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Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Mrgang 1929 Freitag, den April Nummer 30
Noch find im Rund nicht Kraut noch Korn ...
Von Theodor Kramer.
Noch sind im Rund nicht Kraut noch Korn der Hellen Zeit anheimgestellt;
das Messer rauscht im Heckendorn, die Distelgraser ziehn durchs Feld.
Noch sind die Triebe hell und schwach, die Haue lockert sacht den Grund; frei ist die Aussicht, grün und flach, und jeder Tag gesund.
Doch mittags kennt die Luft schon Glut, die Bäume glänzen prall und satt; und wer am Feldrain ißt und ruht, fühlt sich den ganzen Tag dann matt.
Kinder des Volks.
Von Alfred B o ck.
1.
Der Arzt hatte feine Untersuchung beendet, legte das Stethoskop beiseite und ließ sich an seinem Schreibtisch nieder, den üblichen Eintrag in das Krankenjournal zu machen.
Unterdessen schlüpfte sie behende in ihre Kleider. Sie war von schönem Körperbau, schlank wie eine Tanne. Ihr feines, schmales Gesicht war sehr bleich und ließ die Spuren überstandener Krankheit erkennen.
Da sie sich angekleidet hatte, richteten sich ihre großen, stahlblauen Augen erwartungsvoll auf den Doktor.
Dieser, ein würdiger Greis, der seit vielen Jahren seines Amtes am Krankenhaus des Städtchens waltete, erhob sich langsam und sagte in seiner derben, aber wohlwollenden Art:
„No, Launsbach, Sie haben sich wieder hübsch herausgerappelt. Alles in Ordnung. Jetzt Vorsicht. Keine Dummheiten gemacht. Vor allen Dingen Diät. Den Kaffeesudel weglassen. Milch, viel Milch, und dann die Brotfresserei. Taugt nichts. Meinethalben ein Krüstchen, aber keinen halben Laib. Und hin und wieder ein Stück Fleisch. Das bringt die Strickmaschine doch ein. Und nicht gleich drauf los schanzen. Sonst kriegen wir einen Rückfall. Also vernünftig, Launsbach. Und jeden Tag eine Stunde an die frische Luft. Das wür's."
„Vielen Dank auch, Herr Medizinalrat!" sagte sie herzlich. Ihre Stimme hatte einen sympathischen Klang.
„Keine Ursach'", brummte der alte Herr und drehte sich um
Sie ging. Draußen auf dem Flur wartete die Oberschwester und reichte der Wiedergenesenen ein schön gebundenes Büchlein dar.
„Nehmen Sie das zum Abschied, Lene", sprach sie salbungsvoll. „Es ist ein Wegweiser und ein Tröster. Auf der ersten Seite steht: Nicht daß mir Gott geliebt haben, sondern daß er uns geliebt hat und gesandt hat feinen Sohn zur Versöhnung für unsere Sünden."
Das letzte Wort hob sie mit einem eigenen Ton hervor. Ueber das Gesicht des Mädchens fuhr ein leichtes Rot, dach versetzte sie ruhig:
„Danke schön, Schwester Martha."
Die Oberschwester gab ihr bis zur Tür das Geleite. Nun trat sie, zum erstenmal seit vielen Wochen, ins Freie hinaus und war wie geblendet von der Fülle von Licht. Die immer noch warme Oktobersonne überglänzte die Stadt und das weite Gelände. Von der erhöhten Stelle, auf der das Krankenhaus lag, sah man in die winkeligen Gassen. Der Lärm des Tages scholl verhalten herauf, aber unweit am Burgberg spielten die Kinder und deutlich hörte man ihr Singen:
„Reiter zu Pferd, Die Stiefel geschmeert. Die Kugel gegossen. Die Reiter geschossen. Piff, paff, puff!" -
Langsam schritt sie den gewundenen Pfad bergab. Was für eine Wohltat, die frische Luft zu atmen, wenn man elf Wochen im Krankenhaus gelegen hatte. Elf Wochen, du liebe Zeit! Wie schwerkrank sie gewesen war, hatte ihr die Zörben, ihre Bettnachbarin, zugetuschelt, denn der Medizinalrat und die Schwestern schwiegen sich aus. Vier Wochen lang hatte sie stark gefiebert und dabei getobt und getan wie besessen. Dann war eine große Hinfälligkeit über sie gekommen. Obendrein nahm der Magen nichts an. Da hing denn ihr Leben an einem Fädchen. „Droben," sagte die Zörben gegen Himmel deutend, „war dein Logis bestellt, ein Wunder, daß du davon gekommen bist." „Ja, wirklich ein
Wunder. Zwar mit zweiundzwanzig Jahren das Zeitliche seinen, wär' reichlich früh gewesen. Man hatte doch noch allerlei zu tun aus der Welt. Bei Brückners freilich hätte an ihrer Statt eine andere an der Strickmaschine hantiert. So gut wie sie, vielleicht noch besser. Da war ihr Platz schnell ausgefüllt. Und der Maschine war's gleich, wer sie bediente. Aber ihr Bübchen, das Karlchen, war keine Maschine, ging an der Mutterbrust auf wie ein Kreppet. Herrjeses, was schwätzte sie denn da hin! Seit elf Wochen hatte sie ihr Kind Nicht gesehen, geschweige, daß sie ihm Nahrung gereicht. Wie die Zörben sprach, hatte sie im Fieber gewimmert, sie möchten ihr das Karlchen bringen, das sterbe sonst den Hungertod. Und später, wie sie bei Sinnen war, hatte sie die Sehnsucht nach dem Kind verzehrt. Die Belloffen, ihre Hausfrau, war sie besuchen gekommen und hatte erzählt, das Karlchen sei brav bei der Flasche und wiege seine vierzehn Pfund. Vierzehn Pfund! Herrgott, mußte das ein Dicksack geworden fein. Das Herz schwoll ihr vor übermächtiger Freude. Karlchen, Karlchen! Noch ein paar Minuten, und sie hielt ihr Bübchen wieder im Arm. —
Bei scharf abfallendem Weg war sie in Schuß gekommen. Nun beugte sie sich geschmeidig zurück und hemmte die Ueberhast der Schritte.
Seltsam, all' ihre Gedanken waren bei ihrem Kind, für den Konrad Schollas fiel gar nichts ab. Ja, verdiente der's denn besser? In elf langen Wochen hatte er einmal im Krankenhaus nach ihr gefragt. Dann hatte er nichts mehr von sich hören lassen. Und das war eine Schande vor Gott und der Welt! Was dachte er sich denn eigentlich? Je nun, das war nicht schwer zu erraten. Borbeidrücken wollte er sich, weiter doch nichts. Seitdem das Kind in der Wiege lag, war er kalt und zugeknöpft. Die Zärtlichkeiten waren ihm geschenkt, aber gerecht werden mußte er ihr um des Kindes willen, daran setzte sie alles. Sobald er ihr in den Weg kam, sollte er Farbe bekennen. Ging er mit glatten Reden um die Hochzeit herum, trüg sie dem Schiedsrichter die Sache vor, daß der ihm zuerst ins Gewissen redete. Und half das nichts, so blieb ihr immer noch der Weg der Klage.
Ihre Stirn bewölkte sich, und ein harter Zug legte sich um ihren schönen Mund. Warum hatte sie dem Schollas blindlings vertraut! Sie war doch sonst von Natur überlegsam. Jawohl, aber wem ging der Verstand nicht einmal durch? Sacht, sacht! Daß sie bei der Wahrheit blieb, sie hatte ihn vorsätzlich durchgehen lassen. So nah stand der Schollas ihr selbigmal, daß sie ihm alles zuliebe tat. Das war auf eigene Weife gekommen. Sie wohnte mit ihrer Mutter selig in der Lindengasse beim Schreiner Lust. Es war ein altes, finsteres Haus, deshalb war auch der Mietzins gering. Vier Stockwerke schoben sich übereinander, und unter dem Dach hatte Schollas, der Schreiber, ein Stübchen inne. Sie war tagsüber in der Fabrik und sah ihn nur zuweilen auf der Treppe. Da grüßte er höflich, und sie grüßte ihn wieder. Er schien ein stiller, arbeitsamer Mensch, ja, er tat über seine Pflicht hinaus, denn abends schleppte er Stöße von Akten mit und schaffte bis in die tiefe Nacht. Daß man schließlich miteinander Bekanntschaft machte, daran war ein Poststück Schwartenmagen schuld. Der Schollas stammte nämlich aus dem Wurststädtchen Frankenhain, und seine Eltern hatten ihm das leckere, heimische Fabrikat geschickt. Wie der Postbote das Paket ihm aushändigen wollte, fand er feine Tür verschlossen. So klopfte er bei der Mutter an, daß diese die Sendung in Verwahrung nehme. Am anderen Tage erschien der Schreiber und sagte scherzhaft, er müsse wohl Lagergeld entrichten. Weil nun die Münze bei ihm knapp, bitte er einen Schwartenmagen an Zahlungsstatt zu nehmen. Der Mutter lief das Wasser im Mund zusammen, denn Schwartenmagen war ihr die Krone aller Atzung. Von Stund an hatte der Schollas einen Stein bei ihr im Brett. Den Sonntag darauf trat er geschniegelt vor: ob die Damen ein wenig mitgehen möchten. Das Wetter lasse sich herrlich an, er habe den Altenberg im Sinn. Man nahm die freundliche Einladung an. Unterwegs belustigte er die Mutter und sie mit seinen Reden, das Spaßhafte hatte sie gar nicht hinter ihm gesucht. Indessen könnt' er auch ernsthaft sein. Soviel ging aus seinen Worten hervor: Der Notar hielt große Stücke auf ihn. Er kannte die Gesetze wie ein Studierter, und war sein Chef bei Gericht oder auswärts, so gab er den Rechtsmündeln Bescheid.
An jenem Tage war eine Völkerwanderung auf den Altenberg. Droben war der Saal gestopft voll. Suchend schritt man durch die Reihen, und viele Leute grüßten den Schollas. Ein paar Kanzlisten vom Amtsgericht aber standen respektvoll auf und machten dem Kollegen und seiner Begleitung Platz. Kein Zweifel, der Schollas war ein reputierlicher Mann.
Das erwies sich auch in der Folgezeit. Er hielt sich immer honett zurück. In der Woche sprach man sich flüchtig, doch Sonntags war es zur Regel geworden, daß er die Nachmittngsstunden mit den Hausgenossen verbrachte. Die Schreiner Lüsten äußerte einmal: „Lene, wann dich der Schollas nimmt, hast du das große Los gezogen." Indessen blieb er sich in seiner Höflichkeit gleich, ohne als Liebhaber aufzutreten. —


