abnahm, um schließlich zu ersterben. Zugleich hörte auch der Druck auf. Ich war wie zerschlagen. Der Professor drehte sich langsam um.
„Es ist geglückt", sagte er feierlich.
Seine Augen funkelten. Er stand auf und zog an einer Schnur, die von der niedrigen Decke herabhing. Vorhänge flogen zurück, und der Helle Teppich unter meinen Füßen wurde weggezogen — im nächsten Augenblick lag ich stöhnend in einer Ecke flach auf dem Boden, von einem entsetzlichen Schwindel geschüttelt.
Um uns herum lag nachtschwarzer, sternübersäter Raum.
Das Zimmer war eine Art Flugmaschine. Und — das war das Entsetzlichste — unter uns war das Nichts — war der gleiche schwarze Raum — nur eine Helle fruchtbar glänzende Scheibe von riesiger Größe drohte herauf. Schwach erkannte ich die Umrisse von Europa und eines Teils von Afrika — die Erde lag Tausende von Kilometer unter mir —.
Das Flugzeug, das mit grauenhafter Geschwindigkeit fliegen mußte, bestand aus einer glasähnlichen Masse.
Das also war die Expedition — aber wohin wollte der Professor? Nach dem Mond? Dem Mond? Dem Merkur? Oder Überhaupt aus unserem Planetensystem heraus zu anderen Sternbildern, in den unendlichen Raum?
Und wie bei allen tausend Teufeln war es ihm gelungen, die Gravitation, die Erdschwere, zu überwinden?
Er saß wieder ruhig und kalt an seinen Apparaten. Genial war dieser Mann — nicht verrückt. Ich schämte mich ehrlich, während ich mich bemühte, mein Schwindelgefühl zu überwinden. Die Sterne unter mir wanderten von Osten nach Westen — oder war es von Norden nach Süden?
Gab es überhaupt noch eine Himmelsrichtung?
Warum hatte mich der seltsame Mann mitgenommen. Vielleicht konnte er allein die Apparate nicht bedienen — vielleicht kannte er keinen Menschen, dem er sich anvertrauen wollte — und war auf mich verfallen, weil er wußte, daß ich —.
Ein scharfes Knacken unterbrach meine Gedanken. Aus einer der Glasröhren am Schaltbrett schoß ein bläulicher Blitz — ein Ruck erschütterte unsere Maschinen. Der Professor taumelte hoch. Er war totenbleich.
„Wir steigen nicht mehr", sagte er tonlos. „Irgend etwas muß uns obgelenkt haben. Ein Bolide vielleicht. Die Apparate versagen plötzlich."
Er wankte und hielt sich mit Mühe an dem eisernen Stuhl.
Ich blickte zu Boden. Irrte ich mich? Nein! Mit schwindelerregender Geschwindigkeit raste die blinkende Erdscheibe auf uns zu!
„Wir fallen!!" schrie ich außer mir vor Entsetzen.
Der Professor antwortete nur mit einem schrecklichen Lachen. Er warf alle Hebel und Schaltungen herum. Es blitzte unaufhörlich, elektrische Entladungen zuckten bläulich durch den Raum — immer näher schien uns der fürchterliche Planet entgegenzustürmen —.
„Der Gravitationsbrecher versagt!" schrie der Professor. „Wie werden verbrennen!"
Plötzlich hatte ich das Gefühl, als werde mir der Boden unter den Füßen weggezogen.---
„Na endlich!" sagte Frau Peters vorwurfsvoll. „Sie sind ja gar nicht wachzukriegen, Herr Doktor!"
Ich blinzelte sie an. Lag in meinem Bett. Aber wo war der —.
„Wissen Sie schon, was passiert ist?" fragte Frau Peters. „Ich hab' doch immer gesagt, mit dem Kerl ist irgend etwas nicht in Ordnung!"
„Mit — wem?"
„Der alte Professor da über uns — heute nacht ist er gestorben — verbrannt —".
„Was?"
„Ja, ja — er hat doch schon immer solche Versuche gemacht — und da muß wohl was nicht gestimmt haben — die Feuerwehr war schon da und hat die Wohnung aufgebrochen — er war ganz verkohlt. Und alle möglichen Insolvente haben sie gefunden — halb geschmolzen — ganz komische Dinger — die Feuerwehrleute haben nur immer die Köpfe geschüttelt — keiner weiß genau, was da eigentlich passiert ist —."
„Der Gravitationsbrecher hat versagt", sagte ich unwillkürlich.
Frau Peters sah mich groß an.
„Gut, gut", sagte ich schnell. „Ist ja sehr traurig — sehr traurig. Jetzt muß ich aber ausstehen, Frau Peters."
Sie ging — mit einem- ziemlich mißtrauischen Blick. Von draußen her scholl der Straßenlärm — Fliegen summten durchs Zimmer — es war alles wie immer--wie immer.
Oie Wissenschaft vom Gange.
Von Dr. E. Feige.
Es ist vielleicht etwas zu viel gesagt, daß der Mensch vom Affen ab« stamme. Manche Forscher sind eher geneigt, das Gegenteil anzunehmen. Wie dem aber auch sei, die Anwälte beider Parteien mögen die Erbver- hältnisse klären, eine Familienähnlichkeit ist doch unbestreitbar. Darüber haben Darwin und Haeckel neben vielen anderen ja dickleibige Bücher geschrieben.
Nun komt aber ein zufälliger Epigone dieser berühmten Leute, welche die Diskretion so wenig wahren konnten, namens John W. (Trift — natürlich ein Amerikaner — und lüftet den Schleier von einem Geheimnis, das wegen feiner Alltäglichkeit eigentlich keins sein sollte. Er hatte auf Vortragsreifen viel Zeit und benutzte diese Gelegenheit schon feit Jahren, um die Fußposition der Damenwelt auf belebte Straßen größerer Städte zu studieren. Er hatte sich heimtückisch einige kleine Registrierapparate in die Taschen gesteckt, mit deren Hilfe er die unwissenden Opfer seiner Beobachtungen säuberlich einteilen konnte: in jüngere vnd ältere, leichtere und schwerere, lange und kurze, solche mit geradem und schiefem Fußgang. Sein im Lause der Zeit angesammeltes „Material" erstreckte sich auf mehrere taufend Damen.
Doch wir kommen wieder zum Affen. Wer in einem Zoologischen (Sorten die nächsten Verwandten des Menschengeschlechts unter ihnen gesehen hat, weih, daß sie „taubenfüßig" sind, das heißt, sie setzen beim
Gange ihre Füße einwärts. Die Menschenaffen sind Baumbewohner, die Einwärtsneigung ihrer Füße erleichtert ihnen in der Schwebelage das Ergreifen der Zweige. Run kommt das Erbstück beim Menschen; fast alle Säuglinge haben noch so etwas wie eine dunkle Erinnerung an die Zweckmäßigkeit dieser Fußlage, sie drehen die Füße ebenfalls einwärts, obwohl die andere Umgebung sie dabei schnöde im Stich läßt, denn es gibt für die Pedale nichts mehr zum Greifen. Der Säugling muß sich an die Menschwerdung gewöhnen, und zur Ehre der Damenwelt, auf die Crist in ungalanter Weise seine Beobachtungen beschränkt hat, muß gesagt werden, daß diese Menschwerdung fast restlos geglückt ist. Von den beobachteten Frauen setzt« die Mehrzahl, 53,2 v. H., die Füße sein gerade, 415 unter 1000 setzten sie beim Gange nach außen und nur 55 unter 1000 hatten noch die Gewohnheit unserer waldlebenden Ahnen beibehatten. Der aufrechte Gang des Menschen hat also die Fuhhaltung ziemlich gründlich verändert.
Der fragesüchtige Mensch will aber noch mehr wissen. Wenn der aufrechte Gang, also die Menschwerdung selbst, die Ganglage der Füße von innen nach außen gedreht hat, warum verläuft dann die Entwicklung nicht gleichmäßig, warum setzen nicht alle Menschen die Füße nach außen ober gerade? Das sind Fragen, bei denen die Taschenregistrierapparate des Amerikaners eingreifen. Er verglich die Ganglage der Füße mit dem Alter, dem Gewicht und der Größe der beobachteten Frauen. Zunächst die Größe: von über 1000 kleinen, erwachsenen Damen setzte über die Hellste (genau 54,9 v. H.) die Füße gerade, etwas über ein Drittel nach außen und der Rest war „taubenfüßig". Danach hat die Gröhe keinen besonderen Einfluß auf die Fußlage, denn die Verhältnisse entfprechen denen oben bei Frauen überhaupt festgestellten. Zudem zeigten die großen Frauen, gleichfalls über 1000 an der Zahl, die gleichen Verhältnisse: wieder setzte etwas mehr als die Hälfte die Füße gerade und ein kleiner Prozentsatz nach innen, der Rest nach außen. Etwas anders wird das Bild schon, wenn die Frauen nach dem Sliter gruppiert werden. Wenn die Veränderung der Fußlage von der Einwärtsneigung der Säuglinge zur Geradehaltung ein Entwicklungsgang ist, so muß auch angenommen werden, daß sich mit zunehmendem Alter Veränderungen ergeben. Alle Lebensfunktionen ändern sich ja mit dem Alter, also dürfte auch die Fußlage in Mitleidenschaft gezogen werden. Das zeigen wieder die untrüglichen Zahlen. Unter mehr als 1000 älteren Damen setzte nur noch etwas mehr als ein Fünftel (21,5 v. H.) die Füße gerade, fast drei Viertel (73,3 v. H.) die Füße nach außen, während die „taubenfühigen" Damen ihren geringen Anteil sehr konservativ beibehalten. Ihnen hat die Menschwerdung offenbar körperlich nicht geschadet. Bei über 1000 jüngeren Frauen unter 40 Jahren war die Verteilung der Fuhhaltung wieder fo, wie wir sie schon von den Gröhenunterschieden her kennen. Es kann danach also kein Zweifel darüber bestehen, daß mit dem Alter eine Veränderung der Fuhlage verbunden ist.
Das Alter kann dabei aber nur eine Begleiterscheinung sein, sonst müßten ja alle älteren Menschen die Füße nach außen setzen. Die Erklärung gibt ein Vergleich des durch den Körperumfang durch den Anschein zu ermittelnden Gewichts mit dem Alter und mit der Fußhaltung. Unter den älteren Damen überwiegen die korpulenten, das ist bekannt und entfpricht allen Erfahrungen. Doch gewisfenhaft, wie der Forscher fein muß, finden sich auch hierüber genauere Feststellungen: unter wiederum über 1000 älteren Damen über 40 Jahre gehörten fast 60 v. H. augenscheinlich zu der Schwergewichtsklasse, unter einer gleichen Anzahl jüngerer nur etwas über 11 v. H. Hier haben wir den Angelpunkt. Dies wird sofort bei einer Verbindung des Gewichts mit der Fußhaltung klar. Unter den beobachteten Frauen der Schwergewichtsklasse setzten rund 20 v. H. die Füße gerade, rund 76 v. H. nach außen, während bei den Damen der schlanken Linie über 63 v. H. die Füße gerade und nur 32,6 v. H. nach außen setzten. Damit ist bas Geheimnis gelöst. Die Fußlage schwingt mit dem Gewicht, das Alter ist nur eine Begleiterscheinung: die gerade Fuhhaltung wird durch den aufrechten Gang des Menschen im allgemeinen verursacht, sie bildet die Ueberroinbung ber Gewohnheiten ber menschlichen Ahnen aus jenem Walbgeschlecht.
Die Entwicklung innerhalb bes Menschengeschlechtes führt aber noch einen Schritt weiter. Die gerade Fuhhaltung entspricht nur einem bestimmten Gewicht, die Füße als Träger ber Beinsäulen unb damit bes ganzen Körpers müssen physikalischen Konstruktionsgesetzen folgen. Das ist ein interessantes Problem für Physiker unb Bauingenieure. Das Menschengeschlecht ist von einem Extrem ins anbere geroanbelt; ber „tauben« fähige" und schwerfällige Gang ist, wenn man so sagen darf, eine Folge der Gewichtslosigkeit unb ber mangelnben Uebung, benn beim Affen unb beim Säugling werben bie Füße ja noch nicht für unsere Sucht nach Ortsveränderungen mitbraucht. Der gerade Fuß entspricht einer mäßigen Beanspruchung durch eine mittlere Körperlast, dem Schwergewicht dagegen weicht die Fußlage nach außen aus. Um die Kette ber Beweise zu schließen, genügt noch ein Blick auf die Verbindung zwischen Alter unb Fußlage. Unter mehr als 1000 älteren Frauen ber Schwergewichtsklasse wies bie Beobachtung nur noch weniger als 15 v. H. mit gerader Fuß- haltung auf, dagegen fast 81 v. H. mit Auswärtslage. Es besteht also kaum noch ein Zweifel darüber, daß bie Auswärtslage ber Füße beim Gange bas Enbglieb einer Entwicklungsreihe uorfteUt, bie bei Einwärts- neigüng beginnt.
Es war vielleicht ungalant, nur bie Damenwelt ber Beobachtung zu unterwerfen. Vielleicht kam bie heutige Mode bem Beobachter dabei zu Hilfe, bie das „Material" genauer zu registrieren gestattet, als es bei benr tuchumschlotterien männlichen Geschlecht möglich ist, vielleicht haben in Amerika auch die Damen mehr Zeit für bie Betrachtung bes beobach- tungslüfternen Forschers geboten. Es besteht aber ein Trost, auch beim männlichen Geschlecht liegen die Verhältnisse nicht anders, die Beobachtung ist in vielen Fällen sogar deutlicher, da bie „schlanke Linie" beim männlichen Geschlecht noch nicht so eifrig burchgesetzt wird. Damit aber auch bei ber ernsten Wissenschaft ber Humor zu seinem Recht kommt, sei barauf hingewiesen, baß wenigstens für bie Fußhaltung die Schwergewichtsklasse bie stärkste Abkehr von ber Assenähnlichkeit bes Menschen be-


