GiehmerKninlienblötter
Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger
Jihrgang 1(929
Montag, den 2(. Januar
Nummer 6
Der Dichter auf sich selbst,
Von Gotthold Ephraim Lessing.
Die Ehre Hai mich nie gesucht. Sie hätte mich auch nie gefunden- Wählt man in zugezähiten Stunden Ein prächtig Feierkietd zur Flucht? Auch Schätz« hab' ich nie begehrt. Was httst es. sie auf kurzen Wegen Für Diebe mehr als sich zu hegen. Wo man das wenigste verzehrt?
Wie lange währt's, so bin ich hin Und einer Nachwelt untern Füßen. Was braucht sie, wen sie tritt, zu wissen'? Weih ich nur. wer ich bin.
Lob Les ings.
Zu seinem 200. Geburtstag e-
Von Wilhelm Schäfer.
Klopstock, der Sänger, hatte der deutschen Seele die Herkunft gesungen, und die Jünglinge im Hainbund waren sein zärtlicher Nachhall gewesen: Leonore, die hadernde Braut, war durch den Mondschein dec Herzen geritten: aber die Höfe und Herren merkten nicht, was aus der Seele des Balkes ans Licht kam.
Sie sahen noch immer nach Westen und ahmten die Sprache und Sitte sranzösi'cher Zierlichkeit nach und blieben die Puppen der Pompadour bis Lessing den Sängern und Schwärmern beisprang mit dem ge- fchl.sfenen Schwert seines Verstandes und mit dem männlichen Mut seiner Meinung.
Er war das elfte Kind des Pfarrers in Kamenz und sollte die Theologie in Leipzig studieren, wo Gellert der frommen Moral den Haus- Sarten bestellte: aber der junge Gelehrte, halb noch ein Knabe und halb hon ein gefährlicher Geist, sand es gescheiter, tanzen, reiten und fechten zu lernen und der witz ge Freund der Schauspieler zu heißen.
Eine andere Kanzel schien ihm die Schaubühne und der Menschengeist eine andere Gemeinde, denn daß ein Pfarrer dastand mit seiner Predigt.
Und wie der Jüngling in Leipzig sein Freibeuterdafem begann, unstet und arm, von schwacher Gesundheit: so bot er dem Alltag fein helles Sonntags sicht, das ein früher Tod vor dem Alter Klopstocks bewahrte.
Der König von Preußen stand noch lm schlesischen Feld, aber die Namen von "Roßbach und Leuthen hatten geklungen, als Lessing den Klang in sein Herz nahm, dem preußischen Ruhm das lustige Loblied zu blasen. t
Minna von Barnhelm hieß er sein Stück, und es war nur der Alltag, mit dem sich darin ein stolzer Major des Königs herumschlug: aber der trotzig erbitterte Mann war ein Sonntagskind wie fein Dichter und führte die fröhliche Braut heim.
Seit Hans Sachs war es nicht mehr geschehen, daß die Zeit auf den Brettern ihr eigenes Spiel sah, daß der Alltag sich selber zur Schau stand und staunend bedeutendes Tun in feinen Taten erkannte.
Wo das lustige Stück auf den Brettern erjchien, kam das Vertrauen des eigenen Daseins zurück: wie Friedrich der König bei Roßbach hob Lessing der Dichter den Stolz und Spott des deutschen Bürgertums auf gegen das Welschtum der Höfe und adligen Herren.
Der aber den Brettern dies treffliche Spiel gab, war kein Dichter der tönenden Harfe: mehr als ein. klingendes Wort galt ihm der scharfe Gedanke: Wahrheit und Klarheit fegten die Luft rein, wo Lessing am Werk war. . , ,
Den Staub auszuklopsen und durch zerbrochene Scheiben und dumpfe Stuben frische Luft einzulassen, in frömmelnder Enge und gegen den Dünkel gelehrter Schulmeister der Freimut Zu fein, war feine Lust: und eher hätte der Hund den Hasen gelassen, als daß Lessing der Unredlichkeit Raum ließ. , , _ . , „ .
Wie sein Geist wachsam und mutig, so war seine Sprache hell und stark im Gelenk; fest Lucher hatte der deutsche Mund nicht mehr so bündig gesprochen.
Aber die Not des Herzens war Freiheit der Vernunft geworden, und über den Tiefen der brünstigen Seele schritt der Menschengeist hin, Himmel und Hölle zum Trotz den irdischen Weg zu versuchen.
Da galt es nicht mehr, den Papst und nicht mehr die römische Kirche: ein Pastor Götze in Hamburg war Lessing genug, die Unduldsamkeit zu bestreiten, damit der Mensch, jenseits der Kirchengebste und über dem Katechismus, wieder das Maß seiner Dinge bedeute.
Pietisten und römischen Priestern den Spiegel der duldsamen Weisheit zu halten und über den Kirchengewölben den Menschengeist selber
den Tempel zu bauen, schrieb er — schon grau an den Schläfen und schon beschattet vom Tod — sein mildes Vermächtnts.
Nathan den Weilen hieß er das lehchafte Spiel feines Alters, und als die uralte Weisheit des Morgenlandes ließ er den Christen, Juden und Türken das fcherzhafte Märchen von ihren drei falschen Ringen erzählen: aber es war das Abendland, das darin den Geist der Duldsamkeit fand.
Zu Wolfenbüttel starb Lessing, indessen der Spötter von Sanssouci vereinsamt ins Abendrot starrte; der König erkannte die Bruderhand nicht, die ihm der Menschengeist reichte, weil er die Sprach« des eigenen Volkes nicht mehr verstand.
Gotthow Ephraim Lessing.
Bon Geheimrat Professor Dr, Oskar Waizel.
(Nachdruck verboten.)
Als Lessing starb, schrieb Herder einem Freunde: „Ich kann nicht sagen, wie mich sein Tod verödet hat; es ist, als ob dem Wanderer alle Sterne untergingen, und der dunkele wolkige Himmel bliebe". Mit dem Tiefblick eines unvergleichlichen Erfühlers kennzeichnet Herder den entscheidenden Zug von Lessings Wesen. Ein Ltchtspender war er. Das Trübe, Dämmerige, vollends das Muffige und Dumpfe war ihm ver- Bt Dieser wirksamste Entdecker, Schützer und Erneuerer deutschen
sens, ein Erlöser deutscher Kunst aus den Fesseln des Auslandes, war beseelt von antiker Freude an reinen Umrissen und an sonnendurchleuchteter klarer Luft. Es war seine Größe und zugleich Ursache seiner Grenzen. Barockkunst war nur von seinem Standpunkt aus zu überwinden. Ihr Spiel mit dem Dunkel und dem Schatten war ihm so wesensfremd, daß er sogar Rembrandt ablehnte. Noch an den Schöpfungen des klassischen Dramas der Franzosen störte ihn die Ueberfülle sich drängender und sich verschlingender Motive. Edle Einfalt und stille Größe, wie Winckelmann sie forderte, war auch ihm rechtes Ziel aller Kunst, Die wenigen Worte, mit denen dis Ilias die bezwingende Schönheit Helenas andeutet, waren ihm lieber als der breite Worterguß einer Schilderung von Weibesschönheit; mochte er selbst von einem Renaisiance- künstler, wie A r i o ft, stammen. Hätte sein Verstand ihm auch nicht verraten, warum dies« Stelle der Ilias uns mehr sagt als die Stanzenreihe Ariosts, fein Gefühl wäre schon zu gleichen Werten gelangt.
Schlichtheit, wie sie für Lessing rechte Kunst bezeichnet, verträgt sich auch nicht mit den stolzen Gebärden; sei's des Barocks, sei's der französischen Klassik. Lessings Menschen reden, je weiter er sich entwickelt, eine desto gedämpftere Sprache. Leidenschaftlicher Worterguß wird ihnen nur selten gewährt, es ist aber dann — im Mund der Gräftn Orsina — weit mehr ein Bohren und Tüfteln als ein rednerhafier Ausbruch tragischen Leids. Von Schiller scheidet sich Lessing scharf ab. Schillers Formwollen war dem der Franzosen, ja des Barocks verwandter. Sogar Mo.ltöre, gewiß kein Pathetiker, kann feierlichen Ton nicht ganz meiden, wenn im „Tartuffe" einer den König preist, der in seinem Lande Betrug nicht dulde. Wird im fünften Auszug von „Minna von Barnhelm" das Handschreiben Friedrichs des Großen verlesen, das dem Major von Tellheim seine Ehre zurückgibt, so sagt Minna nur: „daß ihr König, der ein großer Mann ist, auch ein guter Mann sein mag". Unserem Gefühl bedeutet das mehr als die Worte Malleres.
Friedrich der Große hat Lessing nicht zu würdigen verstanden. Er ahnte auch nicht von fern, wieviel von dem altpreußischen Geist, der durch ihn zu seiner echtesten und wirksamsten Ausprägung gelangte, in dem Sachsen Lessing geweckt worden war. Lessings Kunst ist vollends auf den Lakonismus einer Welt abgestimmt, die in schwerster Zeit und unter dem Druck bittersten Kriegselends sich den befreienden Ruf „Berlin sei Sparta!" abrang. Nur in den Anfängen (in „Miß Sara Sampson") und am Ende seiner Künstlertätigkeit (im „Nathan") ist Lessing minder sparsam mit dem Wort. Das hindert nicht den Eindruck, daß wir im „Nathan" wie von Hellem Licht umgeben zu fein meinen. Schon die Wsrtgebuna hat dies Leuchtend-Klare, Erfrischende, Leben und Luft am Leben Weckende. Wie wenn Lastendes, das uns lange gequält hat, ruckweise von uns abfiele, dumpfem Sinnen nie wieder Raum In unserem Innern gewährt werden sollte.
Die Höhe ersteigt der Wortsparer Lessina in seinen Fabeln. Sie sind vielleicht feine eigenwilligste, sicherlich seine bezeichnendste Schöpfung. Sie sind gründlichst verschieden von den Gebilden, die kurz vorher ein begnadeter Fabeierzähler, Lafontaine, der Weit geschenkt hatte. Sie sind Epigramme. Die Kurst epigrammatischer Zuspitzung des Gedankens hatte der junge Lessing früh geübt; sie entsprach seinem Bedürfnis, den vielfachen Sinn eines Wortes aufzuspüren, aus den gegensätzlichen Bedeutungen eines Wortes Mittel zur Verhöhnung eines Gegners zu holen. Roch spät, in seinen Kämpfen gegen die religiöse Unduldsamkeit des Hamburger Hauptpastors Goeze, nutzt er diese Waffe. Solche Epigrammatik hätte feinem Dichten nur eine scharf-zugespitzte Verstandes-


