Ausgabe 
19.4.1929
 
Einzelbild herunterladen

£h will nichts mehr von dir wissen ..." Als ich in Hamburg an der Alster stehe, sehe ich einen Mann mit einem spitzen Hut, einem Drei­master oder so etwas. Ich denke an einen Zirkus, die Menschen sehen dem Kerl nach. Es war eine charakteristische Erscheinung, größer als der Durchschnitt, mit hochgezogenen Schultern, etwas schäbig in der Klei- tuiiq und mit einem altertümlichen Kragen. Warum er diesen Hut trug, weih kein Mensch. Vielleicht ein Verrückter.

Was geht mich schließlich ein spitzer Hut an? Meine Lage ist eine verteufelt üble, ich muß sehen, wie ich nach Amerika komme, ich wan­dere an der Alster entlang, der Magen knurrt. Ich finde dann ein Schiff, klettere als blinder Passagier hinein, die Matrosen verprügeln mich und führen mich vor den Kapitän. Der entscheidet:Bis Amerika Kar- tosfelschäler ... dann Uebergabe an die Behörden zur Bestrafung ..."

Der Mann mit der gelben Gesichtsfarbe (Name tut nichts zur Sache) lächelt; da er in die Sonne blinzelt, sieht sein Kopf aus wie eine kleine verschrumpelte Zitrone. Die Gattin, die achtsprachige Meisterin der Christian Science, kommt und meldet, der Dackel, der oben auf dem Vootsdeck in einem kostbaren Käfig steht, habe soeben das Essen ver­weigert. Der frühere Kartoffelschäler erkundigt sich besorgt. Ich sehe mir die beiden Leutchen erstaunt an, sie fahren Luxuskabine nach Europa, um sich einen Dackel zu kaufen. Sie essen im Grillraum, weil ihnen das gewöhnliche Diner nicht gefällt.In Amerika ist es mir anfänglich schlecht gegangen," sagt der Mann,nachdem ich acht Tage Jail wegen der Blindfahrerei abgesessen hatte, lag ich auf der Straße. Ich weiß nicht, ob Sie wissen, was es bedeutet, in Amerika auf der Straße zu liegen. Neuyork ist eine Stadt, in der man ohne Geld überhaupt keine Lebensberechtigung hat. Leute, die kein Bankkonto haben, werden mora­lisch gering eingejchätzt. Ich habe das zur Genüge erfahren.

Ich saß meistens an der Battery und las in den Zeitungen, die die Spaziergänger auf den Bänken liegen gelassen hatten. Durch die Charitykasse eines Damenklubs, an den mich ein mitleidiger Mensch mit einem Empfehlungsbrief geschickt hatte, bekam ich hin und wieder ein warmes Essen. Einmal erhielt ich auch einen Anzug. Mehrere Male wurde ich noch von der Polizei aufgegriffen, wegen Bettelei verurteilt und in einer Verbesserungsanstalt so verprügelt, daß mich ein Arzt ver­binden mußte ..."

Der Mann spricht langsam, wählt Wort für Wort und sieht über die Reling auf das Meer, wo die Wellen kleine weiße Schaumkronen bekommen haben. Die achtsprachige Dame ruft nach einem Steward, er möge ihr ihre Jacke bringen, sie friere.

Man kann gar nicht glauben," fährt der Mann fort,wie sich so ein vertanes Leben aus Wust und Dreck erheben kann. Das ist ein Wunder. Wenn mir damals jemand gesagt hätte, ich würde Direktor der General Advertising Companie werden, hätte ich ihn für wahnsinnig gehalten. Ich war so heruntergekommen, innerlich so haltlos geworden, daß ich mich selbst für einen schlechten Kerl hielt, dem nichts als fein Recht geschieht, wenn er auf der Straße krepiert. Allright, es gibt noch einen anderen Zusammenhang hinter den Dingen, den wir nicht be- greisen. Ich bin also nicht krepiert, es geht mir sogar nicht schlecht ..."

Das Ehepaar lacht laut, und ich lache aus Höflichkeit mit. Der Steward überreicht die Pelzjacke mit einer tiefen Verbeugung.Wir werden nächstes Jahr ein wenig nach Indien fahren, ich kann das Klima in Wilmington nicht mehr vertragen", sagt die Dame. Der Mann meint: Ich will dem Herrn noch etwas erzählen. Vielleicht hält er mich für einen Phantasten, aber es ist doch fo. Ich sitze eines schönen Sonnentages wieder vollkommen ausgehungert auf der Battery, da geht der Mann mit dem spitzen Hut vorüber. Ich versichere Ihnen, der Mann mit dem spitzen Hut ... Hm ... ich weiß natürlich nicht, wie er dahingekommen ist. Vielleicht war es auch ein anderer Mann als der in Hamburg, jedenfalls wieder einer mit einem Dreimaster. Die Leute bleiben stehen, lachen hinter ihm her. Die Aehnlichkeit, zwischen dem, was hier geschah und dem, was ich in Hamburg erlebt hatte, ist mir erst später ganz zum Bewußtsein gekommen. Ich war zu sehr herunter, zu kaputt, zu pessi­mistisch. Dann lese ich am folgenden Tage ein Preisausschreiben von einer Kaugummifirma. Sie zahlen fünftausend Dollar für eine Reklame- zeichnung. Ich erinnere mich, daß ich in Deutschland als Schüler gut gezeichnet habe, zufällig finde ich einen Bleistift in meiner Westentasche, und ich beginne, allerlei auf den Zeitungsrand zu kritzeln. Als ich meine Zeichnung anfehe, ist es der Mann mit dem spitzen Hut. Ich habe mir die Sache sehr einfach gemacht, er grinst mich an, auf Arme und Beine habe ich verzichtet. Das sind einfach Striche, Bindfäden. Ein Stinb hätte das auch machen können. Da ich aber hartnäckig und verhungert bin, iende ich das Zeug ein, erhalte einen begeisterten Brief und fünftausend Dollar. Hallo, junger Mann wissen Sie, was fünftausend Dollar find, wenn man auf die warmen Suppen eines Damenklubs ange­wiesen ist?"

Ich mache eine höflich zustimmende Geste, der Lehmfarbene fährt fori:Nun beginnt mein Aufstieg. Ich bin ein Mensch, der festzuhalten versteht. Ich bin zu dem alten Kaugummionkel gegangen und habe ihm gesagt:Das Männchen, das Sie da bekommen haben, ist gar nichts 'ch bin auch sonst ein potenter Kerl!" Da hat er gesagt:Sie können bei mir als Maler eintreten ..Ich habe jahrelang auf den Baugerüsten der Wolkenkratzer gehangen und die Wände mit bunten Seifen, Arrow Collars und Camel-Zigaretten bemalt. Wenn die Arbeit fertig war, besoffen wir in den Salons die Tatsache, daß wir nicht herunterge- sailen waren. Damals habe ich mir etwas meinen Magen verdorben ..."

Die Dame nickte ernst. Der Steward erscheint und bietet Kaffee an. "io-n f° 'ft es bann weiter gegangen, ich bin Leiter ber Reklame- obtetlung geworben. Unter meinen Händen würbe bie Firma groß, 9°n3 Amerika begann zu kaufen, ein Wolkenkratzer in Chikago würbe gebaut. Schließlich habe ich meinem Chef eine Konkurrenzfirma vor bie Jcofe gefetzt, ich hatte von ben Methoden meiner neuen Lanbsleute gelernt ..."

Wir reben über alles Mögliche, trinken Kaffee, blicken über bie Re- *mg. Die Gattin will uns ein Gedicht in deutsch, französisch und eng­

lisch vortragen, aber ber Mann bringt bas Gespräch auf den Hund, der aus irgendeinem unverständlichen Grunde die Nahrung verweigert hat.

Wollen Sie nicht als Hauslehrer bei mir eintreten?" fragt der Gelbfarbene.

Das ist eine von feinen komischen Ideen", meint bie Dame ent­schuldigend.

Aber ich habe ja einen Beruf," sage ich,wie käme ich dazu ..."

Wir haben ein Gut am Fluß und mein Sohn reitet nicht gern allein Sie könnten ihn fo gut begleiten ..."

Ich will mich kopfschüttelnd erheben. Amerikanische Millionäre sind etwas spleenig, denke ich.

Warten Sie noch," sagte er,ich habe den Mann mit dem spitzen Hut noch einmal gesehen ober vielmehr, ich glaubte ihn gesehen zu haben. Damals war ich schon General Assistent Manager, ich ging durch bie zweiundvierzigste Straße, wir wollten da in ber Nähe eine Office ein­richten. Zwei Automobile waren zufammengeftoßen, bie Chauffeure aus ihren Sitzen geklettert. Sie redeten wütend aufeinander ein, hielten sich die Fäuste unter die Nase. Warum ich Ihnen das erzähle? Warten Sie nur ab.

Ich hatte gar keine Lust stehenzubleiben, ich hatte in einer Cafeteria gegessen, meine einfachen Gewohnheiten habe ich beibehalten, müssen Sie wissen. Ich hatte sogar Eile, aber wie das Geschick läuft, ist nie vorher­zusehen. Ich bleibe also stehen, um mir die Schimpfkanonade der Chauf­feure anzuhören, da sehe ich den Mann mit dem spitzen Hut, ober ich glaube ihn gesehen zu haben. Er ist nicht ba, er ist fort, ich will hinter ihm her, ich muß ihn biesmal sprechen. Dabei trete ich einem älteren Herrn auf ben Fuß ..."

Die Gattin lacht hoch unb stimmlos.

Dieser Herr war mein zukünftiger Schwiegervater wie bas Geschick fo spielt ..."

Wir klettern auf bas Promenadendeck hinunter, um bie Nachmittags­musik zu hören.

Spielhahnbalz.

Von Th. v. Wildungen.

Mit bem Schnepfenstrich war es nichts gewesen. Die Hoffnung, einen Vogel mit bem langen Gesicht vor bas Rohr zu bekommen, muß ich bis zum Herbst wohl begraben. Doch wenn ber April herannaht, unb es gibt noch gar nichts zu weibwerten im Revier, bann zuckt unb zwickt bas Jagdfieber an allen Ecken und Enden. Ja, wer je vorn Weibwerk lassen kann, war nie ein rechter Jäger! Draußen bläst rauher Dftwinb, unb vorn grauschwarzen Himmel tanzen wirklich noch ein paar ver­einzelte große Schneeflocken, so, als ob sie zeigen wollten, baß bie Kraft bes Winters noch nicht enbgültig gebrochen ist. Ungemütliches Wetter, ich kaffe Weihbuchenklötze in ben Kamin legen unb stecke mir einen Tabak an. Just will ich nach ber Küche klingeln, um mir Grogwaffer zu bestellen. Da höre ich flinke Pferbehufe, unb gleich banach erkenne ich bas flotte Juckergespann meines Freunbes Wolf. Ihm gehört bas zwei Wegeftunben entfernt liegenbe, reizenbe Waldgütchen, unb minde- ftens zwei Monate haben wir uns nicht mehr gesehen. Ein großer Jäger vor bem Herrn, ber gute, alte Wolf. Doch ba höre ich ihn fchon auf ber Diele.Ja, hier hängt er", beantworte ich feine Frage nach mir. Mich mit feinen langen Armen umfaffenb, schaut er mir in bie Augen unb begrüßt mich.Weidmannsheil, mein guter Alter, lebst bu noch? Bei mir balzen bieBirkhengste", aber stramm; heute früh am braunen Fich- tenfogel haben minbestens sechs Hähne gesungen. Wie ist bas, machst bu mit, morgen früh brei Uhr am Hünengrab?"

Donnerhagel, etwas Besseres konnte mir in meiner augenblick­lichen Stimmung gar nicht passieren. Freubig stimme ich zu, unb ver­gessen finb bie Unbilden des launischen Aprilwetters. Bald sitze ich mit Freund Wolf am behaglichen Kamin, luftig dampfen bie Zigarren unb köstlich munbet uns mein Trittenheimer 1921er. Ein Moselchen, mit dem man Staat machen kann, bas aber auch nur heroorgeholt wirb, wenn ein wirklich guter Freund in St. Huberti mich als Gast in meinem Bau aufsucht. Wie es so ist, wenn zwei alte Jäger zusammensitzen, es gibt mancherlei zu erzählen. Von ber Birkhahnbalz sind wir bei ben Reh­böcken angelangt. Freund Wolf kennt jeden Bock in seinem Revier. Wir plaudern von der Niederjagd, die ersten Märzhafen sind bereits beobachtet worden, und bie Rebhühner fangen an, sich zu paaren. Immer mehr vertiefen wir uns in bie Plauderei von edlem Gejaid, dicke Rauchschwaden hängen an der sich schon gut angeraudjten Decke meines Zimmers, ber Trittenheimer schmeckt immer besser. Der lange Wolf streckt sich wohlig vor Behagen, daß der alte Eichenstuhl in allen Fugen kracht, unb stimmt mit feines Basses Grundgewalt bas uralte Jägerlieb an:

Drum lebe, was auf Erden Stolziert in grüner Tracht!"

Eben schlägt es neun Uhr und gleichzeitig fährt Freund Wolf von feinem behaglichen Sitz auf.Na, da habe ich mich schön verschwatzt!" Er ist nicht mehr zu halten, in zehn Minuten sitzt er auf seinem eleganten Iagdwagen, mit seinem Zungenschlag legen sich die kleinen Ungarn in die Sielen, unb schon in ber Abfahrt ruft er mir zu:Also morgen früh drei Uhr am Hünengrab!"

Dieser Ausbruch war nicht nach meinem Geschmack. Doch es war bas Richtige, wenn wir morgen auf ben Spielhahn wollen. Kurz vor brei Uhr früh raffelt mein vorsorglich gestellter Wecker. Rur zwei bis brei Grad Wärme zeigt bas Thermometer. Am dunklen Nachthimmel funteln bie goldenen Sterne. In einer kleinen halben Stunde besteige ich meinen leichten Korbwagen, unb in kurzem Zuckeltrab geht es in ben herben Frühlingsmorgen hinein.

Noch ist nichts von Morgendämmerung zu spüren, als ich mich der wohlbekannten Jagdhütte am Hünengrab nähere. Kaum habe ich meinen Braunen hinter die Jagdhütte gestellt unb sitze unter der alten Wiking­eiche vor der Hütte, da'höre ich auch Wolfs Wagen heranrollen. Er hat mich längst gesichtet mit feinen Falkenaugen.Weidmannsheil, mein