Ausgabe 
21.10.1929
 
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Jahrgang 1929

Montag, den 21. Oktober

Nummer 82

GiefMiFamilienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Vater und Sohn.

Zu Reinhold Forsters 100. Geburtslage.

Von Frank L y s k i r ch e n.

Johann Christian Reil, der kaum dreißigjährige Stadtphysikus von Halle und Nervenarzt, war in die mit sauberen schwarzweißen Stein­platten ausgelegte Diele des Forsterschen Hauses getreten. Der hochgewach- sene Friese stand vor der rundlichen Frau Professor, die ihm tränenüber- strömt flüsternd ihr Leid klagte. Gestern war von einem Korrespondenten aus Göttingen die schreckliche Nachricht eingetroffen, daß Georg Forster, der älteste Sohn, vor ein paar Wochen einsam in Paris gestorben fei; und nun liege der Vater, der Professor, in schweigendem'Schmerz da, wolle nicht essen, niemand sehen, von nichts hören; sei er aber allein, ammere er laut vor sich hin und klage sich an, weil er vor ein paar Jahren aus verschiedenen Gründen mit dem Sohne, der in Mainz immer mehr ins Fahrwasser der französischen Revolution und des Jakobiner­tums gekommen war, gebrochen hatte. Er falle zusehends zusammen, und bei seinem Alter und seinem schwankenden Gesundheitszustände sei Schlimmes zu befürchten.

Reil hörte schweigend zu, er blickte in das Oellicht, das still und rein den Raum erhellte; dann fragte er kurz:Und er liegt im Dunkeln, Frau Professor?"

Als diese bejahte, sogar beschrieb, daß er sich Licht in großer Erregung verbeten habe, sagte Reil bestimmt:Geben Sie mir einen schönen Leuch­ter mit kräftigen Kerzen!", und zündete die beiden Wachslichter mit einem Fidibus am Oellichte an und schritt, ohne daß Frau Forster ihm folgte, in das Zimmer, das sie ihm wies.

..4 Heimatgefühl muß auch in jedem herrschen, denn es ist une

ech.^ustinkt geworden, allerdings nicht mehr jener materialistische In- k'^t. der beim Tiere waltet, sondern jener seelische, geistige Trieb, den die Einheit der Umgebung und unseres körperlichen wie intellektuellen Daseins in uns wachruft. Cs ist fast unmöglich, das Heimatgefühl begriff- verstandesmäßig zu umgrenzen, festzulegen, es ist ebenso schweifend und machtvoll wie das Lebensgefühl in uns, wird dlefes doch oft gestört, wenn das Heimweh an uns nagt. Wir haben auch nicht notig, uns eine klare Vernunftvorstellung von dem Heimatgefühl zu machen, weil wir alle es in uns tragen, wir alle es kennen, weil es in uns lebt, ohne daß wir die Macht haben, es zu beherrschen. Wir können m der herrlichsten Landschaft bei dem schönsten Wetter unter den liebens- wertesten und uns nächsten Menschen bei vollkommenster Sorgenfreiheit PB6"- c,s wird uns plötzlich doch eigen zumute, wenn jemand fragt, wie es jetzt daheim ausfchauen mag, oder wenn plötzlich eine Erinnerung an uns vorub erzieht, auch ohne daß sie laut wird.

Nicht das, was wir empfinden, ist das Wesentliche des Heimatqefühls, wenn wir einem Fremden unsere Heimat zeigen, sei sie auch noch so arm- selig und schlicht, sei sie auch noch so bar jeder äußeren Vorzüge, sondern eben lenes Gefühl der Zusammengehörigkeit mit dem Boden und jene tiefe Sehnsucht. Wie leer und schal erscheint uns das Leben, sind wir ge­zwungen, es in fremden Diensten, unter fremden Menschen, auf fremdem Boden zu verbringen! Für unsere Heimat und in ihr sind ro!r mutig, stark und sicher, tun hier alles. Die eigentlichen Volkskriege, wie die Befreiungskriege, sind Kämpfe um das Heimatgefühl, man will nicht mehr ein Fremdling fein in feinem Vaterlande. Am unlöslichsten ist der Bauer mit seiner Heimat verbunden: hat er auch einmal jene Sehn- sucht nach der Ferne, sie wird stets schnell befriedigt sein, denn ihm geht nichts über seine Scholle.

Und mit Recht! Man kann nichts mehr beklagen, als daß die heutige Entwicklung und Not die Macht des Heimatgefühls brechen zu wollen scheint. Reißt dem Menschen die Heimat aus dem Leben, so dünkt ihn nichts mehr lebenswert. Bodenständigkeit ist nicht nur die Grundlage aller Kultur, sondern auch die aller Lebensmöglichkeit. Allein auf unserer Scholle, in unserer Heimat kommen wir zum vollen Bewußtsein unserer stlbst, unserer seelischen Kräfte, zur Erkenntnis des Göttlichen, das im Menschen ruht. Freilich ist damit nicht gesagt, daß man sich nie aus der Heimat entfernen solle. Das wäre eine falsche Schlußfolgerung; im Gegen­teil, tue Ferne, die Fremde lehrt uns erst die Heimat lieben, und man kann nur jedem jungen Manne wünschen, daß er sich den Wind ein paar Jahre draußen in der Welt um die Nase wehen lasse.

Man kann sich aber auch freuen über unsere Zeit, denn sie hat den Wert des Heimatgefühls erkannt, und sie handelt bisweilen danach. Die Auswanderungslust wächst bei den heutigen Verhältnissen in Deutschland leider von Tag zu Tag. Alle die, die unser Vaterland, ihre Heimat in ihren schwersten Tagen im Stich lasten wollen, gilt es zu mahnen: Denkt daran, daß auch in euch eines Tages das Heimweh, das Heimatqefühl wieder aufwachen wird! Dann beklagt euch nicht, wenn euch die Heimat dann nicht mehr rufen sollte!"

Herbsttag.

Von Adolf Georg Bartels.

O daß ich euch allen, Meine Brüder, in die Arme fallen Und sagen könnte, was mich schwellt!

Nichts weiter: ich bin übers Feld Gegangen, das sich herbstlich gilbte. Ein dickes Spatzenweibchen tschilpte.

Die Jungens ließen Drachen steigen. Gerundet hingen an den Zweigen Die blauen Pflaumen, und ein alter Mann Band feine Apfelbäume an.

Am Himmel ging die Sonne nach Haus, Die ganze Welt sah friedlich aus Und lächelte nach dem vollbrachten Tage.

Nichts weiter ...: kommt, daß ich euch sage. Wie michs gewaltig aufgewühlt. Und wie ich euch zutiefft gefühlt!

Heimatgefühl.

Von Hanns Martin Elster.

Vor gar nicht langer Zeit fuhr ich auf einer Kleinbahn, die mich bei ihrer Schmalfpurigkeit und der Leichtigkeit der Miniaturwagen ordentlich durchschüttelte, so daß ich innerlich schimpfte. Ich merkte bald, daß der einzige Mitreisende in meinem Abteil das auch tat; ich hatte ihn schon von Anfang der Reise an beobachtet und darüber nachgegrübelt, was dieser Amerikaner, denn das war er nach der Art seiner Kleidung und seines Benehmens, wohl auf der Kleinbahn in diesem entlegenen Winkel zu suchen hatte; einBusiness" war doch in dieser Gegend nicht zu machen, zu einer Jagd schien er auch nicht zu reisen, denn er hatte weder den notwendigen Schießprügel unter seinem Gepäck, noch war er ent­sprechend gekleidet. Als uns der ratternde Wagen an einer Kurve ein­ander in die Arme schleuderte, war die Anknüpfung zu einem Gespräch gefunden, und der Amerikaner gestand mir bald, daß er seinem Heimat­dorfe entgegenfahre, nach mehr als dreißigjähriger Abwesenheit und Ar­beit im neuen Weltteil. Dort habees" ihm die ganzen letzten Jahre keine Ruhe mehr gelassen, er sei unbefriedigt von seiner Umgebung wie von seiner Tätigkeit geworden, unter seine nüchternsten Gedanken und Berechnungen hätten sich Erinnerungen aus feiner Jugend gemischt, und seine Phantasie hätte unaufhörlich die Bilder real längst bedeuieungsloser Stätten in ihm wachgerufen. Er hatte nicht mehr bleiben können !

Dieser Amerikaner wir wissen es alle steht nicht allein da; es ist typisch für alle Ausgewanderten, in die Ferne Verpflanzten, daß sie sich nach Hause" sehnen, wenn das Alter naht; ebenso tyisch wie das Ge­fühl der Ferne, das die überfällt, die immer in der Heimat leben, und das diese fast mit dem Boden Verwachsenen hinaustreibt in eine neue, fremde Umgebung. Aber waren sie einige Wochen auf Reisen, so erwacht auch in ihnen das Heimweh, auch in ihnen der Widerwille an allem Fremden, Neuen und das Altgewohnte, von jeher Besessene, erscheint schöner, reicher und auch wertvoller.

Und es ist auch das Wertvollste, was der Mensch hier auf Erden hat: die Heimat. Das ist ja wohl das Beklagenswerteste, was es gibt, heimat­los zu fein oder zu werden. Seit Urzeiten gilt die Verbannung aus der Heimat für eine der größten Strafen, die den Menschen treffen können. Das Heimatgefühl gehört zu denselben Regungen wie die Sehnsucht nach Religion. Hier ist es das Jenseits, das uns ruft, dort die Erde, nicht als Materie, sondern als unser Erlebnis. Wir sind nicht zu trennen von dem Fleck, auf dem wir geboren oder erzogen wurden, und haben wir die ersten zwanzig Jahre unseres Lebens an einem Orte verbracht, so wer­den wir die übrigen fünfzig Jahre unseres Daseins die Merkmale dieses Ortes nicht verlieren. Immer inniger kehren wir dorthin zurück, wo wir einst auf das Meer des Leben mit tausend Masten ausfuhren: wir kehren zurück mit einem Wrack, aber dieses Wrack ist stets fähig, noch das zu tragen, was wir uns selbsttätig erwarben, was wir erlebten.

Welche Sühne wußte Gott, um den Brudermörder zu strafen? Keine andere als diese:Unstet und flüchtig sollst du fein auf Erden!" Kain, der erste Heimatlose, aber antwortete:3u groß ist meine Strafe, um sie 3U ertragen." Und wer ein Mensch ist, der erträgt auch diese Strafe nicht; es sind übermenschliche Kräfte, die zur Besiegung der Unruhe des Heimat- wsen erforderlich sind; ober es sind Gefühlsbarbaren, die sich über solche Verbannung hinweasetzen; wo sich aber noch ein menschliches Gefühl regt, und fei es das abschreckendste, fei es Gemeinheit, Bosheit, Tyrannei, das Heimatgefühl herrscht auch in olchen Seelen.