Ausgabe 
19.7.1929
 
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Siehener Knnilienbliitter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang 1929 greitag, den 19. Juli «immer 55

Ballade des äuheren Lebens.

Von Hugo von Hofmannsthal'). Und Kinder wachsen auf mit tiefen Augen, Die von nichts wisfen, wachsen auf und sterben, Und alle Menschen gehen ihrer Wege.

And süße Früchte werden aus den herben Und fallen nachts wie tote Vögel nieder Und liegen wenig Tage und verderben.

Und immer weht der Wind, und immer wieder Vernehmen wir und reden viele Worte ;

Und spüren Lust und Müdigkeit der Glieder.

Und Straßen laufen durch das Gras, und Orte Sind da und dort, voll Fackeln, Bäumen, Teichen, Und drohende, und totenhaft verdorrte...

Wozu sind diese aufgebaut? und gleichen Einander nie? und sind unzählig viele?

Was wechselt Lachen, Weinen und Erbleichen?

Was frommt das alles uns und diese Spiele, Die wir doch groß und ewig einsam find Und wandernd nimmer suchen irgend Ziele?

Was frommt's, dergleichen viel gesehen haben? Und dennoch sagt der viel, derAbend" sagt, Ein Wort, daraus Tiefsinn und Trauer rinnt Wie schwerer Honig aus den hohlen Waben.

Sizilien und wir.

Von Hugo von Hofmannsthal.

Dies ist eine der letzten Arbeiten des soeben unter so trau­rigen Umständen aus dem Leben geschiedenen Dichters.

Indem wir als Deutsche dieses Jnselland betreten, scheint sich uns un- ablehnbar Goethes Genius zum Begleiter anzubieten. Wir kreuzen mit jedem Gang die Spuren seines Weges; alle diese Namen waren uns schon vorher durch ihn vertraut; wir hatten diese Buchten und Berg« durch ihn gesehen, bevor wir sie gesehen hatten. Es ift- unvermeidlich, daß wir uns seiner immer wieder erinnern. An dieser Insel gehen die Jahrhun­derte fast spurlos vorüber, und sein Sinn, der auf das Gesetzmäßige und Bleibende gerichtet war, hat uns die Gestaltung der Landschaft überlie­fert mit der Genauigkeit eines Erdkundigen und ihre Färbungen und Belichtungen mit dem Auge eines Malers. Sein Bericht umfaßt die Bau­werke wie die Bräuche; er zeichnet auf, was sich auf di« Volkssitten be- e, wie das, was auf den Anbau der Feldfrüchte Bezug hat; auf die hrung der Heiligen, auf die Stvaßenpolizei, auf die Bereitung der Nahrungsmittel, die Wartung der Haustiere, die Bewässerung der Gär­ten; und alles mit dem gleichen, festen nüchternen und zugleich einschmei­chelnden Zug des Griffels.

Hier scheint er abwechselnd ein blldender Künstler, ein Botaniker, ein reisender Kaufmann, ein Sittenforscher; oder vielmehr, er ist dies alles zu gleicher Zeit. Hier treibt er seine Kunst die Lebenskunst aufs höchste und versteht sie zugleich nach außen und nach innen zu wenden. Kein schattenhafter Geleiter ist hier mehr bei ihm; kein Palladio, kein Michel­angelo, durch dessen Augen er sehen würde. Hier ist er ganz allein und hat sich ganz den Dingen übergeben; sie werden seine Sprache er redet nur mehr aus ihnen. Aber nie ist er eben darum mehr er selbst und mächtiger seiner selbst. Der sizilische Aufenthalt war die Krönung feiner Reise, und diese Reise war das große Erlebnis seines Lebens. Die Harmonie seiner einander ergänzenden Sinne stand niemals höher, das Miteinander seltener und widersprechender Gaben: die innere Frei­heit und die Selbstbezähmung; der Enthusiasmus und die Kraft, ihn nie­derzuhalten; die bis zur Härte gehende Festigkeit, und die alles anneh­mende Weichheit; die Begehrlichkeit vor der Natur und die Keuschheit vor der Natur.

£ Nie, als während sein Fuß diesen glücklichen und lichtvollen Boden tritt, ist sein Geist so nrajestätisch im Gleichgewicht zwischen dem Rela-

*) Aus dem BandeDie Gedichte und Kleinen Dra­men" (Jnselverlag, Leipzig).

läuft uns; und wir verl der Wirklichkeit zuzuwen!

tiven und dem Absoluten. Uneingeschränkt gewährt er sich die Lust der Hingabe an das einzelne, in der unser Geist sich erneuert, und die höhere per ordnenden Zusammenfassung. Er tränkt sich ohne Unterlaß mit dem Schauspiel des Lebens; und. jedes einzelne, das ihm vor Augen tritt, Meinl von der gleichen Wichtigkeit; aber Kraft des Gedächtnisses, dis Formen nebeneinander zu tragen, erhebt er sich in jedem Punkt der Dar­stellung mühelos und ohne heftige Flügelschläge und schwebt auf ins Ge­setzmäßige Allgemeine. Nirgendwo war er großartiger klassisch und weiter von jeder Romantik; weiter von jedem Dualismus; dem von Materie und Geist, dem von Vergangenheit und Gegenwart; sie alle sind durch eine vollkommen große und ungequälte innere Haltung überwunden. Er lebt mit der Erde, auf der er steht; auf jede Macht für sich verzichtend, hat er alle Macht aus ihr in sich gezogen. Er lehnt alles ab, was die Erde je mit Gewalt bedroht und beleidigt hat: die Erdbeben, die Kriege, das gewaltsame unruhige Tun der Menschen. Er lehnt die Geschichte ab, die dies alles heranbringt. Majestätisch stehend, erblickt er alles im Stehen. Nie vielleicht seit Platon wandelte ein Sterblicher so ruhevoll im hesperi- schen Garten der Ideen.

Wir sind anders hergekomrnen als er. Er kam, geschaukelt wie Odys­seus, von widrigen Winden zurückgehalten, mühsam und gefährlich. Wir kommen über Nacht. Wir reisen schnell, fast so schnell wie der Blick über die Landschaft hinfliegt; ja die Schnelligkeit, mit der wir uns bewegen, ermutigt noch die Kühnheit unseres Auges: wo der Blick nichts gewahrt als einen bläulichen Duft, dort werden wir morgen umhergehen und einem neuen Horizont die Herrschaft unserer Gegenwart aufzwingen. So sehen wir schon vorübergehend, was wir morgen sehen werden. Wir beherrschen den Raum und zugleich die Zeit wo er sich an die Erde schmiegte. Seinem reinen Menschensinn war dies Jnselland groß, weit, mächtig, unabsehbar. So ist es zu Stunden; zu Stunden ist es uns ein Dreieck im blauen Meer, über dem wir geisterhaft schweben, und jede sei­ner Seiten ist einer andern Welt zu gewandt, die sich ungeheuer in den Raum wie in die Zeit hinein erstreckt: wir aber sind des Anblicks dieser drei Welten mächtig.

Ihn umgab hier der Länderkranz der antiken Welt: orbis terrarum, herrlich geordnet, rein umzogen, Herkulessäulen abschließend im Westen, das Judenland, Persien, Arabien herwinkend vom Osten. In diesem Kreis stand ihm der Sturz des Daseins still, wie das Himmelsgewölbe leuch­tend aufruht auf den alterslosen Gewässern. Uns rufen hier deutlich unterscheidbar drei Welten an, und dem Anruf keiner können mir uns verschließen. An dem jonischen Strand der Ostküste legt sich di« griechische Welle: über Syrakus und Girgenii (noch nicht über Messina und Pa­lermo) steht das griechische Licht; nicht in den Tempeltrümmern allein, nicht In den ewigen Namen der Landschaften und Städte auch dort, wo nichts mehr da ist und fast weniger als nichts, kahles Gestein, der Ort des Gewesenen, erst recht rührt mit leiblicher Gewalt dies uns an di« tiefste Seele. (Was ist es, das an die alten seligen Küsten mich fesselt, daß ich mehr noch sie liebe als mein Vaterland?" Mehr noch! Und dies kam aus dem Munde eines, der sein Vaterland mit Kräften des Genius liebte.)

Vom Süden her greift das Afrikanische herein und tief in uns herein auch dies. Eine Gehstunde von Palermo am Abhang des Berges, auf dem Hamilkar fein letztes Lager hatte, ist eine Garteneinsamkeit; sie könnte einen verlassenen Sultanspalast in Tunis oder weit drüben in Mek- nesch umgeben. Zweimal warf sich diese afrikanische Welt herüber: als phönikisch-punische, als sarazenische; dazwischen liegt das römische Jahr­tausend. Aber dort, wo Spuren geblieben sind, in den Pflanzen, in den

Das Sizilien, das er uns hinhält, ist im ersten Augenblick leuchten­der, stärker soll ich Jagen: wirklicher? als das Wirkliche, das uns umgibt. Wir schwanken beinahe zwischen dem Reiz, mit dem die volks­wimmelnden Straßen, diese schweigenden und duftenden Gärten, dies« großen Ausblicke uns anziehen, und dem unsäglichen Zauber, den er auf feine Blätter gebannt hat. Beides in Wirklichkeit, aber auf feinem Bilds ist alles zugleich: die ganze Landschaft, das ganze Tun der Menschen, das Wachstum der Pflanzen, ja das Werden der Gesteine. Wir sehen ein Bild ohnegleichen und wir sehen es vor unseren Augen entstehen. Er, der es malt, steht immerfort neben uns und gewährt uns die Be­glückung seiner Gegenwart zugleich mit dem Anblick seiner Kunst. Seins metaphorische Unerschöpflichkeit spielt vor uns mit den Objekten; keines ist ihm zu wirklich, daß er sich nicht mit ihm vereinigte: für einen Augen­blick wandelt er sich in ein jedes, winkt uns aus dem Innern des Gegen­standes zu, taucht wieder auf. Mit einem Male ist nur mehr das Bild da. Er ist vor unseren Augen in fein Bild hineingegangen und uns ent­schwunden; wir sind allein mit einer gemalten Tafel. Ein Schauder Über­hängen das Bild mit einem Vorhang, um uns _ :den, die unvertrauter, weniger spegelhaft gerun­det, gefährlicher aber unser ist. Das Geheimnis, daß wir Kinder unserer Zeit sind, rührt uns an, und die Unterscheidung zwischen den Jahrhunderten.