Gesichtern, In 8er Sprache, vereinigen sie sich unk» verstärken einander; Unti so ist auch dies leibliche Gegenwart und macht als ein Lebendiges seinen Anspruch auf uns geltend, und die Namen überfallen uns leibhaft: Han- nibal, Hamilkar mischt sich mit Heinrich, Friedrich, Manfred. Ungeheuere Zusammenkunft! Gegen Westen aber sehen wir nun über das tyrrhenische Becken hinaus, über die Säulen des Herkules wittern wir ins Hesperisch-Unabsehbare, uralt Vergangene, zukunftträchtige Atlantische. Diese Insel ist für uns dramatischer als irgendein Punkt der Welt. Der Geist spannt sich von Pythagoras zu Columbus ohne Anstrengung; ihn regiert das Gefühl einer großartigen Gegenwart. Hier landet Platon. Hier schlägt der Karthager. Hier baut der Byzantiner. Hier schläft unter arabischen Kuppeln der Staufer in einem porphyrenen Sarg. Hier reitet Goethe einen Pfad meerentlang. Hier haucht Platen seine Seele aus.
Abgründe sind dazwischen, aber in uns ist Abgrund genug, daß wir wissen, wie wir das Getrennte zusammenbringen. Es ist aber dies unsäglich freudige Licht vor allem, das uns den Mut gibt zu einer ungeheuren Fassung, in die wie in ein Becken die Zeiten und die Räume einschäumen. Dem Auge vertrauen wir uns an, das der geistigste unserer Sinne ist. Hier sind Horizonte leiblich erblickt, verschwimmend und doch völlig klar: ihr Rand scheint nicht im Raum, eher in der Zeit sich zu verlieren; sie sind wie Gedanken, nicht verfolgbar bis ans Ende, aber rein und wahr.
Die Gräfin Taylor Toiras.
Don Anton Schnack.
Ich habe sie nicht gesehen, ich habe nur gehört, daß sie in einem Landhaus bei Saint Germain wohnte, bah sie eine Frau von achtunb« zwanzig Jahren, unabhängigen und stolzen Charakters war und einen angenehmen Reichtum besah. Sie war eine rothaarige Schönheit, die besonders an fahlen Rachmittagen wirkte. Dah sie auf dieses kam, was ich berichte, war bei ihrem wilden und neugierigen Wesen M erwarten.
Was bedeutete ihr der Marquis de Villa Roche, der sie täglich mit weichlichen und müden Orchideen langweilte; oder der Dichter Mauriac, der von nichts anderem sprach als von seinen zukünftigen Premieren! Oder der Flieger Caspari, der den Flugdienst Paris—Algier hatte. Er war Maschine geworden, Oel, Route. Propeller, Luftloch und Döe.
Uebrigens stand sie den Frauen näher als den Männern, deren Phlegma sie bestürzte und deren Korrektheit ihr peinlich war.
Sie sah mit der Gräfin Colandi und dem russischen Manniquin Lkenia Popoff eines Abends in einer wenig bekannten Dar am rechten (Seineufer. Reger schlugen die Jazzmusik. Ihre Zähne blitzten. Die Stirnfalten zogen sich in Ringen empor. Ihre Lippen wulsteten sich auf: die ganzen Gesichter schienen zu lachen und zu grinsen. Es waren Reger aus Südamerika, die ein Manager nach Paris gebracht hatte. Diese musikalischen Cxcentrics spielten mit allen Gliedern, machten Teufelsfratzen, traurige und glühende Augen, sie fieberten, schrien und pfiffen und entfesselten eine Musik von grellem und wildem Rhythmus.
In dieser Dar verkehrten viele Farbige; scheue Tonkingchinesen, Regerlabhs aus Liberia, Marokkaner, Inder, Siamesen, Mulattinnen mit wunderbar biegsamen Körpern, Matrosen, Soldaten, Hausierer, fliegende Händler, schwarze Diener aus den großen Dazaren, Leben ging hier ein und aus, das sich überall umhergeschleppt hatte, wo es grell, primitiv, grausam, gnadenlos, hungrig und gemein zuging. Duft und Hauch von Schiffen, Freudenhäusern, Meeren, Fiebersümpfen, von stinkigen, afrikanischen Gasen, lautlosen blauen Gärten, Oasen und Karawanen, von lärmenden Häfen, Sternnächten, Dschungelwäldern und Gefängnissen brachten diese Gestalten mit sich und verzauberten die Dar, wo es alle exotischen Gesöffs und Drinks gab, zu einem Weltraum.
Das war der Ort, wo die Gräfin Taylor Toiras mit der Gräfin Colandi die Wette um fünfzigtausend Dollar schloß, ohne Schutz und Dedeckung die gefährlichsten und schlimmsten Orte der Erde aufzusuchen, ohne dah ihr etwas Wesentliches geschehen würde.
Der Morgen hatte einen blauen Tropenhimmel. Der kleine mittel- amerikanische Dreckhafen stank nach Teer, Zimt, Küchen und Gewitter, als das Segelboot „Mary Dear", ein alter Kasten, der verwahrlost, gespenstisch und zum Untergang Bereit aussah, in den schmetternden Azurglanz des Meeres stach. Es war ein Strafboot des Staates Costa Riea, das von Verbrechern bedient wurde, die Zwangsarbeit auf der Insel Malpelo zu leisten hatten. Die Insel lag zehn Tage weit südwärts. Steinige Klippen, mit ungeheurer Wucht aus dem Meere emporgeworfen, weih, nackt und von Vögeln beschmutzt, ein schweigsames Eiland, von dem es kein Entrinnen gibt.
Die Gräfin Taylor Toiras sah furchtbar verlottert aus. Sie hatte eine Letnenbluse an, die die Tropensonne ausgelaugt hatte.
Die Lust war weih. Die Flagge gelb. Vom Kapitän des Schiffes bis zum letzten Matrosen herunter waren es Mörder, Räuber, Halunken, Gauner und Diebe. Der Kapitän Dob Flower war zu zehnjähriger Zwangsarbeit auf dem Schiff verurteilt. Er hatte im Hafen St. Juan del Sur einen Schiffsjungen erstochen, der ihm ein Glas Whisky vom Tische heruntergeworfen hatte.
Die Segel wurden voll. Das Meer war blau und glänzte wie eine geschlissene Scheibe ins Unendliche.
Die Taylor stand auf Deck, dicke Taue lagen um sie herum. Ihre kurze cremefarbene Hose war von Oel- und Fettspuven versaut. Die Stiesel hatten tiefe Risse im Leder. Braun war ihre Haut. Das Land verschwand. 2n der rechten Hosentasche hatte sie einen kleinen Revolver mit sechs Kugeln. Ein zweites Lager von sechs Kugeln hatte
sie In einer unsichtbaren 'Futtertasche der Innenseite ihrer Muse. Gut genug, um Löcher in den Himmel zu schiehen. Oder den Haifischen aus die Schnauze. Er war nutzlos.
Die Desatzung war furchterregend. Sie bestand aus Europäern, Regern, Chinesen und Mischlingen. Es waren zwanzig Männer, deren Rücken von Messerstichen zerhackt waren, manche sahen schon in nordamerikanischen Singsinggefängnissen. Es waren Dankräuber darunter, die Dynamit lose in den Taschen getragen hatten. Das Verbrechen war ihnen das Himmelreich.
Einer nur schien verlählich. Er war Koch, hieß Vanna, war von Geburt ein Italiener, der zu vier Jahren Zwangsaufenthalt auf dem Schiffe verurteilt war. Er hatte in St. Josse den Heizer Hastiks mit einer Eisenstange erschlagen, weil dieser seine rothaarige Frau Leda nicht gegen seine dunkle Kubanerin tauschen wollte. Er war breit-, schulterig, hatte eine breite Narbe auf der rechten Stirnseite und zwinkerte mit den Augen.
Sie fuhren schon zehn Tage. Viel Wind hatten sie. Die Rächte fielen plötzlich und ohne Uebergang ein. Sterne kamen durch die Luft geflogen. Das Meer rauschte von den Geschwadern der fliegenden Fische herauf. Haie standen wie graue Glassärge im Wasser. Del» phinschwärme rollten vorüber.
Das Trinkwasser war muffig und schlecht. Das Mehl stickig. Von den Matrosen wurden mit Rollangeln Hechtdorsche und blauäugige Flundern gefangen, die durch ihren Grätenreichtum fast uw genießbar waren. Es gab ein gesalzenes Fleisch, das halb verfault war. Im schnellen Morgengrauen Überflogen Topikvögel das Schiff. Die Sonne lag wie Schwefel über dem gewaltigen Meer. Gewitter zogen nordwärts vorbei.
Das Schiff kam gegen Abenddämmerung vor die Klippen der Insel Goronia. Die Taylor Toiras war froh, in der Äähe von Land zu fein; denn ein Chinese namens Cham, der wegen Straßew raub es zu vielen Jahren Schiffsdienst in den Tropen verurteilt war, schlich wie eine Katze seit der Ausfahrt um sie herum. Eines feinet Augen war von einem furchtbaren Geschwür geschlossen. Mit dem anderen glotzte er die Gräfin beständig an. Ihr rotes Haar stach ihm bis Mut. Er konnte sich nicht satt an ihr sehen ...
Es war Rächt. Die Brandung schlug immerfort.
Die Toiras sah, wenn sie durch die Luke spähte, den weihen Sturz der Wellen durch die violette Dunstnacht schimmern. Nacht- vogel flogen inselwärts. Ihre Schreie waren schrill und böse. ES war heiß im Schiff und es stank quälend. Die Frau ging die Treppe zum Deck hinauf, die bei jedem Schritte alt, und morsch knarrte. Sie ahnte, daß Hände in dieser Rächt an ihre verriegelte Türe greifen würden. An die Holzwand ihrer Kajüte schienen sich Leiber zu pressen. Sie fühlte die Unruhe, die im Schiffsbauche lautlos umherging. Die Ratten pfiffen Überall.
Sie hatte die letzte Stufe der Treppe erreicht. Sie atmete freier. lieber ihr stand eine funkelnde Sternwand. Der Wind war ganz klein. Die Lust war ttotz der Meeresnähe wie ein Sud.
Die Toiras wollte fort. Aber wohin? Alle Horizonte waren Meer. Dor ihr im Ansturm der Drandung lag die Insel. Weiter gen Westen noch eine, eine dritte, eine vierte. Dor der grausamen Große des Meeres waren sie bedeutungslos. Und übrigens wimmelte hier das Wasser von Haifischen.
Eine Gestalt stand vor ihr aus.
„Wer ist da?"
„Ich, Cham, der Matrose."
Sie sah ein Gesicht, gelb wie eine Mondscheibe.
Die Vogel schrien immer noch, manchmal ganz nahe. Manchmal ungeduldig und leise. Es war traurig, wie die Drandung rauschte. Der furchtbare Mann aus San Franzisko lauerte sie an.
„Was willst du," sprach sie, „geh, laß mich auf das Deck gehen!" Er aber stürzte sich auf sie. Ein dumpfes Grunzen als Antwort. Sie fühlte feuchte Hände wie Schlangenhaut. Seine Drust, die sie mit ihren Händen abhielt, war glatt und ölig.
Sie schrie nicht. Sie fühlte, daß ein einziger Schrei das ganze Gewürm, das sie die Nacht hindurch belagert hatte, herauflocken würde. Sie wäre die Deute aller gewesen. Sie schoß auch nicht. Es hätte das Gleiche bewirtt. Der Gelbe hatte ihre Hände niedergedrückt und sie, kniend, konnte kaum mehr dem Ansturm seiner rücksichtslosen grausamen Kraft widerstehen. Der Kopf sackte nach hinten. Sie Sterne gingen hoffnungslos fern und erreichbar, kalte Götteraugen, durch die grüne Glasnacht.
Da sprang aus einem Segelpacken ein Schatten und fiel, em breites Messer schwingend, lautlos auf den Rücken des Mannes. Nichts war zu hören als das leise Aufprallen der metallenen Schneide auf einen Halsknochen. Die Finger des Chinesen lösten sich ruckweise und müde von ihrem Fleisch.
Unterirdisch schrien die unsichtbaren Vögel. Wie seltsam, daß sie jetzt, in diesem grauenhaften Augenblicke, an ihre Vogelschönheit dachte. Am Nachmittage hatte sie einen auf der Segelstange sitzen gesehen: aus seinem seidenhaft grauen Gefieder blitzte ein zichorienblauer Schnabel.
Unten in den Kabinenlöchern schien Lärm zu erwachen. Im Dauch des Schiffes schrie eine dumpfe Stimme. Es war ein Slangwort, das sie nicht verstand. Ein Schlag folgte. Noch einer. Vanna, der Koch, zog das Messer an seinem rechten Hosenbein drei- oder viermal ab, bis kein Dlut mehr daran war. Dann warf er eine Hängeleiter die Backbordseite hinunter. Er winkte ihr und glitt wie ein ® ins Wasser. Sie folgte. Das Wasser war warm und glühte grün und weiß durchleuchtet von unten herauf. Sie schwammen schweigend Manchmal streifte ein Fisch ihre Hände. Durch die Drandung sie wie ein geschleuderter Pfeil. Sie fühlte unter ihren Füßen Sand Als sie unter Bäumen waren, fetzte sie sich nieder. Eine große Müdigkeit kam über sie.


