GietzenerZaliiilienblätter
Nummer 8(
Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger
Jahrgang 1929 Freitag, den l8. Oktober '
Was kann denn Liebe mehr tun?
Von Leo Sternberg.
Was kann die Liebe mehr tun als ein Baum, der grün sich über uns im Blauen wiegt, oder ein Reiher, der vom Strom auffliegt?
Ist es nicht schön, daß wir im selben Raum mit ihnen leben, atmen eine Luft und daß uns schon ein guter Geist ergreift, wenn süß uns Silberlaut der Schwalbe streift? Wie leicht und ohne Feindschaft und in Duft gelöst ist dann die Welt!
Die du siiich liebst!
Rötliches Gräserspiel im Juniwind — 0, weil nicht Mensch in Mensch hinüberrinnt, läßt du in mir erblühn, was du nicht gibst!
Die Expedition.
- Von Ludwig v. Wohl.
Ich hatte den alten Herrn gar nicht eintreten hören. Er stand mitten im Zimmer, als ich von meinem Buch, einem albernen französischen Detektivroman, aufblickte. Ich liebe Ueberraschungen in keiner Form. Schon ein sich plötzlich unerwartet ansagender Besuch ist mir etwas Unangenehmes.
Ich muß ehrlich gestehen, daß ich entrüstet war. Man dringt nicht so formlos in anderer Leute Wohnung ein, — schon gar nicht, wenn man diese anderen Leute nur dadurch kennt, daß man zufälligerweise über ihnen wohnt.
Trotzdem war ich höflich genug, aufzustehen und mich zu verbeugen.
„Womit kann ich Ihnen dienen, Herr Professor?" sagte ich, während ich mir den Kopf darüber zerbrach, warum Frau Peters mir den Besucher nicht gemeldet hatte.
Der kleine weißhaarige Professor musterte mich sehr argwöhnisch. Es schien, als wäre er der nichtsahnende Hausherr und ich der ungebetene Eindringling. Immerhin schien seine Musterung ihn befriedigt zu haben. Er knurrte etwas Unverständliches und setzte sich ohne alle Umschweife auf den nächsten Stuhl.
„Passen Sie mal auf," sagte er, „Sie kennen natürlich meinen Namen. —"
„Es tut mir leid", begann ich zögernd.
Er kicherte boshaft. „Hab' ich mir gleich gedacht. Das wohnt seit Jahren dreißig Treppenstufen unter mir und kennt meinen Namen nicht. Das, was einem zu nahe liegt, sieht man nicht, verehrter Herr, das ist eine alte Geschichte. Eine Tatsache, der ich meinen Ruhm verdanken werde, jawohl — also ich heiße ©raun. Und ich will Ihnen jetzt ein paar Fragen stellen, die Sie mir bitte klipp und klar beantworten wollen. Ja oder nein, weiter nichts. Also ich fange an. Sie sind ein ungefähr sechsundzwanzigjähriger Rechtsanwalt ohne die leisesten Ansätze einer Praxis, ja oder nein?
„DI), bitte", protestierte ich pikiert. „Erst gestern, nein, vorgestern war ein Klient —"
Der Professor winkte ab. „Io ober nein?“
„3a — ja also. Es stimmt ungefähr.“
„Sie sind mäßig vermögend und langweilen sich zur Zeit ziemlich stark. Ja ober nein?"
„3a. Aber was —"
.Haben Sie Lust, mich auf einer Expedition zu begleiten, die Sie vielleicht für drei Monate, vielleicht auch auf vier, von Berlin fortführen wird, ja oder nein?"
„Aber ich bitte Sie, lieber Herr Professor, — da müßte man doch erst---"
„3a ober nein?"
„---ja--".
Der Professor nickte sichtlich befriedigt. „Werden Sie es fertig bringen, Dingen gegenüber, die Ihnen unerklärlich scheinen, kaltes Blut zu bewahren und volles Vertrauen zu mir zu haben?“
„Es ist also eine gefährliche Expedition?"
’ „Eine — vielleicht — sehr gefährliche."
Ich überlegte. Woher konnte dieser seltsame kleine Kauz, der im Hause immer nur „der verrückte Professor“ genannt wurde, wissen, wie ich mich un Innersten danach sehnte, etwas zu erleben, was die Banalität des täglichen Lebens unterbrach? Nach etwas Neuem, Buntem, meinetwegen Ge- mhrlichem--seit einem halben Jahr schlich meine stark schwindsüchtige
Praxis auf Krücken durch ihr ziemlich jämmerliches Dasein — und ich besaß kein besseres Mittel, die unerträgliche Langeweile zu vertreiben, als die Schauerschmöker unfehlbarer Sherlocks, Nick Carters und Arftne
Liipins zu verschlingen. Eine Expedition? Eine gefährliche Expedition? ZvOyin -- (--
„Sie werden
mehr kann als die
können, was ich vorhin gefühü Hai gelang mir, mich soweit in die (Bei
., "3S.unll mich Ihrer Expedition anschließen, Herr Professor", sagte sch entschlossen und sah ihm fest in das von hundert Falten und Fältchen durchzogene Skeptikergestcht mit den klugen schwarzen Augen, die hinter brelten und sehr scharfen Glasern unnatürlich verkleinert aussahen. 9 ausrüsten unb™ ^ni> mann beginnt sie? Ich muß mich doch
Professor ©raun kicherte. „Ausrüsten? Ueberlassen Sie bas alles mis, iwber junger Freund. Ich habe die Ausrüstung bereits zusammen- gestellt. Die Expedition beginnt heute abend." Er sah auf bie Uhr Es tft tll Uhr. Ich denke, in einer halben Stunde fahren mir."
Ich starrte ihn in grenzenloser Verblüffung an. Ein Verdacht keimte m mir auf. Entsprach der Spitzname des Alten etwa den Tatsachen? War der Professor — verrückt? — '
Ä.M) bin ganz normal", sagte er plötzlich und sah mich lächelnd an.
„Oh, bitte, es war nicht so gemeint", stotterte ich, und jetzt erst fiel mir ein, daß ich ja meinen Gedanken gar nicht ausgesprochen hatte. Er mußte in meinem Hirn lesen wie in einem Buch. Erschrocken fuhr ich von meinem Stuhl empor.
Der Professor lächelte und drückte mich wieder hinunter, sich schon daran gewöhnen müssen, daß ich ein bißchen mehr Allgemeinheit", sagte er spöttisch. „Sonst kommen Sie aus der Verblüffung in den nächsten Wochen nicht mehr heraus."
Wie verflucht überlegen er tat. Eigentlich hätte auch ein Kind erraten tonnen, was ich vorhin gefühlt hatte. Ich riß mich zusammen, und es gelang mir, mich soweit in die Gewalt zu bekommen, daß es zu einer etwas ironischen Verbeugung reichte.
„Gut," sagte ich — „ich habe nichts weiter vor und werde Sie auf Ihrer Expedition begleiten. Ich will mir nur noch ein frisches Taschentuch einstecken — mit einem reiche ich nicht drei Monate — und wohl auch ein bißchen Wäsche."
„Tun Sie das", sagte der Profeflor kühl.
Wortlos ging ich ins Nebenzimmer und packte meinen kleinen Handkoffer. Sechs Hemden, — den Smoking — Krawatten, Kragen, Strümpfe, Schuhe, Seife und all die kleinen Notwendigkeiten des täglichen Lebens.
Dabei fiel mir mein guter Browning in die Hand. Ich überlegte einen Augenblick und steckte ihn bann in die Hosentasche. Geladen war er. Fünfzig Reservepatronen in die Handtasche. Fertig. Mantel. Hut.
„Wir können gehen, Herr Professor“, sagte ich mit einer Ruhe, die nur mit selbst imponierte. Er nickte kurz, überflog mich und meine Handtasche mit einem infam ironischen Blick, für den ich ihn am liebsten niedergeschlagen hätte, und ging voran. Frau Peters schlief offenbar. Die Tür war von innen verriegelt und abgeschlossen. Ich unterdrückte eine Frage und stieg stumm hinter dem Professor bie Treppe hinauf. Eine Bronzeplakette „©raun". Weißgestrichene Gänge — ab und zu Photographien von Sternbildern an den Wänden. Der Professor beschäftigte sich wohl auch mit Astronomie. — Er öffnete jetzt eine schmale Tür und winkte mir. Ich trat ein und erhielt sofort einen kräftigen Stoß in den Rücken, der mich stolpernd in einen Sessel warf. Ich glaubte wenigstens, daß es ein Sef'el mar, — denn sehen konnte ich überhaupt nichts. Es war absolut finster. — Bevor ich eine empörte Frage stellen konnte, ertönte ein dump es rollendes Brausen und ein heftiger Ruck ließ meinen Körper in seltsame Schwingungen geraten. „Was ist los?" schrie ich wütend.
„Machen Sie sofort Licht, Professor, sonst —"
Eine rote Lampe glühte auf. Der Professor saß auf einem kleinen eisernen Stuhl vor einem Schaltbrett mit mir völlig rätselhaften Hebeln und Handgriffen. Sein Gesicht zeigte höchste geistige Anspannung. Erhalte einen Zettel mit algebraischen Formeln vor sich und wenn er nicht schaltete, rechnete er eifrig. Meine Frage hatte er wohl überhört. Ich sah mich um. Ein Raum von höchstens sechs Quadratmeter, angefüttt mit Apparaten aller Art, Lampen an den Wänden. Ein Arbeitszimmer?
Der Professor sah auf. „Endlich", sagte er im Ton tiefster Befriedigung. Schob den Zettel mit seinen Berechnungen beiseite und sah angestrengt durch ein Instrument, das eine gewisse Aehnlichkeit mit einem Mikroskop hatte. „So", sagte er kalt. „Jetzt halten Sie sich aber fest, mein Lieber — an dem Lederbügel hier — treten Sie in bie Leberschuhe. So.“
Unten an meinem Sessel waren Leberhüllen angebracht, in die ich meine Füße steckte. Ein großer Riemen hing an der Wand. Ich ergriff ihn mit beiden Händen und hielt mich fest. Der Profeflor auf feinem Sitz tat das gleiche. Ich machte diesen geheimnisvollen Unsinn mit, um den alten Mann nicht zu reizen. Daß er verrückt war, schien mir nun ziemlich sicher. Man mußte sich mit Anstand aus der Affäre ziehen ...
Der Professor riß einen Hebel herum. Ein gellendes, ohrenzerreißendes Zischen ertönte und ein fürchterlicher Druck preßte mich gegen den Stuhl. Ich schrie laut auf, aber mein Schreien ging in dem höllischen Zischen unter, das noch immer anhielt und erst nach qualvollen Minuten


