- Druck und Verla«: Brühl'sche UniversitätS-Vuch« und Steindruckerei, A. Lange, Gieb-"-

Deraniwortlich: t)r. tzanS Thyriot.

hin reisen wollte. ,.

Kurzum, alles stand gut, und es hätte sich von einer totalenRück­eroberung" des dem Inhaftierten anfangs durchaus abgeneigten Dorfes sprechen lassen, wenn nicht ein Unerschütterlicher gewesen wäre, der, so­bald Hradschecks Unschuld behauptet wurde, regelmäßig versicherte:Hrad- fcheck? Den kenn' ich. Der müh ans Messer."

Dieser Unerschütterliche war niemand Geringeres als Gendarm Geel- Haar, eine sehr wichtige Person im Dorf, auf deren Autorität hin die Mehrheit sofort geschworen hätte, wenn ihr nicht seine bittere Feindschaft gegen Hradscheck und die kleinliche Veranlassung dazu bekannt gewesen wäre. Geelhaar, guter Gendarm, aber noch besserer Saufaus, war, um Kognaks und Rums willen, durch viele Jahre hin ein Intimus bei Hrad»

Mag fein", erwiderte der Pastor.Nach meinem Gefühl indes, das ich selbstverständlich deiner besseren Erfahrung unterordne, bedeuten all diese Dinge gar nichts oder herzlich wenig. Der Junge, wie du gesehen hast konnte vor Ängst kaum sprechen, und aus der Köchin Aussage war doch eigentlich nur das eine festzustellen, dah es Menschen gibt. Die viel, und andere, die wenig Kaffee trinken."

Aber Jakob!" , ,rLL .

Eccelius lachte.Ja, Jakob.He wihr en beten to lutt, das war das eine,un he wihr en beten to still", das war das andere. Willst du daraus einen Strick für die Hradschecks drehen?"

Ich will es nicht, aber ich fürchte, daß ich es muß. Jedenfalls haben sich die Verdachtsgiünde durch das, was ich eben gehört habe, mehr ge­mehrt als gemindert, und ein Verfahren gegen den so mannigfach Ve- lasteten kann nicht länger mehr hinausgejchoben werden. Er muß in Haft, wär' es auch nur um einer Verdunklung des Tatbestandes vor­zubeugen."

Und die Frau?" , . v ,, ,

Sann bleiben. Ueberhaupt werd' ich mich auf das Notigste, be- schränken, und um auch jetzt noch alles Aufsehen zu vermeiden, hab ich vor, ihn aus meinem Wagen, als ob es sich um eine Spazierfahrt han­delte, mit nach Küstrin zu nehmen."

Und wenn er nun schuldig ist, wie du beinah glaubst oder wenig­stens für möglich hältst? Ist dir eine solche Nachbarschaft nicht einiger- m33orolnteftiad)te.Man sieht, Eccelius, daß du kein Kriminalist bist. Schuld und Mut vertragen sich schlecht zusammen. Alle Schuld lahmt.

Nicht immer." .. t , . . ra

Nein, nicht immer. Aber doch meist. Und allemal da, wo das Ge­setz schon über ihr ist."

Die Verhaftung Hradschecks erfolgte zehn Tage vor Weihnachten. Jetzt war Mitte Januar, aber die Küstriner Untersuchung rückte nicht von der Stelle, weshalb es in Tschechin und den Nachbacdörfern hieß: Hradscheck werde mit nächstem wieder entlassen werden, weil nichts gegen ihn vorliege." Ja, man begann auf das Gericht und den Gerichts­direktor zu schelten, wobei sich's selbstverständlich traf, daß alle die, die vorher am leidenschaftlichsten von einer Hinrichtung geträumt hatten, jetzt in Tadeln und Schmähen mit gutem Beispiel vorangingen.

Vowinkel hatte viel zu dulden; kein Zweifel. Am ausgiebigsten In Schmähungen aber war man gegen die Zeugen, und der Angriffe gegen die e wären noch viel mehr gewesen, wenn man nicht gleichzeitig über sie gelacht hätte. Der dumme Ladenjunge, der Ede, so versicherte man sich gegenseitig, könne doch nicht für voll angesehen werden und die Male mit ihren Sommersprossen und ihrem nicht ausgetrunkenen Kasfee womöglich noch weniger. Daß man bei den Hradschecks oft einen wunderbaren Kaffee kriege, das wisse jeder, und wenn alle die, die das durchtrichterte Zichorienzeug stehn ließen, auf Mord und Totschlag hin verklagt und einaezogen werden sollten, so säße bald das halbe Bruch hinter Schloß und Riegel.Aber Jakob und der alte Mewissen?" hieß es dann wohl. Indes auch von diesen beiden wollte die plötzlich zugunsten Hradschecks umgestimmte Majorität nichts wissen. Der dusselige Jakob, von dem jetzt soviel gemacht werde, ja, was hab' er denn eigentlich beigebracht? Doch nichts weiter, als das ewige ,^)e wihr so'n beten still." Aber du fieber Hammel, wer habe denn Lust, um Klock fünf und bei steifem Südost einen langen Schnack zu machen? Und nun gar der alte Me­wissen, der, so lang er lebe, den Himmel für einen Dudelsack angesehen habe? Wahrhastig, der könne viel sagen, eh' rnan's zu glauben brauche. Mit einem tarierten Tuch über dem Kopf. Und wenn's fein tarier­tes Tuch gewesen, dann sei's eine Pferdedecke gewesen." 0, du himmlische Güte! Mit einer Pferdedecke! Gibt es Pferdedecken ohne Flöhe? Nein. Und nun gar diese schnippsche Prise, die sich ewig mit ihrem türkischen Schal herumziert und noch ötepotöter is als die Reitweinsche Grasm!

So ging das Gerede, das sich, an und für sich schon günstig genug für Hradscheck, infolge kleiner Vorkommnisse mit jedem neuen Tage gün­stiger gestaltete. Darunter war eins von besonderer Wirkung. Und zwar das folgende. Heiligabend war ein Brief Hradschecks bei Eccelius ein- getroffen, worin es hieß:es ging' ihm gut, weshalb et fiel) freuen würde, wenn feine Frau zum Fest herüberkommen und eine Viertel­stunde mit ihm plaudern wolle; Vowinkel hab' es eigens gestattet, ver­steht sich in Gegenwart von Zeugen." So die briefliche Mitteilung, au- welche Frau Hradscheck, als sie durch Eccelius davon gehört, diesem letzteren sofort geantwortet hatte:sie werde diese Reise nicht machen, weil sie nicht wisse, wie sie sich ihrem Manne gegenüber zu benehmen habe. Wenn er schuldig sei, so sei sie für immer von ihm geschieden, ein- mal um ihrer selbst, aber mehr noch um ihrer Familie willen. Sie wolle daher lieber zum Abendmahl gehen und ihre Sache vor Gott tragen und bei der Gelegenheit den Himmel inständigst bitten, ihres Mannes Un­schuld recht bald an den Tag zu bringen." So was hörten die Tschcchiner gern, die sämtlich höchst unfromm waren, aber nach Art der meisten Un- frommen einen ungeheuren Respekt vor jedem hatten, derlieber zum Abendmahl gehen und seine Sache vor Gott tragen", als nach Küstrin

scheck gewesen, bis dieser eines Tages, des ewigen Gratiseinschenkens müde, mit mehr Uebermut als Klugheit gesagt hatte:Hören Sie, Geel­haar, Rum ist gut. Aber Rum kann einen auch rumbringen." Auf welche Provokation hin (Hradscheck liebte dergleichen W tze) der sich nun plötz­lich aufs hohe Pferd setzende Geelhaar mit hochrotem Gesichi geantwortet hatte:Gewiß, Herr Hradscheck. Was kann einen nid) alles 'rumbringen? Den einen dies, den andern das. Und mit Ihnen, mein lieber Herr, is auch noch nicht aller Tage Abend."

Von der aus diesem Zwiegespräch entstandenen Feindschaft wußte das ganze Dorf, und so kam es, daß man nicht viel darauf gab und im wesentlichen bloß lachte, wenn Geelhaar zum hundertsten Male ver- icherte:Der? Der muß ans Messer."

Der muß ans Messer", sagte Geelhaar, aber in Tschechin hieß es mit edcrn Tage mehr:Er kommt wieder frei.

Undhe klimmt wedderrut", hieß es auch im Hause der alten Jeschke, wo die blonde Nichte, die Line dieselbe, nach der Hradscheck bet seinen Gartenbegegnungen mit der Allen immer zu fragen pflegte eit Weihnachten zu Besuch war und an einer Ausstattung, wenn auch -reikich nicht an ihrer eigenen, arbeitete. Sie war eine hervorragend kluge Person, die, trotzdem sie noch keine 27 zählte, sich in den Der- fchiedensten Lebensstellungen immer mit Glück versucht hatte früh schon als Kinder- und Hausmädchen, bann als Nähterin und schließlich als Pfarrköchin in einem neumärkiichen Dorf, in weich letzterer Eigenschaft sie nicht nur sämtliche Betstunden mitgemacht, sondern sich auch durch einen exemplarisch sittlichen Lebenswandel ausgezeichnet hatte. Denn sie gehörte zu denen, die, wenn engagiert, innerhalb ihres Engagements alles Geforderte leisten, auch Gebet, Tugend und Treue.

Solcher Forderungen entschlug sich nun freilich die Jeschke, die viel­mehr, wenn sie den Faden von ihrem Wocken spann, immer nur Ge­schichten von begünstigten und geuasführten Liebhabern hören wollte, besonders von einem Küstriner Fourage-Beamten, der drei Stunden lang im Schnee hatte warten müssen. Noch dazu vergeblich. All das freute die Jeschke ganz ungemein, die dann regelmäßig hinzusetzte:3oa. Line, so wihr ick oft. Awers moak et man nich to dull." Und dann antwortete diese: ,Wie werd ich denn, Mutter Jeschke!" Denn sie nannte sie ni<* Tante, weit sie sich der nahen Verwandtschaft mit der allen Hexe schämen mochte. . .

Plaudern war beider Lust. Und plaudernd saßen beide Weibsen auch heute wieder.

Es war ein ziemlich kalter Tag und draußen lag fußhoher Schnee. Drinnen aber war es behaglich, das Rotkehlchen zwitscherte, die Wand­uhr ging mit starkem Schlag und der Kachelofen tat das seine Dem Ofen zunächst aber hockte die Jeschke, während Line weitab am dem ganz mit Eisblumen überdeckten Fenster saß und sich ein Guckloch ge­pustet hatte, durch das sie nun bequem sehen konnte, was auf der Straße Vorgang. ja Gendarm Geelhaar", sagte sie.Grab' über den Damm. Er muß drüben bei Kunicke gewesen sein. Versteht sich, Kunicke frühstückt um diese Zeit. Und sieht auch so rot aus. Was er nur will? Er wird am Ende der armen Frau, der Hradschecken, einen Besuch machen wollen. Is ja schon vier Wochen Strohwitwe." ,

,Nei, nel", lachte die Alte.Dat deiht he nid). Dem is ,oa sie» e,en all to neel, so lütt se is. Ne, ne, den kenn ick. Geelhaar is man blot 'WdUnb babel machte sie die Bewegung des aus der Flaschetrinkens. *

Hast recht", sagte Line.Sieh, er kommt grab auf unser Haus zu.

Unb wirklich, unter biesem Gespräch, wie's bie Jeschke mit ihrer Nichte geführt hatte, war Geelhaar von ber Dorfstraße her in einen schmalen, bloß mannsbreiten Gang eingetreten, ber, an der Hradscheck- schen Kegelbahn entlang, in den Garten der alten Jeschke führte.

Von hier aus war auch der Eingang in das Häuschen der Allen, das mit seinem Giebel nach der Straße stand.

.Guten Tag, Mutter Jeschke", sagte der Gendarm.Ah, und guten Tag, Lineken. Oder ich muß jetzt wohl sagen, Mamsell Linchen.

Line, die den stattlichen Geelhaar (er hatte bei den Garbekürassieren gebient), aller bespekiierlichen Anbeutungen ber Allen ungeachtet, keines- wegs aus ihrer Liste gestrichen hatte, stemmte sofort ben linken Fuß gegen einen ihr gegenüberstehenden Binsenstuhl unb sah ihn zwinkernd über bas große Stück Leinwanb hin an, bas sie, wie wenn sie s admessen wollte, mit einem energischen Ruck und Puff vor sich ausspannte.

Die Wirkung dieser kleinen Künste blieb auch nicht aus. So wenig­stens schien es Linen. Die Jeschke dagegen wußt' es besser, und als Geel­haar auf ihre mit Vorbedacht in Hochdeutsch gesprochene Fragewas ihr eigentlich die Ehre verschaffe", mit einem scherzhaft gemeinten Finger­zeig auf Line geantwortet hatte, lachte sie nur unb sacste:

Nei, nel, Herr Gendarm. Ick roeet schon, ick roeet schon ... Awers nu setten'ssich ihrst ... Joa, diss' Hradscheck ... he kämmt joa nu mCb, 3a butter Jeschke," wiederholte Geelhaar,he kämmt nu^ wedder rut. Das heißt, er kommt wieder raus, wenn er nich drin bleibt

Woll woll. Wenn he nicht drin bllerot. Awers woriimm soll he Drin blieroen? Keen een hell joa wat siehn, un feen een heft joa wat utsunn n. Un Se ook nich, Geelhaar." . .. n

Nein", sagte der Gendarm.Ick, aud) nich. Aber es wird sich cho» was finden ober boch flnben lassen, unb bazu müssen Sie helfen, -Dtutter Jeschke. Ja, ja. So viel weiß ich, bie Hradscheck hat schon lange keinen Schlaf mehr unb ist immer treppauf unb treppab. Unb wenn die Leute sagen, es sei bloß, weil sie sich um ben Mann grame, so sag ich: un- sinn, er is nich so unb sie is nich jo." (n

Nei, nei", wiederholte bie Jeschke.He is nich so un se is nich W- De Hradschecks, nei, de sinn nich so."

(Fortsetzung folgt.) . __