Ausgabe 
18.2.1929
 
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tobte er den abwesenden Schützen.

Ungeheurer Druck wich von Petro, schlapp Uetz er die Arme hängen. Do wären wir ja beinah vergeblich gelaufen ... um nichts und wieder nichts ,.Zugleich begr.ff er: lieber den Schwanz der toten Schlange, die der Schütze auf der Straße liegen gelaßen hatte, war das Vorder­rad seiner Maschine hinweggerast, der Oberteil des Reptils war unter dem plötzlichen Ruck aufgeschnellt, der Kopf schlug gegen seine Brust und die Hand. Und der plötzliche Schreck hatte ihm den Schmerz eines Bisses vorgetäuscht ...

Der Gaucho warf fluchend den Kadaver ins Gebüsch. Sie kehrten um. Aber Petro vermochte kaum zu laufen. Er hatte aus einmal einen regelrechten Whiskyrausch.

Am nächsten Mittag erfuhr er von Marcela, sie habe die Schlange auf dem abendlichen Spazierritt durch einen glatten Kopfschuß erledigt. Petros Sturz in den Maisstrohhaufen belustigte sie ungemein. Schließlich lachten sie alle beide, und unter Gelächter küßten sie sich.

Eisgang.

Bon Leo Sternberg.

Es schiebt das Eis in grauen Schollen, Inseln im Strom, der kaum noch treibt. Möwen aus drehnden Schilden wollen mitfahren, bis er stehen bleibt.

Noch bäumt er sich und trümmert Scherben donnernd an Brückenkopf und Kran, reißt Rinnen auf und will nicht sterben und schleudert Schulpen aus der Bahn.

Bis endlich mit erstarrten Schäumen und bis ins Röhricht eingedeckt, mit grün ins Eis gesargten Träumen er krachend sich zu Tode streckt.

Vom hochberühmten Hausgesinde.

Von Carry Brachvogel.

Den Reigen der berühmten Dienstboten eröffnet, mit der höchsten Auszeichnung geschmückt, die eine Sterbliche erlangen kann den Heiligenschein eine Frau: die heilige Notburga. Sie diente als Magd bei einem Bauern in der Achenseegegend und war ein Muster an Fleiß und Frömmigkeit. Doch dem Acherer tat sie immer noch nicht genug, und so verlangt er, daß sie auch während des Gebetläutens die Sichel führen sollte, statt andächtig die Arbeitshände zu falten. Da über­kam heiliger Zorn das Mädchen, und statt die Sichel ins Gras zu senken, warf fie sie in die Lust, allwo sie sreischwebend blieb, bis der letzte Glockenton verklungen war. Angesichts dieses Himmelszeichens soll den Bauern Reue befallen haben und er soll fürderhin ein besserer Mensch geworden fein. Solche Wandlung wäre sehr erfreulich, man braucht aber nicht unbedingt daran zu glauben, sintenmalen sich die Menschen nur selten bessern.

Von einer heiligen Magd weiß auch die Heiligenlegende zu berichten, nichts aber von einem heiligen Knecht, denn der Knecht Rupprecht war kein Dienstbote, sondern ein Bischof aus dem Geschlecht der Mero­winger, die weltliche Legende aber das Märchen berichtet geradezu von einem vorbildlichen Bedienten, demeisernen Heinri ch, der sich, als sein Herr in einen Frosch verwandelt wurde, das Herz in Eisen­bänder legen mußte, weil es sonst vor Gram zersprungen wäre.

Dem eisernen Heinrich folgte auf dem Fuße ein anderer hervor­ragender männlicher Dienstbote, besten Heimat nicht das Märchen, son­dern eine Bolkssage ist: Der fromme Fridolin, den uns Schiller imGang nach dem Eisenhammer als Diener des Grasen von Savern, eines lothringischen Schwerinduftriellen, schildert.

Drauf ritt in seines Zornes Wut Der Graf ins nahe Holz, Wo ihm in hoher Oefen Glut Die Eifenstange schmolz."

Fridolin ist ganz der Diener des alten Schlags, hat keine Ahnung von Tariflohn, Acht- oder Zehnstundentag:

Früh von des Morgens erstem Schein

Bis spät die Vesper schlug Lebt er nur ihrem Dienst allein, Tat nimmer sich genug.

Und sprach die (Gräfin:Mach dir's leicht!" Da würd' ihm gleich das Auge feucht Und meinte feiner Pflicht zu fehlen, Durst er sich nicht im Dienste quälen.

Doch nicht nur unermüdlich fleißig war der junge Mann, sondern kMch recht gebildet scheint er gewesen zu fein, denn obwohl die Geschichte Son lange vor Einführung des allgemeinen Schulzwanges spielt, traut n der Gras doch Liebesbriefe zu, die auf die Gräfin Eindruck machen könnten, statt durch Stil und Orthographie ihre Lachlust zu reizen In der eigentlichen Domäne des Bedienten aber im Tischdienst scheint der Jüngling etwas mangelhaft gewesen zu fein:

Wär's möglich, Herr, Ihr saht es nie?

Wie er nur Augen hat für sie? Bei Tafel Euer selbst nicht achtet, An ihren Stuhl gefesselt schmachtet.

Jahrhunderte mit ihren Legenden und Sagen sind verrauscht. Zwei weibliche Dienstboten erscheinen aus dem Plan. Der einen, einer herben, bäuerlichen Magd, lieft ein Unsterblicher Moliöre seine Ko­mödien vor, wartet gespannt, ob ihr Mund sich zum Lachen verzieht, ober ob ihr Gesicht verständnislos-ernst bleibt. Moliöres Magd ist eine Vorkritik, an ihr vermißt er, ob seine Komödien sich für bas große

Publikum eignen oder nicht. Er hegt offenbar keine sehr hohe Mei­nung von besagtem Pudlitum.

Die anbere Barock-Köchin aber sitzt nicht in einer bescheidenen Dichter- Sude, sondern stolziert hochnäsig im Königsschloß von Versailles herum.

Iso ein emporgehobenes Liebchen des Sonnenkönig»? O nein! Er hatte niemals denHang fürs Küchenpersonal. Die hochnäsige Königin, die in allen Aeuherlichkeiten dem dunklen Kleid, der Haltung und dem Gold­kreuz aus dem straffgeschnürten Busen der allmächtigen Frau von Mai n tenon nachstrebt, ist deren ehemalige Köchin, Ra non Bal­bi e n, die bei ihr diente, als die heimliche Königsfrau noch als Witwe Scarron ein kümmerliches Dasein führte. Nun aber ist durch grau Maintenon auch die Balbien erhöht und nicht minder ehrgeizig als die Herrin schlürft sie gierig den Trank der Macht. Einst hatte sie Böden gescheuert, magere Mahlzeiten gekocht, im Waschtrog dürftige Wäsche ge­waschen, nun aber umschmeicheln und umtänzeln fie Edeldamen und Kavaliere, um ihren Emsluß zu gewinnen und ihre Hand, die einst schrundig war von Spülwasser und scharfer Lauge, verteilt jetzt Gnaden und Aemter, weil der König Frau von Maintenon und diese wieder ihrer ehemaligen Köchin nichts versagt ... Selbst her Graf Saint-Simon widmet Fräulein Nanon Balbien eine ganze Seite feiner berühmten Memoiren.

Der Sonnenkönig schläft in her Gruft von Saint-Denis, Versailles gehört seinem Urenkel, Ludwig XV., der Pompadour, her D u - b a r r y, dem ganzen scheinbar so heiteren, innerlich tödlich-gelangweilten Rokoko. Grazie, Witz, Frivolität, rote Absätze, seidene Frvusrou, Mou­ches, Puderduft und tänzelndes Liebesspiel ... Doch aus diesem heiteren Bild tritt jählings welche Ueberraschung! der tragischste aller Köche hervor, des Königs Koch, Meister V a t e l. Weißbemützt liegt er, ein Sterbender, auf dem Estrich seiner Schloßküche, ein Selbstmörder. Hatte er ein Verbrechen begangen? Hatte er des Königs Gunst und Zu­friedenheit verloren? Nichts davon. Vatel starb als Märtyrer seines Be­rufes und feines Verantwortungsgefühles, lieber die genaue Urfache feines Selbstmordes find sich die Historiker nicht klar. Die einen iagn: Er legte Hand an sich, weil die Fische für die königliche Tafel nicht rechtzeitig geliefert wurden. Die anderen meinten:Er hot aus Ver­sehen die Fische zu lange kochen lassen, so daß sie zerfielen, und aus Gram über dies Mißgeschick ging er in den Tod!" Da sich bis zur Stunde noch keinehistorische Gesellschaft zur Erforschung von Vatels Tod und allen ihn begleitenden Umständen gebildet hat, muß man bis auf wei­teres sein Sch cksa! in die Worte fassen:Er starb an der großen Treue und an zerkochten Fischen!

Neben diesem tragischen hantiert ein sehr vergnüglicher Koch, be­dienstet bei einem großen Herrn, deren beider Namen nicht unverrück­bar feststehen und eigentlich auch nichts zur Sache tun. Besagter Koch ging eine Wette ein, daß er aus alten Schuhsohlen ein köstliches Ge­richt bereiten könne, und wirklich gewann er feine Wette, nachdem er die Schuhsohlen wochenlang täglich geklopft, in würzige Beizen gelegt und mit den erlesensten Zutaten gedämpft hatte. Ein Kunststück, das für die Modernen wenig Wert hätte. Der normalen Menschheit liegen di« Schuhsohlen auch ohne Ragut-Zubereitung schon im Magen.

Aus rosenfarbenem, reichgesticktem Prunkkleid taucht ein Negergeficht auf. Zamor ist'», der Mohr der schönen Dubarry, den ein englischer Kapitän aus Bengalen mitgebracht hatte und den Versailles verwöhnte, weil die Dubarry ihren kleinen Mohren gern hätschelte. Vanloo hatte ihn gemalt, vornehme Damen haben ihn mit Süßigkeiten gefüttert, und selbst der ewig gelangweilte Ludwig XV. amüsierte sich über die Possier­lichkeit des kleinen Schwarzen und dessen Späße. Ach, fie alle ahnten nicht, welch blutigen Spaß sich über eine Weile dieser schwarze Diener erlauben würde! Die Revolution ist auf ihrem Höhepunkt, da steht die Dubarry vor den Tribunal, weil sie für den gerichteten König Trauer angelegt hatte. Als Belastungszeuge tritt Zamor auf, Zamor das Paten­kind der Dubarry! Er ist inzwischen Sekretär des Sicherheitsknmitees in Versailles geworden, und feine Aussage könnte seine ehemalige Herrin vielleicht retten, aber der Schwarze fühlt sich als Herr über die Herrin von gestern und kein Wort zu ihren Gunsten kommt über seine wul­stigen Lippen. Als man die Unglückliche zur Guillotine fährt, läuft das schwarze Scheusal schadenfroh hinter dem Karren her, wie in einsamer Steppe ein Wals hinter einem Schlitten herlaufen mag, in dem er un­entrinnbare menschliche Beute gewittert hat . .

Nun weiht Erzellenz v. Goethe eine Köchin Charlotte Boyer der Unsterblichkeit. Schreibt ihr folgendes gesalzenes Zeug­nis:Charlotte Boyer hat zwei Jahre in meinem Hause gedient. Für eine Köchin kann sie gelten und ist zu Zeiten folgsam, höflich, sogar ein­schmeichelnd. Allein durch die Ungleichheit ihres Betragens hol sie sich et ganz unerträglich gemacht. Gewöhnlich beliebt es ihr, nach eigenem

n zu handeln und zu kochen: sie zeigt sich widerspenst g, zudringlich, grob und sucht diejenigen, die ihr zu befehlen haben, auf alle Weise zu ermüden. Unruhig und tückisch, verhetzt sie ihre Mitdienenden Und macht ihnen, wenn sie nicht mit ihr halten, das Leben sauer. Außer anderen verwandten Untugenden hat sie noch die, daß sie an den Türen horcht. Welches alles man, nach der erneuten Polizeiverordnung, hiermit ohne Rückhalt bezeugen wollen.

Da es nicht nur vor einem Kammerdiener, sondern auch vor einer Köchin keinen großen Mann gibt, zerriß die temperamentvolle Charlotte (bie temperamentvollen Charlotten waren Goethen nun einmal bestimmt!) das entehrende Zeugnis in tausend Fetzen und streute sie alle Goethe- Philologen verhüllen das Haupt! in der Wohnung des Olympiers um­her. Woraus er die Fetzen sammelte und sie nebst einem bedächtigen Briesan das herzogliche Polizeikollegium in Weimar sandte .

Auf einem der alten Friedhöfe Berlins liegt Rahel Varnhagen begraben. Neben ihrem Grabe befindet sich ein kleiner Grabstein, wie für ein Kind, und wie die Worte einer zärtlichen Mutter lieft sich seine Inschrift:Rahels Dorel. Ein Kind der Rahel also? Ein Kind, so früh verstorben, daß die Literaturgeschichte es übersehen konnte? Nein, Naheis Dorel war Rahels treue, langjährige Dienerin, die im Gegensatz zur widerspenstigen Goethe-Charlotte, nie den Respekt gegen die Herrschaft