GietzenerZamilienbliitter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang 1929 Freitag, den 20. Dezember" Nummer 99
Kafchubisches Weihnachteilied.
Von Werner Bergengruen.
Herr Jesus hat alle Dinge geliebt zur Weihnacht.
Du darfst nicht spinnen in heiliger Zeit zur Weihnacht.
Nimm den Flachs vom Spinnrad und gib ihm Ruh, leg Nadel und Faden und Scher in die Truh zur Weihnacht.
Herr Jesus hat alle Tiere geliebt zur Weihnacht.
Gib deinen Gänsen geweihtes Brot zur Weihnacht.
Leg einen geweihten Dengelstein deinen Pferdchen in die Strippe hinein zur Weihnacht.
Herr Jesus hat alle Bettler geliebt zur Weihnacht.
Den Hungrigen mache mit Mohnklößen satt zur Weihnacht.
Es soll kein Wanderer draußen sein, er muß an den heißen Ofen herein zur Weihnacht.
Spinnrad und Nadel, lobt Jesum Christ zur Weihnacht!
Alle meine Tierchen, bekennt den Herrn zur Weihnacht!
Alle Menschen in ihrer Traurigkeit * soll'n schmecken die gute Gnadenzeit zur Weihnacht.
So füllt sich von selber der Leinenschrank zur Weihnacht.
So werden die Tiere fett und stark zur Weihnacht.
So beten dich endlich allzugleich alle Bettler auf Erden ins Himmelreich zur Weihnacht.
Oer Giern der Sterne.
Don Alfred Richard Meyer.
Wollte der kurze Wintertag bereits wieder in Aacht übergehen? Fast in gleichmäßig grauem und bedrückendem Dunkel verschlich sich Stunde in Stunde Arbeit, die zu schaffen war, des Lebens notwendigste Güter zu erwerben, wollte nicht fruchtbar werden, geschweige denn frohmachend im Rausch schöpferischen Erkennens.
Der „Kaiserliche Hofmathematiker“ Johannes Kepler seufzte auf und blickte von den „Rudolfinischen Tafeln", deren Vollendung ihm von Thcho Drahe, nun ein toter Ruhm da unten in der Prager Sein« kirche, hinterlassen war, zu den Fenstern hinaus, zur Moldau hinab, zum Himmel hinauf, allwo da hinter Wolken irgendwo der große Geist sein geheimes Zentrum haben mußte, das durch seine De« wegungskraft die Planeteil um die Sonne führte. And diesem vierzigjährigen Mann war es, wie tocnn sein tiefes Seufzen nur ein dumpfes Echo aus dem Rebengemach wäre, in dem nun schon seit Wochen sein Weib Barbara Müller von Mühleck, die, ach so Adelsstölze, am ungarischen Fieber darniederlag und aus ihrer ewig trüben Stimmung bisweilen in einen epileptischen Anfall zuckend versank. Dazu — die Kinder von den Pocken befallen und gewiß nicht von den besten Dienstboten verpflegt, weil der kaiserliche Herr, übel der Hypochondrie verfallen, der Pflichten seines Regimentes nicht ein« gedenk, wieder einmal mit dem Salarium erheblich im Rückstände war. Dazu -- Weihnachten! Das Fest aller Feste mit — dem Stern Der Sterne! Der mußte doch jetzt wieder am Himmel stehen!
Wie er einst den Königen aus dem Morgenland erschienen war und wie er ihm, dem Johannes Kepler aus der freien Reichsstadt Weil, der Stadt im Schwäbischen, diese Konstellation offenbart hatte: Jupiter, Saturn und Mars im Zeichen der Fische, zu welcher Kon« junktion sich noch nahe am östlichen Fuß des Schlangentreters em fixsternartiger Körper gesellte —- was einst den Israeliten den Auszug aus Aegypten und dann im Jahre 748 nach der Erbauung Roms die Geburt des Heilandes bedeutete. And daß er, Johannes, selbst nicht ganz ein Weihnachtskind geworden war, sondern nach schweren Wehen am 27. Dezember 1571 zur Welt kam, als schwächliches sieben« mvnatskind. erklärte vielleicht des Schweren so manches, mit dem er
sich jetzt abzufinden hatte und das er doch nur als himmlische Prü« fung nahm, da, nach seiner genauen Berechnung, jetzt der Stern des Sterne wieder in die weihnachtliche Erscheinung getreten war. Wolken, schneeschwangere — gebt mir den Himmel frei!, schrie der gequälte Mensch auf. Oder — o Gott, da soll ein holländischer Drillenmacher eine Konvex« und eine Konkavlinse mit einem Rohr zusammengefügt haben, daß der Collega Galilei, der Mathematik Professor in Padua, vermittels dieser so entstandenen Doppellinse die entfernten Gegen« stände ganz ganz nahe sehen kann — also auch den Stern der Sterne, um den mein gack schwaches menschliches Ringen geht! Diese Weih« nachtsnacht, so vielen Wundern schon gnädig gewesen, — daß auch mich sie einmal beglücke!
And Keplers Erinnerungen an all« Weihnachtsnächte seines Lebens liefen zurück bis zu der einen, da er, ein einjähriges Knäblein, zu« sammen mit Vater Heinrich, der sich, obgleich er Protestant war, als Söldner für Herzog Alba ins Äiederländische hatte anwerben lassen, zusammen mit Mutter Katharina, im Feldlager von Geer« truiüenberg auf nassem Stroh lag und ein Häuflein gefangener Meer« geusen, der Getreuen deS Prinzen Wilhelm von Oranien, Graf von Rassau, singend durch den Weihnachtsabend vorüberzog. Dieses Bild hatte er nie vergessen und auch nicht jene Melodie, deren kraftvolle Worte er erst sehr viele Jahre später erfuhr und begriff:
„Wilhelmus van Rafsouwe Ben ick van Duytschen bloet. Den vaderlant ghetrouwe Blijf ick tot in den boot.“
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, Wie diese Melodie jetzt wieder in ihm aufströmte, daß er sie erst heimlich summen, nun aber gar schon halblaut durch die Dunkelheit singen mußte! And da riß es ihm das Herz schmerzlich zusammen, idah es für ihn, den großen Astronomen — jawohl, so durfte er sich doch Wohl nennen! — in der Württemberger Heimat, in Stuft« «art oder in Tübingen keinen Halbwegs gut bezahlten Platz gab. Ja, wenn sich die Fürsten von noch so Wohlmeinenden Konsistorial« raten beraten ließen... Sein Buch „Merkur in der Sonne“ hatte er nach Stuttgart geschickt. Was ward ihm als Gegengabe? Ein silbern „Becherlin“ im Werte von ganzen fünfzehn Gulden!
Her damit! Vom letzten Wein ein paar kümmerliche Schlücke hinein, auf daß es mit der Arbeit vielleicht froher und frischer vor sich gehe! Krankes Weib Barbara da nebenan! And ihr fiebernden Kinderlein! And Mutter Katharina nicht zu vergessen, du Kätterle von Leonberg — daß dir dein bißchen zank« und klatschsüchtiges Zünglein nur nicht einmal zur Verderbnis werde und du dem grimmen Obervogt von Leonberg, dem Martin Luther Einhorn nicht in den Geruch einer Hexe kommest! Euch allen Gesundheit und der Friede und das Licht, so da Weihnacht heißen und es allen Menschen sein sollen, zu ihrem Wohlgefallen!
And da Kepler das Becherlin feierlich zum Munde hob, glühte es ihm aus innerstem, wie schier aus mystischem Grunde purpurn ein Leuchten entgegen und zauberisch aufsteigend näher und näher, wie wenn es heiß über seine Lippen flammen wolle und den Augei ein magisches Gesicht gar geben. Das war das Licht, das er schor, früh Weltharmonie genannt hatte, das die astronomischen Maßzahlen verband, das auch seine Theorie der arithmetischen Tonintervall« der Musik hell machte! And aus diesem Licht sprang auf die Erkenntnis: daß auch das möglich sein müsse: zwei Konvexgläser, eine ganze Anzahl von Linsen zu einer Kombination gebracht! Da — wie ward mit einem Male der Himmel jetzt von allen Wolken frei? And des Sterns der Sterne Licht fiel in diesen Becher roten Weins, der zitterte und pulste wie lebendiges Menfchenblut — durchtanzt von allen fünf regulären Polyedern: Tetraeder, Hexaeder, Oktaeder, Dodekaeder, Ikosaeder, um und in die er vor Jahren schon einmal
alle Planetenbahnen beschrieben hatte. Dieser Becher aber, ein umgekehrter Kegel, geschlossen durchschnitten — ja, das war die große Wahrheit, an der nicht mehr zu zweifeln war! Das war das Gesetz, das feinem Ramen Ansterblichkeit verleihen mußte: „Alle Planetenbahnen sind Ellipsen, in deren einem Brennpunkte die Sonne steht.“
Ganz laut hatte er diesen Satz vor sich hingesprochen — in der Dunkelheit. And ihm war, wie wenn eine ganz fremde und gar nicht seine eigene Stimme aus ihm gesprochen hätte — daß er erschrak. Oder — hatte von nebenan Barbara ihn gerufen, in Angst, wieder in die epileptischen Krämpfe höllisch gerissen zu werden? Besorgt öffnete er die Türe und trat leise an dc»s Bett der Kranken^
Sie schlief. Das böse Fieber schien gewichen. And auch die Kinder — in dem hinteren Zimmer — sie schliefen, verschliefen diesen Abend, den die Menschen den Weihnachtsabend nennen, da sie selbst sich also gern anreden lassen: Bruder in Christo. Diese kleinen Kinder... Das Glück, von dem man nicht weih, vermißt man nicht und trauert ihm nicht nach. Wie vielen Kindern hier auf Erden mag es also


