«gehen — all die Jahre und Jahrzehnte nach uns! Sie sind glücklicher als jene, die da nicht wissen, was alles sie sich wünschen sollen, und schliesslich auch in der Erfüllung ihrer höchsten Wünsche enttäuscht find...
Es klopft am Tor. So späte Post? Aus Linz? Die Hoffnung, daß es mit den Seufzern über die „turbae Bohemicae" zu Ende sein solle, daß man an der Donau einen neuen oberösterreichischen Landschafts« mathematicus benötige? O — weit mehr! Ein Salarinm von 400 Gulden, dazu 100 weitere Gulden als .Umzugskosten, dazu seitens der Stände Uebernahme all der Schulden, mit denen Kaiser Rudolf schon so lauge im Rückstand war! Mehr denn je zu erwarten war! Das ist schon ein Trinkgeld für den Boten wert! Der lacht sich eins, Der lacht! Der pfeift sich eins die Treppe hinab! Was pfeift sich Denn der da die Treppe hinab?
Dass Kepler hinter ihm herlaufeir muh — hinter dem alten Lied: „Wilßelmus van Rassouwe ben ick van Duhtschen bloet!" herlaufen muh und fragt.
«Ja — bin einer der alten Meergeusen! Sang die 'Weise schon im Feldlager von Geertruidenberg, da uns der Mba erwischte! Habe Middelburg und Leiden mitentsetzt. War leider auch in jener Julinacht mit dabei, als unser Wilhelm in Delft von dem Bravo Gerard meuchlings erschossen ward. Aber — wir haben die Republik der vereinigten Riederlande! Wir haben Waffenstillstand mit dem Spanier! Gute Botschaft, Herr! Gute Botschaft und gute Weihnacht!"
So — nun stand Kepler unten aus der Straße. Wie gut die kühle Luft tat! Drüben der Krämerladen hatte noch Licht? Da gab's wohl eine Puppe und auch ein hölzern Pferdlein mit Wagen dahinter zu kaufen und auch wohl ein paar Lichtlein — den Kindern für morgen früh am Bettchen aufzubauen und ihnen die Geschichte von der Geburt des Heilandes zu erzählen und auch das Mysterium vom Stern der Sterne, der da hell durch die Rächt strahlte und dessen Wunders kein Ende ist durch all die Jahrhunderte...
Oie papua-Weihnachi.
Bon W. K. von R o h a r a.
»Rehmen wir einen Kaktus," meinte Herr Talke, als man von der Llnmöglichkeit sprach, einen richtigen Tannenbaum zu beschaffen. »Rehmen wir «inen Kaktus, der grünt nicht nur zur Sommerszeit, nein auch im Winter, wenn es
„Wenn es 40 Grad Wärme im Schatten ist," lachte Herr Peters und zeigte auf das Thermometer am Fenster.
„ — und außerdem," fuhr Herr Talke fort, „hat er ebensowenig Blätter wie eine Tanne. Wir nehmen einen ganz großen Kaktus mannshoch, und pieken Kerzen auf die Stacheln, das geht sehr gut; wir haben es unten in Mexiko auch so gemacht vor drei Jahren."
Talke, fünfundzwanzigjährig, blond und mit einem offenen Gesicht, hat trotz seiner Jugend fast die ganze Welt gesehen, sich überall beliebt gemacht, doch nirgends durchsetzen können und saß nun als Gehilfe bei einem alten Farmer am trostlosesten Strich der Küste Des Papualandes.
„.Und wie steht's mit dem Eßbaren?" fragte Herr Tonder, der sich stets am lebhaftesten für den eßbaren Teil der Festlichkeiten interessierte. Jeder schloß die Augen, um) indem er die Lippen genießerisch spitzte, phantasierte er von fernen, fernen Lieblings« gerichten, die unerreichbar schienen — 80 Dampferfahrtage entfernt.
„Karpfen," flüsterte einer, „Gänsebraten! Stollen! Pfannkuchen!" „Plumpudding," schlug Herr Peters vor, der sich gern Pieters nennen hörte und früher in Sarawak bei den Engländern gewesen war.
„Gänseleberpastete!" schrie Herr Talke.
Lieber diesen Punkt herrschte die größte Uneinigkeit, doch man beschloß, das; man — ob mit, ob ohne Weihnachtskaktus, ob mit, ob ohne Gänsebraten — am Heiligabend bei Peters zusammen- kommen würde, der verheiratet war und die größte Farm befaß. Wie waren eingeladen, ich auch; und wir sollten recht früh kommen, Damit man nach der Bescherung die Kinder zeitig zu Bett schicken konnte. Wer Kir.der hatte, sollte sie selbstverständlich mitbringen; sie konnten dann bei Peters Überfrachten.
Damals gab es ja in unserem Teil von Reu-Guinea noch keinen geregelten Dampfer verkehr, Post und Pakete von zuhause kriegte man alte zwei Monate einmal mit dem Regierungsdampfer. der Diesmal erst Ende Januar fällig war, und so sah es mit dem 'Weihnachtsfest einigermaßen trostlos aus. Dazu kam, daß die Papuas, Lis in den Bergen und den noch unbesiedelten Teilen der Küste lebten, unruhig geworden waren und uns viel Sorge machten.
Lmnrerhin, als wir am Heiligabend ziemlich früh bei Peters zufammenkamen, hatte sich manches Eßbare angesammelt, eine Art Kiefer war christbarlmmäßig zurechtgestutzt und mit Kerzen und ausgeschnittenen Zigarettenbildchen geschmückt worden, und Talke hatte — der Teufel wußte wie — eine Kiste aufgetrieben mit Konserven, Die nur äußerlich durch Seewasser gelitten hatten.
Die Etiketts waren alle weg und keiner wußte über den Inhalt Bescheid. Herr Talke meinte: „Wir verlosen die Büchsen einfach, und jeder muß essen, was er kriegt." — Aber Herr Länder wandte ein, was denn einer machen sollte, 6er Rkixed Pickles zog, oder tote Rüben oder Tomatenpnree. Zugleich entdeckte Herr Peters einige Büchsen in der Gestalt von Blumentöpfen und behauptete, Da wäre Plumpudding drin; die könnte man ruhig öffnen.
Eine Büchse wurde geöffnet und am Inhalt gerochen.
„Plumpudding." bestätigte Herr Peters, „ich habe es ja gleich gesagt!"
„Rein," entgegnete Herr Tonder und roch auch daran, „falscher Hase."
Er war nicht davon abzubringen; dem Aussehen nach konnte es ebensogut Plumpudding wie falscher Hase sein. Riechen tat es lediglich nach Büchse, wie Herr Talke feststellte. Lind da Herr Tonder
in kulinarischen Sachen als Autorität gatt (et atz immer am meisten), Herr Peters aber andererseits im Sarawak bei den Engländern gewesen war, spaltete sich die Gesellschaft in zwei Lager — in die falschen Hasen und in die Plumpuddings.
Frau Peters, eine resolute rundliche Person, tat das einzig richtige: sie stellte die Büchse In einen Topf mit kochendem Wasser. — Ich schlug vor, der falsche Pudding oder der Blumhase, oder was es nun war, sollte in zwei Halsten geschnitten werden, die falsche-Hasen-Leuie sollten die eine Hälfte mit Dratensohe ejsen, die Plumpuddingleute ihre Hälfte mit warmem Himbeersaft und abgebranntem Rum.
So kam es auch, und nach den ersten Bissen erklärten diejenigen, dir ihren Anteil mit Bratenfohe gewürzt hatten, sie hätten geirrt, es müsse doch wohl Plumpudding sein; während die andern, die viel Himbeersaft und eine Änmenge Rum an ihrer Hälfte verschwendet hatten, schworen, es wäre falscher Hase — und nicht einmal schlechter.
Lind so ging man zu den anderen Speisen über.
Gegen 7 Llhr sollte der Daum angezündet werden, damit die Kinder um 8 Llhr zu Bett gehen konnten. Run strahlte aber draußen noch der Helle Sommertag — im Dezember! — und so schlug Herr Talke vor,, man sollte die Läden vor den Fenstern schließen, damit es einigermaßen schummerig und stimmungsvoll würde. Sie hätten eS drunten in Mexiko auch so gemacht.
Die Läden wurden geschlossen, die Kerzen angezündet, und wir setzten uns — drei Familien und vier Junggesellen — um den Daum, und es war furchtbar schön, und wir mußten alle voneinander wegblicken, weil wir Wasser in den Augen halten, weil die Kinder wie die Engel sangen und es doch Weihnachten war, wenn auch weit weit weg von der Heimat, von Tannenbäumen, vom Schnee auf den Dächern und dem Glockengelänte um Mitternacht.
Ra, und als schließlich Peters mit einer Lleberraschung herausrückte, einem Grammophon, das er bis zu Weihnachten versteckt gehalten hatte, da wurden wir richtig scheußlich gefühlvoll. Die Kinder wurden mit ihren Gefchenken zu Bett geschickt, die Frauen hatten sich in einer Ecke zusammengesetzt, bei den Männern kreiste die Rumslasche „feiern wir gleich Silvester mit, denn da kommen wir doch nicht nochmal zusammen; dazu leben wir zu weit au6etnanber," sagte Herr Tonder — das Grammophon spielte Märsche, Lieder, Männerchöre, das tollste und kitschigste Zeug, wem', ich heute daran zurückdenke — kurz, es war wunderschön.
Llm Mitternacht wünschten wir uns also gleich ein glückliches neues Jahr und Profit und eine recht gnädige Regenzeit und keine .Uebersälle 6er Papuas; und dann beschlossen wir, nicht vor dem Morgen äugeinanderzugehen. Die Frauen hatten sich inzwischen zurückgezogen und schliefen, der Baum war längst abgebrannt, aus dein Weihnachtsfest war allgemach eine Silvesterfeier geworden und daraus wiederum ein richtiggehender Skatabeno.
, Der Skatabend verwandelte sich in einen Skatmorgen, in den noch immer und immer das Grammophon hineintrompetete. — Lim 4 Llhr hatten wir alle einen schweren Kopf vom Rum, von den Zigarren und vom Skat und traten hinaus, um ein wenig frische Lust zu schöpfen.
Wir gingen am Strand entlang bis zur Dkündung des Flusses, der dort vom Gebirge herunterkam, und blickten das schöne kühle Wasser hinaus.
„Himmel, mein Plüfchsofa!" schrie da Herr Tonder ganz unvermittelt, und wir dachten nicht anders, als daß er von Rum und von der Hitze im Zimmer das Delirium tremens gekriegt hatte und statt der traditionellen weißen Mäufe zur Abwechselung mal rote Plüsch- sosas sah. — Aber seiner ausgestreckten Hand folgend, sahen wir ganz richtig ein rotes Plüschsofa ruhig und gleichmütig den Strom hinabsegeln und da — und du — folgte ein Küchenstuhl, eine Bettdecke, ein Rachitisch und ein Kinderwagen —.
„Himmel," sagte Herr Tonder und Hatte sich etwas verfärbt, „wie kommen meine Sachen ins Wasser?"
Herr Tonder lebte nämlich mit Fran und Kind weit oben in den Bergen und am Äser des Flufses; und während wir eilig Peters Farm zuschritten, um die Frauen zu wecken, kam schon die Lösung des Rätsels in Gestalt eines völlig abgehetzten atemlosen Chinesen, der zunächst in unartikulierten Lauten, dann in abgerissenen Sätzen auf uns einzureden begann. Es war Herrn Tonders chinesischer Diener und er schien einfach nicht begreifen zu können, daß sein Herr und wir alle noch am Leben waren.
Mo: die Papuas hatten sich vergangenen Abend ausgemacht, um uns Europäer im Schlas zu überfallen und umzubringen. Sie wollten jeden von uns einzeln erledigen; und das Borhaben wäre ihnen bei der verstreuten Lage der Farmen sicher geglückt, wenn nicht — ja wenn nicht gerade Weihnachtsabend gewesen wäre und wir u:i5 alte, aber auch alle bet PeterS versammelt gehabt hätten. So hatten sie die Rester leer gefunden, hatten nur die eingeborenen Diener fürchterlich verprügelt und alles Lebendige umgebracht — 14 Schweine, 5 Ziegen, 3 Kühe und 27 Hühner, wie eine spätere Zählung ergab — dann hatten sie alles, was sie nicht brauchen konnten, Schreibmaschine, Wanduhren ufw. zerschlagen und ins Wasser geworfen. —
Daher Herrn Tonders Plüschfofa im Fluß!
Was der Chinese aber nicht begreifen wollte, war die Tatsache, daß wir alle am Leben waren und von den Papuas nichts bemerkt hatten.
„Die Papuas wollten zuletzt Helln Petels," das r konnte er als Chinese nicht aussprechcn, „und die Flau und die Kindel töten. Sie hatten eine fulchtbale Wut, weil sie die andelen nicht elwischt hatten. Helln Petels und die Flau und die Kindel wollten sle schlachten und essen."
Aber auch siir diese rätselhafte Errettung fanden wir bald eine Lösung, als wir später von einem gefangenen Papua erfuhren, tote Peters' Haus und wir alle schon von den Wilden umzingelt waren, toie sie bann aber beim Anblick des „brennendert Baums, der nicht


