Ausgabe 
18.11.1929
 
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Schluß der Kanzlei zu Hause sein sollte. Da saß ich denn, und zwar, meiner schon damals angegriffenen Augen halber, in der Dämmerung ohne Licht. Ich dachte auf das und jenes und war nicht traurig und nicht froh.

Wenn ich nun so faß, hörte ich auf dem Nachbarshofe ein Lied fingen. Mehrere Lieder heißt das, worunter mir aber eines vorzüglich gefiel. Es war so einfach, so rührend und hatte den Nachdruck so auf der rechten Stelle, daß man die Worte gar nicht zu hören brauchte. Wie ich denn überhaupt glaube, die Worte verderben die Musik." Nun öffnete er den Mund und brachte einige heisere rauhe Töne hervor.Ich habe von Natur keine Stimme", sagte er und griff nach der Violine. Er spielte, und zwar diesmal mit richtigem Ausdrucke, die Melodie eines gemütlichen, übrigens gar nicht ausgezeichneten Liedes, wobei ihm die Finger auf den Saiten zitterten und endlich einzelne Tränen über die Backen liefen.

Das war das Lied", sagte er, die Violine hinlegend. ,^Jch hörte es immer mit neuem Vergnügen. So sehr es mir aber im Gedächtnis leben­dig war, gelang es mir doch nie, mit der Stimme auch nur zwei Töne davon richtig zu treffen. Ich ward fast ungeduldig von Zuhören. Da fiel mir meine Geige in die Augen, die aus meiner Jugend her wie ein altes Rüststück ungebraucht an der Wand hing. Ich griff danach, und es mochte sie wohl der Bediente in meiner Abwesenheit benützt haben sie fand sich richtig gestimmt. Als ich nun mit dem Vogen über die Saiten fuhr, Herr, da war es, als ob Gottes Finger mich angerührt hätte. Der Ton drang in mein Inneres hinein und aus dem Innern wieder heraus. Die Luft um mich war wie geschwängert mit Trunkenheit. Das Lied unten im Hofe und die Töne von meinen Fingern an mein Ohr, Mitbewohner meiner Einsamkeit. Ich fiel auf die Knie und betete laut und konnte nicht begreifen, daß ich das holde Gotteswesen einmal gering geschätzt, ja ge­haßt in meiner Kindheit, und küßte die Violine und drückte sie an mein Herz und spielte wieder und fort.

Das Lied im Hose es war eine Weibsperson, die fang tönte derweile unausgesetzt; mit dem Nachspielen ging es aber nicht so leicht.

Ich hatte das Lied nämlich nicht in Noten. Auch merkte ich wohl, daß ich das Wenige der Geigenkunst, was ich etwa einmal wußte, so ziemlich vergessen hatte. Ich konnte daher nicht das und das, sondern nur überhaupt spielen. Obwohl mir das jeweilige Was der Musik, mit Aus­nahme jenes Lieds, immer ziemlich gleichgültig war und auch geblieben ist bis zum heutigen Tag. Sie spielen den Wolfgang Amandens Mozart und den Sebastian Bach, aber den lieben Gott spielt keiner. Die ewige Wohltat und Gnade des Tons und Klangs, feine wundertätige lieber« einftimmung mit dem durstigen, zerlechzenden Ohr, daß" fuhr er leiser und schamrot fortder dritte Ton zusammengestimmt mit dem ersten und der fünfte desgleichen und die Nota sensibilis (d. h. die Septime, die zu dem höheren ober tieferen Halbton leitet) hinauffteigt, wie eine erfüllte Hoffnung, die Dissonanz herabgebeugt wird als wissentliche Bosheit ober vermessener Stolz, unb die Wunder der Bindung und Umkehrung, wodurch auch die Sekunde (Zwischenraum zwischen den Tönen c-d) zur Gnade ge­langt in den Schoß des Wohlklangs. Mir hat das alles, obwohl viel später, ein Musiker erklärt. Und, wovon ich aber nichts verstehe, die fuga (Tonstück, in dem das Thema von allen Stimmen in bestimmter Reihen­folge nachgeahmt wird) unb bas punctum contra punctum (Kontrapunkt, d. h. bie Kunst, mehrere Stimmen miteinanber regelrecht zu verbinden unb fortzuführen) unb ber canon (Mehrstimmiges Tonstück, wobei die Melodie der einen Stimme von den anderen wiederholt wird) a duo, a tre und so fort, ein ganzes Himmelsgebäude, eines ins andere greifend, ohne Mörtel verbunden und gehalten von Gottes Hand. Davon will nie­mand etwas wissen bis auf wenige. Vielmehr stören sie dieses Ein- unb Ausatmen ber Seelen burch Hinzufügung allenfalls auch zu sprechenber Worte, wie die Kinder Gottes sich verbanden mit den Töchtern ber Erbe; daß es hübsch angreife unb eingreife in ein schwieliges Gemüt. Herr," schloß er endlich, halb erschöpft,bie Rede ist dem Menschen notwendig wie Speise, man sollte aber auch den Trank rein erhalten, der da kommt von Gott."

Ich kannte meinen Mann beinahe nicht mehr, so lebhaft war er ge­worden. Er hielt ein wenig inne. ,Wo blieb ick) nur in meiner Ge­schichte?" sagte er endlich.Ei ja, bei dem Liede und meinen Versuchen, es nachzuspielen. Es ging aber nicht. Ich trat ans Fenster, um besser zu hören. Da ging eben bie Sängerin über ben Hof. Ich sah sie nur von rückwärts, unb doch kam sie mir bekannt vor. Sie trug einen Korb mit, wie es schien, noch ungebackenen Kuchenstücken. Sie trat in ein Pfortchen in der Ecke des Hofes, da wohl ein Backofen innen fein mochte, denn immer fortfingenb, hörte ich mit hölzernen Geräten scharren, wobei bie Stimme einmal dumpfer unb einmal heller klang wie eines, ber sich bückt unb in eine Höhlung hineinfingt, bann roieber erhebt und aufrecht dasteht. Nach einer Weile kam sie zurück, und nun merkte ich erst, warum sie mir vorher bekannt vorkam. Ich kannte sie nämlich wirklich feit längerer Zeit. Und zwar aus ber Kanzlei.

Damit verhielt es sich so. Die Amtsstunden fingen früh an und währten über den Mittag hinaus. Mehrere von den jüngeren Beamten, bie nun entweder wirklich Hunger fühlten ober eine halbe Stunde damit vor sich bringen wollten, pflegten gegen elf Uhr eine Kleinigkeit zu sich zu nehmen. Die Gewerbsleute, die alles zu ihrem Vorteile zu benutzen wissen, ersparten den Leckermäulern den Weg unb brachten ihre Feil- schaften (Waren zum Feildieten) ins Amtsgebäube, wo sie sich auf Stiege unb Gang damit hinstellten. Ein Bäcker verkaufte kleine Weißbrote, bie Obstfrau Kirschen. Vor allem aber waren gewisse Kuchen beliebt, die eines benachbarten Gvieslers (Hänbler mit Gries unb anderen Viktualien) Tochter selbst verfertigte und noch warm zu Markt brachte. Ihre Kun­den trafen zu ihr auf den Gang hinaus, und nur selten kam sie, gerufen, in die Amtsstube, wo dann ber etwas grämliche Kanzleivorsteher, wenn er ihrer gewahr wurde, ebenso selten ermangelte, sie wieder zur Türe

Verantwortlich: Dr. Han» Thhriot. Druck und Verlag: Brühl

hinauszuweisen, ein Gebot, dem sie sich nur mit Groll, und unwillige Worte murmelnd, fügte.

Das Mädchen galt bei meinen Kameraden nicht für schon. Sie fan­den sie zu klein, wußten die Farbe ihrer Haare nicht zu bestimmen. Daß sie Katzenaugen habe, bestritten einige, Pockengruben aber gaben alle zu. Nur von ihrem stämmigen Wuchs sprachen alle mit Beifall, schalten sie aber grob, und einer wußte viel von einer Ohrfeige zu erzählen, deren Spuren er noch acht Tage nachher gefühlt haben wollte

Ich selbst gehörte nicht unter ihre Kunden. Teils fehlte mir's an Geld, teils habe ich Speise unb Trank wohl immer oft nur so sehr als ein Bedürfnis anerkennen müssen, Lust unb Vergnügen darin zu suchen, aber ist mir nie in den Sinn gekommen. Wir nahmen daher keine Notiz voneinander. Einmal nur, um mich zu necken, machten ihr meine Kameraden glauben, ich hätte nach ihren Eßwaren verlangt. Sie trat zu meinem Arbeitstisch und hielt mir ihren Korb hin. ,Jch kaufe nichts, liebe Jungfer', sagte ich. ,Nun, warum bestellen Sie bann bie Leute?' rief sie zornig. Ich entschuldigte mich, unb sowie ich bie Schel­merei gleich weg hatte, erklärte ich ihr's aufs beste. ,Nun, fo schenken Sie mir wenigstens einen Bogen Papier, um meine Kuchen barauf zu legen', sagte sie. Ich machte ihr begreiflich, daß das Kanzleipapier sei und nicht mir gehöre, zu Hause aber hätte ich welches, das mein wäre, davon wollt' ich ihr bringen. ,Zu Hause habe ich selbst genug1, sagte sie spöttisch unb schlug eine kleine Lache auf, inbem sie fortging.

Das war nur vor wenigen Tagen geschehen, unb ich gebuchte aus dieser Bekanntschaft sogleich Nutzen für meinen Wunsch zu ziehen. Ich knöpfte daher des andern Morgens ein ganzes Buch Papier, an dem es bei uns zu Haufe nie fehlte, unter ben Rock unb ging auf die Kanzlei, wo ich, um mich nicht zu verraten, meinen Harnisch mit großer Unbe­quemlichkeit auf dem Leibe behielt, bis ich gegen Mittag aus dem Gin- und Ausgehen meiner Kameraden unb bem Geräusch ber tauenben Backen merkte, daß die Kuchenverkäuferin gekommen war, unb glauben konnte, daß ber Hauptanbrang ber Kunben bereits vorüber fei. Dann ging ich hinaus, zog mein Papier hervor, nahm mir ein Herz unb trat zu bem Mäbchen hin, die, den Korb vor sich auf bem Boden und ben rechten Fuß auf einen Schemel gestellt, auf bem sie gewöhnlich zu sitzen pflegte, baftanb, leise summend unb mit dein auf ben Schemel gestützten Fuß ben Takt dazu tretend. Sie maß mich vom Kops bis zu ben Füßen, als ich näher kam, was meine Verlegenheit vermehrte. ,Siebe Jungfer,' fing ich endlich an, .Sie haben neulich von mir Papier begehrt, als keines zur Hand war, das mir gehörte. Nun habe ich welches von Haufe mitgebracht und' damit hielt ich ihr mein Papier hin. .Ich habe Ihnen schon neulich gesagt,' erwiderte sie, .daß ick) selbst Papier zu Hause habe. Indes man kann alles brauchen.' Damit nahm sie mit einem leichten Kopfnicken mein Geschenk unb legte es in den Korb. .Von ben Kuchen wollen Sie nicht?' sagte sie, unter ihrer Ware herummusternb, ,aud) ist das Beste schon fort.' Ich dankte, sagte aber, baß ich eine anbere Bitte hätte. .Nu, allenfalls?" sprach sie, mit bem Arm in bie Hanbhabe bes Korbes faljrenb unb aüfgeridjtet dastehenb, wobei sie mich mit Ijeftia-n Augen anblitzte. Ich fiel rasch ein, baß ich ein Liebhaber ber Tonkunst fei, obwohl erst feit kurzem, daß ich sie so schöne Lieder fingen gehört, besonders eins. .Sie? Mich? Lieder?' fuhr sie auf, .und wo?' Ich er­zählte ihr weiter, daß ich in ihrer Nachbarschaft wohne unb sie auf dem Hofe bei ber Arbeit belauscht hätte. Eines ihrer Lieder gefiele mir be­sonders, so daß ich's schon versucht hätte, auf der Violine nachzuspielen. .Wären Sie etwa gar derselbe,' rief sie aus, .der so kratzt auf der Geige?' Ich war damals, wie ich bereits sagte, nur Anfänger unb habe erst später mit vieler Mühe die nötige Geläufigkeit in diese Finger gebracht", unterbrach sich der alte Mann, wobei er mit der linken Hand, als einer, der geigt, in ber Luft herumfingerte.Mir war es," fetzte er feine Er­zählung' fort,ganz heiß ins Gesicht gestiegen, unb ich sah auch ihr an, daß das harte Work sie gereute. .Werte Jungfer,' sagte ich, .bas Kratzen rührt von daher, daß ich das Lied nicht in Noten habe, weshalb ich auch höflichst um die Abschrift gebeten haben wollte.' ,11m bie Abschrift?' sagte sie. .Das Lied ist gedruckt und wird an den Straßenecken verkauft.' .Das Lieb?' entgegnete ich. .Das finb wohl nur bie Worte.' .Nun ja, die Worte, das Lied.' .Aber der Ton, in dem man's singt.' .Schreibt man denn derlei auch auf?" fragte sie. .Freilich!' war meine Antwort, .das ist ja eben die Hauptsache. Unb wie haben benn Sies erlernt, werte Jungfer?' .Ich horte es fingen, unb da fang ich's nach.' Ich erstaunte über das natürliche Ingenium; wie denn überhaupt die ungelernten Leute oft die meisten Talente haben. Es ist aber doch nicht das Rechte, die eigentliche Kunst. Ich war nun neuerdings in Verzweif­lung. .Aber welches Lied ist es denn eigentlich?' sagte sie. .Ich weiß so viele.' .Alle ohne Noten?' .Nun freilich; also welches war es bennf .Es ist gar so schön', erklärte ich mich. .Steigt gleich anfangs in die Höhe, kehrt dann in sein Inwendiges zurück und hört ganz leise auf. Sie fingens auch am öftesten.' ,21, das wird wohl bas fein!' sagte sie, setzte ben Korb roieber ab, stellte ben Fuß auf den Schemel unb sang nun mit ganz leiser unb doch klarer Stimme bas Lieb, wobei sie bas Haupt duckte, so schon, so lieblich, baß, ehe sie noch zu Ende war, ich nach ihrer herab- hängenden Hand fuhr. ,Oho', sagte sie, ben Arm zurückziehend, denn sie meinte wohl, ich wollte ihre Hand unziemlicherweise anfassen, aber nei», küssen wollte ich sie, obschon sie nur ein armes Mädchen war. Nun, ich bin ja jetzt auch ein armer Mann.

Da ich nun vor Begierde, bas Lied zu haben, mir in die Haare fuhr, tröstete sie mich und sagte: der Organist der Peterskirck)e käme öfter um Mutkatnuß in ihres Vaters Gewölbe, ben wolle sie bitten, alles auf Noten zu bringen. Ich konnte es nach ein paar Tagen bort abholen. Hierauf nahm sie ihren Korb und ging, wobei ich ihr bas Geleite bis zur Stiege gab. Auf ber obersten Stufe die letzte Verbeugung machend, Überraschte mich der Kanzlelvorfteher, ber mich an meine Arbeit gehen hieß und auf bas Mädchen schalt, an bem, wie er behauptete, kein gutes Haar sei

(Fortsetzung folgt.) _____________

'sehe AniverfitätS^Buch- und St ein druckerei, R. Lange, Gießen.