Ausgabe 
18.10.1929
 
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Frau Feldbusch, Sie versprechen mlr's, daß kein Wort des Vor­wurfs über Ähre Lippen kommt, wenn die Hermine wieder bei Ihnen ist. Sie müssen sie mit doppelter Liebe umgeben. Und ich will Ihnen dabei helfen."

IV.

Es regnete bei heiterem Himmel, als Hermine Feldbusch nach ihrer Rückkehr aus Amerika frühmorgens in der Weberei Valentin Dorners erschien, zu fragen, ob sie wieder in dem Betrieb eingestellt werden könnte. Gutermuth, der Werkmeister, sagte, er für seine Person habe nichts dagegen einzuwenden, doch müsse er der Ordnung halber zuerst mit dem Fabrikherrn sprechen, er werde ihr so bald als möglich Be­scheid zukommen lassen.

Während der Frühstückspause schwätzten die Spulerinnen im Eß­raum die Butter vom Brot. Der Fall Feldbusch wurde verhandelt. Für- und Widerreden flogen hin und her.

Wann ist sie dann gekommen?"

Ei vorgestern. Ihre Mutter hat sie am Bahnhof abgeholt."

Sie sieht aus, als hätt' sie im Grab gelegen."

Wenn man so ein brunnlauter Bübchen hergeben muß, das setzt sich nicht in die Kleider."

Zwei Tag', ehnder sie fortgemacht ist, war ich abends bei ihr. Das Kind wollt' nicht einschlafen, tat sich in feinem Bettchen herumwälzen, als läg's auf Nesseln. Und die Hermine sang:

.Schlaf, Kindchen, wähle. Unser Herrgott will dich hole In einem goldnen Kutschelche, Schlaf, mein liebes Trutschelche/

Jetzt hat's unser Herrgott wirklich geholt."

Wer dran glaubt!"

Ich glaub' dran!"

Die Hermine ist ein herzensgut Mädchen, aber sie hat einen Rap­pelkopf."

Sie hat den Dotzauer richtig an der Ras' herumgeführt. Und hat noch das Reisegeld hin und her verschlickert."

Sie ist dumm wie Schuttestroh, daß sie den Dotzauer nicht ge­nommen hat. Der hätt' sie auf den Händen getragen und sie hätt' in der Eheschaft das Parlament gehabt."

Und was hat sie nu? Plackerei, ewige Plackerei. Bei ihrer Mutter frißt kein Spatz den Weizen."

Und in Amerika liegt das Geld auf der Gass'."

Der Dotzauer soll kolossal verdienen."

Mich hätt' kein Schiff mehr herübergebracht."

Heulen könnt' man, wenn man hört, wie sich das Mädchen seine Glückssupp' verschütt' hat."

Euer Geleier hat gar keinen Wert. Seid ihr so ausklugiert, daß ihr in die Hermine hineingucken könnt? Wißt ihr, in was für einem Brast sie steckt? Sie hat sich beschwätzen lassen, wie sie nach Amerika fuhr, und war hernach zu ehrlich, daß sie den Dotzauer betrügen wollt'."

Das Herz bobbelt ihr heut noch, wenn sie an den Wollrab denkt." Du brauchst weiß Gott nicht deinen Pfiff über sie zu haben. Du bist ja selbst mit dem Schubiack herumgezogen."

J3a no, er war ein hübscher Kerl und hat das Beischmieren ver­standen."

Mir wär' er viel zu schlecht gewesen, als daß ich mich mit ihm ein­gelassen hätt'."

Wenn der Fuchs nicht an die Trauben heran kann, spricht er, sie sind sauer."

's ist mal so in der Welt: Die Bubelutschen gehn frei aus, die an­ständigen Mädchen bleiben hängen. Deswegen hat mir die Hermine sellemal sehr leid getan. Sie ist meinem Bedunk nach mit ihrem Hecken­bankert anständiger als viele, die helingerweis ihren Brand löschen."

3d) schätz', das Dischkerieren führt zu nichts, am End' geht jeder mit seinem Sack in die Wühl'. Ich denk' so: Hier saugt die Maschin' mich aus, bin selbst Maschin'. Draußen guck' ich ins Weite und hab' ein gut Recht, mein Leben zu genießen. Und hat mich einer gern, und ich hab' ihn gern, und wir zwei sind eins, mag passieren was will, ich nehm's auf mich."

Die Fabrikglocke rief zur Arbeit. Damit war das Geplausch im- raum beendet.

Auf dem Rückweg in die Stadt traf Hermine Feldbusch mit ihrer ehemaligen Schulkameradin Marie Beckhardt zusammen, die einen Krankenbesuch gemacht hatte. Marie Beckhardt war ein Mädchen von ruhiger Haltung, mit hoher Stirn und milden, stahlblauen Augen. Ihre beiden Brüder waren in Frankreich gefallen. Vor kurzem hatte sie ihre Mutter verloren. Ihr alter Vater war seit vielen Jahren in der Dorner- schen Weberei als Packer beschäftigt. Sie hatte sich mit einem Mechaniker verlobt. Dessen Vater war Rechner an einer Spar- und Darlehnskasse im Vogelsberg. Eines Tages nahm er sich in feinem Geschäftszimmer das Leben. Jedermann glaubte, er hätte sich eine Veruntreuung zuschulden kommen lasten. Die Revision ergab, daß die Kasse in bester Ordnung war. Offenbar hatte er in einem Anfall von Geistesstörung Hand an sich gelegt. Von Stund an wurde sein Sohn, der Mechaniker, die wahnhafte Vorstellung nicht mehr los, er würde über kurz oder lang den Verstand verlieren. Er löste seine Verlobung mit Marie Beckhardt auf und ver­schwand. Frau Dörner, die Gattin des Fabrikanten, nahm das unglück­liche, verlassene Mädchen für ein paar Monate in ihr Haus. Jetzt ver­diente es mit Näharbeit sein Brot.

Angesichts des herben Verlustes, den Hermine Feldbusch erlitten, sprach Marie Beckhardt ihr Beileid aus. Obwohl sie von den Vorgängen während Herminens kurzem Aufenthalt in Neuyork unterrichtet war, nahm sie den Namen Dotzauers, des Bäckergesellen, nicht in den Mund. Sie sei bei der Frau Oberkamp gewesen, erzählte sie, für die sie schon

manches Läppchen aufgesetzt habe. Die Aermste lag an einer schmerz, haften Nierenentzündung darnieder. Ihr Mann, der für eine Zigaretten­fabrik reifte, hatte seit Monaten nichts von sich hören lassen. Wahrschein­lich wohnte er in Frankfurt bei einerDame", die er öfters mitgebracht hatte, der Frau Oberkampf, so widerlich ihr die Person war, Gastfreund­schaft erzeigen mußte. Die Seelenstärke der Kranken war bewunderns­wert. Wenn sie wieder genesen war, wollte sie sich von ihrem Mann scheiden lassen, wollte für sich bleiben und irgendwo ihren Unterhalt suchen. Von der Frau konnte man lernen: Schicksalsschläge sollten einen nicht herunterbringen, sollten einen hartschmieden, sollten einem erst die rechte Spannkraft geben.

Du und ich, wir haben beidsander unser Päckchen zu tragen", sagte Marie Beckhardt, indes Hermine mit blassem Gesicht und schlaff herab­hängenden Armen ihr zur Seite stadtwärts schritt.Du wirst es nicht bös auffassen, wenn ich dir auseinanderleg', wie ich wieder zum Frieden gekommen 6in. In meiner Jugend bei meinen Eltern war Armutei. Ich hab' aber doch meine stillen Freuden gehabt. Die Jahre sind hinge- gangen. Ich hab' meine Mutter, meine Brüder verloren, die Trübsal stand vor unserer Tür. Wie mir mein Heinrich schrieb, mit unserer Ver- lobtschaft wär's vorbei, war ich so vergeistert, daß ich mein Leben fort« werfen wollt'. Was seit die Frau Dörner an mir getan hat, war so viel, daß ich jeden Tag vor sie hintreten und sprechen müßt: ,Gott Der« gelt's!" In den Monaten bei der prachtvollen Frau bin ich wie auf einer goldenen Leiter hoch und immer höher gestiegen. Einmal saß ich spät nachmittags in Dorners Garten droben auf dem Frauenberg. Ich halt' mir ein schönes Plätzchen ausgesucht. Drunten auf den Feldern würd' geackert und geeggt Gedanken klopften bei mir an, daß mir's ganz artlich würd' und 's war mir, als bifpert mir eins zu: .Schreib' auf, was dir im Kopf herumgeht!' Und ich tat's. Schrieb daheim wie im Fieber. Und würd' mir leicht auf der Brust, ich kann dir nicht sagen, wie leicht. Und der Alp, der mich gedrückt halt', war verschwunden."

Sie hielt inne. Ihre Augen glänzten. Nach einer Weile fuhr sie fort:

Glaub' nicht, Hermine, daß ich mich mit meinem Schreiben vor dir dickmachen will. So was liegt im Mensch drin und brubelt auf einmal heraus. Ich führ' ein Tagebuch. Eine Seit' draus kann ich auswendig wie das Vaterunser. Da heißt's:Du mLchf'st die Sonne vom Himmel wegleugnen, sie fragt nichts danach, sie scheint doch. Raff' dich auf und begrab dein Aechzen und Stöhnen. Dein Fehler ist, du denkst zuviel an dich selbst, meinst, deine Last wär' die schwerste. O nein. Tausende und aber Tausende tragen schwerer als du. Das Elend ist so groß in der Welt, du kannst's von keinem Berg überschauen. Was ist deine Pflicht? Daß du auf deinem Posten stehst und schaffst. Daneben halt' dir die Hände frei für deinen Nächsten, dem es schlechter geht als dir. Ich will dir helfen! Klingt das nicht wie Himmelsmusik? Keiner ist so klimperklein, daß er in seinem Kreis nick)ts Gutes stiften kann.' So heißt's in meinem Tagebuch, 's ist nicht unversonnen, wenn ich dir's sag': ein frischer Zug ist in mein Leben gekommen, jetzt versteh ich erst seinen Sinn. Ich hab' nicht die Sucht, im Glückswagen zu sitzen, ich bin zufrieden, wenn ich andre zufrieden mach'."

Seitdem sie in die Heimat zurückgekehrt war, hatte Hermine von ihrer Mutter kein freundliches Wort gehört. Frau Feldbusch grollte ihrer Tochter, weil diese ihr Glück mit Füßen getreten. Der alte Wingeroth, der hätte vermitteln können, war zu seinem sterbenskranken Bruder nach Fulda berufen worden. Nun drang auf Hermine in ihrer trüben Stim­mung unerwartet ein Strom teilnehmender Güte und kluger Beredtsamkeit ein, daß sie befangen, ja verwirrt nicht gleich die rechte Antwort sand. In all den Jahren, nachdem sie die Schule verlassen, hatte sie mit Marie Beckhardt nur selten verkehrt. Daß in der Altersgenossin, die als Schü­lerin auf der letzten Bank saß, so wundersame Quellen rauschten, hätte sie nie und nimmer gedacht. Eins war ihr klar: sie durfte sich nicht ver­stecken, mußte ganz offen mit Marie Beckhardt sprechen. Aber es kostete sie Ueberroinbung. Sie machte kurze zögernbe Schritte, strich langsam mit bem Rücken ber geballten Hanb über bie Stirn. Endlich hob sie an:

Mein Unglück ist, ich bin an den Wollrab festgewachsen, komm' in meinen Gedanken nicht von ihm los. Du wirst babrauf sagen: ,Der Mensch, ber bich hinters Licht geführt hat, ist nicht wert, baß bu nur ein Minütchen an ihn denkst. Vielleicht, wenn du ihn geheiratet hätt'ft, wärst du in Hahnenkrallen gefallen.' Das sag' ich mir auch und häng' an ihm wie die Klett' am Rock. Du sollst mich nicht für närrisch halten, wenn ich mich auslass': ich hab' einen Hassart auf den Wollrab und h, ihn doch kriminalgern. 's ist wie eine Krankheit, die in mir wühlt. Manchmal mach' ich mir Vorwürf', daß ich gegen mein arm Kind nicht so gut ge­wesen bin, wie sich's gehört. Und wenn's nur eine Einbildung ist, sie quält mich. Wo ich geh' und steh, werd' ich von einem Schwirbel herum- geroorfen. Niemand weiß, was ich gelitten hab' und noch leid'!"

Auf ihrem Gesicht wechselten Blässe und Röte. Aus ihren Augen quollen Tränen.

Du sollst nicht bereuen," versetzte Marie Beckhardt mit sanfter Stimme,daß du dich vor mir aufgenestelt hast. Einzling zu fein, schickt sich nur für unseren Herrgott im Himmel. Der Mensch braucht jemand, bet bem er sich aussprechen kann, 'st wahr, ber Wollrab schaupert wie ein Nachtmahr in bir. Aber bie Arznei, bie ihn heraustreibt, ist ba. Greif' nur banach. Was ich in mein Tagebuch geschrieben hab', paßt Wort für Wort auch auf dich. Gegen das Grammeln und Grübeln gibt's kein besser Mittel als die Arbeit. Arbeit, Arbeit und noch einmal Arbeit. Das andre Überlass' ber Zeit. Sie geht auf weichen Sohlen wie eine barmherzige Schwester neben dir her und rückt, was dich plagt, weit, immer weiter von dir ab. Man spricht als, gleiche Schicksale machen gute Freunde. Ich mein', wir zwei sollten zufammenhalten. Dann braucht uns keiner den Weg zu weisen. Willst du?"

Ja," sagte Hermine,ich will!" und sah mit festem Blick zu ber neu gewonnenen Freundin empor.

Verantwortlich: Dr. Hans Thhriol. Druck und Verlag: Brühl'sche Unioersitäis^Duch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.