Ausgabe 
21.10.1929
 
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Sn Paris Ist alles Unmoderne, jedes Uebermaß an schlechtem Ge­schmack unmöglich: all« Welt dreht sich um...

In Berlin werden Sie, wenn Sie nur ein wenig auffällig geschminkt sind, von allen Seiten scharf angesehen...

In London würden Sie, selbst wenn die Laune Sie ankäme, sich die Haare abzurasieren und sie durch verschiedenartige Muster zu ersetzen, nur sehr wenig Aufsehen erregen.

Ich möchte sogar sagen, daß die Engländer in allem, was die Mode anbetrifft, eine fast kindliche Bewunderung für alles Neu« haben!

Und die wenigen Leute, die Ihren Einfall vielleicht seltsam finden kötflrten, würden lieber an ihrem Lachen ersticken, als sich eine einzige inkorrekte Aeußerung gestatten... Denn die Engländer sind die höflich­sten Leute der Welt... in ihrem Lande wenigstens...

In London ist alle Welt höflich.

Denn alle wollen sie eineLady" fein oder einGentleman: von den sechsjährigen Kindern angefangen bis zu dem alten Dienstmädchen, das die Stufen vor dem Hause scheuert, mit einem Hut auf dem Kopf, Wie eineLady*l (Ein schmutziger, prätentiöser, lächerlicher Hut!)

London!

Das Leben, wie die Engländer es auffasien.

Zunächst das morgendliche Frühstück, ein wahres Festmahl! Dann der Lunch, den man in Eile einnimmt, jeder für sich: Madame in ihrem Klub, Monsieur in feinem oder auch im Restaurant. Sie Bureaus, die nicht zu spät am Abend und am Samstag sehr zeitig schließen. Jenesweek-end", das jeder so vorzüglich zu organisieren versteht.

Es gibt London!

Es gibt das Leben in London!

Es gibt die Engländer in London!

Die Engländer sindsuch very nice people"!

Ihre Häuser find mit dem allerbesten Geschmack möbliert und ein­gerichtet welcher Gesellschaftsschicht sie auch angehören. Es scheint, als konzentriere der ganze Geschmack der Engländer sich auf ihr sweet home".

London!

Seine Bezirke!

Seine tausendundein Gesichter!

Der Hafen.

Der ganze Betrieb.

Die City elf Uhr vormittags:

Dies ganze mannigfaltige Gewimmel von eiligen Bankiers und Kassenboten... all diese Banken... all diese Schecks... all dies Rollen des Geldes... all diese Börsenspiele... all diese Vermögen, die gemacht, verloren und wieder gemacht werden... diese Triumphe und diese Krachs... diese Tausende von Armen, die sich ausstrecken... ein ein­ziger, riesenhafter Arm, der über die Meere hinwegreicht... all diese Hirne... all diese in eins zusammenströmenden Willen...all diese An­strengungen ... all diese Spannung...

Höllische und zugleich großartige Vision...

Alle Straßen...

Alle Squares...

Alle großen Häuser...

Alle kleinen Häuser...

Alle großen Kaufhäuser..»

Alle kleinen Kaufhäuser...

Hy de Park...

Alle großen schönen Parks..«

London!

Seine entzückende Umgebung..,

Die Themse...

Ich liebe London!

Ich werde mein ganzes Leben lang Heimweh nach London haben!

(Deutsche Uebersetzung von B. Beßmertny.)

Oer jRuf durch den Archer.

Von Max P e r k o w.

Am Wattenmeer der Nordsee vagen dort, wo die Bäderdampfer nach Juist, Norderney, Baltrum und Langeoog die zahlreichen Badegäste vom ostfriesischen Festland zu den Inseln hinübertragen, gewaltige Funktürme empor, die sieben Sendetürme der Funkstation Norddeich von 75 bis 120 Meter Höhe. Vor einigen Jahren waren sogar drei noch weit höhere Türme erbaut worden, aber einer der hier öfter tobenden Stürme, von deren Kraft sich der Binnenländer kaum eine Vorstellung machen kann, stürzte sie mit einem Ruck alle drei um. Solche Türme also sind die fast überall gleichbleibenden äußeren Zeichen einer grö­ßeren Funkstelle.

Die Funkstelle Norddeich besteht seit 1902 und hat in dieser Zeit natürlich den ganzen Entwicklungsgang der Funktechnik mitgemacht. Früher war sie zugleich Sender und Empfänger, aber wie noch an an­dern Stellen, so ist auch hier vor einiger Zeit eine Betriebsteilung dahin eingetreten, daß der technisch etwas einfacher gewordene Empfang aus praktischen Gründen verlegt wurde, und zwar im Falle Norddeich in das fünf Kilometer entfernt liegende Städtchen Norden. Das Funkwesen ist bekanntlich in Deutschland, soweit es behördlich ist, eine Sache der Reichspost, und die Funkbeamten sind Tlegraphenbeamte. Diese Tele­graphisten also sitzen in Norden vor ihrem Morse-Telegraphenapparat, und wenn sie zur Weitergabe ihrer Meldung die Taste anschlagen (oder bei großen Meldungen auch die maschinelle Einrichtung einstellen), so werden die Zeichen sofort durch Kabel nach Norddeich übertragen, wo die Morsezeichen im gleichen Augenblick auf der Sendestation mit Hilfe großer elektrischer Kraft über die riesigen Antennen in den Aether ge­schleudert werden. Der in Norddeich zu diesem Zweck erforderliche elek­trische Strom wird teils selbst erzeugt, teils von einer Ueberlandzentrale

bezogen. Zahlreiche Transformatoren formen ihn um, da er In den allerverschiedensten Stärken wie auch als Gleich- und Wechselstrom ae. braucht wird. ' ä

Es gibt hier wie überall einen kleinen und einen großen Sendeoerkehr. 3m kleinen Sendeverkehr, der in der Hauptsache die westeuropäischen Küsten einschließlich England und Island umfaßt, werden lange Wellen verwendet (hier z.V. vielfach die Wellen 2290, 2400 oder 2100) weil die Heineren Seefahrzeuge ihre Empfänger noch nicht aus die erft feit kurzer Zeit eingeführten kurzen Wellen umgestellt haben. Dieser Nah- verkehr spielt für die ganze Küstenschiffahrt eine große Rolle, am meisten wohl für die Hochseefischerei, die ja einen weit größeren Umfang hat. als man tm Binnenland weiß. Hier ist es besonders die Gesellschaft H o ch s e er u ndf u n k" in Hamburg, die einen regelmäßigen Funk- verkehr über die Küstenfunkstationen eingerichtet hat und zu diesem Zweck einen ober einige Senber oft stundenlang für sich beansprucht. D'e meisten deutschen Reedereien sind ihr angeschlossen, und sie gibt mim heftens je einmal am Tage und in der Nacht Nachrichten an die Schisse aus, z.B. Wettermeldungen der Seewarte, neue Vorschriften der Reeder über den von den Schiffen einzuschlagenden Weg, Meldungen über b« einzelnen Fischplatze, über Rückkehr oder Einkehr zum Entladen in emem anbern als bem vorher vereinbarten Hasen und ähnliches. Sehr lebhaft ist dabei z B. der Funkverkehr nach den Fischdampfern bei Js- land, die dort oft lange Zeit auf See bleiben.

Dazu kommen die zahlreichen Benachrichtigungen der übrigen Reede­reien an ihre anderen, größeren Schiffe, wie die Personen- und Fracht- dampfer nach Amerika, Afrika, Ostasien und Australien, solange sie im Bereich des kleinen Sendeverkehrs sind. Die großen Schiffahrtslinien schicken auch ihre iMhrpläne immerwährend ein, so daß die Funker der Kustenstationen stets den Standort der Schiffe wissen. Kommt nun ein Funkentelegramm an ein solches Schiff, so rechnet sich der Telegraphist den günstigsten Zeitpunkt und Standort aus.

Für große Entfernungen aber werden in neuerer Zeit die kurzen Wellen benutzt. Seit ihrer Einführung erreicht auch der Sender Nord­deich praktisch den ganzen Erdball. Als z.B. im Frühjahr 1929 der deutsche DampferResolute eine Weltreise unternahm, blieb er mit Hdfe der Funkstelle Norddeick) ständig in Verbindung mit der Heimat. Sn den ersten Jahren betrug allerdings die Reichweite der Funkstationen nur einige hundert Kilometer, bis die neuen Erfindungen und anderen technischen Vervollkommnungen sie immer mehr steigerte. Die Station Nauen, die als erster deutscher Sender den Weltfunkverkehr pflegte, hatte im Lauf der Jahve folgende Reichweite: 1906: 1100 Kilometer. 1910: 3000, 1914: 8300, 1916: 11000, seit 1918 aber 20 000 Kilometer' bie inzwischen wohl bie anbern größeren Stationen gleichfalls erreichten.

Sebes Schiff hat fein bestimmtes. Rufzeichen, ebenso aber auch jede Funkstelle. So hat z. B. Norddeich bas RufzeichenDAN", bas Luft­schiff Graf ZeppelinDENNE , ein Schiff etwaDDAS". Will nun die Funkstelle Norddeich eine Meldung an das Schiff mit dem Ruf. ZeichenD D A S" geben, so funkt der Telegraphist so lange, bis er Ant­wort erhält, folgenden Satz:DDAS von DAN". Wenn der Funker des gerufenen Schiffes den Ruf vernommen hat, was oft lange dauern kann, wenn ein Schiff den Empfänger nicht dauernd besetzt hat, fo ant­wortet es:DAN zu DD AS kommen!, worauf die Funkstation ihre Meldung im Morsezeichen gibt, die der Telegraphist auf bem Schiff mit einem Fernsprechhörer einfach abhören kann, ba fein Gehör ja auf bie Morseschrift genau eingestellt ist. Die Melbung kann, wie im inneren Verkehr, wiederholt werben, doch gibt der Empfänger, wenn er ver­standen hat, oft einfach fein Schlußzeichen: RRR. Für eine Sendung auf kurze Entfernung kann eine elektrische Spannung von 3000 Voll genügen, doch erfordert andererseits eine Funksendung auf weiteste Ent­fernung 15 000 Volt. Diese Kraft wird, nachdem sie für den Gebrauch in der Funkstation umgeformt worben ist, in Glasröhren nach bem alten System ber Leydener Flaschen bereitgehalten. Sie entlädt sich beim Funken durch das Auslösen der Senbetafte in die Antennendrähte und strahlt ihre Kraft von dort in Gestalt von kurzen oder langen Zeichen (den Punkten oder Strichen des Morse-Mphabetes) nach allen Richtun­gen aus.

Umgekehrt erfolgt natürlich ständig auch der Anruf von See her ober von andern Fukstellen im Inland und Ausland, ba ja bie Funk­stelle als öffentliche Einrichtung der Reichspost die Stelle eines Fern­sprechamtes vertritt. Der Anruf geschieht auf die gleiche Art, wie durch bie Funkstation. Es kommen Wettermeldungen an, es gehen auch Han­dels- oder Zeitungsnachrichten ein, die Telegramme der Schiffsreisenden auf See an Familie ober an Firmen, auch Anfragen von Schiffskapitä­nen nach Wetterlage ober um Stanbortpeilung, wenn sie ben Standort selbst nicht sicher und schnell genug feststellen können. Gelegentlich alar­miert auch ber Hilferuf eines Schiffes, das bekannte SOS=SignaI (als Morfezeichen ... ...), die Funkstelle, aber er geht selbstverständlich in erster Linie bie nahegelegenen Stationen und bie Schiffe an.

Neuerdings ist auch drahtloser Sprechverkehr zwischen Schiffspassa­gieren und beliebigen Fernsprechteilnehmern in Deutschland möglich. Herr Müller in Berlin, München ober Düffeldorf kann z. B. auf dem Wege über bie Küstenfunkstelle Norddeich von seiner Wohnung mit Hilfe feines Fernsprechapparates mit feinem Freunde Schmitt sprechen, ber sich mitten auf bem Atlantik oder einem andern Ozean befindet.

Ein hochinteressantes Problem, dieser Weltstmk! Jeder Tag kann neue Ueberraschungen bringen und ihn in feiner Entwicklung um einen Schritt ober auch um eine Meilenlänge Vorwärtstreiben. Und während ber Badegast auf Norderney und Juist zu ben Funktürmen herüb er­späht, vielleicht sogar in Norbdeich zu ihren Füßen im Sanbe liegt, wird oben Wort um Wort mit größter Kraft und doch für den Zu­schauer unhörbar in ben Aether hinausgeschleubert. Dort jagt es mit einer Geschwindigkeit von 300 000 Kilometer in ber Sekunde um bie Erde und sucht sich ben Weg zu seinem Empfänger.

Verantwortlich: Dr. HanS Thyriot. Druck und Verlag: BrShl'fche Universitäts-Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.