Ausgabe 
19.8.1929
 
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übernommen: einige handliche Rindlederkoffer mit Kleidern, Zahnbürsten, Hemdchen und was sonst noch nötig ist. borgen geht es los.

3. Tag: Wir sind in aller Frühe ausgebrochen, von Berlin aus. Hinter dem Wannsee lag eine Nebelbank. In Treuenbrietzen gibt es Krach mit der Mannschaft, die einen Engländer verlegt hat. Die Mannschaft nimmt sich das wenig zu Herzen und intoniert geographisch ganz auf der Höhe das Lied vom Sabinchen, dem Frauenzimmer und ihrem hier beheima­teten Schuhmachergesellen. Wittenberg ist die erste Stadt, in der wir uns vollkommen verreist" haben und neugierig Umschau halten. Wir sehen in der Stadtkirche einen Granach und einen Dürer und in der Lutherkirche zwei sehr schöne Bronzeplatten von Peter und Hans Vischer. Dann geht es weiter über die große Elbebrücke durch das schlecht duftende Bitterfeld nach Leipzig, wo wir zu übernachten gedenken. (Warum es Pleiße-Athen genannt wird, haben wir in dieser Nacht nicht feststellen können.)

4. Tag: Wir fahren durch das sanfte Hügelland Thüringens. Louthe entdeckt in einem Winkel ihrer Seele den Hang zum Romantischen. Jede Felswand bringt sie in Ekstase, und an hundert verschiedenen Orten ver­sichert sie, hier und nirgends anders wolle sie ihren Lebensabend beschlie­ßen.Tierchen" macht gute Fahrt; der Navigationsoffizier kann schon nicht mehr ausrechnen, wieviel Knoten in der Stunde, bis ... 45 Fahrtminuten hinter Tennenlohe bleibtTierchen" plötzlich stehen. Die Mannschaft, noch von Thüringen her gerührt, findet auch dies sehr romantisch. Mich über­kommt ein gelinder Graus. Verstopfte Benzinzuleitung verdreckte Düsen Zündungsdefekt selbst ein mit allen Wassern gewaschener Kapitän neigt leicht dazu, sich gleich mit dem Schlimmsten zu erschrecken, zumal wenn es dunkel wird... Ich klettere aus dem Wagen, hebe die Motorhaube ab, schraube die Kerzen heraus, betrachte mit Ingrimm den Verteiler, sauge an der Düse. Benzin schmeckt zum... Weinen. Wie kann man nur so viel davon halten aber ich kann nichts finden. Louthe ersinnt sich, daß jetzt der Mond aufgehen solle, und bringt mich an den Rand der Berzweiflung. Vollkommen desperat betrachte ichTierchen", das gravitätisch und eigen­sinnig mitten aus der Chaussee steht. Plötzlich kommt mir ein Gedanke: Benzin", schreie ich,Benzin, Stoff!" Und schon schraube ich aufgeregt den Tank aus.Wann haben wir zum letzten Mal getankt?" frage ich streng die Mannschaft. Die zieht einen Flunsch und zuckt mit den Schultern. Du wirst wohl heute deinen Mond noch aufgehen sehen," denke ich wütend. Das also ist der Grund allen Hebels. Wir haben keinen Stoff mehr. Es ist schon recht schummrig geworden. Man sieht nicht mehr allzu weit. Wenn jetzt kein Auto kommt, sind wir aufgeschmissen!" sage ich zu Louthe. Sie bleibt sehr gleichgültig.Romantisch," sagte fie. Wenn sie nur ahnte, wie sehr mir ihre Romantik auf die Nerven geht... Aber wir haben Glück. Es ist noch keine Stunde vergangen, da leuchtet der Horizont auf. Ein Auto. Wir stoppen den Wagen, und fein Besitzer, ein freundlicher Bayer, ist . bereit, mich nach Tennenlohe mitzunehmen zum Benzin besorgen. Louthe muß beiTierchen" bleiben.

Der Bayer ist wirklich ein netter Mann. Er läßt sich von mir betören und fährt mich von Tennenlohe wieder zuTierchen" zurück. Einsam steht es im Licht unserer Scheinwerfer auf der Straße. Wo mag Louthe sein? Ich rufe Hallo. Da rast sie uns auch schon entgegen.

Ich habe kein Benzin," jammert sieIch kann hier nicht weiter." Ach nein," platze ich heraus,nicht zu glauben". Wir halten. Jetzt erst erkennt sie mich.Ach du bist es, Kapitän," sagt sie. Und nun schimpft sie los.Denk dir, was mir passiert ist! Ich sitze ganz artig hier und habe Angst. Mit der Romantik ist das so eine Sache. Da hält plötzlich ein Auto kurz vor mir. Ein Kerl kommt raus, weißt du, so ein Ein­geborener, mit Lederhosen und Knicker, mit Stutzen und brüllt, daß ich glaube, mein letztes Stündlein sei gekommen. Ich denke an Jiu-Jitsu und frage schüchtern:Wie bitte?"Saupreißen!" schreit er,könnt Ihr nicht aus dem Sommerweg halten?"Verstehen Sie doch,Tierchen" hat kein Benzin," schrie ich.Dann schieben's den Wagen doch 'nüber!" sagt der Wilde.Mit Ihrer gütigen Mithilfe ja!" flüstere ich schwach. Da ist er schon davon.Denf dir bloß, wenn er ein Mörder gewesen wäre." An diesem Abend wurde die ganze Mannschaft auf halbe Ration gesetzt we­gen feigen Verhaltens vor dem Feind.

5. Tag: Wir haben in Nürnberg übernachtet. Die Kojen waren gut Heute soll's bis München gehen. In Ingolstadt winken uns zwei Ham­burger Zimmerleute die einzigen Zünftler unserer Zeit. Da sie in ihrer alten Handwerkertracht dekorativ aus sehen, nehmm wir sie mit. Sie wol­len nach Pfafsenhofen. Rechts und links stehen sie auf den Trittbrettern unseres Wagens und balancieren auf einem Sein, um zu zeigen, daß sie Gleichgewicht gelernt haben. Und nun fangen sie an zu erzählen. In drei Wochen wollen sie in Wien fein, zur Arbeit gehen weiß Gott, auf welchen Umwegen noch! Der eine wird plötzlich ein bißchen verzwei­felt.Es ist ein anstrengendes Leben," sagte er, und seine Jungensstirn legt sich in schwere Falten. Wir fahren in Pfaffenhofen ein. Die Mann­schaft kramt in ihrem Portemonnaie. Der Schein, den sie hervorzieht, wird für die nächste Mahlzeit der Jungen reichen. Sie verabschieden sich artig und verlassen uns ein wenig getröstet.Sie waren so reizend," lispelte die Mannschaft. Und wie ich sie nun angucke, wird sie ganz rot.

6. Tag: In München wollen wir bleiben. Es soll unser Hauptquartier fein, von dem aus wir Ausflüge machen wollen, um Bayern gut kennen­zulernen. Adieu, Hauptquartier! Wir steuern auf Mittenwald zu. Weithin klare Sicht. Großhesselohe, Wolfratshausen. Die Berge liegen vor uns. Heber die grünen Wiesen springen die neugierigen Kühe, umTierchen" zu begrüßen. Kochel, der herrliche Kochelsee. Die Straße sührt dicht am Wasser entlang. Die Mannfchaft stöhnt unvermittelt über Hitze und macht sich eifrig an den Koffern zu schaffen. Der Kapitän begreift und steuert in einen Seitenweg.Tierchen" bleibt am Ufer stehen, behangen mit Klei­dungsstücken aller Art und wartet auf uns, die wir begeistert ins Wasser stürzen. Nach dem Bad schlafen wir auf dem Hang und fahren dann wei­ter. Hinter Mittenwald ragt das Karwendelgebirge in den blauen Nach­mittagshimmel. Die Stadt hat die fdjönftbemalten Häuferfaffaden in dieser Gegend. Noch sehr viel Geigenbauer gibt es hier. Wir schauen uns tine Werkstatt an. Da liegen Geigenboden und -decken in großen Men­gen herum. Sie werden nicht mehr wie früher mit der Hand, sondern mit Maschinen geschnitten. Von ihren edlen Vc-bildern sind diese In­

strumente kaum zu unterscheiden. Die Maserung ist gewählt schön, und die Schnecken prächtig geschnitzt. Und doch, welch ein Unterschied im Ton! Louthe spielte eine Suite von Bach und bekommt immer mehr Publi­kum, Kenner und Liebhaber von München.

7. Tag: Heber das phantastische Wasserburg, Altenmarkt, Reichen­hall sahren wir nach Berchtesgaden. Wir kommen an eine wunder­schöne eingezäunte Wiese mit blühenden Glockenblümchen und Mar- gueriten. In der Mitte steht ein großes Schild: Icering. Wir sind im strahlendsten Sommer im Wintersportland. Von Berchtesgaden nach dem Königssee sahren wir zwischen zweimal Atemholen im Winter auf Skiern dauert das eine Stunde .Wir lassenTierchen" am Ufer stehen, mieten ein Boot, und die Mannschaft kommt endlich dazu, ihren wahren Beruf auszufüllen: rudern bis die Hände heiß werden. Stundenlang liegen wir gegenüber dem Kloster St. Bartholomä, dessen runde Türme sich zitternd im Dunkelgrün spiegeln. Am Ufer treffen wir Amerikaner, Cook-Leute, wie man sie überall findet. Sie sehen einander ähnlich wie Zinnsoldaten diese bunten, uniformierten Fertigfabrikate. Erinnert man sich später ausnahmsweise an einen van ihnen, so weiß man nie recht, hat man ihn in Sidney ober in Spandau getroffen. In jeder Schachtel Zinnsoldaten findet man einen Offizier in jeder Cook-Gruppe eine besonders häßliche, herrische ältere Dame, die mit vieler Energieentfal­tung ihre unerwünschte Privatmeinung zu äußern gewohnt ist. Da ihr niemand aus ihrer Gesellschaft mehr zuhört, wendet sie sich an uns. Wir empfehlen ihr, den Watzmann zu besteigen (sie wird selbst das große weiße Schweigen als Gesprächspartner benutzen, sagt Louthe) und fahren nach dem Hauptquartier zurück. Morgen ist Rasttag.

8. Tag:Tierchen" bleibt heute in der Garage. Wir haben uns gerührt von ihm verabschiedet mit einem Klaps auf den Notsitz und Louthe konnte es nicht unterlassen, ihm noch schnell und zärtlich in die Pneus zu kneifen. Nun , trotten wir durch die Straßen von München. Louthe ist einsilbig und melancholisch.Weißt du," sagte sie,im Auto macht sich doch alles schöner."Es hat so seine eigene Romantik," meine ich versöhnlich. Aber selbst soviel Entgegenkommen vermag ihre Laune nicht aufzubessern.Was soll denn von einem Mädchen noch übrigbleiben, wenn man das Auto abzieht," klagt sie bitter, und gibt mir ein Re- chenexempel auf, das ich nicht lösen kann.

Neue Ergebnisse der Meteorsorschung.

Von Arthur Stendel.

Während die Menge der täglich in unsere Atmosphäre eindringenden kleinen Meteore oder Stern schnuppen, soweit man sie mit un­bewaffnetem Auge beobachten kann, rund 1,5 Millionen, und soweit sie sich noch im Fernrohr zeigen, d. h. bis zur Helligkeit der 11. Größen­klasse herab, mindestens 35 Millionen beträgt, ist die Zahl der aus dem Welträume auf die Erde stürzenden großen Meteore oder 8 eu er­lüg ein im Vergleiche mit jenen nur gering, um so geringer, je schwerer die Körper sind. Beider wissenschasiliche Erforschung gehört erst der neueren Zeit an, sie setzte mit besonderer Gründlichkeit, sowohl bei den kleinen wie bei den großen Meteoren, jedesmal nach einem außerordentlichen Ereignisse ein. So veranlaßte der gewaltige Stern- schnuppensall Mitte November 1866 Professor Schiaparelli und andere Astronomen zur Hntersuchung über den Zusammenhang zwischen Meteoren und Kometen, und so regte auch die ungeheure Meteorkata­strophe im sibirischen Hrwald am 30. Juni 1908 Professor L. A. Kulik zu eingehendem Studium am Orte des Meteor-Einschlags an und gab wohl den Anstoß zur wissenschaftlichen Hntersuchung anderer schon vor langer Zeit niedergegangener, doch bisher wenig beachteter großer Meteormassen.

Im Gegensatz zu den zahlreichen, stets in der höheren Atmosphäre vergafenden und deshalb nie die Erdoberfläche erreichenden winzigen Körperchen der Sternschnuppen fordern die selteneren, vielfach auf die Erde niederstürzenden und zuweilen sehr schweren Stein- oder Metall­massen der Feuerkugeln unser besonderes Interesse heraus, da sie was bisher in historischer Zeit glücklicherweise noch nicht vorgekommen ist in bewohnter Gegend bedenkliches Hnheil anrichten können, vielleicht auch einmal anrichten werden.

Eine gewisse Gefahr bieten schon die in ganzen Schwärmen von größeren und kleineren Körpern aus dem Welträume die Erde treffen­den und afs sog. Steinregen sich über ein weites Gebiet ver­breitenden Meteore. Beispielsweise zählte man nach dem Meteorsall von Holbrook in Arizona am 19. Juli 1912 mehr als 14 000 Einzeltrümmer. Der Steinregen von Pultusk in Polen am 30. Juni 1868 lieferte gegen 100 000 und der von Mocs in Ungarn am 3. Februar 1882 noch weit mehr Körper. Manche von den Meteoriten besitzen ein recht ansehnliches Gewicht; nach dem Steinfall von Knyahinya in Ungarn am 9. Juni 1866 fand man u. a. einen Block von 300 Kilogramm. Weit schwerer noch sind viele in früherer und neuerer Zeit niedergegangene Eisen-Meteo­rite. Einige vorgeschichtliche südamerikanische Eisenmassen wiegen über 8 Tonnen (8000 Kilogramm), die von Otumpa in La Plata 15 und die von Willamette in Oregon 16 Tonnen; Peary brachte aus Nordgron- land sogar einen Eisen-Meteoriten von 36,5 Tonnen mit.

Einer der fchwersten prähistorischen Meteorite, im Ge­wicht von etwa 50 Tonnen, wurde, wie einer Mitteilung der Hamburger Sternwarte entnommen sei, im Jahre 1871 bei einer El Ranchito ge­nannten Hacienda, südwestlich von der Stadt Bacubirito in der mexi­kanischen Provinz Sinaloa, im Erdboden aufgeifunben und im Jahre 1902 von Professor Henry A. Ward untersucht, der dann einen Bericht über seine Ergebnisse der Akademie der Wissenschaften zu Rochester vorlegte. Noch schwerer als der Eisen-Meteorit von Bacubirito ist der seit 20 bis 30 Jahren bekannte Eifen-Nickel-Meteorit von Grootfoniein in Deutsch-Südwestafrika. Heber diesen ist erst jetzt durch das Harvara Bulletin Authentisches an die Oeffentlichkeit gekommen. Der Astranonn- schen Zentralstelle in Kiel und der Hamburger Sternwarte verdankt der Verfasser folgende Angaben: Der Meteorit liegt bei 18 Grad östlicher Länge von Greenwich und 19,6 Grad südlicher Breite, also etwa >n