Sprache bereiter wenn durch die Parabolik der Fabel nicht seiner Wart» kunst das entscheidende Merkmal geschenkt worden wäre. Das Leben und Treiben der Menschen, ihr Lieben und Hassen, ihr Tun und ihr Leid in den Bildern der Fabelwelt, zunächst in den Vorgängen der Tierwelt zu sehen, ist der Kernpunkt von Lessings Bildlichkeit. Weit umfangreicher ist das Gebiet, aus dem- andere Dichter ihre Bilder holen. Doch selbst Goethe entgeht da der Gefahr nicht, Deutlichkeit des Gedankens zugunsten kunstvoll geschauter, aber dem Verstände zuweilen schwer-faßbarer Metaphorik preiszugeben. Je kühner die Phantasie das Bild formt, je mehr sie auf ein empfängliches und willig nacherlebendes Gefühl rechnet, desto leichter opfert sie den klaren Verstandesumriß. Wem helles Licht so lieb ist wie Lessing, der gibt unbedenklich einen guten Teil schöpferischer Bildformung auf. Symbolik, wie sie dem Gottesglauben eignet, lag ihm vollends fern. Folgerichtig wandelte sich ihm auch Religion ganz in Sittlichkeit um. Als Schleiermacher später der Religion neben der Sittlichkeit wieder volles Lebensrecht gewann, gelangte er zu einer Begriffsbestimmung von religiösem • Gefühl, die für Lessing bedeutungslos gewesen wäre. Hätte Lessing nicht Schleiermacher die Worte Nathans entgegengehalten, daß andächtig schwärmen leichter lei als gut handeln?
Herder schwelgt in tiefbewegteil grenzenlosen Gefühlen. Er ist da urverwandt mit K l o p st o ck, und wird mit Klopstock Erzieher einer neuen Jugend, der die Kunst vor allem Grsühlserlebnis und nicht ver- standesstrcnge Gestaltung ist. Sie spielen gegen Lessings Versuche, das Wesen der Künste und der Dichtungsgattungen begrifflich zu umschreiben, ihre Andacht für das Gefühl aus, das den Künstler allein sicher leite. „Wenn Jhr's nicht fühlt, Ihr werdet's nicht erjagen", heißt es im „Faust". Dennoch konnte Herder dem toten Lessing die Worte nachrufen, die ohne Rückhalt Lessing auch zu Herders Wegweiser erheben. Herder hatte oft mit Lessing die Waffen gekreuzt, Lessings Ausstellungen ergänzt, eingeschränkt, weitergetrieben, widerlegt. Aber ihm entzog sich nicht, daß solches Berichtigen und Verbessern oft sein Bestes dem dankt, dessen Ansichten bericht gt und verbessert werden. Wirklich war Herder lange Zeit den Wegen Lessings nachgegangen mir dem Willen, diese Wege noch eroflgreicher zu beschreiten als sein Führer; das glückte ihm vielfach, bewies indes nur, wie abhäng'g Herder von Lessings Denken war. Wie sehr er solcher Abhängigkeit sich bewußt geworden ist, bezeugen nach Lessings Hingang die bildhaften Worte von dem Wanderer, dem alle Sterne untergegangen sind und dem nur der dunkle wolkige Himmel bleibt. So empfand noch lange ein guter Teil der Deutfchen Lessings Hingang. .
Schöpferische Kritik.
Lin Wort zum Lessing-Gedenktage.
Von Alexander v. G l e i ch e n - R u h w u r m.
Der kritische Geist erwachte als Begleiterscheinung der Aufklärung unter den deutschen Dichtern zur Zeit, als Gotthold Ephraim Lessing, der Predigersohn, in Leipzig studierte. Das galante Leipzig war damals Hochschule des geistigen wie des eleganten Lebens. Im Komödienhaus der N e u b e r i n erkannte der junge Studiosus, welche Forderungen an ein zeitgemäßes Theater zu stellen seien, und sein kritisches Auge schärfte sich im Vergleich der Dinge, bie aus Frankreich und aus England kamen Daß dis drei Einheiten der griechischen Tragödie dem veründerten Weltbild nicht mehr entsprachen, erkannte er bald und sah als einer der ersten Deutschen in Shakespeare den aufsteigenden Stern am Bühnenhimmel. Aber ihm genügte es nicht zu kritisieren, ihm war das alleinige Besserwissen verhaßt und sein schöpferischer Sinn trieb ihn zum Bessermachen. Mit kleinen Lustspielen begann der Dichter. Unter Beifall spielte die Neuberin „Der junge Gelehrte". Da Lessing sand, Deutschland habe weder Dramatiker nach Schauspieler, noch ein Theaterpublikum, lieh er, nach Berlin übergesiedelt, eine Vierteljahrsschrist erscheinen: „Beiträge zu Historie und Aufnahme des Theaters", schrieb die Lustspiele „Der Freigeist" und „Die Juden", sowie in der „Visflschen Zeitung" frisch- kräftige Rezensionen. Wenn auch vergebens, suchte er mit Friedrich dem Großen in Verbindung zu treten und übersetzte einige Schriften des Königs und Voltaires.
Im Jahre 1753 wurden die Beziehungen zu Moses Mendelssohn, dem Philosophen und zu Friedrich Nikolai, dem Berliner Kampfgeist und Herausgeber der „Bibliothek der schönen Wissenschaften" vertieft. Sie führten zur Veröffentlichung von Lessings kritischen Briefen, in denen sich zuerst der Griff des Genies dem literarisch geweckten Publikum kundtat. Um diese Zeit erschien auch „Miß Sara Sampson", das erste deutsche, bürgerliche Trauerspiel van Format. Es wies der deutschen Bühne den Weg der Abkehr von den festen Regeln des normal- klassischen und der Gottschedschen Richtung.
Eine Reise, nach England geplant, endete wegen der kriegerischen Wirren in Amsterdam, öffnete aber trotzdem weiteren Ausblick, aus einer Reihe verworfener Entwürfe wählte der Dichter den Staff zu „Emilia Galatti", führte das Drama rasch aus und gründete, nach Berlin heim- gekehrt, mit feinen Freunden die kritische Zeitschrift „Briefe, die neueste Literatur betreffend". In diesen Heften kam zum erstenmal eine rein schöpferische Kritik zu Wort, Meisterwerke bewundernd und analytisch erfassend, aber schonungslos gegen den Stümper. Seinen Gesichtskreis noch mehr zu vergrößern, ging Lessing als Sekretär des Generals Tauentzin während des Siebenjährigen Krieges nach Schlesien und brachte als Eindruck den Stoff zu „Minna von Bornheim" nach Haufe.
„Die kecke Ursprünglichkeit dieses im schönsten Sinn eigenartigen deutschen Lustspieles", schrieb der Literaturhistoriker H e 11 n e r, „ist noch von keinem anderen deutschen Lustspiel wieder erreicht."
Philologisch-ästhetische Studien brachten gleichzeitig ein kritisches Werk hervor „Laokoon oder von den Grenzen der Malerei". Dies Buch, dem noch die Abhandlung „Wie die Alten den Tod gebildet" folgte, wurde bahnbrechend für die gesamte Kunstkritik und ragt heute wie ein Meilenstein an uralter Kukturstrahe, ein seltsam schönes Denkmal überwundener Zeiten, in unsere Tage. Einst unnmstöhlicbes Grundbuch der künstle
rischen Stilkehre, beseitigte bas Werk nach Goethes Wort den mißverstandenen Satz: „ut pictura poesis", Durch diese Arbeiten geriet der scharf unterscheidende und urteilende Lessing in grimme Fehden über „archäologische" Fragen. Als Kritiker des neueröffneten Deutschen Na» tionaltheaters nach Hamburg berufen, gab er in den Jahren 1768/69 die „Hamburgische Dramaturgie" als Wochenblatt heraus. In diesen Blättern ging der große Kampf gegen das starre System der französischen Tragödie vor sich, in ihnen kam die stolze Stimmung des deutschen Nordens zum Ausdruck, der im Feld und in der Politik gesiegt hatte und nun auch in den Künsten durchzudringen bemüht war. Lessing baute für die Weimarer Klassiker das Fundament der deutschen Bühne, und Goethe schrieb an Schiller über die Dramaturgie, Lessing habe darin das Wesentlichste, worauf es ankommt, am unverrücktesten ins Auge gefaßt.
Nach dem rasch erfolgten Untergang des Deutschen Nationaltheaters berief der Herzog von Braunschweig den Dichter als Bibliothekar nach Wolfenbüttel „mehr, damit Lessing die Bibliothek, als daß die Bibliothek chn benütze". Das Ergebnis dieser Tätigkeit war das Sammelwerk „Zur Geschichte und Literatur", sowie einige Herausgaben und die erste durch» gefeilte, gedruckte Ausgabe der „Emilia Galotti". Eine Reise nach Wien und Italien unterbrach den Aufenthalt, die kurze glückliche Ehe mit Eva König bildete den Höhepunkt im inneren Leben des Dichters, Der Witwer geriet in aufreibenden Streit mit Pastoren über theologische Fragen, der sich in polemischen Schriften austobte, dessen philosophisch poetisches Ergebnis aber die Fabel der drei Ringe in „Nathan der Weife war. Das hohe Sieb der Toleranz, in dem die edle dramatische Dichtung ausklingt, und dem sich Lessings letztes Werk, die tiefschürzende „Erziehung des Menschengeschlechts" in der Tendenz anschließt, hat um das Jahr 1780 Goethe zu solcher Bewunderung hingerissen, daß er snach Knebels Bericht) „ordentlich profterniert" gewesen sei und nicht müde werde, den Nathan „als das höchste Meisterwerk menschlicher Kunst zu preisen". Am 15. Februar 1781 starb Lessing nach kurzer Krankheit ... ein Bahnbrecher im deutschen Prosastil, im deutschen Drama und in der fruchtbringend schöpferischen Kritik.
LeMngs Beziehungen zur Musik.
Von Alfred Vock.
Bielfach noch ist der Glaube verbreitet, Lessing habe der Musik und dem Musikleben seiner Zeit ganz ferngestanden. Den; kritischen Riesengeist, der die Grenzen der Poesie und Malerei so scharfsinnig gezogen, traut man nicht zu, dem sanften Lockruf ins Reich der Töne gefolgt zu fein. Und doch hat Lessing nicht allein mit den hervorragendsten Musikern in freundschaftlichem Verkehr gestanden, sondern er hat auch über das Wesen und die Bedeutung der Musik die tiefsten Gedanken ausgesprochen. Seinem allumsasfenden Geiste dürfen wir auch hier, wo er sich in einer seinem Jdeenkreise ferner liegenden Kunftfphäre bewegt, Unsere höchste Bewunderung zollen.
Lessings Vater, der Pastor primarius Lessing zu Kamenz in Sachsen, lebte in äußerst kümmerlichen Verhältnissen und besah nichts weniger als die Mittel, feinen zehn Söhnen, deren ältester der Dichter war, Musikunterricht "geben zu lassen. Auch später, nachdem Gotthold die Fürsten- schule zu Meißen absolviert und die Universitäten Leipzig und Wettenberg bezogen hatte, scheint er sich wenig ober gar nicht mit der Musik beschäftigt zu haben. Erst fein zweiter Aufenthalt in Berlin führte ihn mit den angesehensten Musikern der aufblühenden preußischen Hauptstadt, Kirnberger und Qu an), zusammen.
Johann Philipp Kirnberger, ein Schüler Sebastian B ochs, mar nach einem bewegten Künstlerleben in' Polen, Oesterreich und Sachsen, als Hofmusikus nach Berlin berufen worden, wo fein meisterhaftes Violinfpiel großes Aufsehen erregte. Dabei war er ein bedeutender Kontrapunktist und schrieb umfangreiche Werke über die Harmonielehre, die Grundsätze des Generalbasses, die die weiteste Verbreitung fanden. Seine Kompositionen, meist Fugen für Orgel und Klavier, fehlten fetten auf einem Konzertprogramm, endlich erfand er ein, später von M o • zart verbessertes musikalisches Würfelspiel, das unter dem Namen „der allzeit fertige Polonaisen- und Menuettenkomponist" erschien und jedem, auch nicht musikalisch Gebildeten, Gelegenheit gab, kleine Tonstücke zu komponieren.
Lessings zweiter musikalischer Freund war der berühmte Meister der Flöte und Lehrer Friedrichs des Großen, Johann Joachim Quanz, der damals auf der Höhe feines Wirkens stand und im Dienste feines königlichen Herrn Hunderte von Kompositionen für die Flöte veröffentlichte.
Allwöchentlich am Freitagabend kamen Lessing und seine engeren Freunde in Baumanns Weinkeller, der sog. Baumannshöhle, zusammen; zu der fröhlichen Tafelrunde zählten der Kupferstecher Weil, der Schauspieler Brückner, bie Aesthetiker Ramler und Sulzer, N i e o l a i unb Menbelssohn, endlich Kirnberger und Quanz, welche letzteren Lessings Trinklieder in Musik setzten unb dadurch n'cht am wenigsten die festliche Stimmung der Symposien erhöhten. Lessing dachte in späteren Jahren wehmütig an jene Berliner Tage als an die glücklichsten seines Lebens zurück.
Während feiner Wirksamkeit als Dramaturg des Hamburger Theaters bot sich Lessing Gelegenheit, seine Kritik an den Leistungen des Theater- orchesters zu üben. Der kunstsinnige Unternehmer des Hamburger Ra- tionattheaters, Johann Friedrich L o e w e n, hatte ein zahlreiches Orchester gewonnen, das vor Beginn der Schauspiele und in den Zwischenakten spielen sollte. Nun schien damals die Regie absolut keine Rücksicht daraus nehmen zu wollen, daß die vorgeführten Orchesterstücke zu dem gleichzeitig dargestellten Schauspiel in einem gewissen Verhältnis standen: Trauerspiele wurden mit heiteren, Lustspiele mit ernsten Tonstücken begleitet, wodurch dann bei der Zuhörerschaft eine seltsame Mischung von Affekten, ja die sonderbarste Wirkung hervorgerufen werden mußte. Die Aufführung der „Semiramis" von Voltaire, wozu A g r i c o l o eine nach Lessings Urteil vortrefiliche Musik komponiert hatte, gab dem Dramaturgen willkommenen Anlaß, Agrieolas Arbeit kritisch zu erläutern, sich über bie Bedeutung der Musik unb ihre Be-


