Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot.
tO'’(Sott[ieb setzte sich in der Schenke gleich an den ersten Tisch, forderte sechs Zigarren, diesmal aber zu fünf Pfennig das Stück, und ließ sich eine größere Flasche füllen. Ein paar alte Zechbrüder, die sich noch genau ; seines durstigen Vaters erinnerten, rückten zu ihm und lobten ihn laut, : daß er nun endlich Miene mache, ein ordentlicher Kerl zu werden. Das gefiel ihm so sehr, daß er ihnen immer von neuem die Flasche füllen lieh.
- Druck und Verlag: Drühl'fche Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange. ®,e6cn'
Oben hui, unten pfui! ~ ,, . „ t,
Kurzum, sie stritten sich noch eine Weile um Kathrina Krauses liche und vermeintliche Vorzüge und Fehler, wurden aber mch e>mg.
In der Folgezeit hütete sich Katharina Krause, Mu ter ®Wn « die Augen zu kommen, und Gottlieb vermied es, au^Kathrmas " hin, mit seiner Mutter über den Punkt zu sprechen. So zog wenig! s äußerlich wieder die Ruhe in Mutter Schulzens Leben em> mner.-v : aber kochte sie noch immer mit gleicher Heftigkeit. Die Glut ihre i aber lieh das Gefäß ihres Lebens langsam zerbröckeln.
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Aber die Zigarren rauchte er selbst, immer eine nach der andern. Cx wurde lustig, schlug auf den Tisch, daß es dröhnte, zum Kartenspielen aber kam es nicht, denn er konnte trotz aller Belehrungen die Bilder nicht mehr ordentlich unterscheiden. Er sah nach der Wanduhr, doch es hals ihm nichts, die Ziffern tanzten ihm vor den umflorten Augen immer im Kreise herum. Das deuchte ihm denn doch etwas wunderlich und er ging bald hinaus in den klaren Frühlingsabend.
Seine Brust dehnte sich im Vollgefühl feines außerordentlichen Mutes. Nun hatte er doch gezeigt, was er konnte! Es kümmerte ihn wenig, daß die beiden Taler zu einigen Groschen zusammengeschmolzen waren. Er wußte, daß er das Fehlende im Kopfe hatte, denn er war ihm schwerer als sonst. Bald nach rechts, bald nach links zog er ihn, daß er zuweilen gegen den Zaun lief.
Plötzlich blieb er stehen, denn es kam ihm jemand mit zwei großen Eimern entgegen. Er wollte die beiden Eimer nicht gern aus dem Gleichgewicht bringen, trat auf die Seite und strengte sich vergebens an, seine widerstrebenden Gedanken unter einen Hut zu bringen. Es war ein Mädchen, das sah er wohl. Daß es aber Kathrina Krause war, das sah er nicht. Jetzt stellte sie die Eimer hin, um auszuruhen. Gottlieb machte ein paar Schritte auf sie zu. Kathrina hatte ihn längst bemerkt und lockte ihn an sich, indem sie leise seinen Namen rief. Da ging in Gottliebs dunklem Schädel ein Helles blendendes Licht auf. Er nahm sie bei der Hand, zog sie zu sich und wollte ihr einen Kuß geben. Doch ehe er noch dazu kam, riß sie sich von ihm los und stieß ihn mit beiden Fäusten zurück, daß er gegen den Zaun taumelte. Gottlieb fand das recht sonderbar und seltsam, aber sie zischte ihm ein paar Worte des Abscheus ins Gesicht, die ihn über ihre augenblickliche Abneigung hinreichend aufklärten. Dann nahm sie ihre Eimer auf und ging davon, so schnell sie nur konnte.
Gottlieb sann lange nach, ob er auch wirklich betrunken war, aber seine Gedanken fuhren ihm durcheinander, wie die Bienen beim Schwärmen. Er kroch ins Bett und halte beim Einschlafen dasselbe Gefühl wie jener, der auszog ein Königreich zu gewinnen und unter dem Galgen aufwachte.
Am nächsten Morgen traf er Kathrina Krause zwischen den keimenden Feldern hinter dem Dorfe und versöhnte sich mit ihr. Nur muhte er ihr versprechen, nicht wieder über den Durst zu trinken. Das war ihm eine Kleinigkeit, denn sein Kopf dröhnte noch von gestern wie ein Faß, in das ein Dutzend Hornissen geraten ist.
Aber er hielt auch Wort. Die Samstagzigarre schmauchte et nach Feierabend vor Thielschers Hoftor, und Kathrina Krause ließ es sich viel zu gern gefallen, wenn er ihr einmal die blauen Augen voll Rauch blies. Mutter Schulzen aber bekam von der teuren Leidenschaft ihres Sohnes nichts mehr zu sehen und zu riechen. Und wenn sich Gottlieb wieder mit ihr vertragen lernte, so war es der besänftigende Einfluß Kathrinas, die fortwährend zum Guten riet.
Mutter Schulzen merkte, daß Gottlieb anders geworden war, und forschte eifrig, wer die Ursache sei, denn daß ein Mädchen dahinter stecke, darauf führte sie bald die mütterliche Eifersucht. Auch bürstete sich Gottlieb zu viel des Sonntags die Stiefel, zeigte überhaupt einen Hang zur Eitelkeit, der seine nur aufs Nützliche gerichtete Erziehung Lugen {trä te. Mutter Schulzen, von Verdacht und Neugier gleichermaßen geplagt, schlich ihm eines Abends nach und fand ihn mit Kathrina Krause im geheimnisvollen und eifrigen Geplauder am Grabenrande vor Th.Aschers Hos- tOr Allein blutarmes Mädel, das nicht mehr zu eigen hat als das Hemd auf dem Leibe, wollte er sich also verplempern! Der Gedanke machte sie wild. Leichtsinnig war sie auch, denn wer so unklug lachen konnte, der war alles andere, nur keine Hausfrau, die zusammenhielt und mitver- diente. Und diesem Schandmädel sollte sie ihre sauer ersparten Taler lassen! Mutter Schulzen ballte die Hände und legte sich be, ihrem -..W- haufen in den Hinterhalt. Sie wollte es Gottlieb schon austreiben.
Der ahnte nichts von dem drohenden Verhängnis. Als Kathrina genug geschwatzt hatte, begleitete sie ihn nach Hause. Vor Mutter Schulzens Häuschen nahmen sie lange und umständlich Abschied voneinander, als sollten sie sich eine Ewigkeit nicht wiedersehen. Plötzlich aber sprang, wie Rieten aus dem Busch, Mutter Schulzen aus ihrem Versteck hervor, di- Rechte mit einem Birkenzweig drohend bewaffnet. Diesmal hatte sic es auf Katharina Krause abgesehen. Doch Gottlieb sprang dazwischen und fing den Streich mit seinem breiten Rücken auf. Das war der letzie Schlag, den er von feiner Mutter bekam, der Ritterschlag, der ihn zum Manne machte. Er wand ihr den Zweig aus der Hand, nahm sie fe|tm die Arme, daß Kathrina Krause ungefährdet entfliehen konnte uno ms Mutter Schulzen ihrem Aerger durch allerhand starke Schimpfreden uc« die hergelaufene Dirne Luft machte, legte sich ihr Gottliebs breite Han höflich aber bestimmt auf den Mund. ■<.,
Dann führte er sie ins Haus, fetzte sie auf den Stuhl, und teilte Y mit, daß er Kathrina Krause freien würde, sobald er seine Milimriay hinter sich hätte. Mutter Schulzen war geknickt, sie weinte wie ein muw zum ersten Male fühlte sie ihre Schwäche und Ohnmacht. .,
Gottlieb gab ihr gute Worte, um sie zu beruhigen. Was für ein. mq tiges Mädchen Kathrina sei und wie sie sich auf die Wirtschaft verston^ Auch sauber und nett sei sie immer. Aber damit kam er bei JJI« Schulzen schön an. Putzsüchtig sei sie wie ein Pfau und bringe nichts mm als das Hemd auf dem Leibe. Und wer weiß, wieviel Locher das ha -
Fett wird entfernt und die Operationsnarben verwachsen meist so gut und sind so geschickt angebracht, daß sie fast unsichtbar bleiben.
Wenn man die Operateure fragt, wer sich denn solchen Korrekturen unterziehe, so hört man immer wieder: natürlich häufig Bühnenkünstler und Künstlerinnen, Tänzerinnen, aber auch viele Frauen gerade mittlerer Kreise, Frauen und Töchter von Aerzten, Sportsleute, Menschen, denen die Schönheit sicher nicht ein Luxusbedürfnis ist, die einfach das Bewußtsein der Entstellung, der Häßlichkeit als Lebensuntüchtigkeit empfinden und nicht zu vergessen die vielen, die sich gegen die Kürze und Einmaligkeit des irdischen Lebens wehren, die das Alter fürchten.
Wenn man aber das Problem auch von dieser Seite her durchdacht hat, dann muß man mit allem Ernst die Frage stellen: ist der Kampf gegen Dinge, die unser inneres und äußeres Dasein so tief durchdringen und stören können, wirklich Luxus?
Mutter Schulzen.
Erzählung von Ewald Gerhard S e e l i g e r.
(Fortsetzung.)
Gottlieb begann sich die Welt genauer anzusehen und fand sie recht schön und gut, nur Mutter Schulzen, wollte nicht hineinpassen. Da nahm er sie eines Abends ins Gebet und fragte sie auf den Kopf, warum sie sich denn so abrackere und das Geld zusammenhamstere, sie hätte es doch nicht nötig und solle sich lieber pflegen und sich was gönnen. Diese Frage kam Mutter Schulzen unerwartet, und unter Stöhnen rang sie sich das Geständnis ab, daß sie es nur für ihn täte. Dafür bedanke er sich bestens, aber er brauche es nicht, denn nächsten Samstag bekäme er fein erstes Wochengeld. Jetzt muhte Mutter Schulzen deutlicher werden. Sie tue es, daß er später nicht mit leeren Händen dastände, wenn sie nicht mehr fein werde, daß er sich nicht an ein armes Mädel wegzuwerfen brauche, sondern Ansprüche machen könne. Im Geiste sah sie ihren Gottlieb schon als Besitzer eines mehrhufigen Bauerngutes. Gottlieb huschte für einen Augenblick das Bild Kathrina Krauses durch den Sinn, er schwieg und überließ Mutter Schulzen ihren Zukunftsplänen.
An demselben Samstag, an dem Gottlieb sein erstes selbstverdientes Geld empfing, zog Kathrina Krause zum Bauern Thielscher in Dienst als Kleinmagd. r, . . _ .,
Gottlieb hatte zwei harte Taler und einige Groschen in der Tasche und kam sich sehr wichtig vor. Er hatte vor sich selbst Respekt, und, das ist immer ein wunderschönes Gefühl, besonders wenn man noch recht jung und grün ist. Er fühlte außerdem den Drang in sich, seinen Wert den Leuten eindringlich vor die Augen zu führen, und kaufte sich zu diesem Zweck eine Dreipfennigzigarre, die er mit einer Sicherheit in Brand steckte und mit einer Kaltblütigkeit rauchte, als hätte er von feiner Geburt an nichts andres getan, als diesem Laster gefrönt. Mit bedeutsamen Schritten hielt er sich in der Mitte des Fahrdammes und stieß seinen Dampf gravitätisch nach rechts und links, daß keine der beiden Häuserreihen zu kurz kam. Als er so in die Dorfstrahe einbog, dünkte er sich nicht geringer als der Schah von Persien, der seine dreiunddreißig Hofe mit Golddukaten pflastern ließ.
Mit gewichtigen Tritten stapfte Gottlieb über den Hausflur, druckte mit wuchtiger Faust die Tür auf und trat in die Stube, wobei er eine mächtige beizende Dampfwolke ausstieß, die zufälligerweise Mutter Schulzen mitten ins Gesicht flog. Die stand wie versteinert und stierte ihn mit uen rotgeränderten Augen an wie ein Gespenst aus einer andern Welt. Gottlieb stellte sich breitspurig vor sie hin und schickte ihr einen zweiten der wohlriechenden Rauchschwaden direkt auf die Spitze der ftarfgetrümmten Nase. Mutter Schulzen sollte von der guten Zigarre auch ihren Teil abhaben! m ,
Doch Wut und maßlose Entrüstung über die unerhörte Verschwendungssucht ihres ungeratenen, zigarrenvertilgenden Sohnes ließen sie dessen gute Absicht gröblich verkennen. Sie nahm es für giftigsten Hohn, und schon sauste ihre harte Hand heran und traf zwischen Ohrlappen und Mundwinkel des Rauchenden linke Gesichtshälfte, daß sie sich sofort dunkelrot färbte. Der Glimmstengel entfloh den erschreckten Zahnen und verkroch sich in die finsterste Ofenecke. .
Auf einen solchen Empfang war Gottlieb nicht vorbereitet. Er rieb sich die getroffene Stelle, nahm vor Verlegenheit die Mütze ab, fuhr sich zweimal durch die Haare und setzte die Mütze wieder auf. Der kindliche Gehorsam und der Trotz der erwachenden Männlichkeit kämpften einen schweren Kampf. Als Mutter Schulzen das Geld herausforderte, drehte er sich auf dem Absatz herum, ging hinaus und warf die Tur ms Schloß, daß sie in allen Fugen krachte. Dann lief er in den Garten, legte die schmerzende Wange an den kühlen Stamm des blühenden Butterapfelbaums und überlegte, wie er feiner geschändeten Ehre Genugtuung verschaffen könnte. , ......
Mutter Schulzen aber suchte mit dem Oellämpchen die verschüchterte Zigarre aus dem schwarzen Reisighaufen hinter dem Ofen heraus, stippte sie in den Wassereimer, wo sie entrüstet ihren Brand auszischte, wickelte sie sorglich in eine leere braune Salztüte und versteckte sie auf dem Kleiderschrank zwischen allerhand Gerümpel.
Unterdessen war Gottlieb zu einem fürchterlichen Entschluß gekommen. Er setzte sich die Mütze aufs linke Ohr, steckte die Hände möglichst tief in die Hosentaschen, klimperte herausfordernd mit den beiden Talern und ging auf dem kürzesten Wege ins Wirtshaus. Wirtshaus und Hölle waren bei Mutter Schulzen gleichbedeutend, und wenn sie gewußt hatte, wohin es Gottlieb zog, hätte sie sich auf der Stelle vom Schlag rühren


