Ausgabe 
21.10.1929
 
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Vater bedeutender Zirkushelden, dann harrt man der Dinge, die da kommen werden, in geätzter Ruhe ...

Und die kamen bald. Zwischen den Baumwollsträuchern tauchten sie auf, die schwarzen Gestalten, die den seltsamen Fall beobachtet hatten. Men voran der baumlange Sam Toby Beebe, der schwarze Plantagen­ausseher Lincoln Beveridges, der ins hundertdritte Lebensjahr ging und achtundneunzig Jahre in den Baumwollplantagen verbracht hatte. Kaum, daß er des Käfigs ansichtig wurde, hob er die knochigen Hände hoch und begann das SpiritualEin gelbes Feuer fiel vom Himmel nieder aber das Geschrei der ganzen Gesellschaft belehrte ihn, wie der Fall zu­stande gekommen war. Da gab er seine geistlichen Gedanken auf und prahlte mit einigen Jagdabenteuern seines Grotzvaters, die dieser mit Löwen am Kongo erlebt hatte.

Durch derlei Schilderungen selbst mutig geworden, ordnete er, da er alle Gefahr gebannt glaubte, an, datz die Kiste mit Inhalt in die Nähe seines Eselsstalles transportiert werden sollte, wo in einer alten Laube Platz zur Aufstellung des Käfigs vorhanden fei, bisThe Worlds Greatest Zoo on Roads das zweifellos wertvolle Inventar vermissen und rekla­mieren würde ...

Nun, es gingen drei, vier, acht Wochen ins Land, ohne daßThe Worlds Greatest Zoo on Roads etwas von sich hören lieft. Diese Frist hatte sich Sam Toby Beebe gesetzt, um nach ihrem Ablauf den alten Nero alsseinen Nero" ansprechen zu können. Er hatte ihn in dieser Zeit sozusagen aus eigener Tasche ernährt, denn Beveridge selbst wollte nichts mit dem Vieh zu tun haben. Nicht nur Esel- und Rinderfleisch, nein, selbst einige Pfund Corned beef Sie wissen, die gute Qualität von Packwack Lim., Ohio hatten daran glauben müssen ...

Die anderen lachten. Meinten, es sei eine Kateridee. (Weil sie immer­hin eine dunkle Ahnung hatten, daft Löwen und Katzen verwandt seien.) Man soll aber einem so alten Manne wie Sam Toby Beebe einen solchen Spaß gönnen.

Auch, als Nero schon bald ein Jahr bei Sam Toby Beebe hauste noch immer in der alten Kiste, aber bereits in einer Ecke des Eselstalles und seinHerrchen" stramm auf seinen hundertundvierten Geburtstag losmarschierte, hatte dieser noch seinen Spaß an ihm.

Und nun werden Sie denken, ich bin von Sams Greisenhaftigkeit an­gesteckt, wenn ich Ihnen sage, daft Sam und Nero sich unterhielten. Aber es war an dem. Wir werden ja alle nicht so alt wie Sam und können das nicht recht nachfühlen. Aber wenn unser Fleisch auf den Knochen langsam schwindet, wenn die wenig benötigten Winkel des Gehirns ab- fterben und andere Ecken dafür um so eifriger arbeiten, wenn die runz­ligen Lippen die Pfeife kaum noch halten können, und wenn dann der Spätsommer in Karolina die feinen Fäden, die er gesponnen hat, ins Land schickt, sehen Sie, dann spinnen auch so alte Leute wie Sam und Nero. Und da konnte es eintreten, namentlich wenn der alte Sam das alle LiedMassas in the cold ground noch immer ziemlich melodiös vor sick) hingesummt hatte, daft man sich auch der alten, alten Heimat erinnerte, die über dem Wasser lag ...

Afrika, Afrika ... Ja, Nero hatte das Thema selbst angeschnitten.

Man hat so seine Sehnsüchte ..." hatte er angefangen.

Ja", hatte Sam erwidert, und im ausgeblafenen Tabakrauch erstand ihm eine Welt der Träume.Meine Vorfahren haben Afrika noch ge­kannt, meine Heimat ... Ich bin in fremder Erde geboren ..." Irgendein altes Lied wies diese Zeilen auf, drum klang es so poetisch.

Mir ist die Zeit in dieser alten Kiste höllisch lang geworden. Wissen Sie, wenn man an früher denkt ... Ich träume oft von den Pyramiden!" meditierte Nero.

Sie träumen oft von den Pyramiden?" Lange schwang der Satz im Dunst der Dämmerung. Also auch Nero krankte an dem Leid um die Hei­mat, dem groften Leid um Afrika?

Blasen Sie den Rauch der Pfeife nicht fo zwischen die Gitterstäbe! Meine Augen sind alt und tränen!" Nero legte sich auf die andere Seite.

9a ... ja ..." Sam brauchte zu dieser Aeufterung länger als zum Bereiten seines Morgenkasfees.Die Pyramiden, die möd)te ich wohl auch mal sehen."

,/Das sind wahre Kunstwerke. Es hat entsetzlich lange gedauert, bis alles klappte und die Dinger standen"

Das glaube ich gern, Nero. Aber sie sind wohl schön?"

O ja, verehrter Sam. Der Wille des einen, der sie erdachte und der mit großer Geduld, ja selbst mit der Peitsche auf genaueste Ausführung bedacht war, war bewunderungswürdig. Er ist übrigens tot"

Das glaube ich gern, denn es ist lange her." Und wieder zog der Dust indianischen Sommers seine Kreise.

Ich habe Sehnsucht nach den Pyramiden", stöhnte Nero.Aber meine Glieder sind alt, ich durste nicht mehr mithelsen. Jetzt baut die Jugend Pyramiden"

Waren Sie denn in Afrika?"

Nein, ich bin leider im Transportkäfig geboren, Herr Sam."

Sams Mund öffnete sich weit.Und Sie kennen die Pyramiden?"

Ich habe selbst mitgemacht, geehrter Herr. Unser Dompteur Redder- man stellte die schönsten Pyramiden von sechzehn Löwen, zwei Tigern und sechs großen Doggen. Ich durfte eine Zeitlang auf dem obersten Podest stehen, fühlte mich als König und glaubte an die Poesie der Pyramiden ..."

Sam wußte nicht aus, noch ein.Welcher Pyramiden?"

Der Pyramiden im Zirkus Dikkermiller, die durch meine Mitwirkung so herrlichen Erfolg hatten ..." . .

In Sam fiel alles zusammen. Das Lied von Afrika, die Sehnsucht nach der niegetannten Heimat, die über hundert Jahre in ihm wach gewesen war ...

Verzeihen Sie," Hub Nero an,aber ich scheine Ihnen da eine Illu­sion zu zerstören. Diese Absicht habe ich nie gehabt. Ich meine nur, man soll die Dinge nehmen wie sie sind. Sie träumen von den Pyramiden in einem Land, bas Sie nicht kennen, aber ich zehre an den Erinnerungen meiner groften Zeit, an dem Abglanz meiner Pyramiden, die viel greifbarer sind als die Ihrigen. Ihre Pyramiden stehen im Dunst Ihres

Tabakqualms, meine Pyramiden aber standen fest auf dem Boden der Manege und ich obenauf ..."

Da erhob sich Sam schwer und ging auf feine Hütte zu, die jünger war als er. Die alte Clara wollte ihm das Abendsüppchen bringen. Er aber schlug es aus.Ich passe nicht in diese Welt", sagte der Hundert­jährige und kroch ins Bett.

Als der Morgen kam, sah Clara, daß Nero bei einem Versuch, die Gitterstäbe auseinanderzureiften, mit dem Hals In die Stricke geraten war, die die wacklige Kiste zusammenhielten, während drinnen in der Hütte einer lag, der von den Pyramiden eines fernen Landes träumte, zu denen er jetzt pilgerte ...

Heimweh nach London.

Von Jeanne B a i l h a ch e.

Ich liebe London...

Ich werde mein ganzes Leben lang Heimweh nach London haben.

Um London zu lieben, muft man dort gelebt haben.

Das heißt, daft London nicht jene Liebe auf den ersten Blick aus­löst wie Parts. London hat nicht jene berauschende Atmosphäre wie Paris. London übt nicht jene heftige, direkte, unmittelbare Wirkung aus wie Paris...

London nimmt allmählich gefangen, fein Reiz wirkt langsam, aber sicher, und darum nur um so tiefer.

London strömt eine ganz besondere Atmosphäre aus durch feine Unermeftlichkeit etwas Beunruhigendes und Erregendes: es liegt Geheimnis in London...

Und dennoch wirkt London nicht auf die Nerven wie Paris: der Rhythmus des Ledens ist weniger rasch, die Intensität weniger heftig eine relative Ruhe im Vergleich zu dieser Immensität... vielleicht ist es gerade dies, was jene Sensation des Geheimnisvollen gibt!

Und bann ist London eine Stadt, die voller Versichrung ist durch ihre Phantasie... immer irgend etwas Unerwartetes.

Hier eine große Verkehrsstraße... Autobusse, Taxis, Fußgänger: ein Höllenlärm. Zur Rechten bemerken Sie ein wenig Grün, Sie gehen darauf zu, und plötzlich finden Sie sich aus der Hölle in einen ©arten Eden versetzt: ein mit prachtvollen Bäumen bepflanzter Square, viele, verschiedenartige Blumen. Ringsherum kleine Häuser, jene entzücken­den kleinen englischen Häuser, die einen alles begreifen taffen, was das Worthome" an Liebe und Freude zu umschließen vermag... Tau­sende dieser Squares sind so aufs Geratewohl über ganz London ver­streut.

Hier eine häßliche große Strafte, häßliche große Häuser und dort drüben ein kleiner Square, ein bezaubernder kleiner Square mit bezau­bernden kleinen Häusern (in denen man zweifellos ausgezeichnete Pud­dings macht). All das wie in einer kleinen Provinzstadt...

Piccadilly-Cirkus feine alten dicken, häßlichen Blumenverkäuferin- nen um feine Fontäne herum. Seine riesigen Lichtreklamen: der ziga- rettenrauchenbe Hund... das rollende Auto... die wehende Feder auf dem Hut der Dame... dieser ganze entzückende schlechte Geschmack!

Der schlechte Geschmack ist ganz augenscheinlich einer der groften Reize Londons; es gibt keine Frau, die fo viel von der Mode reden würde wie die Engländerin, und keine, die fo schlecht angezogen ist (wohlverstanden mit einigen Ausnahmen). Man sieht in London ge­radezu unwahrscheinliche Dinge, absolut einzigartigeTypen".

Als ich in London lebte, war die Mode derEnsembles bereits seit einiger Zeit aus Frankreich eingeführt worden. In Paris trug man Ensembles" in neutralen Farbtönen, beige, braun. In London in leb­haften Farben: grün, tango, violett...

Man stelle sich vor: Hut, Kleid, Strümpfe, Schuhe in einem Ton: alles tangofarben... Man möchte um Gnade rufen!

Allerdings muft man zugeben, daft dieser schlechte Geschmack eine unerschöpfliche Quelle für die Phantasie ist.

Und was in London alle Kühnheiten begünstigt, was erlaubt, der Phantasie freien Laus zu lassen, das ist der Geist der Freiheit, der dort herrscht.

Sonntagmorgen...

Hyde Park...

Hier hält eine Frau eine Rede, dort ein Mann.

Hier ein politisches Thema, dort ein religiöses.

Jeder verteidigt seine Sache: man kann gleichzeitig die Anhänger der konservativen und der sozialistischen Richtung hören. Katholiken und Protestanten:high church,middle church,low church... Die Anhänger der Christian Science, die alle Krankheiten durch Gebet heilen... Alle Parteien... alle Sekten... Und hier die Adepten der Heilsarmee: sie singen Choräle... andere sprechen Gebete ..

All das unter freiem Himmel, zwei Schritt von einer der belebtesten Verkehrsstraften entfernt: Oxford Street (Marble Arch).

Alle die e Leute beten, fingen, predigen, halten Lobreden, sprechen Verdammnisse aus, formulieren Drohungen, schleudern Bannflüche...

Die meisten haben Zuhörer, manchmal entfpinnen sich Diskussionen. Einige sprechen ins Leere... niemand hört sie an ...

In Paris wären derartige Dinge unmöglich: man wurde alle diese Leute durch Witzworte und Spottreben umbringen... sie mußten die Flucht ergreifen.

In London ist es möglich, alles ist möglich...

Die Engländer haben einen solchen Respekt vor ber Individual,tat, einen so tiefen unb vollkommenen Sinn für die Unabhängigkeit... Und vielleicht auch... ein wenig Mangel an kritischem Sinn...

Zuerst findet der Fremde dies alles lächerlich, spater fmbet er, daß es köstlich ist... ,,

Wollen Sie bie Sensation der Freiheit erleben, wollen Sie sich an Freiheit vergiften, sich daran berauschen... so gehen Sie nach London: dort atmet man die Luft der Freiheit!

Niemand beachtet Sie, niemand wundert sich über irgend etwas.