Gießener ZamiliendMer

Unterhaltungsbeilage zum Lietzener Anzeiger

Zrhrgang 1929 Montag, den

Erinnerung.

Von Manfred Hausmann.

Mit einem Male kam es über mich, als ich die Kerze ausblies und ins Kiffen fiel, das Lied vom grauen Meer und rosafarbnen Häuschen, das Fischerliedchen von Bayonne.

Du sangst cs einmal vor dich hin so leicht wie so ein Bögelchen, an einem Abend, als wir in die Ferne sahen.

Dein winziger Balkon

hing mit den Blumen in der Frühlingsnacht, ein wenig rauschte noch die Stadt zu uns herauf,

wir hatten auch ein Lämpchen, das den Rankenduft durchdämmerte, ich weih nicht mehr, wir liebten uns vielleicht, die Sehnsucht war so groß in uns.

Und als ich heut ins Kissen siel, kam alles wieder über mich, das Lied, der Frühling, all die Sehnsucht kam, daß ich nicht anders konnte, du, ich drehte mich zur Wand und weinte laut.

Abenreuer auf der Brücke.

Von Friedrich S t e r n t h a l.

Man hatte mich gewarnt:Gehen Sie nicht des Nachts über die Seine-Brücken! S.e können überfallen werden". Aber an diesem Sams­tagabend hatte ich das Gerede halb vergessen, halb hielt ich es für Un­sinn. Und wenn ich die ganze Geschichte recht bedenke, so war ich nicht in der Stimmung, auch an die Ermahnungen ängstlicher Freunde zu kehren.

Ich hatte mich die halbe Nacht im Montmartre gelangweilt und war schließlich froh gewesen, daß ich dank der Intelligenz eines Chauffeurs in einem der berühmten Lokale bei den Markthallen gelandet war. Es war in einer Augustnacht um die erste Stunde, als ich dort ankam. Die ganze Straße stano voll von den hohen, zweirädrigen Wagen, auf denen Ge­müse, Obst, Blumen in die Stadt geschasst waren. Im Erdgeschoß des Restaurants drängten sich Bauern und Markthelfer. Eiw furchtbarer Ge­ruch von Tabak, Brot, Kaffee und Menschen schlug aus die Straße. Ich stieg die enge, steile Treppe zum ersten Stock hinaus, wo sich in einem kleinen Saal, den man eher als ein großes Zimmer bezeichnen könnte, dermondäne" Teil des Restaurants befand. An den Wänden standen Polstersvfas hinter schmalen Tischen. Ich setzte mich neben eine biedere Elsässer Bürgerfamilie. Auf den anderen Sofas lagerten einige Fran­zosen. An der Mitte der Längswand thronte ein bekanntes, streng puri­tanisches Mitglied des englischen Parlaments neben einer sehr schonen und sehr ieisttsinnigen Französin. Sie war offenkundig viel zu schön für diesen ledernen Menschen. Wahrscheinlich deshalb betrachtete er sie von Zeit zu Zeit ingrimmig durch sein scharfgeschliffenes Nionokel. Als sie ganz allein zu den ekstatischen Klängen einer Jazzkapelle tanzte, ließ er den Mundwinkel hängen. In seinem Gesicht stand geschrieben:Shoking . Es wurde gegessen und getrunken. Schließlich kam die ganze Gesellschaft in die lustigste Stimmung! nur der Engländer sah immer ernster und böser aus.

Als ich wieder auf der Straße stand, war es noch dunkel. Ich war in dem seligen Gefühl: zu atmen, zu leben. Ich hätte die ganze Welt um­armen mögen. Mit einiger Mühe schlängelte ich mich zwischen den Ge­birgen von Blumenkohl, Aepfeln, Rosen, Nelken hindurch, die die Markt- lenute auf die Straße geschüttet hatten. Einer alten Frau häufte ich einen ganzen Ar mvoll schwefelgelber und tiefdunkelroter Nelken ab. Und so trottete ich, vergnügt pfeifend, in der rechten Hand den Spazierstock, im linken Arm die Blmen, bis zum Seine-Ouai. Vor dem Pont Neuf standen Zwei Polizisten und taten das, was Pariser Polizisten nächtlicherweise zu tun pflegen: sie schäkerten mit einem hübschen Mädchen.

Ich betrat die Brücke. Ich hielt mich auf dem linken Fußsteig. Aus der andern Seite, etwa zehn Schritte vor mir, ging ein elegant gekleideter Herr im selben Tempo wie ich, so daß der Abstand zwischen uns unver-

18. Marz Nummer 22

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ändert blieb. Ucbrigens achtete ich kaum auf ihn. Wieder, wie so oft, war ich bezaubert von dem Panorama. Im Osten über der Steinmasse von No Ire Dame fing es schon an, hell zu werden. Unten glitzerte der Fluß. Im Westen, weit in der Ferne, kaum erkennbar, zitterten die Umrisse des Eiffelturms in der schimmernden Luft. Ich fing an. müde zu werden, und freute mich aus mein Bett. Noch hatte ich nicht ganz die Mitte der Brücke erreicht, der Fremde auf dem rechten Fußsteig war gerade bis ans Denkmal Heinrichs IV. gekommen, dort, wo die Brückenmauer weitaus­ladend dem königlichen Reiter Platz macht, als plötzlich hinter dem Sockel fünf Kerle hervorstürzten. Im Nu war der Herr zwischen ihnen verschwunden. Sie schleiften ihn hinter das Denkmal Es schrie zweimal durchdringend um Hilfe. Einige Sekunden blieb ich stehen. Ich honte, den Laufschritt der beiden Polizisten zu hören, obwohl ich genau wußte, daß sie nicht kommen würde. Denn ich war mir sofort garüber klar, daß das intensive Gespräch des Mädchens mit den beiden Uniformierten ein Ma­növer war, um den Apachen den ungestörten Ueberfall zu sichern.

Bei diesem Tatbestand war der Entschluß nicht schwer: umkehren schien mir ebenso sinnlos wie stehenbleiben. Ich ging also weiter Was sich hinter dem Denkmal abspielte, weiß ich nicht. Es war kein Mensch zu sehen, kein Laut zu hören. Die große Stadt schlief. Rechts auf dem Pfla- ster lag ein zerbeulter Hut. Eine Ratte jagte an mir vorbei. Als ich genau gegenüber dem Denkmal ankam, lief ein mittelgroßer stämmiger Bursche hervor, kragenlos, die Schiebermütze im Nacken, mit dunklen Locken über der Stirn. Er blieb eine Sekunde stehen, strich sich mit dem Handrücken über das glattrasierte Gesicht. Dann zeigte er auf mich und rief In die schimmernde Stille:Da ist noch einer."

Ganz langsam, unwahrscheinlich langsam, kam er auf mich zu. Ein Film von Gedanken und Empfindungen raste durch mein Gehirn: Wasfen- Ics in einer fremden Stadt, Ausländer, keine Polizei, Nacht, mutterseelen­allein, schreien ist Blödsinn, Bogel Straß machen. Ich ging immer weiter, immer im alten Tempo, ohne mich umzusehen. Einen Augenblick blitzte die Hoffnung: vielleicht begegnet mir am jenseitigen Ufer eine Patrouille. Hinter mir klappten die Schritte: trapp, trapp, trapp. Langsam, ganz langsam. Aber Einbildung? sie kamen näher. Nicht zurückschauenl Immer im alten Tempo weitergehen! Wenn er merkt, daß du Angst haft, geht's schief aus.

So hatte ich schon beinahe das Ende der Brücke erreicht, ohne mich umzuwenden. Die Schritte klangen jetzt sehr nahe. Vielleicht aus Trotz, wahrscheinlich aus einem unergründbaren Gefühl, drehte ich mich stracks auf den Hacken um und blieb stehen, während der Bursche langsam auf mich zukam. Mit fester, höflicher, aber gleichsam unbeteiligter Stimme fragte ich:Was wünschen Sie, mein Herr?"

In diesem Augenblick geschah ein Mirakel. Wie angenagelt stand der Mann zwei Schritt von mir. Er betrachtete mich sehr genau mit großen, erstaunten, beinahe erfreuten Augen. Er setzte den rechten Arm lässig auf die Hüfte, neigte etwas den Kopf:Berzeihung, mein Herr, tausendmal Verzeihung". Ich nickte. Er lief zurück. Ich trottete von der Brücke hin­unter auf den Quai. Aus einer Gastwirtschaft blinkte noch Licht. Ich steckte meine Nase fest in die Blumen, die ich im Arm hielt, und öffnete die Tür.

Im Tabaksdunst der Kneipe saß eine lautjchwatzende, bunte Gesell­schaft. Solide Arbeiter In ihren blauen Blusen und Bummler in Gesell­schaftskleidern, Chauffeure und Matrosen. Die dicke Wirtin hinter dem Ladentisch sah mißtrauisch nach mir. Ich bestellte einen Sinzano sec und zwei Brioches. Langsam kaute ich und schluckte dazu den Wein. Ein hei- teres Grammophon krächzte durch den Kneipenlärm. Auf einer Blech- platte, die in Mannshöhe an der Wand befestigt war, hockte ein großer, grüner Papagei. Ein Matrose stand auf, ging breitbeinig auf den Vogel zu und fütterte ihn mit einer Mohrrübe. Das grüne Federtier beäugte mich argwöhnisch von der Seite. Dann stieß es einen scheußlichen Schrei aus. Die Wirtin hob nervös die Schultern und Arme, als ob sie auf« fliegen wollte. Sie sah mich vorwurfsvoll an und krähte:Ah, mon Dien!" Im selben Moment ging die Tür auf, und die fünf Apachen kamen herein spaziert. Sie müssen mich sofort gesehen haben, aber fie kümmerten sich zunächst nicht um mich, sondern setzten sich an einen Tisch in der Ecke.

Als ich den letzten Schluck Wein trank, kam derselbe Bursche, der mich auf der Brücke verfolgt hatte, an meinen Tisch, verneigte sich höflich und sprach, in dem er mir gerade in die Augen sah:Wir bitten Sie um Entschuldigung, mein Herr, wenn wir Sie vor einigen Minuten gestört haben."Keine Ursache."Wir haben Sie mit einem anderen Herrn verwechselt."

Als ich fortging, kam das Mädchen, das mit den beiden Polizisten ge­sprochen hatte, hübsch, aber etwas fragwürdig. Wie eine etwas rampo­nierte Göttin chwebte sie auf die fünf Kerle zu, als hätte sie nichts getan.