Aber bleiben wir bei dem Frühlingsabend. Der Geist kam und setzte sich an ihre Seite. „Heute abend wollen wir nicht lesen", sagte er. Sein« Stimme war leise, und es schwang em Unterton unendl.cher Traurigkeit darin. Er teilte ihr mit, daß er nun genügend Bildung hätte. Drüben in der Geisterwelt hatte er nun Verkehr mit den allerersten Kreisen.
Jeder fühlende Mensch wird begreifen, wie der Frau zumute war. Er war ganz einfach nur gekommen, um Lebewohl zu sagen; und es war ein trauriger Abschied. Sie hätten, erzählt die Frau, an jenem Abend mehrere Stunden beisammen gesessen, und der Geist hätte ihre Hand ergriffen. Sie meinte sogar zu spüren, daß er sie gern geküßt hätte; aber da ihr Verhältnis auf der Ebene der geistigen Bildung begonnen hatte, so meinte er wohl, er müßte es da belassen. Ich entnahm aus ihren Worten, daß die Frau sich darüber ein bißchen geärgert hat. Sie vertraute mir an, daß seine Auffassung nach ihrer Meinung ein großer Irrtum war; aber was sollte sie tun? Der Mann war ja weiter nichts als ein gebildetes Gespenst. Er war ihr nicht einmal so dankbar, wie er es nach ihrer Ueberzeugung hätte sein sollen.
Jedenfalls scheint es, als hätte er seine ganze Dankbarkeit den Herren Dreiser, Frank, Joyce usw. gewidmet. Von ihnen, sagte sie, hätte er den ganzen Ab«nd geredet. Ihre Namen, die Kenntnis ihrer Bücher hätten ihn, jagte er, drüben in der Geisterwelt Zutritt zu den besten und unzugänglichsten Kreisen verschafft. Man braucht nur die Namen von ein paar Modernen zu nennen und sich mit ihren Werken vertraut zu zeigen, dann kommt man überall hinein", sagte er. Aber, so fügte er hinzu, da er nun mit den Wichtigsten der Modernen Bescheid wüßte, so wäre es wohl besser, er käme künftig nicht mehr zum Unterricht; denn er müßte befürchten, vor den anderen Geistern einen derartigen Vorsprung zu bekommen, daß er nachher in der Geisterwelt in derselben Lage wäre, wie zu der Zeit, da er noch gar keine Bildung hatte.
Nachdem er dies gesagt hatte, verschwand der Geist. Da saß nun die Frau in der Frühlingsnacht; und sie hatte des Geistes Hand in der ihren gehalten. Sie hatte sie sogar, fürchte ich, ein bißchen zu drücken versucht. Vielleicht hatte sie dadurch sein empfindliches Gefühl verletzt. Einen Augenblick saß er noch da, aus seinen Augen leuchtete die früher nicht vorhandene gebildete Geistigkeit, und seine kalte Gespensterhand lag in der ihren; und dann, als sie diese Hand auch nur ein verschwindend kleines bißchen zu drücken versuchte, war er weg.
Da sähe man einmal wieder, sagte die Lehrerin, was für die Frauen dabei herauskommt, wenn sie sich bemühen, irgend etwas für die Männer zu tun.
„Man versucht, ihre geistige Persönlichkeit zu heben und sie ein wenig besser zu machen, als sie sind — und dann lassen sie einen sitzen", sagte sie.
Osr Sprecher des Menschengeschlechts.
Von Carry Brachvogel.
In unseren Tagen, da das Problem des Weltfriedens nicht mehr von der Tagesordnung der internationalen Konferenzen verschwindet, mutet die Geschichte des Freiherrn v. (Kloots, des wunderlichen Vorkämpfers dieser Ideale, wie ein Schicksal aus unserer Zeitepoche an.
Als das Getöse der zusammenkrachenden Bastille den aufhorchenden Völkern Europas verkündete, daß ein neuer Tag für die Menschheit an- drechen wollte, eilte aus weiter Ferne noch ein junger Deutscher nach Paris zurück, der vor etlichen Jahren wegen allzu radikaler politischer und religiöser Ansichten Frankreich hatte verlassen müssen. Wie im Laufschritt kommt er nun aus fremden Märchenländern geflogen, mit ausgebreiieten Armen und ekstatisch leuchtenden Augen, denn es ist ihm bestimmt, diese Stadt zu vergöttern, wie nur ein Deutscher fremdes Wesen vergöttern kann. Dieser seiner tragischen Bestimmung wird er treu bleiben bis zum Tode, den die frevelnde Stadt ihm hohnlachend bereitet. Da er sie verlassen mußte, war sie noch die Stadt des Lächelns und der anmutigen Lebensformen, heute ist sie die Stadt der erschöpften Langmut und des stürmenden Zornes, und Leute, die in politischer Hinsicht das zweite Gesicht haben, sehen unter dem spiegelnden Parkett von Versailles die Abgründe, aus denen die Nachtgeschlechter der Leidenschaften mit hahver- zerrten Gesichtern emporsteigen. Dem jungen Deutschen, der im Laufschritt aus fernen Märchenländern zurückkehrt, ist solche Sehergabe versagt. Er hört nur den Chorus „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit", hält die Trikolore für die Oriflamme der Erlösung und jauchzt, daß nun die Menschen nichts anderes mehr sein wollen als Brüder unter Brüdern. Dies soziale Empfinden, das mit gewisser Einschränkung ganz aufrichtig ist, kleidet ihn gut und macht ihn sympathisch, denn er ist nicht etwa ein Armseliger ober Bedrückter, der eine karge Heimat verließ, um in der Fremde zu suchen, was sie ihm verweigerte. Der stattliche und elegante junge Mann trägt den klingenden Namen Jean Baptiste Freiherr v. Clvots, Sohn des reichen Freiherrn v. Cloots auf Schloß Gnadenthal bei Cleve. Er hat in allerlei belgischen und französischen Jesuitenkollegien sowie auf der Zivil- und Militärakademie Friedrichs des Großen eine standesgemäße Erziehung erhalten und war kraft einer Jahresrente von 100 000 Livres In der beneidenswerten Lage, die Schulbildung durch den Anfchauungs- ünterricht großer Reisen zu ergänzen. Im Kopfe des Herrn v. Cloots wohnen die Gedanken beängstigend nahe beieinander. Er verabscheut das preußische Militär, schwärmt aber für Friedrich den Großen. Er huldigt auf verstiegene Weise den Manen des verstorbenen Naturapostels Rousseau, kann aber von feiner Leidenschaft für Weltstädte, das heißt für Paris, nicht lassen. Er predigt den Weltfrieden, wird aber späterhin Geldmittel zu Rüstungszwecken spenden, er träumt vom Völkerbund, der alle Nationen brüderlich umspannen soll, brüderlich — unter Frankreichs Hegemonie! Selbstverständlich ist er Mitglied und ein Weilchen sogar Präsident des Jakobinerclubs, wie er denn auch als Vertreter des Departements Oise in die Nationalversammlung gewählt wird. Nun, da er erreicht hat, was ein französischer „Bürger" (der er natürlich längst geworden) erreichen kann, nun hat er, was fein ewig rumorender Geist und seine üppige Phantasie brauchen: ein Forum und ein Publikum. Nun
kann er Reden halten und Essays drucken lassen nach Herzenslust, denn in Wort und Schrift ist er geschwätzig wie noch mal ein Rokokvherr, und erpicht auf Beifall, als wäre er eine Diva. Wäre er nicht überzeugter Atheist, so konnte man auf ihn die Redensart anwenden, „er schreibt an Gott und die Welt", denn „Offne Briefe" flattern von ihm zu den verschiedenartigsten Persönlichkeiten hin. Er schreibt an Edmund Burke, er schreibt an den preußischen Minister Hertzberg, er schreibt als „Gallophile" an einen Engländer, er schreibt an einen fiktiven deutschen Prinzen. Was er ihnen schreibt? Immerfort Dithyramben auf die Freiheit, Dithyramben auf Frankreich, das Land der Länder, der Hort der Freiheit, die Erlöserin der Welt, die eigentlich den ganzen Erdkreis in sich schließt. Mit dem gleichen Enthusiasmus schreibt er aber auch über Mohamme- banismus, über Tyrannemnorb, über Filzhutindustrie und besonders über den segensreichen Völkerbund, der alle Rivalität zwischen den Nationen auslöscht und die Grenzen der Länder verwischt.
Doch sein Lieblingsgedanke bleibt immerdar die große Weltrepublik. Weil er in seiner Ungeduld und Rastlosigkeit den Tag nicht erwarten kann, an dem sie in die Erscheinung tritt, beschließt er kurzerhand, sie in einer Duodezausgabe vor die staunende Mitwelt hinzuführen. Am 6. Juni 1790 erscheint er als „Sprecher des Menschengeschlechts" in der Nationalversammlung und führt ihr einen Zug buntgewürfelter und buntgekleideter Menschen vor. Es sind, wie er sagt, Vertreter aller Nationen, die, erfüllt von Freiheitsfehnsucht und glühender Bewunderung für das Land der Befreiung, hierher gekommen seien, um das Glück Frankreichs mit eigenen Augen zu schauen und ihrem Dank für das Befreiungswerk Worte zu leihen. Chinesen und Preußen, Türken und Oestrreicher, Engländer und Spanier schreiten in diesem Zuge, und sogar — man lache nicht! — ein Chaldäer mit der üblichen, spitzigen Chaldäermütze. Nachdem der „Sprecher des Menschengeschlechts" in wohlgesetzter Rede dem Dank all dieser Nationalitäten Ausdruck geliehen hatte, bat er den Präsidenten der Nationalversammlung, sie an dem bevorstehenden Verbrüderungsfest auf dem Marsfeld teilnehmen zu lassen. Der Präsident, dessen historisches Gewissen auch vor einem Repräsentanten der ausgcftorbenen Chaldäer nicht zurückschreckt, gibt der Bitte huldvoll Gewähr. So hätte der „Sprecher des Menschengeschlechts" (wie Cloots sich jetzt mit Vorliebe nannte und nennen ließ) alle Ursache gehabt, zufrieden zu fein, wäre der ethnographisch-pathetischen Szene nicht ein lächerliches Nachspiel gefolgt. Nach der Feier auf dem Marsfeld wandte sich nämlich einer der „von heißem Dank erfüllten" fremden Volksgesandten, sich in der Person irrend, an eine fremden Herrn und ersuchte ihn um Bezahlung des festgesetzten Tag- gelbes. Da würbe denn bestätigt und sprach sich schnell herum, was skeptische Köpfe allerdings gleich gedacht hatten, daß die ganze Völkerdeputation aus Opernstatisten und Arbeitslosen bestand, die Cloots gemietet und in Theaterkostüme gesteckt hatte. Gelächter und Journalistenwitze hagelten da auf ihn nieder, aber ihn kümmert es nicht, denn er hat schon wieder viel, unendlich viel anderes zu tun. Er muß ja [einer neuen Weltordnung auch einen neuen Gott geben und er preist ihr den Kosmos mit dem zynischen Witzwort an: „Es wird ein billiger Gott sein! Er kostet euch keinen einzigen Sou!" Voltairesche Art, wenn auch nicht eben Voltairescher Geist, die aber an anderer Stelle von einem schönen Wort übertönt wird, in dem die Schwermut der stets verleugneten deutschen Heimat lostet. „Wir sind gehende Pflanzen und werden liegende Pflanzen sein. Wir hatten Wurzel gefaßt im Schoß der Frau und wir werden Wurzel fassen im Schoß der Erbe."
Der zum „citoyen" geworbene deutsche Edelmann, der für Frankreich eine aus Preußen bestehende „Vandalische Legion" (!) ausrüften wollte und mit Stolz betonte, daß feine Seele sansculottisch sei, mochte unbehindert in Dithyramben rasen, solange Robespierre noch im Schatten Duntons stand und solange die französischen Armeen siegreich waren. Mit Robespierres Aufstieg aber und den Niederlagen in Holland änderte sich das Bild. Robespierres pathologisches Mißtrauen und die tiefverwundete Eitelkeit des französischen Volkes, die Niederlagen nicht verwinden konnte, suchten und witterten überall Verdächtige, und Spione. Und mit einemmal ward ihnen der Fremdling verdächtig, der einem anderen Volke an gehörte und sich dennoch in Huldigungen für Frankreich erschöpfte. Mit anderen Slugen als früher blickten sie jetzt auf ihn und ihr wunder Nationalstolz begriff ihn nicht mehr, hielt für Komödie, was doch ehrliche Hingebung war. Schnell galt er als ein feindlicher Emissär, der unter der Maske der Gallophilie den verbündeten Feinden Spionendienste leisten sollte! Welcher Hohn, welcher Undank für einen Mann, der sich und fein ganzes Leden in den Dienst dieser Nation gestellt hotte! Man zögerte nicht, ihn in einen jener skandalösen Scheinprozesse zu verwickeln, an denen die Geschichte des Revolutionstribunals überreich ist, Prozesse, bei denen bas Urteil feftftanb, noch ehe die Verhandlung begonnen hatte.
Gemeinsam mit den Hebertisten fährt Anarcharsis (wie er sich nach dem revolutionären Helden eines Moderomanes nannte) Cloots zum Richtplatz. Bittet den Henker, daß er ihn als Letzten richten möge, weil er noch einige kleine Meditationen zu Ende denken wolle, eine Pofe philosophischer Gleichgültigkeit, die wiederum ganz Rokoko, französisches Rokoko ist. Im allerletzten Augenblick aber bricht, ihm selber unbewußt, der lang verleugnete Preuße hervor. Da er tobesbereit vor ber Guillotine steht, grüßt er sie dreimal steif und ruckweise, wie er es wohl vor Jahren auf ber Zivil- und Militärakademie in Berlin gelernt hatte. Die Menge, die das Schafott umstand, brach in helles Gelächter aus und — o beißende Ironie des Schicksals! — das letzte, was die Pariser von dem großen Gallo- philen erfuhren und spottend weiererzählten, war, daß er die Guillotine „ä la prussienne" gegrüßt habe.
Also starb am 24. März 1794, noch nicht vierzig Jahre alt, der Freiheit Jean Baptiste von Cloots, der Preuße war, Franzose sein wollte und in nationaler Selbsterniedrigung und persönlicher Selbstüberhebung gemeint hatte, Frankreich werde ihm die Grabschrift fetzen: „Dieser Vandale war unserer Revolution nützlich." Es hat ihm weder diese noch eine andere Grabschrift gegönnt, hat seinen Leichnam in das Massengrab geworfen und den Freiherrn von Cloots vergefsen, wie er einst die deutsche Heimat hatte vergessen wollen.


