Am ersten Advent geschah's, daß die Mutter den schweren Fall auf der dunklen Stiege tat. Der Medizinalrat machte zuerst nichts daraus, mit einem Male schüttelte er den weißen Kopf. Drei Wochen später war die Aermste hin.

Sie saß wie versteinert bei der Leiche und war ihr selber zum Ster­ben weh. Die Lufts betrugen sich wie die Heiden und ließen sich nicht blicken. Der Meister schickte den Altgesellen, der Mutter das Maß zum Sarg zu nehmen.

So war sie allein mit ihrem Brast und greinte sich die Augen aus. Da kam gegen Abend der Schollas herein und war gar liebreich und tröstete sie. Draußen raste der Sturm, als sollte die Welt gleich unter­gehen. In der Stube aber war's traulich warm, und die Lichter brannten sonnenhell. Der Schollas hatte ein Andachtsbuch mitgebracht und las erbaulich daraus vor. Von den Freuden des Himmelreichs, wo die Se­ligen den lieben Gott in seiner Herrlichkeit schauen, und zu seiner Rechten Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn. Von den ewigen Hütten des Friedens, darin die Abgeschiedenen wohnen, von dem gottseligen Leben, das sie führen und von den heiligen Festen, die sie feiern. Das klang so schön, daß man ordentlich Sehnsucht bekam, hinaufzufliegen als verklärter Geist. Und es war ihr, als nickte die tote Mutter und spräche: Ja, Lene, wie der Schollas liest, akkurat so ist's.

Mitternacht war schon vorüber, da zog der Schreiber sie an die Brust und sagte:Lene, sei getrost, ich bin jetzt dein Schutz und Schirm." Er küßte sie, und sie ließ sich's gefallen. Dann sprach er weiter: das sei ein wahr­haft ergreifendes Bild, hier würden zwei junge Leben eins, dort segnete die Tote ihren Bund. Das Zungengeläufige mußte er wohl von feinem Chef haben, dem Notar. Vielleicht war er ihm darin noch über. Nach vielen Honigworten küßte er sie wieder. Und immer wieder. Und war so weich wie Butter. So hielt er mit ihr die Totenwache.

Was man sagt, ein hübscher Mensch, war er nicht. Für seine Jahre sah er zu ältlich aus, und er hatte auch einen stechenden Blick. Doch das kümmerte sie selbigmal nicht. In ihrer Bedrängnis war sie herzinnig froh, daß eine Seele zu ihr hielt. Und weil seine Treue Lohn verdiente, gab sie all seinen Wünschen nach.

Zwei Monate lag die Mutter unter der Erde, da verließ sie das Haus in der Lindengasse und zog in die Eichgärten vor der Stadt. Zwar hatte £ einen weiten Weg in die Fabrik, jedoch das Marschieren war gesund, er Schollas war abends ständiger Gast. Das Nachessen spendierte sie, und der Schreiber hieb gewaltig ein. Soweit war alles liebs und guts. Als sie sich nun Mutter fühlte, war der Schollas auf einmal wie aus­gewechselt. Zuerst war sie ohne Arg, daß er schlecht gesinnt sein könne und meinte besorglich, ihn drücke sonst was. Er sprach sich aber nicht offen aus. Dann brachte er allerlei Ausflüchte vor, daß er abends wichtige Abhaltung habe und da und dort erwartet werde. Wie das Karlchen ge­boren wurde, hielt er sich vierzehn Tage lang fern. Die Hebamme meinte pfiffig, es gäbe so Herren, die die Wochenstubenluft nicht vertragen könnten. Später kam er steifbeinig an und tat so wie von oben herab. Das Kind hielt er kaum eines Blickes wert und machte noch schmutzige Redensarten. In den Fabriken gehe es liederlich zu, kein Mädchen komme ungerupft heraus. Sie bebte in Wut am ganzen Leibe und hielt ihm das kreischende Karlchen hin:Schandkerl, daß du vor Scham nicht versinkst! Du weißt recht gut, das Kind ist von dir!" Da blieb ihm die Antwort in der Kehle stecken, und er schlich wie ein begossener Pudel davon.

Daß ihr Unglück vollkommen wurde, kündigte ihr jetzt der Hausherr die Stube. Und war sie bis dahin noch schwach gewesen, so nahm der Umzug sie völlig mit. Die Belloffen in der Hintergasse, bei der sie mit dem Karlchen Unterkunft fand, hätte sie in ihrer Gutwilligkeit gern ge­pflegt, zumal sie selber heilkundig war. Doch kam der Medizinalrat da­zwischen und donnerte die Bellossen an, sie solle ihre Finger lassen, wo­von sie nichts verstehe. Eine Stunde darauf fuhr das Krankenwägelchen vor und brachte sie ins Spital hinauf.

*

Die Belloffen fetzte die Wiege in schaukelnde Bewegung und hob mit krächzender Stimme zu singen an:

Schlaf, Kindchen! Nünnercher*) Brechen dem Kindchen Blümercher, Brechen ihm ein Körbchen voll, Daß das Kindchen schlafen fall."

Das Karlchen lachte feine Pflegemutter an, strampelte lustig mit seinen drallen Beinchen und bezeigte keine Lust, zu schlafen. Nun holte die Alte die Flasche herbei. Das Kind sog begierig die warme Milch und lag mit glühenden Bäckchen da. Sobald es völlig gesättigt war, fielen ihm von selbst die Augen zu.

Die Bellossen hockte neben der Wiege nieder und hing ihren Ge­danken nach. Heute sollte die Lene wiederkommen. Mittag hatte sie wohl noch im Spital gehalten. Zum Willkomm kochte man ihr einen guten Kaffee, der Kuchen stand im Schrank parat. Vor acht Tagen war sie das letztemal bei der Lene gewesen. Da sah sie gottserbärmlich aus. Das Fieber hatte sie mächtig heruntergebracht. Sie war auf schmale Kost ge­fetzt. Das war halt im Spital nicht anders. No, wenn sie jetzt nur auf den Beinen blieb, hernach war das Herausfüttern nicht schwer. Wahr­haftig, sie war ein armes Geschöpf. Heute aus dem Spital, morgen wieder in die Fabrik. Ein elend Leben. Und zehn Mark die Woche. Dabei das Kind. Das war nun einmal da. Sie konnte Gott danken, daß sie's hier untergebracht hatte. An guter Wartung ging ihm nichts ab. Und genoß auch Liebe. Du lieber Himmel, die paar Mark Kostgeld waren's nicht. Es lag auf der Hand, sie setzte zu. Und hatte nicht viel zuzusetzen. Stät! stät! War sie denn hachig? Bei Leibe nicht. Es mußte langen. Und langte auch.

Das waren jetzt zwanzig Jahre her. Dazumal hatte sie selbst nichts zu knuppern, schlug sich als ßauffrau kümmerlich durch. In der Nachbarschaft wohnte der Lene ihre Mutter. Die -half ihr oftmals gutherzig aus, mit Essen und auch mit Geld. Nun konnte sie der Tochter vergelten, was die

*) Diminutiv von Nonne.

Mutter an ihr getan. Treue mußte sein. Gerade unter den armen Leuten. Die brauchten einander und waren stark durch das Zusammenhalten. Das Hutten sie vor den Reichen voruus, die als Neidharte auf ihren Geld­säcken saßen und sich mit scheelen Augen beluchsten.

Da schlug's schon zwei. Die Lene ließ auf sich warten. Arn Ende hatten sie's ihr gesteckt, was für ein Lumpes der Schollas war. Und konnte vor Schreck nicht von der Stelle. Das wär' nicht übel. Ja freilich, einmal mußt' sie's erfahren. Und muht's verwinden. Sie war die erste nicht, der's geschah. Das war der Lauf der Welt.

Draußen knarrte die Treppe. Es kam jemand. Die Bellossen spitzte die Ohren. Sie kannte den Tritt, es war die Lene. Sie erhob sich jo rusch, uls ihre gichtischen Beine es erluubten und ging der Heimkehrenden entgegen.

Ei, ei, die Lene!"

Guten Tag, Fruu Belloff."

Wie geht dir's bann?"

No, 's geht ja wieder."

Ich lur und lut"

Ja, 's ist ein weiter Weg."

Ducht' schon, sie hätten dich droben behalten."

Behüt'!"

No, komm nur herein."

Sie überschritt die Schwelle.

Ach, da das Karlchen!"

Scht! Es schläft."

Die junge Mutter trat an die Wiege und faltete unwillkürlich die Hände.

Grad' wie ein Engel!" flüsterte sie.

Die Belloffen nickte.

Und dick und gesund. Und schläft Nachts durch, 's ist ein wahrer Staat."

Lene blieb in seligem Schauen stehen, die Alte aber trug den Kaffee auf und stellte den leckerenSchießer" dazu.

Bald saßen die beiden behaglich beisammen.

Was hat dann der Medizinalrut gesprochen?" fragte die Bellossen.

's wär alles wieder in der Reih', nur sollt' ich mit der Arbeit lang­sam tun", versetzte Lene.

No, danach richt'st du dich."

Ich probier's halt morgen."

Wann du klug bist, erst ein halben Tag."

Je nachdem, wie mirs ist."

Ja, ja."

Weil ich nämlich als noch den Atem verlier'."

Das macht sich schon. Gest' war das Lieschen Hormann da."

So? Gelt, die schnauft auch? Und ist doch gesund."

Eden drum."

Was wollt' sie bann?"

Ei, hören, wann du roiebcrtämft. 's ging alleweil flott in der Fabrik."

Das ist immer um bie Zeit."

Lene nahm einen Schluck Kaffee, setzte die Tasse langsam hin und sagte, ohne auszublicken:

Sonst hat Seins nach mir gefragt?"

Die Bellossen zog die Augenbrauen in die Höhe.

Daß ich nicht wüßt'."

Da sie erriet, auf wen die Lene zielte, fügte sie sogleich hinzu:

Den Schollas schlag dir aus dem Sinn."

Dem Mädchen schoß bas Blut ins Gesicht.

Wie kommen Sie mir bann vor, Fruu Belloff?"

Die Alte wiegte ben Kopf hin und her und wiederholte:

Schlug dir den Schollas aus dem Sinn.

Lene stand beunruhigt auf.

Früher Huben Sie ganz anders gesprochen."

Die Belloffen luchte gezwungen.

Ja, früher."

Und jetzt?"

Spuck dem Schuft ins Gesicht!"

Ich bitt Sie, Frau Belloff," sagte Lene bestürzt,was geht dann vor?"

Ich zerkeiß' mir gewiß nicht über so ein bas Mauk, aber ehnder sie dir's morgen in der Fabrik uuftischen, will ich dir reinen Wein einschenken. Setz' dich'"

Zitternd nahm Lene wieder Platz. Die Alte aber sprach:

Du kennst doch bie Stäblern in der Kuplansgass'?"

Von Ansehn ja."

(Fortsetzung folgt.)

Der Mann mit dem spitzen Hut.

Von Richard H u e l s e n b e ck.

Als ich vor zwei Jahren nach Amerika fuhr, lernte ich einen Mann kennen, der mir durch seine gelbe Gesichtsfarbe ausgefallen war. Seine Frau, erzählte man sich, sei eine Sekretärin von Präsident Taft gewesen, spreche acht Sprachen fließend und spiele jetzt in der Christian-Science- Bewegung eine große Rolle. Des Mannes gelbe Farbe erklärte sich als Folge einer Magenkrankheit, er hatte hart gelebt und gearbeitet, war als Kartoffelschäler vor dreißig Jahren nach Neuyork gekommen und leitete nun eine der größten Advertising Companies.

Ich spreche mit dem Mann, er sagt, er sei nach Europa gefahren, um für seine Duckelhünbin einen Partner zu finden, in Amerika gebe es so etwas nicht. Dackel seien deutsche Tiere.

Ja," sagt er,mein Vater war Revierförster, wir Hutten zwölf Knn der in der Familie und das Leben meiner guten Mutter erschöpfte sich in Hosenbodenflicken und Maulerstopfen. Ich konnte es niemand recht machen, das Blut, ein Geheimnis trieb mich zu tollen Streichen, ich wil­derte. Eines Tages meint mein Vater:Es ist gut du kannst gehen,