Ausgabe 
18.10.1929
 
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deutet. Je schwerer der Mensch ist, desto weiter entfernt sich die Fußlage nach diesen Feststellungen ja von derjenigen des Asfengeschlechtes, die gerade Fußhaltung derschlanken Siniez' bildet nur ein Zwischenglied, das der Urform noch nahe steht. Korpulente Leute können sich also trösten, sie haben die Asfenähnlichkeit am entschiedensten überwunden. Das bezieht sich freilich nur auf die Fuhlage. lieber andere Punkte muß uns die Wissenschaft erst noch unterrichten.

Oie Spulerin.

Von Alfred Bock.

(Schluß.)

Er trank der Spulerin zu.

Hermine mit einem Gesichtsausdruck, als ob sie sich gegen trübe Gedanken wehrte, nippte stumm man ihrem Glas.

Der Bäcker Gimborn erzählte, wie er dazu gekommen war, Dotzauer als Gesellen anzunehmen. Ein Geschäft hatte ihn zu den Schwälmern nach Merzhausen geführt. Das hielt ihn, obwohl er frühzeitig an Ort und Stelle war, bis zum Nachmittag fest. Es war im Mai. Unter blauem Himmel und bei warmem Sonnenglanz lag das Gebreit in Blütenpracht. Vor dem Meister, da er auf der Landstraße heimwärts schritt, marschierte ein junger Mensch. Der sang mit einer seelenvollen Stimme. Keine Gassen­hauer, sondern schlichte, alte Volkslieder, wie man sie noch in stillen Tälern und auf einsamen Höhen hört. Der Meister, dem gute Musik eine klingende Freude war, lauschte wohl eine halbe Stunde lang und sprach zu sich:Bei dem da vorn müssen Herz und Mund zusammenstimmen!" Aus allem, was der Sänger vortrug, leuchtete eine große musikalische Be­gabung. Neugierig, wer es fein mochte, sputete sich der Meister, holte den Wanderer ein und begann ein Gespräch mit ihm.

Woher, wohin?"

Ich komm' von Hersfeld und will ins Nassauische."

Sind Sie Musiker?"

Nein, Bäcker."

Ei der tausend! Da sind wir ja Kollegen!"

Die Musikantenkehle, sagte der junge Bursche, habe er von seinem Vater. Der sah als Schuster im Westerwald. Obzwar es dem alten Manu recht kratzig ging und er schurgeln mußte wie ein Feind, zeigte er sich als fideles Haus und sang den lieben langen Tag.

Wie einer das Leben anpackt," sprach der Meister,so läuten ihm die Glocken. Jetzt schmieren Sie Ihre Kehle noch einmal mit echtem Musikantenschmalz."

Das tat der Gesell, sprudelte Lied um Lied hervor und sang sich dem Meister ins Herz, daß der ihm kurzerhand antrug, bei ihm Gesell zu wer­den .Der Bursch schlug ein.

Wie er sein Handwerk trieb," kam der Meister zu Ende,hält' er aus Steinen Brot machen können. Weil er doppelt arbeitete, gab ich ihm dop­pelten Lohn. Ich mag feinem weh tun von meinen Leuten, aber so einen Gefellen krieg' ich nicht wieder!"

Während der brave Dotzauer verdientermaßen mit Lobwasser über­schüttet ward, kam keine frohe Stimmung in Hermine Feldbusch auf. Der Dotzauer war sicher ein grundguter Mensch. Dasür hatte sie hundert Be­weise. Wenn er's vermöchte, er würde ihr das Blaue vom Himmel her­unterlangen. Und doch, sie konnte ihre Natur nicht ändern. Nach dem Wollrab, der sie verführt und verlassen, zehrte sie sich in Sehnsucht auf. Was nicht mit Vernunft geschieht, hat keinen Bestand in der Welt!" hotte der Fabrikherr zu ihr gesprochen. Liebe litt keine Vernunft, Liebe ließ sich nicht meistern.Muß ich dir den Verstand in den Kops hinein­schlagen", setzte ihr die Mutter zu.Hier sind die Lent' nach dem Krieg uerquängt und verzwerbelt. Wer weiß, auf wieviel Jahr' hinaus. Drüben kannst du das Glück bei allen vier Zipfeln fassen." Sie hatte dem Dringe- licren nachgegeben, sie ging. Aber was sie Glück nannte, ließ sich an kein Schiffsseil binden.

Nach Mitternacht brachen der alte Wingeroth und Meister Gimborn auf. Die Mädchen rückten zusammen und sangen.

Ade, du mein lieb Heimatland,

Sieb Heimatland, ade!

Es geht jetzt fort zum fremden Strand, Lieb Heimatland, ade!"

Die Spulerin Merfeld begehrte das Bübchen der Kameradin noch ein­mal zu sehen. Hermine, zuerst widerstrebend, holte es bann doch aus der anstoßenden Kammer herbei. Der pausbäckige Junge öffnete, vom Licht ge­blendet, die verschlafenen Augen nur halb, doch lächelte er die Mädchen, die ihn umdrängten, freundlich an.

Er ist dem Wollrab wie aus bent Gesicht geschnitten", platzte die Merfeld heraus.

Hermine brach in Tränen aus, war nicht mehr zu beruhigen. So ge- fchah's, daß der Abend, der sich so gemütlich angelajfen, mit einem schrillen Mißklang schloß.

Vier Wochen waren vergangen, seil Hermine Feldbusch mit ihrem Kind das Heimatstädtchen verlassen hatte. Der alte Wingeroth saß in seiner Stube und sah die Korrekturbogen seiner AbhandlungPioniere des Deutschtums in Amerika" durch, zu deren Verössenllichung sich eine angesehene Zeitschrift bereiterklärt hatte. Er selbst durfte sich zu den Vorkämpfern des Deutschtums in Amerika rechnen. Während seines lang­jährigen Aufenthaltes in den Vereinigten Staaten hatte er gute Samen­körner unter Dornen gesät, hatte dennoch auch Früchte geerntet. Er stand mit ehemaligen Schülern drüben, hochgebildeten Menschen, in Verbin­dung, die nicht die Geldkatze als Kopftuch trugen, die den Grundgedanken des Seins in der Welt der Ideale suchten.

Es klopfte. Seine Hauswirtin, die Nähfrau Feldbusch, trat in Tränen zerfließend herein und Überreichte ihm einen Pries, den sie von ihrer Tochter Hermine aus Neuyork erhalten hatte. Wingeroth las:

Liebe Mutier!

Nach einer schrecklichen Ueberfahrt bin ich in Neuyork angekommen. Ich muß Dir jetzt schreiben, was passiert ist. Ich weih nicht, wo ich an­sangen und wo ich aufhören soll. Mir ist immer so durmelig, daß ich meine, ich stürz' zusammen. Wie wir in Bremerhaven absuhren, hatten wir herrlichen Sonnenschein. Ich war mit dem Paulchen viel droben auf dem Deck, drunten in der dritten Kajüte gefiel mirs nicht. Buschmänner trieben sich da herum, die ganz artlich rochen, und unmUsterige, schmutzige Weibsbilder. Die tätschelten mein Paulchen und sagten: ,Was für ein braves Kind!' Ich gab mich nicht mit ihnen ab. Rach zwei Tagen brach ein Sturm los, bei uns daheim Hütte er alle Bäume umgefchmiffen. Es war ein Toben und Brüllen, vorstellen kannst Du Dir so was nicht. Kein Gedanke dran, daß wir noch auf dem Deck fein konnten. Jemand rief: .Jetzt hat der Steuermann nichts mehr zu tun, der liebe Gott muß das Schiff lenken!' Drunten hatten viele ihre Gebetbücher aufgeschlagen. Und nun das Stöhnen und Jammern von den Menschen, die seekrank waren. Ich hatte auch so ein Gefühl, als säße mir ein Klumpen im Hals. In der Nacht frag das Schiss einen Stoß, daß ich aus dem Bett geworfen wurde und eine Beule am Kopf davontrug. Das Paulchen war still wie ein Püppchen. Gegen Morgen bin ich ein bißchen eingebuffelt und es hat mir geträumt, das Paulchen hätte ein Zähnchen verloren. Das bedeutet, es wird eins sterben. Und fo kam's auch. Ich meine, der Herzbändel tut mir zerreißen, wo ich Dir das sagen muh. Mein goldiges Paulchen ist hin! Zuerst war's nur eine Erkältung. Die schlug sich auf die Lunge. Er hat schrecklich nach Lust geschluckt. Der Schiffsdoktor gab ihm Säftchen über Söstchen. Es war umsonst. An Herzschwäche ist mein Bübchen gestorben. Ich war wie versteinert. Sie haben mich mit Gewalt von meinem toten Kind sortgezogeu. Ich wollt' nicht haben, daß es in den Sarg gelegt wurde. Aber bann ist's doch geschehen. Der Kapitän kam und viele Leute. Ein geistlicher Herr aus Hannover hat eine wunderschöne Rede gehalten. Darauf haben sie den kleinen Sarg in das Meer versenkt. Daß mein Kind nicht in die Erde gebettet worden ist, daß ich fein Grab nicht be­suchen kann, ist mir ein furchtbarer Schmerz. Das letzte, was das Paul­chen in feinem Fieber gesprochen hat, war: Mutter, was willst du mit dem Feuerchen machen?' Wenn ich nur wüßf, was es damit hat sagen wollen. Ich hab' tagelang in meinem Schmerz vor mich hingedrenst, sie haben mich zwingen müssen, etwas zu elfen. In Neuyork hat mich der Dotzauer am Hafen abgeholt. Er tat schon von weitem winken. Man sah ihm an, wie froh er war. ,Wo ist denn das Bübchen?' hat er gleich gefragt. Wie er hörte, daß cs unterwegs gestorben ist, hat er geweint, als wenn ihm sein eigen Kind genommen wär. .Lieber Gott, was für ein Unglück!' hat er als gerufen und könnt' sich gar nicht beruhigen. Er hat mich bei hessischen Landsleuten untergebracht. Die flammen aus Dietzenbach. Mann, Frau und zwei Töchter. Sie sind rührend gut zu mir. Ich wollt' erst nicht, aber der Dotzauer hat mich doch in Neuyork herum- gefiihrt. Es ist alleweil hier ein dicker Nebel. Der drückt einen stark. In den Straßen ist ein unmenschlich Gedräng von Menschen und Wagen, ein Spektakel, daß einem blümerant vor den Augen wird. Die Häuser sind so hoch, unser Kirchturm ist nichts dagegen. In zwei Wochen, sagt' der Dotzauer, wär' unsere Wohnung in der Reih', sie lüg' im siebenten Stock, keine fünf DJiinutcn von den Dietzenbachern. Er hat mir das Haus gezeigt. .Dotzauer,' sagt' ich, ,du sollst nicht im Ungewissen stehen, Lügen zurechtmachen kann ich nicht, ich kann dir auch nicht zu (Befallen schwätzen. Ich hab' mir bas gründlich überlegt. Ich bank' bir tausendmal für alles, was du an mir getan hast, ich ästimier' dich, wie dus verdienst, aber heiraten kann ich dich nicht, ich fahr' wieder heim!' Und da ist er weiß geworden wie Kreide und war ganz verzweifelt. Das könnt' mein Ernst nicht sein, sagt' er, ich mär durch den Tod von dem Bübchen krank und aufgeregt und sollt' erst zur Ruhe kommen. Geredet hat er wie ein Buch, von morgens bis in die Nacht hinein. Ich bin aber fest geblieben. Nun mutzt Du nicht glauben, daß er mir die Haut voll gescholten hat, er war nicht ein bißchen grob. .Zwingen,' sagt' er, .kann ich dich nicht. Ich hab's von Herzen gut mit dir gemeint. Für dich hätt' ich alles ge­tan!' Und die Tränen sind ihm an den Backen heruntergelaufen, daß ich auch heulen mußt'. Und da hat er noch einmal angefangen: .Hermine, bleib da!' .Nein,' sagt ich, sich muh wieder heim!' Da hat er mir eine Schiffskarte besorgt. Freitag fahr' ich mit dem Dampfer .Kolumbus' nach Bremen. Der Brief kommt aber eher an als ich. So Gott will, sehn wir uns bald wieder. Grüße alle Bekannten herzlich von mir, besonders den guten Herrn Wingeroth. Deine Hermine."

Dem Alten, da er den Brief gelesen, fiel der Kops schwer auf die Brust. Eine Weile saß er in sich versunken da. Dann stand er auf, drückte der Nähfrau die Hand und sprach:

Die Hiobspost geht mir sehr »ah. Das Paulchen mar mir ans Herz gewachsen. Wie oft ist das liebe Kerlchen zu mir heraufgekorn- men: fOntel Wingeroth, erzähl' mir ein Märchen!' Ich iat's gern. Dem oufhorchendeii Bübchen in die Augen zu fehen, war jedesmal für mich ein Erlebnis. Aus solchen Kinderaugen strahlt etwas, das ge­heimnisvoll an das Reich des ewigen) Lichts gemahnt. Das Körper­chen l)aben sie in das Meer versenkt. Wir sind an das Sichtbare gebun- den. Vielleicht fängt jetzt erst in einem anderen Bereich das wahre Leben des Kindes an!"

Die Nähfrau ließ sich auf einen Stuhl nieder, preßte ihre Schürze gegen die Augen.

Wingeroth aber fuhr fort:

Als die arme Hermine sich zu dem Entschluß durchgerungen hatte, die Heimat zu verlafsen, hat sie an die Zukunft ihres Kindes gedacht. Von dein Augenblick an, da es der Tod von ihrem Herzen riß, kam die Brücke ins Wanken, über die sie gehen sollte. Wie mag sie mit sich gekämpft haben, bis sie vor den guten Dotzauer trat und ihm sagte: .Ich kann dich nicht nehmen!' Und was mag in dem Braven vorge­gangen fein, wie er feine Hoffnung, die wie eine schöne Blume vor ihm aufgebläht war, begraben mutzte. In der Hermine lodert eine unauslösch­liche Liebe für den Wollrab, der sich so schändlich gegen sie benommen hat. Dürfen wir sie darum tadeln? Gewiß nicht."

Er trat dicht an die Nähfrau heran.