anderen zu erwecken, was ich so deutlich in mir fühlte und doch nicht von mir geben konnte. Oh, wie tröstete mich das! Ich weiß nicht, war es ein Wunder, oder hat es natürlich so sein müssen, — nur mit Friedrich konnte ich meistermähig spielen und bis daher auch nur insgeheim mit ihm. Es ist uns oft recht elend gegangen, gnädigster Herr, aber es ist doch kein Mensch in Weilburg so glücklich gewesen, als wir armen Leute hier oben auf dem Turm, wenn ich mit Friedrich Duett geigte. Das ist nun aus und vorbei. Jawohl, Friedrich muß hinaus. Wie sollen wir Euer fürstlichen Gnaden dafür danken? Aber mit ihm zieht das beste Stück von mir fort. Und wer weiß, ob ich je wieder der ganze Stadtpfeifer werde, der ich gestern noch gewesen bin!"
„Ich will ihm ja seinen Friedrich nicht nehmen", tröstete der Fürst tief ergriffen. „Er wird wiederkommen als vollendeter Meister, und Ihr werdet dann nicht bloß der ganze, sondern, ein verdoppelter Stadtpfeifer sein."
„Und doch ist mir’s, als Hütt' ich heute zum letztenmal gegeigt", sprach Heinrich Kullmann leise vor sich hin, indes der Fürst dem lauten Dank sich entzog, für den jetzt Frau Christine Worte fand, und die Wendeltreppe hinabstieg.
Neubauer blieb noch einen Augenblick zurück. „Unglücklicher Mann," rief er dem Stadtpfeifer zu, „warum habt Ihr meinen alten Reiserock, der neben in der Kammer hängt, nicht angezogen? Wäret Ihr nicht in den Hemdärmeln geblieben, so hätte Euch der Fürst hier auf der Stelle zum Hofmusiker ernannt: es war alles schon abgeredet!"
Der Stadtpfeifer trat gelassen näher, befühlte das Tuch seines eigenen ziegelroten Rockes und sprach: „Das Kleid sitzt Euch wie angegossen. Seht, Ihr seit gleich an den rechten Mann gekommen, in ganz Weilburg ist vielleicht kein zweiter, dessen Rock Euch so schön gepaßt hätte; ich dagegen bin ein Unglücksvogel, und wo mir endlich einmal der Hirsebrei fürstlicher Gnade geradezu vor den Mund niederregnet, habe ich keine Schüssel, um ihn aufzufangen."
Neubauer eilte dem Fürsten nach. In dem Augenblick, da er die Stube verließ, trat der Kapuziner atemlos zur anderen Tür herein, den Rock des Küchenmeisters auf dem Arm.
„Zu spät!" rief der Stadtpfeifer und warf sich todesmüde auf einen Stuhl.
„Zu spät?" wiederholte der Kapuziner. „Dann will ich ungesäumt in den. goldenen Löwen gehen, um zu erkunden, wie es Neubauer an- gefangen, daß er innerhalb einer Stunde ganz besoffen den Schneider mit dem Kruge prügelt und bann wieder fast wie nüchtern dem Fürsten aufwartet, so gewandt, als sei er auf dem Parkettboden zur Welt gekommen. Dieser Neubauer ist ein Mann, den man bewundern und studieren muß!"
In wenigen Tagen trat Friedrich die Reise nach Wien an.
Nun ward es still in der Turmstube. Der Stadtpfeifer blies nur noch im Dienste und im Geschäft. Die Geige hing im Schrank; Kullmann wollte sie nicht anrühren, bis er wieder mit Friedrich Duett spielen könne. Nur wenn zu Zeiten ein Brief aus Wien kam mit erwünschter Nachricht über des Sohnes Wohlbefinden, ja wohl gar mit einem beigeschlossenen eigenhändigen Schreiben Joseph Haydns — dem Stadtpfeifer zitterte allemal die Hand, wenn er das Siegel des vergötterten Meisters erbrach — über Friedrichs unerhörteFortschritte, nur dann ging er langsam zum Schrank und schaute sich die Geige vergnügt wehmütig an; aber um keinen Preis würde «er einen Strich darauf getan haben.
So verging ein halbes Jahr gar stille, und es war Winter geworden. Kapellmeister Neubauer hatte sich festgesetzt bei Hofe und die ganze alte Hofkapelle umgewälzt. Doch der Erfolg sprach für seine kecken Neuerungen. Minderen Beifall fand es, daß er allwöchentlich bald vor diesem, bald vor jenem Wirtshause um Mitternacht selber in bedenklichen Umwälzungen gefunden und vom mitleidigen Nachtwächter heimgetragen wurde.
Nach Neujahr kam eines Morgens der Kalikant der Hofkapelle auf den Turm und übergab dem Stadtpfeifer ein dickes Paket. Neubauer war ausdauernd gewesen in feiner Dankbarkeit von wegen des ziegelroten Rockes; er hatte nicht geruht beim Fürsten, bis er allmählich dessen Abneigung gegen den allzu grillenhaften Stadtpfeifer besiegte. Das Paket enthielt ein Anstellungsdekret als Hofmusikus für Heinrich Kullmann. An den Rand hatte jedoch der Fürst die eigenhändige Bemerkung geschrieben: „Nota bene: Im Hofkonzert wird nicht in Hernb- ärmeln gegeigt."
Heinrich und Christine feierten einen Tag stiller Freude. Zum Ju- bettag wollte derselbe nicht werden, denn es war dem Ehepaar fast wehmütig, die altgewohnte Turmstube zu verlassen, wo sie so viel Leids und Siebes einträchtig zusammen erlebt.
Gegen Abend ging der Stadtpfeifer zu Neubauer, um ihm zu danken. Er fand den jungen Wüstling in auffallend ernster, weicher Stimmung. Als er ihm seinen Dank aussprechen und seine Freude über das unverhoffte Glück bekunden wollte, unterbrach ihn Neubauer: „Seid stille, Meister! Was ist alles Menschenwerk und Menschenhoffen! Wir sind wie Gras auf den Wiesen, das am Morgen noch stolz stehet und am Abend abgemäht ist — ich weiß nicht mehr genau, wie der Spruch heißt, aber er klingt ungefähr so. Und daß ichs kurz Jage — denn Ihr seid ja ein Mann, und ich bin kein Pastor — heute früh hobt Ihr einen Brief mit rotem Siegel erhalten; hier ist einer für Euch mit schwarzem — Morgenrot, trüber Abend — lest ihn selber."
Der Brief enthielt die Nachricht von Friedrichs Tode. Sein schwacher Körper hatte das Uebermaß des Studierens, dem er sich hingab,
nicht aushalten können. „Der Tod will seine Urfach' haben", bemerkte Neubauer zu dieser Stelle, die sie beide nicht ganz fassen konnten, und der Stadtpfeifer fügte hinzu: „So oder so: ich habe es voraus gewußt, daß ich mein Kind nicht Wiedersehen würde."
In den ersten Tagen der Trauer saß Kullmann oft stundenlang im dunkelsten Winkel der Stube, blickte auf den Boden und faltete die Hände über dem Knie. Und als die Frau ihm freundlich zuredete in dieser Trübsal, sprach er: „Weib, tröste mich nicht. Jetzt bin ich mehr als Hoftrompeter, ich bin wirklicher Hofmusikus und habe satt zu essen; o wäre ich wieder Stadtpfeifer und wir blieben hier auf dem Turm und wären hungrig und — hätten unseren Friedrich wieder! Ach, es war mir immer im Gemüte, daß der Junge zu gut und zu zart sei für diese Welt!" Dann aber richtete er sich plötzlich hoch auf, reichte der Frau die Hand und vollendete in männlicher Fassung: „Wir wollen dennoch nicht verzagen. Der Haussegen, den uns Gott gegeben, weil wir uns dieses Kindes erbarmt, wird nicht von uns genommen sein. Schicke mir unsere drei Kinder herein, daß ich mit ihnen spiele und ihnen von Friedrich erzähle. Wer Trost sucht, der findet Trost."
Der neue Hofmusiker zog vom Turm in eine Stadtwohnung, und jener Hausfegen zog mit ihm, und bald war auch die stille Zufrieden- heit bes Pfeiferstübchens wieder heimisch geworden in dem neuen Quartier. Ein sonniges Alter war den Eheleuten nach so vielen rauhen Jahren bereitet. Christine gedachte jetzt manchmal des Wirtes zu Beilstein, der ihr auf der Hochzeitsreise das Behagen des Sonnenscheins gepriesen, als sie Sturm und Regen so luftig gefunden hatte. Jetzt war sie zu des Wirtes Ansicht bekehrt.
Der Sonntagskuchen des elterlichen Hauses in Ebersbach tauchte nach mehr als achtzehnjähriger Pause mit einemmal wieder auf; zuerst kam er klein wie das erste Mondviertel auf den Tisch, dann größer, gleich dem Bollmond, dann gewaltig wie ein Mühlstein. Der Vater Kapuziner witterte den Kuchen, zu dem Frau Christine an Sonntag, mittagen sogar ausnahmsweise einen Kaffee spendete, und ward nun ein Stammgast in Kullmanns Hause. Sowie noch ein Dritter anwesend war, erzählte er bann mit großem Humor und alljährlich sich mehrenden sagenhaften Ausschmückungen die Geschichte von dem Konzert in Hemdärmeln. Als Neubauer sich schon längst zu Tode getrunken, ward seiner dabei immer noch dankend gedacht.
Heinrich Kullmann rührte keine Geige mehr an. In der Kapelle blies er die Hoboe. Als er Hofmusikus ward, hatte er sich jedoch Vorbehalten, an besonderen Festtagen auf dem Turme den Choral mitblasen, ja, ihn bann selber auswühlen zu bürfen. Erst ba die Stabtpfeiferei ein Enbe nahm, fühlte er, wie sehr sie ihm ans Herz gewachsen war. So blies er denn oben auf Weihnachten, Neujahr, Ostern und Pfingsten, und die Bürger merkten's gleich an dem vollen, feierlichen Klang, daß der alte Heinrich Kullmann wieder auf dem Turme stehe. Außer jenen Kirchenfesten hatte er sich aber auch noch für einen persönlichen Festtag die erste Posaune ausbedungen. Es war dies der 14. Juli, sein Hoch- zeittag. Da überdachte er wohl in dämmernder Frühe beim Aufstehen die wunderbare Führung, mit der ihn Gott durch Leid zu Freud' gebracht, und freute sich des Segens, der nicht von seinem Hause gewichen mir, obgleich er dasselbe in Leichtsinn gegründet, bann aber in Mut und Gottvertrauen gestützt und gefestigt hatte. Zweierlei war es, was ihm nach feiner Meinung diesen Segen beschert: bah er nicht bloß das Brot vom Wege aufgehoben, sondern mit dem Brote auch das Kind, und dann, daß er in dem Bauernmädchen von Ebersbach ein so unübertreffliches Weib gefunden. Was er von feinem verstorbenen Friedrich zu sagen pflegte, bas sagten bie Leute auch wohl von ihm: er sei fast zugut für biese Welt unb zu zart, unb fügen bann hinzu: ein Gluck, daß er eine so gestrenge, heftige Frau hat.
Mit frommen Gedanken, mit schmerzlich süßen Erinnerungen bestieg ber ehemalige ©tabtpfeifer am 14. Juli ben Schloßturm. Dann aber stieß.er oben so mächtig in feine Tenorposaune, daß es widerhallte von ben Felswänben bes engen Talkessels, unb wie er bie Töne aushielt, anschwellen und verklingen ließ, so machte es ihm keiner nach, ja er selbst konnte an keinem anderen Tage blasen, wie an diesem. Denn es schallte nicht bloß die Posaune, daß sie den rechten Ton gab, sondern der Stadtpfeifer fang auch inwendig bei sich den rechten Text mit, und es klang in ihm, wie ein ganzer voller Chorgesang, wie ein Tedenm nach gewonnener Schlacht, wenn sie selbviere zu blasen anhuben:
„Nun danket alle Gott
Mit Herzen, Mund und Händen, Der große Dinge tut An uns und allen Enden;
Der uns von Mutterleib und Kindesbeinen an
Unzählig viel zu gut und noch jetzunb getan."
Traten die Bläser ans gegenüberftefjenbe Fenster, um den Choral zu wiederholen, bann schmetterte ber Alte noch gewaltiger brein, denn er schaute nun hinunter auf fein Haus und fang im stillen den Zweiten Vers des Liedes, und dieser lautete, als habe ihn Martin Rinckan ganz besonders gedichtet für unseren Heinrich Kullmann, ben ©tabtpfeifer von Weilburg:
„Der ewig reiche Gott
Woll' uns bei unferm Leben Ein immer fröhlich Herz Und rechten Frieden geben Und uns in feiner Gnad' erhalten fort und fort Und uns aus aller Not erlösen hier und dort."
Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. - Druck und Verlag: Brühl'fche UniversitatS-Buch. unb (Steinbruderei, A. Lange, ©ießen-


