Ausgabe 
20.12.1929
 
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Onkel und Neffe.

Druck und Verlag: Vrühl'fchs Univerj itäts'Buch- und Steindruckerei, A. Lange, Gießen.

Verantwortlich: Dr. Hans Thyrivt.

Hot jemand von meinen hochverehrtesten Lesern oder Zuhörern jemals den Zufall erlebt, sich mit Glas zu schneiden, so wird er selbst wissen, wie wehe cs tut, und welch schlimmes Ding es überhaupt ist, da es so lang,am heilt. Hatte doch Marie beinahe eine ganze Woche im Bette zubringen müssen, weil es ihr immer ganz schwindlicht zu Mute wurde, sobald sie aufstand. Endlich aber wurde sie ganz gesund und konnte luftig wie fonft in der Stube umherspringen. Im Glasschrank sah es ganz hübsch aus; denn neu und blank standen da Bäume und Blumen und Häuser und

Prinzessin Pirlipat doch eigentlich em garstiges, undankbares -Otngjei; Frist versicherte dagegen, daß, wenn Nußknacker nur sonst ein braver Kerl sein wolle, er mit dem Mausekönig nicht viel Federlesens machen und leine vorige hübsche Gestalt bald wiedererlangen werde.

Entzücken. . ...

Der große Tumult brachte den jungen Drosselmeier, der noch feine sieben Schritte zu vollenden hatte, nicht wenig aus der Fassung; doch hielt er sich und streckte eben den rechten Fuß aus zum siebenten Schritte: da erhob sich, häßlich piepend und quiekend, Frau Mauserinks aus dem Fuß­boden, so daß Drosselmeier, als er den Fuß niedersetzen wollte, auf sie trat und dermaßen stolperte, daß er beinahe gefallen wäre. O Mih- geschick! urplötzlich war der Jüngling ebenso mißgestaltet, als es vor­her Prinzessin Pirlipat gewesen. Der Körper war zusammengeschrumpft und konnte kaum den dicken ungehalten Kopf mit großen hervorstechenden Augen und dem breiten, entsetzlich aufgähnenden Maule tragen. Statt des' Zopfes hing ihm hinten ein schmaler hölzerner Mantel herab, nut dem er den untern Kinnbacken regierte. Uhrmacher und Astronom waren außer sich vor Schreck und Entsetzen; sie sahen aber, wie Frau Mauserinks sich blutend auf dem Boden wälzte. Ihre Bosheit war nicht ungerächt geblieben: denn der junge Drosselmeier hatte sie mit dem spitzen Absatz seines Schuhes so derb in den Hals getroffen, daß fte sterben mußte. Aber indem Frau Mauserinks von der Todesnot erfaßt wurde, da piepte und quiekte sie ganz erbärmlich:O Krakatuk, harte Nuß an der ich nun sterben muß! hihi! pipi! fein Nußknackerlein wirst auch bald des Todes sein. Söhnlein mit den sieben Kronen wird s dem Nußknacker lohnen wird die Mutter rächen fein an dir, du klein Nußknackerlein! O Leben so frisch und rot von dir scheid' ich, o Todesnot! Quiek!" Mit diesem Schrei starb Frau Mauserinks und wurde von dem, königlichen Ofenheizer fortgebracht.

Um den jungen Drosselmeier hatte sich niemand bekümmert; die Prin­zessin erinnerte aber den König an sein Versprechen, und sogleich befahl er daß man den jungen Helden herbeischasse. Als nun aber der Unglück­liche in seiner Mißgestalt hervortrat, da hielt die Prinzessin beide Hände vors Gesicht und schrie:Fort, fort mit dem abscheulichen Nußknacker! Alsbald ergriff ihn auch der Hofmarfchall bei den kleinen Schultern und warf ihn zur Tür hinaus. Der König war voller Wut, daß man ihm habe einen Nußknacker als Eidam aufbringen wollen, schob alles auf das Un­geschick des Uhrmachers und des Astronomen und verwies beide aut ewige Zeiten aus der Residenz. Das hatte nun nicht in dem Horoskop gestanden, welches der Astronom in Nürnberg gestellt; er ließ sich aber nicht abhalten, aufs neue zu observieren, und da wollte er in den Sternen lesen daß der junge Drosselmeier sich in seinem neuen Stande so gut nehmen werde, daß er trotz seiner Ungestalt Prinz und König werden würde. Seine Mißgestalt könne aber nur bann verschwinden, wenn der Sohn der Frau Mauierinks, den sie nach dem Tode ihrer sieben Söhne mit sieben Köpfen geboren und welcher Mausekönig geworden, von feiner Hand gefallen sei, und wenn eine Dame ihn trotz seiner Mißgestalt lleb- gewinnen würde. Man soll denn auch wirklich den jungen Drostelmeier in Nürnberg zur Weihnachtszeit in seines Vaters Bude, zwar als Nuß­knacker, aber doch als Prinz gesehen haben. Das ist, ihr Kinder, das Märchen von der harten Nuß, und ihr wißt nun, warum die Leute so oft sagen: Das war eine harte Nuß! und wie es kommt, daß die Nußknacker so häßlich sind. ,

So schloß der Obergerichtsrat seine Erzählung. Marie meinte, daß die Prinzessin Pirlipat doch eigentlich ein garstiges, undankbares Ding sei;

schöne glänzende Puppen. Vor allen Dingen sand Marie ihren lieben Nußknacker wieder, der, in dem zweiten Fache stehend, mit ganz gesunden Zähnen sie anlächelte. Als sie nun den Liebling fo recht nut Herzenslust anblickte, da fiel ihr mit einemmal sehr bänglich aufs Herz, daß alles, was Pate Drosselmeier erzählt habe, ja nur die Geschichte des Nußknackers und seines Zwistes mit der Frau Mauserinks und ihrem Sohne gewesen. Nun wußte sie, daß ihr Nußknacker kein anderer sein könne als der junge Drosselmeier aus Nürnberg, des Pate» Drosselmeier angenehmer, aber leider von der Frau Mauserinks verhexter Neffe. Denn daß der künst­liche Uhrmacher am Hofe von Pirlipats Vater niemand anders geroefeu als der Obergerichtsrat Drosselmeier selbst, daran hatte Marie schon bei der Erzählung nicht einen Augenblick gezweifelt.Aber warum half dir der Onkel denn nicht, warum half er dir nicht?" fo klagte Marie, als sich es immer lebendiger und lebendiger in ihr gestaltete, daß es in jener Schlacht, die sie mit ansah, Nußknackers Reich und Krone galt.Waren denn nicht alle übrigen Puppen ihm untertan, und war es denn nicht gewiß, daß die Prophezeiung des Hofastronomen eingetroffen und der junge Drosselmeier König des Puppenreichs geworden?"

Indem die kluge Marie das- alles so recht im Sinn erwägt«, glaubte sie auch daß Nußknacker und feine Vasallen in dem Augenblick, daß sie ihnen Leben und Bewegung zutraute, auch wirklich leben und sich bewegen müßten. Dem war aber nicht so; alles im Schranke blieb vielmehr starr und regungslos, und Marie, weit entfernt, ihre innere Ueberzeugung auf- zuaeben, schob das nur auf die fortwirkende Verhexung der Frau Mause­rinks und ihres siebenköpfigen Sohnes.Doch," sprach sie laut zum Nuß­knacker,wenn Sie auch nicht imstande sind, sich zu bewegen oder ein Wörtchen zu sprechen, lieber Herr Drosselmeier, so weiß ich doch, daß Sie mich verstehen und es wissen, wie gut ich es mit Ihnen meine; rechnen Sie auf meinen Beistand, wenn Sie dessen bedürfen! Wenigstens will ich den Onkel bitten, daß er Ihnen mit seiner Geschicklichkeit beispringe, wo es nötig ist." Nußknacker blieb still und ruhig; aber Marien war cs so, als atme ein leiser Seufzer durch den Glasschrank, wovon die Glas­scheiben kaum hörbar, aber wunderlieblich ertönten, und es war, als sänge ein kleines Glockenstimmchen:Maria klein Schutzenglein mein dein werd' ich sein Maria mein!" Marie fühlte in den eiskalten Schauern, die sie überliefen, doch ein seltsames Wohlbehagen.

Die Dämmerung war eingebrochen; der Medizinalrat trat mit dem Paten Drosselmeier herein, und nicht lange dauerte es, fo hatte Luise den Teetifd) geordnet, und die Familie faß ringsumher, allerlei Lustiges mit­einander sprechend. Marie hatte ganz still ihr kleines Lehnstuhlchen her- beiqeholt und sick) zu den Füßen des Paten Drosselmeier gesetzt. Sils nun gerade einmal alle schwiegen, da sah Marie mit ihren großen blauen Augen dem Obergerichtsrat starr ins Gesicht und sprach:Ich weih jetzt, lieber Pate Drosselmeier, daß mein Nußknacker dein Nefse, der junge Drosselmeier aus Nürnberg, ist. Prinz oder vielmehr König ist er ge­worden, das ist richtig eingetroffen, wie es dein Begleiter, der Astronom, üorausgefagt hat; aber du weißt es ja, daß er mit dem Sohne der Frau Mauserinks, mit dem häßlichen Mausekönig, in offenem Kriege steht. Warum hilfst du ihm nicht?" Marie erzählte nun nochmals den ganzen Verlauf der Schlacht, wie sie es angesehen, und wurde oft durch das taute Gelächter der Mutter und Luisens unterbrochen. Nur Fritz und Drostel­meier blieben ernsthaft.

Aber wo kriegt das Mädchen all das tolle Zeug in den Kopf?" sagte der'Medizinalrat.Ei nun," erwiderte die Mutter,hat sie doch eine lebhafte Phantasie! Eigentlich sind es nur Träume, die das heftige Wundfieber erzeugte."Es ist alles nicht wahr, sprach Fritz;solche Poltrons sind meine roten Husaren nicht. Potz Bossa Manelka, wie wurd ich sonst darunterfahren!" Seltsam lächelnd nahm aber Pate Srojfelmeier die kleine Marie auf den Schaß und sprach fünfter als je:Ei, dir, hebe Marie, ist ja mehr gegeben als mir und uns allen; du bist rote Ipirlipot eine geborene Prinzessin; denn du regierst in einem schonen blanken Reich. Aber viel hast du zu leiden, wenn du dich des arnwn mißgestalteten Nußknackers annehmen willst, da ihn der Mausekönig auf allen Wegen und Stegen verfolgt. Doch nicht ich du, du allein kannst ihn retten; iei standhaft und treu!" Weder Marie noch irgend jemand wußte, was Sroffetmeier mit diesen Worten sogen wollte; vielmehr kom es dem Medi- - zinolrot so sonderbar vor, daß er dem Obergerichtsrat an den Puls suhlte und sagte:Sie haben, wertester Freund, starke Kongestionen nach dem Kopse;'ich will Ihnen etwas ausschreiben." Nur die Medizinalratin schüt­telte bedächtlich den Kopf und sprach:Ich ahne wohl, was der Ober­gerichtsrot meint; doch mit deutlichen Worten sogen kann ich s nicht.

Der Sieg.

Nicht lange dauerte es, als Marie in einer mondhellen Rocht durch ein seltsames Poltern geweckt wurde, dos aus einer Ecke des Zimmers zu kommen schien. Es war, als würden kleine Steine hin und her geworsen und gerollt, und recht widrig pfiff und quiekte cs dazwischen.Ach, die Mäuse, die Atäuse kommen wieder!" rief Marie erschrocken und wollte die Mutter wecken; aber jeder Laut stockte, ja, sie vermochte kem Glied zu regen, als sie soh, wie der Mausekönig sich burrf) ein Loch der Mauer hervorarbeitete und endlich mit funkelnden Augen und Kronen-m 3immer herum, dann ober mit einem gewaltigen Satz auf den kleinen Tisch, der dicht neben Mariens Bette stand, heraufsprang.Hi hi hu mußt mir deine Zuckererbfen deinen Marzipan geben, klein Ding: sonst zerbeiß' ich deinen Nußknacker deinen Nußknacker! So pfiff Mause­könig, knupperte und knirschte dabei sehr häßlich mit den Zahnen und sprang dann schnell wieder fort durch das Mauerloch. Marie war so ge- änaftet von der graulichen Erscheinung, daß sie den andern morgen ganz blaß ousfoh und, im Innersten aufgeregt, kaum ein Wort zu reden ver­mochte. Hundertmal wollte sie der Mutter ober der Lucke ober wenigstens dem Fritz klagen, was ihr geschehen aber sie dachte:Glaubt s nur denn einer, und werd' ich nicht obendrein tüchtig ausgelacht?"

(Fortsetzung folgt.)

Körper mit den winzigen Händen und Füßchen konnte kaum den uiv förmlichen Kopf tragen. Die Häßlichkeit des Gesichts wurde noch durch weißen baumwollenen Bart vermehrt, der sich um den Mund und Kinn gelegt hatte Es kam alles fo, wie es der Hofastronom im Horoskop ge­lesen. Ein Milchbort in Schuhen noch dem andern biß sich an der Nuß Krakatuk Zähne und Kinnbacken wund, ohne der Prinzessin im mindesten zu helfen, und wenn er bann von den dazu bestellten Zahnärzten halb ohnmächtig weggetragen wurde, seufzte er:Das war eine harte Nuß!" Als nun der König in der Angst feines Herzens dem, der die Ent­zauberung vollenden werde, Tochter und Reich versprochen, meldete fid) der artige sanfte Jüngling Drofselmeier und bat, auch den Versuch be­ginnen zu dürfen. Keiner als der junge Drostelmeier hatte fo sehr der Prinzessin Pirlipat gefallen; sie legte die kleinen Händchen auf das sterz und seufzte recht innig:Ach, wenn es doch der wäre, der die Nuß Kra­katuk wirklich aufbeißt und mein Mann wird!"

Nachdem der junge Drostelmeier den König und die Königin, dann aber die Prinzessin Pirlipat sehr höflich gegrüßt, empfing er aus den standen des Oberzeremonienmeifters die Nuß Krakatuk, nahm fte ohne weiteres zwischen die Zähne, zog stark den Zopf an, und (rattrat! zerbröckelte die Schale in viele Stücke. Geschickt reinigte er den Kem von den noch daranhängenden Fasern und überreichte ihn mit einem untertänigen Kratz­fuß der Prinzessin, worauf er die Augen verschloß und rückwärts zu schreiten begann. Die Prinzessin verschluckte alsbald den Sern, und o Wunder' verschwunden war die Mißgestalt, und statt ihr stand ein engel- schönes Frauenbild da, das Gesicht wie von lilienweißen und von rosa­roten Seidenflocken gewebt, die Augen wie glänzende Azure, die vollen Locken wie von Goldfaden gekräfelt. Trompeteii und Pauken mifdjtcn sich in den lauten Jubel des Volks. Der König, fein ganzer Hof tanzte wie bei Pirlapcsts Geburt auf einem Beine, und die Königin mußte mit Eau de Cologne bedient werden, weil sie in Ohnmacht gefallen vor Freude und