Ausgabe 
18.2.1929
 
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ble Anwesenden, (nufer Deutschs unter ihnen mehr als einer von den­jenigen, weiche er bei Stürembcig mit |o hatten Worten gezüchtigt hatte. Ob ihn schon die Wahrheit und die Barmherzigkeit jenes Reiches berührte, dem er sich nahe glaubte? Er winkte mit der Hand und sprach leise, fast wie träumend, mehr mit den geisterhaften Augen als mit dem kaum bewegten Munde: ,Herren und Freunde, heute kommt wohl mein Stündlein. So ni cht' ich Euch mein Testament hinterlassen. Nicht für den Krieg sorgend da mögen die Lebenden zusehen. Sondern neben meiner Seligkeit für mein Gedächtnis unter Euch! Ich bin Übers Meer gekommen mit allerhand Gedanken, aber alle Überwog, un­geheuchelt, die Soige um das reine Wort. Nach der Viktorie von Brei­tenfeld konnte ich dem Kaiser einen läßlichen Frieden vorschreiben und nach gesichertem Evangelium mit meiner Beute md) wie ein Raubtier zwischen meine schwedischen Klippen zurückziehen. Aber ich bedachte die deutschen Dinge. Nicht ohne ein Gelüst nach Eurer Krone, Herren! Doch, ungeheuchelt, meinen Ehrgeiz Überwog die Sorge um das Reich' Dem Habsburger darf es unmöglich länger gehören, denn es ist ein evange­lisches Reich. Doch Ihr denket und sprechet: ein fremder König herrsche nicht über uns! Und Ihr habet recht. Denn es steht geschrieben: der Fremdling soll das Reich nicht ererben. Ich ober dachte letzlich an die Hand meines Kindes und an einen Dreizehnjährigen ..Sein leises Reden wurde Überwältigt von dem stürmischen Gesänge eines thüringi­schen Reiterregiments das, vor dem Quartier des Königs vorbeiziehend, mit Begeisterung die Worte betonte:,

Er wird durch einen Gideon,

Den er wohl weiß, dir helfen schon ..."

Der König lauschte und ohne seine Rede zu beendigen, sagte er:Cs ist genug, alles ist in Ordnung", und entließ die Herren. Dann sank er auf das Knie und betete.

Da sah der Page Leubelfing mit einem rasenden Herzklopfen, wie der Lauenburger eintrat. Als ein gemeiner Reiter gekleidet, näherte er sich in kriechender und zerknirschter Haltung und reckte die Hände flehend gegen den König aus, der sich langsam erhob. Jetzt warf er sich vor ihm nieder, umfing seine Knie, schluchzte und schrie ihn an mit den be­wegt chen Worten des verlorenen Sohnes:Vater, ich habe gesündigt in den Himmel und vor dir!" und wiederum:Ich habe gesündigt in den Himmel und vor dir, ich bin hinfort nich! mehr wert, daß ich dein Sohn heiße!" und er neigte das reuige Haupt. Der König aber hob ihm vom Boden und schloß ihn in seine Arme.

Bor den entsetzten Augen des Pagen schwammen die sich um­schlungen Haltenden wie in einem Rebel.War das, konnte das die Wahrheit fein? Hatte die Heiligkeit des Königs an einem Verworfenen ein Wunder gewirkt? Oder war's eine satanische Larve? Mißbrauchte der ruchloseste der Heuchler die Worte des reinsten Mundes?" So zwei­felte sie mit irren Sinnen und hämmernden Schläfen. Der Augenblick verrann. Die Pferde wurden gemeldet und der König rief nach seinem Lederwams. Der Kammerdiener erschien, in der Linken den verlangten Gegenstand, in der Rechten aber einen an der Halsöfsnung gefaßten blanken Harnisch haltend. Da entriß ihm der Page den kugelf.sten Panzer und machte Miene, dem König behilflich zu sein, denselben an- zulegen. Dieser aber, ohne über die Gegenwart des Pagen erstaunt zu sein, weigerte sich mit einem unbeschreiblich freundlichen Blick und fuhr Leubelfing durch das krause Stirnhaar, wie er zu tun pflegte.Gust," sagte er,das geht nicht. Er drückt. Gib das Wams."

Kurz nachher sprengte der König davon, links und rechts hinter sich den Lauenburger und seinen Pagen Leubelfing.

V.

In der Pfarre des hinter der schwedischen Schlachtlinie liegenden Dorfes Meuchen saß gegen Mitternacht der verwitwete Magister To- dänus hinter seiner Foliobibel und las seiner Haushälterin, Frau Ida, einer zarten und ebenfalls verwitweten Person, die Bußpsalmen Davids vor. Der Mag ster übrigens ein wehrhafter Mann mit einem derben, grauen Knebelbarte, der ein paar Jugendjahre unter den Waffen verlebt hatte betete bann inbrünstig mit Frau Ida für die Erhaltung des protestantischen Helden, der eben jetzt in kleiner Entfernung das Schlacht­feld, er wußte nicht, ob behauptet ober verloren hatte. Da pochte es heftig an bas Hoftor und die geistergläubige Frau Iba erriet, daß sich ein Sterbender melde.

Es war so. Dem öffnenden Pfarrer wankte ein junger Mensch ent­gegen, bleich wie der Tod, mit weit geöffneten Fieberaugen, barhaupt an der Stirn eine klaffende Wunde. Hinter ihm hob ein anderer einen Toten vom Pferde, einen schweren Mann. In diesem erkannte der Pfarrer trotz der entstellenden Wunden den König von Schweden, welchen er in Leipzig einziehen gesehen und dessen wohlgetrosfener Holzschnitt hier in seinem Zimmer hing. Ties ergriffen bedeckte er das Gesicht mit den Händen und schluchzte.

In fieberischer Geschäftigkeit und mit hastiger Zunge begehrte der verwundete Jüngling, daß fein König im Chor der anstoßenden Kirche ausgebahrt werde. Zuerst aber forderte er Wasser und einen Schwamm, um das Haupt voll Blut und Wunden zu reinigen. Dann legte er mit die Hilfe des Gefährten den Toten, welcher feinen Armen zu schwer war, auf ein ärmliches Ruhebett, sank daran nieder und betrachtete das wachs- farbene Antlitz liebevoll. Als er es aber mit dem Schwamm berühren wollte, wurde er ohnmächtig und glitt vorwärts auf den Leichnam. Sein Gefährte hob ihn auf, sah näher zu und bemerkte außer der Stirnwunde eine zweite, eine Brustwunde. Durch einen frischen Riß im Rocke neben einem über dem Herzen liegenden geflickten Risse sickerte Blut. Das Ge­wand wand seines Kameraden vorsichtig öffnend, traute der schwedische Kornett seinen Augen nicht.Hol' mich! straf! mich!" stotterte er, und Frau Ida, welche die Schüssel mit dem Wasser hielt, errötete über und über

In diesem Augenblick wurde die Tür ausgerissen und der Oberst Ake Tott trat herein. In Proviantsachen rückwärts gesendet, war er nach

verrichtetem Geschäfte dem Schllichtfelde wieder zugeeilt und hatte in der Doifgasse, vor dem Kruge ein Glas Branntwein stürzend, die Mär ver­nommen von einem im Sattel wankenden Reiter, der einen Toten DOe sich auf dem Pferde gehalten.

Ist es wahr, ist es mög'ich?" schrie er und stürzte auf seinen Sonic zu, dessen Hand er ergriff und mit Tränen benetzte. Rach einer Weile sich umroenbenb, erblickte er den Jüngling, welcher in einem Lehnsessel aus, gestreckt lag, seiner Sinne unmächtig.Alle Teufel," rief er zornig. [0 hat sich die Gustel doch wieder an den König gehängt!" ,

Ich fand den jungen Herrn, meinen Kameraden," bemerkte der Kor­nett vorsichtig, wie er, den toten König vor sich auf dem Pferde haltend über tag Schlachtfeld sprengte. Er hat sich für die Majestät geopfert'

Nein, für mich!"! unterbrach ihn ein langer Mensch mit einem Altweibel gesicht. Es war der Kaufherr Laubfinger. Um eine beträchtlich- 7 durch den Krieg gefährdete Schuld einzutreiben, hatte er sich aus dem sichern Leipzig herausgewagt und unwissend dem Schlachlfelde genähert In die van Gepäckwagen gestaute Dorfgasse geraten, war er dann dem Obersten nachgegangen, ihn um eine salva guardia zu ersuchen. In einem überströmenden Gefühle von Dankbarkeit und von Erleichterung erzäh'te er jetzt den Anwesenden umständlich die Geschichte seiner Familie, Gustel, Gustel," weinte er,kennst du noch dein leibliches Vetterchen? Wie kann ich birs bezahlen, was du für mich getan hast?"

Damit, Herr, daß Ihr das Maul haltet!" fuhr ihn der Oberst an.

Der Pfarrer aber trat in das Mittel und sprach mit ruhigem Ernst: Herrschaften, Ihr kennt diese Welt. Sie ist voller Lästerung." Frau Iba seufzte.Und da am meisten, wo ein großer und reiner Mensch eine große und reine Sache vertritt. Würde der leiseste Argwohn dieses An­denken trüben" er zeigte den stillen Königwelches Fadelgeschops würde nicht die papistische Verleumdung aus dieser armen Mücke machen/ und er deutete auf den ohnmächtigen Pagen,die sich die Flügel an der Sonne des Ruhmes verbrannt hat! Ich bin wie von meinem Dasein überzeugt, daß der selige König von diesem Mädchen nichts wußte."

Einverstanden, geistlicher Herr," schwur der Oberst,auch ich bin da­von, wie von meiner Seligkeit nicht durch die Werke, sondern durch den Glauben überzeugt."

Sicherlich", bestätigte ßaubfinger.Sonst hätte der König sie heimge­schickt und auf mich gefahndet."

Hol' mich, straf' michl" beteuerte der Kornett und Frau Ida seufzte.

Ich bin ein Diener am Wort, Ihr traget graues Haar, Herr Oberst, Ihr, Kornett, seid ein Edelmann, es liegt in Eurem Nutzen und Vor­teil, Herr Laubfinger, für Frau Ida bürge ich: wir schweigen."

Jetzt öffnete der Page die sterbenden Augen. Sie irrten angstvoll umher und blieben auf Ake Tott haften:Pate, ich habe dir niiht ge- horsamt, ich konnte nicht ich bin eine große Sünderin."

Ein großer Sünder", unterbrach sie der Pfarrer streng.Ihr redet irre! Ihr seid der Page August Leubelfing, ehelicher Sohn des nürem< bergischen Patriziers und Handelsherrn Arbogast Leubelfing, geboren den und den, Todes verblichen den siebenten November eintausendsechs- hundertzweiunddreißig an seinen Tages vorher in der Schlacht bei Lützen empfangenen Wunden, pugnans cum rege Gustavo AdoiphoV)

Fortiter pugnans**!") ergänzte der Kornett begeistert.

So will ich aus Euren Grabstein setzen! Jetzt aber machet Euer» Frieden mit Gott! Euer Stündlein ist gekommen." Der Magister sagte das nicht ohne Harte, denn er konnte feinen Unmut gegen das aben­teuerliche Kind, das den Ruf feines Helden gefährdet hatte, nicht ver­winden, ob es schon in den letzten Zügen lag.

Ich kann jetzt noch nicht sterben, ich habe noch viel zu reden!' röchelte der Page.Der König ... im Nebel ... die Kugel des Lauen­burgers" der Tod schloß ihr den Mund, aber er konnte sie nicht hindern, mit einer letzten Anstrengung der brechenden Augen das Antlitz des Königs zu suchen.

Jeder der Anwesenden zog seinen Schluß und ergänzte den Satz nach seiner Weise. Der geistesgegenwärtige Pfarrer aber, besten Patriotis­mus es beleidigte, den Retter Deutschlands und der protestantischen Sache für ihn ein und dasselbe von einem deutschen Fürsten sich ge­meuchelt zu denken, ermahnte sie alle eindringlich, dieses Bruchstück einer durch den Tod zertrümmerten Rede mit dem tragen zu begraben.

Jetzt, da August Leubelfing fein Schicksal vollendet hatte und leblos neben seinem Könige lag, schluchzte der Vetter:Nun die Base verewigt und der Erbgang eröffnet ist, nehme ich doch meinen Namen wieder on mich?" und er warf einen fragenden Blick auf die Umstehenden. Srt Magister Todänus betrachtete eben das unschuldige Gesicht der tapferen Nürembergerin, das einen glücklichen Ausdruck hatte. Der strenge Mann konnte sich einer Rührung nicht erwehren. Jetzt entschied er:Nein. Herr! Ihr bleibt ein Laubfinger. Euer Name wird die Ehre haben, auf dem Grabhügel eines hochgesinnten Mädchens zu stehen, das einen herr­lichen Helden bis in den Tod geliebt hat. Ihr aber habt Euer höchste» Gut gerettet, das liebe Leben. Damit begnüget Euch."

Die Kirche wurde gegen den Andrang der zuströmenden Menge ge­sperrt und verriegelt: denn das Gerücht hatte sich rasch verbreitet, hiek liege der König. Die Toten wurden dann gewaschen und im Chore anp gebahrt. Ueber alledem war es Helle geworden. Als die Kirchtore den mit ungeduldigen Gebärden, aber ehrfürchtigen Mienen Eindringenden sich öffneten, lagen die beiden vor dem Altäre gebetet auf zwei Schrägen, Der König höher, der Page niedriger, und In umgekehrter Richtung, 1° daß fein Haupt zu den Füßen des Königs ruhte. Ein Strahl der Moc- genfonne dem gestrigen Nebeltage war ein blauer Himmel ge­folgt glitt durch das niedrige Kirchenfenster, verklärte das Helden- antiitz und sparte noch ein Schimmerchen für den Lockenkopf des Page» Leubelfing.

*) Neben König Gustav Adolph kämpfend.

**) Tapfer fechtend.

Verantwortlich: Dr. HanS Thyriot. Druck und Verlag: Vrühl'sche ^ntverfitärs-Vuch« und Stetndruckerei, *K Lange, Sieben-