GiehenerZamilienblStter
________Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang j929 ~ Montag, den l8.November Nummer W
Erinnerung.
Von Heinrich Heine.
In meiner Erinn'rung erblüh'n
Die Bilder, die längst verwittert —
Was ist in deiner Stimme, Das mich so tief erschüttert?
Sag nicht, daß du mich liebst!
Ich weiß, das Schönste aus Erden,
Der Frühling und die Liebe, Es muß zu Schanden werden.
Sag nicht, daß du mich liebst!
Und küsse nur und schweige
Und lächle, wenn ich dir morgen
Die welken Rosen zeige.
Das Gespenst und die Lehrerin.
Line Geistergeschichte von Sherwood Anderson.
Uebertragung von Karl L e r b s.
Die Geschichte, die ich hier erzählen will, ereignete sich in South Bend, Indiana Und die Frau, der sie widerfuhr, war eine Witwe, von Beruf Lehrerin.
Die Frau hatte ein Kind, ein siebenjähriges Mädchen. Als sie nach South Bend ziehen wollte, konnte sie zuerst keine Wohnung bekommen. Plötzlich fand sie zu ihrem Erstaunen ein schönes Haus, das für eine niedrige Miete zu haben war. Als sie mir davon erzählte, sagte sie, es wäre ihr unverständlich gewesen: Da stand das Haus, ein schöner, bequemer alter Ziegelbau, an einer guten Wohnstraße, mit einem großem Rasenplatz und Bäumen vor der Tür; und es hatte seit zwei Jahren leergestanden.
Es spukte in dem Hause. Sie erfuhr es von den Leuten. Aber sie sagte, es wäre ihr einerlei, und sie. zog ein. Alles ging vortrefflich. Das Haus hatte zehn große Zimmer, und in jedem Zimmer war ein Kamin. Sie bekam das Ganze für zehn Dollar monatlich.
Natürlich ging es sehr bald los mit der Spukerei. Geschlossene Türen gingen aus und klappten wieder zu. Wenn sie allein in einem Zimmer saß, bei offenen Fenstern (höchstwahrscheinlich korrigierte sie Hefte), dann wurde sie von einem jähen Windstoß getroffen. Nachts hörte sie zuweilen leise Schritte. Es gab ohne Zweifel noch einen anderen, einen unsichtbaren Bewohner im Hause.
Zuerst hatte sie fürchterliche Angst. Aber — so sagte sie, als sie mir ihr Erlebnis herichtete: sie war eine einsame Frau, und man gewöhnt sich schließlich an alles. Zuletzt freute sie sich beinahe über die Gegenwart des Unsichtbaren. Es tat wohl, das Vorhandensein eines Wesens zu spüren. Jemanden zu haben, mit dem die Gedanken sich beschäftigen konnten. Ihre Tochter, die siebenjährige Kleine, ging schon um acht Uhr zu Bett. Die einsamen Abende waren nun weniger einsam.
Die Frau war mit Eifer auf Bildung bedacht. Das war ihr stärkster Wesenszug. Abends saß sie lange und las. Sie las die Bücher aller neuesten und geistig anspruchsvollsten Schriftsteller, besonders der sog. Modernen.
Da sitzt sie nun also, eine einsame Frau in einem einsamen Hause. Sie liest in einem Buche; einem Buche von — sagen wir: Waldo Frank. Vielleicht ist es auch „Sister Carrie". Und während sie so sitzt, bei verschlossenen Türen, kommt das Gespenst stracks ins Zimmer.
Cs war ein hochgewachsenes und ziemlich ernsthaft dreinblickendes Gespenst, ein sehr gut aussehender Mann von vielleicht sünfundvierzig Jahren. Die Frau berichtete, er wäre geradenwegs durch die geschlossene Türe ins Zimmer gekommen. Als er auf den Platz zukam, wo sie saß, war sein Benehmen ein bißchen linkisch und verlegen.
Unverweilt erklärte er, daß er im Leben niemals Gelegenheit gehabt hätte, sich in der Gesellschaft gebildeter Leute zu bewegen. „Ich bin ein Gespenst," sagte er, „aber ich bin gänzlich harmlos, das dürfen Sie mir glauben." Sie hätte, so berichtet nur die Lehrerin, den Eindruck gehabt, daß ihr Gespenst ein ganz ausgezeichnetes Gespenst wäre. Es wäre ihr, wgte sie, von Anfang an klar gewesen, daß der Geist trotz seiner etwas rauhen Außenseite über eine unverkennbare Herzensbildung verfügte.
Natürlich war sie zuerst ein bißchen zitterig und verstört. „Seien Sie ganz unbesorgt", sagte der Geist. Er würde es, fügte er hinzu, nie gewagt haben, ihr lästig zu fallen — das heißt: er würde sich niemals materialisiert haben, wenn er sich nicht in schwerer Kümmernis befände. Und das ganze Elend, sagte er, käme von seinem Mldungsmangel her. Und er wäre
zu ihr gekommen, weil er fühlte, daß er es mit einer gebildeten Frau zu tun hatte.
Die Kümmernis bestand darin, daß er drüben in der Geisterwelt, in der er nun weilte, nachdem er (wie die Lehrerin es nannte) „die irdische Wirrnis von sich getan hatte" — daß er da drüben mit der Gesellschaft von Leuten vorlieb nehmen mußte, die so ungebildet waren wie er selbst. Der Mann war im Leben das gewesen, was wir Amerikaner einen „low-brow" nennen; ein geistig anspruchsloser Mensch, ein ganz gewöhn- l'cher Fabrikant, der nichts im Kopf gehabt hatte als fein Geschäft, Geld- verdienen und Golfspielen. Und als er nun dadrüben in die Geisterwelt gekommen war, hatte er für seine Gleichgültigkeit in Bildungsfragen buhen müssen. Nun war ihm plötzlich klar geworden, was für einen Fehler er begangen hatte. Und das hatte ihn verdrossen.
Er wollte gern Bildung haben, aber in der Geisterwelt konnte er Ne nicht kriegen, denn die gebildeten Leute verkehrten nicht mit ihm.
So war er denn in die Welt der Wirklichkeit zurückgekehrt und hatte sich zu einer Frau geflüchtet. Der Ehemann der Lehrerin war, scheint es, zu seinen Lebzeiten ziemlich ungebildet gewesen. Er war Rohrleger. Und er hatte, sagte sie, an nichts anderes gedacht und von nichts anderem geredet als vom Ballspiel. Dennoch hatte sie es bei ihm ausgehalten, bis er starb. Sie hatte gute Zeugnisse. (Vielleicht hat der Geist das gewußt.) Mir wurde klar, daß sein Top (diesmal meine ich den Rohrleger) für die Lehrerin kein tödlicher Schlag gewesen war.
Andererseits war sie nicht gerade das, was man eine schöne Fra« nennt, und sie hatte eine Tochter. Welche Aussicht hatte sie da. einen Gefährten zu finden, der mit ihr in der Welt der Bildung leben wollte? Sie und der Mann — ich wollte sagen: der Geist — waren in derselben Sage.
3n allem, was Bildung heißt, hatte sie allerdings einen ganz große» Vorsprung. Vor allem las sie gerade damals emsig alle Modernen. Sie kannte nicht nur ihren Joyde und ihren O'Neill — sie kannte auch ihren Dreiser, ihren Frank und ihre Gertrud Stein. Und sie erzählte mir, daß sie mit dem Gespenst einen ganz herrlichen Winter verbracht hätte.
Jeden Tag ging sie in der Schule ihren Pflichten nach, und abends eilte sie heim und brachte das Kind zu Bett. Sie wollte nämlich nicht, daß das Kind an ihrem Vergnügen teil hätte; warum, das wußte sie »nicht. Vielleicht meinte sie, daß die Kleine womöglich auf schlimme nten kommen könnte, wenn sie abends einen Mann im Hause sah.
Aber es war natürlich nichts Unrechtes dabei. Das Gespenst hat ihr niemals auch nur einen Kuß angeboten. Sie hat mir das selbst erzählt. Die Beiden saßen ganz einfach nur beisammen und lasen Bücher, und hinterher sprachen sie das Gelesene durch. Wer von uns hat nicht auch schon solche Abende mit einer Frau verlebt? Wie köstlich sind sie doch!
Ja, und bei alledem kriegte der Geist Bildung und immer mehr Bit- düng, und die Frau ebenfalls. Sie verbrachten den ganzen Winter so. Noch niemals hatte South Bend ein so freundliches Gesicht gemacht. Ihr wäre, sagte mir die Frau, wahrhaftig der Gedanke, daß bald Frühling werden würde, verhaßt gewesen. Sie hatte so ein Vorgefühl, daß der Geist sie beim Einzug des Frühlings verlassen würde, um nie mehr wiederzukehren, weil er dann eben genug Bildung bekommen hatte.
Nun, und haargenau so kam es denn auch. Das ist das Tragische in der Geschichte.
Sie — di« Geschichte — tat was alle derartigen Begebenheiten hm sollten: sie erreichte ihren Gipfelpunkt an einem Frühlingsabend. Ich werde niemals vergessen, wie die Stimme der Frau bebte, als sie mir von diesem Abend erzählte.
Natürlich war es ein Abend voll milden Mondlichtes, und draußen im alten Garten tarnen gerade die Blätter aus den Knospenhüllen hervor. Die Frau saß am offenen Fenster. Sie bildete sich nämlich ein, daß es für das Gespenst leichter fein müßte, ins Haus zu kommen, wenn Fenster und Türen offen waren. Sa wirklich war der Geist für sie geworden.
Und dann kam er. Und zwar kam er nicht durch "das offene Fenster ins Zimmer, sondern irgendwo durch die Wand. Das war nun mal so seine Art. Der Geist konnte die Bücher, die er gemeinsam mit der Lehrerin gelesen hatte, nicht in die Geisterwelt mitnehmen, seine Hand vermochte ja nicht einmal ein Buch zu halten. Die Lehrerin pflegte ihm laut vorzulesen, und wenn das laute Lesen sie zu ermüden begann, stand er hinter ihr und las über die Schulter hinweg. Von Zeit zu Zeit erläuterte sie ihm Ne schwer verständlichen Stellen. In manchen Büchern gab es sehr viele solcher Stellen. Das Ganze muß sonderbar ausgesehen haben.
Oder vielmehr: es müßte sonderbar ausgesehen haben. Denn außer der Frau vermochte niemand das Gespenst zu erblicken. Eines Abends tarn, als der Geist im Zimmer war, der Schulvorsteher herein, ihr Vorgesetzter, aber er sah den Geist nicht. Nie im Leben, sagte mir die Frau, hätte sie sich über eine Entdeckung mehr gefreut als über diese. Der Schul- vorsteher Hütt« ihr nämlich gar zu gern was am Zeuge geflickt, sagte sie. Das heißt: der Ausdruck „am Zeuge geflickt" stammt von mir; sie drückte es anders aus.


