Ausgabe 
19.8.1929
 
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SiehenerZamilienbliitter

Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger

Jahrgang {929 Montag, den |9. August Ünütmer 6<

Sommer-Refektorium.

Von Eduard Mörike.

Sommerlich hell empfängt dich ein Saal; man glaubt sich in einem Dom; doch ein heiterer Geist spricht im Erhabnen dich an.

Ha, wie entzückt aufsteiget das Äug' im Flug mit den schlanken Pfeilern! Der Palme vergleicht fast sich ihr lustiger Bau.

Denn oielstrahlig umher aus dem Büschel verlaufen die Rippen

Oben und knüpfen, geschweift, jenes unendliche Netz,

Dessen Felder phantastisch mit grünenden Ranken der Maler

Leicht ausfüllte; da lebt, was nur im Walde sich nährt:

Frei in der Luft ein springender Eber, der Hirsch und das Eichhorn;

Habicht und Kauz und Fasan schaukeln sich auf dem Gezweig.

Wenn, von der Jagd herkommend, als Gast hier speiste der Pfalzgraf, Sah er beim Becher mit Lust über sich sein Paradies.

Sommer.

Von Waldemar B o n s e l s.

Als der Vagabund das von Erlen und Weidengebüsch bewachsene Ufer des Flusses erreicht hatte, warf er sich ins Gras nieder, das in der feuchten, kühlen Erde so hoch stand, daß es ihn wie eine kühle Flut ausnahm und überschlug. Es war so still umher, daß man die Flügel der Libellen in der Luft des warmen Mittags hörte und die geheimnis­vollen Stimmen des träge dahinziehenden Wassers. Die Rohrspatzen schrien im Schilf in einer nahen Sumpfniederung, in der das tote Wasser zwischen den hohen Halmen in der Sonne glitzerte. Der Ruhende dachte an das heiße Leidensband der Landstraße wie an eine überstandene schmerzhafte Krankheit, trocknete seine Stirn und atmete tief, als tränke er seine Genesung in diesem Frieden.

Der sanfte Wind bewegte über seinen Augen die Halme, sie schau­kelten im Himmel. Eine Biene zog daher, summte sorgenvoll und ließ sich am Rand des Kelches einer Sommerblume nieder, die sich mit ihr neigte. Das kleine Tier zog in die farbige Helligkeit der Blüte em, in den strahlenden Sonnentempel, in dessen reiner Halle das Leben ein­ander suchte und begegnete, in den einfältigen Wundern der 9<ntur. Langsam zog eine kleine weiße Wolke hoch am Himmel dahin, leuchtete, wanderte und zerging im Blau. Wenn die Wipfel der Erlen von einem Windhauch bewegt wurden, begann für eine Weile ein geschäftiger Eifer in den Blättern, ein silberner Strom umfloß sie, der die Augen lockte. Die Düfte, die vom durchwärmten Wasser und aus dem feuchten Grund der Ufer strömten, schläferten ein und führten merkwürdige Erinne­rungen aus den Tagen der Kindheit mit sich, die zugleich wach und vergessen waren, wie ein von Träumen befangener Blick.

Der Vagabund ließ die Stunden dahinstreichen, als habe er sein gan­zes Leben lang nur auf sie gewartet. Er sah nicht eben aus, als habe er sich viel um andere Dinge gekümmert, aber in den Zugen seines Gesichtes lag ein aus der Tiefe des Herzens dringender Lichtschimmer, als habe Gott sich um ihn gekümmert.

Als die Gnadenbahn der Sonne ihren Höhepunkt langst überschrit­ten hatte, vernahm der Ruhende ein gedämpftes hölzernes Poltern und ein Plätschern des Wassers, das nicht von der Strömung kommen konnte. Er richtete seinen Kopf empor und sah auf der Silberleiste des Flusses einen Kahn hinabtreiben, in dem ein Mädchen stand, das mit einem großen Ruder steuerte und auf das Ufer zuhielt, an dem er lag. Er betrachtete ihre vom Licht umflossene Gestalt, ihre jungen ©fieber, die das dürftige und arme Sommerkleid kaum verhüllte, und das reiche Haar, das in einem nachlässigen Knoten in dem gebräunten Nacken hing. Es war von einem seltsamen, farblosen Blond, als hätten Sonne und Regen ihm seinen Glanz genommen, und doch tag ein matter Schein darauf, von betörender Lebenswärme.

Dicht bei seinem Ruheplatz sah er nun einen Holzsteg im Sumps, der auf morschen Pfählen ein wenig in den Fluß hineinragte, zwischen dem Schilf. Als das Mädchen den Kahn an die Bretter antretben ließ und ihn befestigen wollte, erblickte sie den Vagabunden und sah ihn mit großen hellen Augen starr und erschrocken an. Die Strömung drehte langsam den Kahn, das Mädchen hielt einen Pfahl mit ber Hand fest, beugte sich vor und staunte, bis die Züge dieses fremden Man- nergefichtes ein ratloses Lächeln in ihrem Angesicht hervorbrachten.

Was liegst du dort? Woher kommst du?" fragte sie mit einer tiefen Altstimme.

Sie zögerte den Kahn zu befestigen und den Steg zu betreten, ber Frembe schien es mit ber Äntwort nicht eilig zu haben. Endlicy sagte er unb erhob sich halb, wobei es schien, als brücke ber schwere goldene Sonnenmantel auf seine Glieder und Gedanken:

Ich ruhe und schaue das Licht, die Pflanzen, den Himmel und das Wasser an, und nun auch dich."

Irgend etwas in seiner Art verwirrte sie leicht, sie empfand, daß sich mit ihm nicht auf die Art reden ließ, wie sie es mit Leuten ihrer Gegend konnte. Aber ihr war, in einem bescheidenen Stolz, als sollte sie doch vor ihm bestehen können, auch war die heimliche Sorge, die sie beschlich, ohne Angst, sie war frei und wunderbar.

Du bist müde, vielleicht hungrig, oder lange unterwegs?" fragte sie stockend. Sie sah nun, daß er älter war, als es ihr zu Anfang er­scheinen mußte, seine Augen hatten sie getäuscht, deren Schein so jugend­lich war wie das Blau des Himmels.

Die Würde ihrer Armut rührte ihn tief. Es schien ihm, als ent­flammte ihre Gestalt dieser Landschaft, wie eine Pflanze dem Wiejen- grunb, ihm war, als verwandelte ihm die Sommerglut alles zu einem einzigen Teppich des Lebens, in dem das eine so viel wie das andere galt, Blumen und Wind, Mädchen und Hecken.

Er tat sich Gewalt an, erhob sich und trat auf den Steg zu.

Komm herüber zu mir," Jagte er,ich werde dir helfen."

Sie antwortete nicht, sah ihn voll und ruhig an und löste die Hand vom Pfahl, ohne sich zu rühren, so daß der Fluß den Kahn langsam vom Steg abtrieb. Er sah ihre Gestalt gegen den Himmel, unbeweglich und doch auf stiller Wanderschaft, wie zuvor die Wolke im Blau. So entfernte sie sich lautlos mehr und mehr von ihm, aber sie lächelte ihn an, als käme sie ihm entgegen.

Komm doch wieder," sagte er und trat vom Steg zurück.

Da sie sah, wie er sich an feinem alten Platz ins Gras sinken lieh, und daß kein Zeichen von Groll in seinem Gesicht zu finden war, tauchte sie das Ruder ein und stieß den Kahn gegen die Flut, bis ihre Hand wieder den im Wasser schwankenden Pfahl erreicht hatte.

Was wolltest du hier tun?" fragte er.

In der Bachmündung liegt die Fischreuse."

Sie erschrak, da sie den Ort verraten hatte, an dem ihr Gerät lag, denn er hätte vom Ufer aus dorthin gelangen können, und ein Land­streicher war es allemal, wenn auch . . .

Woher kommst du?" fragte sie rasch, um ihn abzulenken, aber es schien, als habe er nichts von der Reuse gehört, denn er suchte weder nach ihr noch antwortete er.

Sie sah mit Befangenheit in feine Augen, und ungewiß war ihr, ob es eine glückliche Traurigkeit geben müsse. Sie wagte nicht mehr zu sprechen, sie empfand, als habe sie ihm Unrecht getan, er hatte nicht sie gewollt, sondern viel mehr, und ihre Unsicherheit wuchs. Da löste sie die Hand, ohne es recht zu wollen, und schlug die Augen nieder, damit die sonderbare Frage seiner Blicke sie nicht erreichen konnte. Die will­kommene Srömung faßte wieder den Kahn, brebte ihn langsam unb nahm ihn lautlos mit sich fort. Erst als schon die Schilfwände sie. deckten, hob sie die Hand und winkte schüchtern ins Grüne, Weite hinein . . .

Erst vereinzelt, bann in Gemeinschaft erklangen nun roieber bie Stim­men ber Rohrspatzen, unb eine Libelle mit bunkelblauen Flügeln ließ sich auf einem Schilfhalm, dicht vor dem Ruhenden nieder.

Als die Sonne mehr und mehr sank-, wehte es kühler vom Wasser her. Der Sonnenschein umher bekam auf allen Blättern, auf dem Wie­sengrund und in der Weite am Saum des Waldes jenen Goldglanz ohne Frische, wie er die Sommernachmittage so klar und sonderbar macht, in ihrer Stille. Die Fische begannen zu springen, ein dichter Schwarm klei­ner Insekten spielte über dem toten Wasserarm in der reinen Luft unü sah sich tausendfach im Spiegel feiner Lebenswelt: ein blanker, dunkler Abgrund mit dem Bild des Himmels, Wiege und Grab.

Zwei Mädchen im Auto.

Romantische Fahrt durch Bayern.

Von Rut Landshoff.

(Nachdruck verboten.)

UnserTierchen" ist ein Auto unb hat ein Logbuch wie ein Schiff. Tierchen" nennen wir es aus lauter Zärtlichkeit, unb weil wir gelernt haben, baß es keine Seele hat; was wir manchmal bezweifeln.Tierchen" ist gefärbt wie ein Falbe unb kommt aus einem guten Stall wenn auch Serienfabrikation, so boch prima Stammbaum. Um uns die Erleb- nisse desTierchens" aufzubewahren, führe ich als Kapitän ein LogbuH.

1. Tag: Ich habe Louthe als Steuermann, Navigationsoffizier, Wa­scher und Putzer angeheuert, mit einem Wort, Louthe ist die Mannschaft. Sie ist ein großes kräftiges Mädchen, blond und mit traditionell blauen Seemannsaugen. Für ihren Beruf ist sie durchaus geeignet. Sie läßt sich durch nichts aus der Fassung bringen, und selbst die unhöflichsten Leucht- turrnwächter der Landstraße die Verkehrspolizisten der kleineren Orte> bekommen einen heillosen Respekt, wenn sie sie anbonnert wie ein alter Seebär. . _

2. Tag: Der Navigationsoffizier hat sich mit Karten und einem Kom­paß versehen. Ich habeTierchen" aus dem Dock geholt und die Ladung