Ausgabe 
21.10.1929
 
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Er stand in einem saalartigen Gemach des alten Hauses. Die Wände waren mit bücherschweren Regalen bedeckt, auf denen neben zierlichen Maroquinbänden gewaltige Folianten standen, außerdem aber seltsame Maschinen und Apparate, zahllose Flaschen und Gläser, mit Tieren, ab­sonderlichen Fischen und anderen Merkwürdigkeiten in Spiritus; in einer Nische lauerte das Skelett eines Menschen, auf einem gesonderten Brette war eine Sammlung von weißen und gebräunten Schädeln zu sehen, deren leere Augenhöhlen den jungen Stadtphysikus anstarrten.

Auf dem mächtigen Arbeitstische, der vom Kerzenlicht besonders erhellt wurde, war das behagliche Durcheinander des Arbeitstages eines Natur­forschers, ein paar hohe schmale Gläser mit präparierten Pflanzen, aufge- lchlagene Tafelwerke, Blätter mit Notizen bedeckt, und auf einem Holz­teller die Reste einer sezierten Pflanze, Pinzetten, Skalpelle und ein Ver­größerungsglas lagen dabei. Mitten darauf leuchtete aufdringlich ein Brief, offenbar der Unglücksbvief von Göttingen.

Auf einem Ruhelager, das in einem Winkel des Saales stand, lag ab­gewandt, wie ein Papierbausch, den ein einzelner Forscher zerknüllt und stsrtgeworfen hat, der Professor, den Kopf in die Ecke auf die Wand zu gepreßt. Ein kaum merkliches Lächeln flog eine Sekunde lang über das ausdrucksvolle Gesicht Reils, er dachte an die Würde des Geheimrats Reinhold Forster auf dem Katheder, aber das Lächeln war mit tiefer Menschenliebe gepaart, er fühlte heißes Mitleid mit diesem genialen, un­ordentlichen, leidenschaftlichen Manne, dem er als Schüler in den Natur­wissenschaften so viel verdankte.

So ging er mit sicheren Schritten auf den Liegenden zu, legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte ruhig:Ich möchte Ihnen, verehrter Herr Geheimrat, als erster meine Teilnahme an Ihrem Schmerz aus- fprechen!"

Bei der klangvollen Stimme, die über ihm tönte, fuhr der fünfund- techzigjährige Forster, wie aus einer Erstarrung erwachend, herum, starrte dann eine kleine Weile Reil an, blickte auf den Arbeitstisch, ergriff plötzlich die Hand des Arztes, hielt sie fest, wies mit der Linken auf den Unheilvollen Brief und drückte stöhnend sein vergilbtes Gesicht an die kühle Hand, die ihn trösten wollte.

Schon saß Reil neben ihm, wie ein Freund bei einem anderen, und legte:Das ist die Tücke des Schicksals, offenbart hat ihn eins dieser bösen Erkältungsfieber abgerufen, die jetzt in der ganzen Welt wüten!"

Fast lebhaft richtete sich der Professor auf:Eine Tücke, meinen Sie, ein Zufall, als ob ihn auch zufällig ein Ziegel von einem Hausdach oder ein Baum erschlagen habe? Ein dummer elender Zufall, meinen Sie?"

Ja, so meine ich, eine Infektion, die ihn gerade so gut nicht hätte treffen können!"

Da ließ Reinhold die Hand des Trösters los und weinte wie ein Kind; die Tränen erschütterten ihn, aber Reil sah, wie die gefährliche Er­starrung in den Zügen und in der Gestalt des alternden Herrn sich lösten und einer befreienden Wehmut wichen.

Noch weinend begann Forster in abgerissenen Sätzen von seinem Sohne zu reden:Damals, als ich noch als armseliger Pfarrer in Nassen- huben bei Danzig saß und mit Gott und der Welt haderte, da hatte ich einen holden Trost, meinen Sohn Georg. Ich hatte auch andere Sühne und Tochter, dieser aber, sagte mir eine innere Stimme, wird das schaffen, was dich zu schaffen das Schicksal hinderte, er wird, was du nicht konntest, die Leiter an den goldenen Baurn des Lebens stellen und die Früchte glücken. Ihn bildete ich aus, ihn lehrte ich alles, was ich konnte. An meinen Folianten lernte er gehen, mit acht Jahren konnte er lateinisch, französisch, russisch. Mit ihm streifte ich durch die Wälder, lehrte ihn kennen, was kreucht und fleucht, und war glücklich, als ich sah, wie dieser Junge alles das, was mir schwer wurde, spielend auffaßte, wie Geist und Herz bei ihm aufblühten wie eine seltene tropische Blume!"

Und sie hat Frucht getragen," schob Reil leise ein,wir alle ver­ehrten ihn als einen Meister unserer Sprache, seineWeltumseglung mit Cook", seineReise nach dem Niederrhein und nach Flandern", seine zahlreichen anderen Werke sind unsterbliches Gut!"

Und meine Träume, die Träume eines in Nassenhuben bei Danzig festgenagelten Pfarrers mit zweihundert Talern Gehalt, Träume von fremden Ländern und Menschen, von Weltfahrten, von Südseeinseln, träumte er mit. Da plötzlich wurde aus den Träumen Wirklichkeit. Die Kaiserin Katharina rief mich nach Rußland, um den deutschen Kolonien an der Wolga eine Verfassung zu geben, einen Sommer lang streiften wir durch das russische Waldland, sammelnd, forschend, mein zehnjähriger Sohn Georg fast eifriger als ich. Die Kaiserin hatte versprochen, aber sie hielt nichts, für die Arbeit eines Jahres sah ich nichts, nicht einmal die tausend Rubel, die mir als Reisegeld zugesichert waren. Aber mein Junge tröstete mich, auch als ich nach England Übergefiedelt, mich mit Feder und Unterricht durchleppern muhte, half er schon mehr als man ahnen konnte. Und dann kam die große Erfüllung, ich durfte Cook auf seiner zweiten Weltreise begleiten, mein Sohn Georg war dabei, der Achtzehnjährige. Mit offenen Augen und offenen Armen tauchte er in das Goldlicht von Tahiti. Drei Jahre! Wie liebten ihn alle, wie wußte er alles, wie konnte er alles in herrliche Worte fassen!

Da stand ich am Ziel, mein Leben sah ich in diesem kraftvollen, genialen Sohn verlängert, vergrößert, erhoben. Was ich nicht konnte, er würde es erreichen, was ich nicht sagen und dichten konnte, ihm war es gegeben. Hoffnung umstrahlte uns damals, ihn wie mich. Nach England zurückgekehrt, begann der leidige Streit mit der Admiralität, die mir ver­bieten wollte, die Reife in einem Werke zu schildern. Mein Sohn tat es, Sie kennen es. Aber nun war kein Glück mehr für meinen Sohn, es war, als wenn Tahiti alles Glück, das ihm für fein Leben gegeben war, aufgezehrt habe.

Für mich gelang es ihm, ein Plätzchen zu finden, denn, mein lieber Reil, wenn ich hier sitze, fo verdanke ich es meinem Georg. Und er selbst, er hing sich an diese unglückselige Therese Heyne, die ihm schon als Ver­lobte untreu war und untreu nachher. Er war Professor in Kassel, in Wilna, schließlich Bibliothekar in Mainz. Ein solches Genie wie er schlüpfte als Bibliothekar unter! Ein solches Herz, solche Menschenliebe, soviel Güte verblutete sich, um Therese, diese geistreiche Wetterfahne, für

sich zu gewinnen. Seine Herzensgüte geht fo weit, daß er, der selbst keinen rechten Wirkungskreis hat, für den ersten Liebhaber ebenso wie für den zweiten mit Aufbietung von viel Zeit und Mühe Stellen zu besorgen versucht. Man glaubte es nicht, man sagte, das muh kein Mann sein, und doch war es nur dies in Menschenliebe bebende Herz, das immer unglück­liche Herz, das ihn trieb. Und zuletzt in Mainz. Das war die Zeit, da ich mit ihm brach und mir (eine Briefe verbat, ich, der ich ihn kannte und jede Woche wartete, daß er mir schreiben würde, das ganze Jakobiner­wesen sei ihm wie ein wüster Traum versunken, wie vorher schon ein­mal das mystische Rosenkreuzertum, das er abgeftreift hatte wie ein falsches Kleid. Aber es blieb länger als ich dachte. Das Forstersche Haus in Mainz wurde die Herberge der Jakobiner, Therese blies in die Flamme, vielleicht ahnte die Schlaue, daß sie meinen Sohn töten würde ... damit sie sich dann anderen verbinden könne!"

Und dann," fiel Reil mit dunkler Stimme ein,kam das tief Be­klagenswerte: Georg Forster, einer der besten Schriftsteller, der Dichter, der von Politik kaum etwas ahnte, stürzt sich in den Strudel von Paris und verkündet als Abgesandter von Mainz jene schreckliche Proklamation an den Konvent, in der der Anschluß des rheinisch-deutschen Volkes an Frankreich gefordert wurde. Sie trieft von Tyrannenblut, und an diesem Tage hat der Konvent die Aufnahme der Rheinlande in die französische Republik erklärt!"

So ist es!" sagte Reinhold Forster leise,aber er wäre zurückge­kommen, er hätte durch doppelte Liebe ... Doch er ist ja tot, das liebe Herz hat aufgehört zu schlagen, ich werde ihn nie mehr sehen! Mir ist es, als ob mein Stamm erloschen fei!" Und begann wieder erschütternd zu meinen.

Sie versündigen sich, mein verehrter Herr Geheimrat," sprach Reil bestimmt,sind Ihre anderen Kinder nicht blühend, ist Ihr zweiter Sohn, der junge Forstrat, nicht ein Muster von Mann? Kennen Sie die Wege der Vorsehung? Ich will ein Bibelwort sinngemäß anwenden auf Ihren Schmerz und Sie und Ihren Sohn:Und wenn ich mit Menschen- und mit Engelszungen redete und hätte der Vaterlandsliebe nicht, so wäre ich ein tönend Erz und eine klingende Schelle!" Ihr genialer Sohn Georg war ein Weltbürger, er war in England, in Tahiti, in Frankreich, Gott weiß wo zu Hause, aber, kaum in Deutschland, wurde sein Weltbürger­tum sein Schicksal ..., wie es in gewissem Sinne und mit Bescheidenheit gesagt, auch das Ihrige ist. Nur, daß Sie einen Friedrich von Preußen sanden, der groß genug war, Sie als Professor in fein Land aufzu­nehmen, er aber nur eine Therese Heyne, die ihn weiter in den Abgrund trieb, immer weiter ab vom Feld, auf dem unsere Liebe wachsen muß, vom Vaterland, von Deutschland! Sehen Sie, Ihr Stamm blüht, Ihr Sohn, der Forstrat, ist ein Prachtmensch, und wenn er auch keine welt­bekannten Bücher geschrieben hat, in ihm lodert die heilige Flamme des Vaterlandes, die bei Ihnen nur glimmte, bei dem Verstorbenen aber in die Jrrnis züngelte. Wenn ich dem Forstrat die Hand gebe, weiß ich, das ist ein deutscher Mann auf Leben und Tod. Und das ist ein großer Gewinn, ein Gewinn auch ein Aufstieg für Ihren Namen, von dem Sie eben in Ihrem verständlichen Schmerz sagten, daß Sie ihn mit Georg als erloschen empfinden!"

Forster blickte dem Stadtphysikus, der aufgerichtet vor ihm stand, lange und tief in die Augen und ergriff feine Hand. Reil drückte seine fest und sagte langsam:Erlauben Sie ein freies Wort! Begraben Sie, verehrter Lehrer, mit Ihrem Sohn Georg das Weltbürgertum und ent­decken Sie, erfahrener Weltfahrer, das deutsche Vaterland, das auf Män­ner wartet, die es finden wollen!"

Nero sehnt sich nach den Pyramiden.

Kleine Geschichte von Mensch und Tier.

Von Peter Peppermint.

Brausend donnerte der endlose Eisenbahnzug mit den riesigen weih und rot gestreiften Wagen, die alle die AufschriftThe Worlds Greatest Zoo on Roads C. B. Dikkermiller, Scanton, Penns. trugen, durch die Gefilde des südlichen Karolina. Und richtig, da, wo der sonst so schnur- gerad laufende Schienenstrang die kleine, eigentlich unnötige Kurve in den Baumwollplantagen des Tobias Lincoln Beveridge macht, da gerieten die Wagen, durch deren enge Luftspalten sich kalte Eisbärenschnauzen und lange Pavianfinger quetschten, ins Schlenkern. Das ist übrigens dieselbe Kurve, um beretroiUen der junge Nash Roy Coddelbear schon feit einigen Jahren den Prozeß gegen die Eisenbahngesellschaft im Schadenersatz eines seinem Vater Henry Roy Coddelbear gehörenden Goldzahnes führt. Der Alte hatte sich vor langen Jahren just in dieser Kurve eine neue Pfeife angeftedt. Der Ruck in der Kurve bewirkte, daß er sich auf den künstlichen Zahn biß, wodurch dieser den Halt verlor, heraussiel und im Wagen nicht aufzufinden war. Er verklagte die Eisenbahngesellschaft auf Schadenersatz. Da der Alte, als er starb, seinem Sohne lediglich einige Millionen Pfunde, aber keine Arbeit hinterlassen konnte, beschloß der Sohn, den Prozeß, der in allen möglichen Instanzen bereits viele Tausende gekostet hatte, aus Pietät zu einem glücklichen Ende zu führen.

Kurz, in dieser Kurve roars ... Auf einem der letzten Wagen lag obenauf ein kleiner Tierkäfig, einer alten großen Margarinekiste nicht ganz unähnlich, der an der Kurve schwankte, den haltenden Strick durch- scheuerte und goddam! sich vorn Wagen löste und den niedrigen Damm hinunter mitten in Tobias Linccoln Beveridges Baurnwoll- sträucher kollerte. Weiter schoß der Zug, und keiner mochte gesehen haben, daß da zwei Zentner ober mehr zurückgeblieben waren. Der alte Löwe Nero war zunächst auch ganz verdutzt, als er mitsamt seiner engen Be­hausung sich in den Baumwollsträuchern wiedersah, die Pfote ein wenig verstaucht, der Kopf mit der einst fo stattlichen Mähne, die aller­dings jetzt schon ein wenig an einen von Motten heimgesuchten Bettvor­leger erinnerte, etwas demsig, der Käfig an der einen Ecke etwas lädiert, aber viel zu wenig, um mehr als die Rudimente der Schwanzquaste oder allenfalls eine Pfote hindurchzuzwängen, das Eisengitter unversehrt, so daß Nero also vorläufig von einer größeren Bewegungsfreiheit als zuvor nicht sprechen konnte. Wenn man aber ein älter Berberlöwe ist und