher Art. Sah er doch selbst im Leben ringsum und an den Geschöpfen seiner eigenen Gestalten, daß bei jedem Einzelnen Glück auf die vielfältigste Weise, ja auch aus unausforsch« lichen Gründen entstehen konnte und diese vielen Möglichkeiten des Glücke, sich etwa sovielemale noch vervielfachten, als es Menschen auf Erden gab.

Der Amerikaner machte dem Streit ein Ende. Er stellte in einer Art, die jeden weiteren Widerspruch ablehnte, fest, daß in der jetzigen Zeit Reichtum und Glück gleichbedeutend sei, denn für Geld sei Macht, Liebe und überhaupt alles erreichbar. Einige, die ihm im allgemeinen schon zu­stimmten, ließen jetzt den Zweifel laut werden, er würde gewiß nicht so­viel Geld opfern wollen, als notwendig wäre, um den Beweis für feine Ansicht zu erbringen. Da erbot sich Smith gereizt, einem Wiener durch v'erzehn Tage die Verfügung über sein ganzes Vermögen zu überlasten. Für Sekunden wurde es um den Amerikaner ganz still; scherzte er? Konnte ein Geschäftsmann, noch dazu ein amerikanischer, wirklich so weit gehen? Fast schüchtern wurden die Fragen laut: ob es ihm ernst damit sei? Ob er die Wahl des Glückspilzes dem Zufall anheimfallen lasten wolle oder ob er jemand Bestimmten im Auge habe? Den Zufall bestimmen lasten!, das wäre romantischer; die Mehrzahl war für diese Lösung. Auch Smith war damit einverstanden, nur meinte er, nicht ohne Spott, daß die hier Anwesenden ausgeschlossen fein müßten und keiner dem Zufall nachhelfen dürfe. Man quittierte diesen Spott, indem nun alle Smith bestürmten, die Bedingungen festzulegen; der Rückzug mußt« ihm unmöglich gemacht werden. Berger, der einzige vollkommen Nüch­terne, verlangte aber ganz entschieden, daß die Summe, die Smith diesem Scherz opfern würde, nach oben begrenzt werden müßte. Er zog ein Notiz­buch hervor, und unter allgemeiner Beteiligung wurde eine Art Vertrag entworfen.

II.

Die Werkstatt des Schustermeisters Losch lag in der Ottakringer Haupt­straße in einem neuen, vielstöckigen Haus. Durch die kleinen Fenster sah man di« Wagen und Autos auf der Fahrbahn, aber von den Passanten des Gehweges sah man meist nur die Beine.

Der Meister war schlecht gelaunt. Er hatte den gestrigen Sonntag zu einem Familienausflug benützt und der hatte ihn eine Menge Geld gekostet. Jetzt saß er vor einem abgegriffenen, beschmutzten Notizbuch und schlug nach, welche Kunden ihm noch etwas schuldig waren. So vertieft war er in diese Beschäftigung, daß es seinem Gesellen, Franz Radler, der sich, wie gewöhnlich, am Montag verspätet hatte, gelang, unbemerkt auf feinen Platz beim zweiten Fenster zu kommen, wo'er gleich pfeifend mit dem Hammer auf einen Schuh klopfte, als wäre er schon die längste Zeit dagesesten.

Ha,' der Meister schlug auf fein Büchlein, daß Geselle und Lehrling erschrocken in die Höhe fuhren,do ham ma'sl Drei Paar Schuh und zwa Doppler is er schuld!, der Herr von Berger, und wie lang scho! Gengan S', Franz.' wandte er sich an den Gesellen,schaun S' ümi zu dem noblichten Herrn und sagn S' eahm. er soll endli zahln. Wenn i den Buam schick, fummt er eh wieder ohne Göld Ham."

Dem Franz erglänzte das Gesicht vor Vergnügen, denn im Hause de» Herrnvon Berger" war auch jemand anders zu treffen, die hübsche Toni, die Tochter der Hausmeisterin, mit der er in der letzten Zeit feine freien Abende zu verbringen pflegte. Er zog eine Spiegelscherbe aus der Lade des Werktisches, prüfte feinen Schnurrbart, richtete den Scheitel auf seinem von Pomade glänzenden Haar, dann schnellte er empor, zog den Hemd'ragen zurecht und schlüpft« in den Rock. Dabei redete er unn»f. bäAich: .Heut' laß i mi aber net wenschickn' wenn er a wieda s--at:Ach, Sie kommen vom lieben Meister Losch. Es ist wohl noch eine Kleinigkeit