GiehenerZamilienbMek
Unterhaltungsbeilage Zum Gießener Anzeiger
3 rhrgang |929 Montag, den-8. Zedrua? Nummer
Rast ofe Liebe.
Von I. W. v. G o e t h e.
Dem Schnee, dem Regen, Dem Wind entgegen, Im Kampf der Klüfte, Durch Nebeldüfte, Immer zu! Immer zu! Ohne Rast und Ruh!
Lieber durch Leiden Möchte ich mich schlagen, Als so viel Freuden Des Lebens ertragen. Alle das Neigen Von Herzen zu Herzen, Ach, wie so eigen Schaffet das Schmerzen! Wie soll ich fliehen? Wälderwärts ziehen? Alles vergebens, Krone des Lebens, Glück ohne Ruh.
Liebe, bist du!
Das Abenteuer des Motorradfahrers.
Von Friedrich Schnack.
Petro Ontiveros kehrte von der Hochzeitsfeier feines Freundes Difunto zurück. Der hatte ein Mädchen Dolores Puentes geheiratet, die einzige Tochter eines begüterten bolivianischen Pflanzers. Mit Difunto war Prtro feit fenem denkwürdigen Jahr befreundet, da sie miteinander auf einem großen Pferderanche im Süden sich die ersten Sporen und die Haut eines Puma verdienten, der in die Weiden eingebrochen war. Das mar nun schon ein paar Jahre her, aber die Freundschaft hielt. Petro war inzwischen im Norden gewesen bei mancherlei Geschäften. Aber als sein Vater starb, mußte er rasch heim, um den Holzhandel selber in die Hand zu nehmen: seine Mutter und die älteste Schwester wurden von den Agenten zu leicht über die Ohren gehauen.
Das war auch Disuntos Meinung gewesen. Dieser Glückspilz! Heiratete die hübsche Dolores Puentes. Von dem riesigen Gummibesitz ganz zu schweigen, den Ungeheuern Land- und Waldgebieten.
Run konnte der schlaue Junge freilich tagelang die Gummiwälder umreiten, wenn er erst Lust dazu hatte. Glückspilz! Donnerkrach: dem hatte es tüchtig geeilt. Nu, bei Gummi mußt du zugreifen, sonst schnellt er dir glatt aus der Pfote.
Petro lächelte und genehmigte seiner Maschine einen Hebeldruck Gas. Sie nahm eine sanfte Höhe. Er war ein pfiffiger Bursche. Von mütterlicher Seite hatte er ein paar Tropfen französischen Blutes in den Adern Die machten ihn phantasievoll. So malte er sich auch vergnügt seinen eigenen künftigen Hochzeitstag aus.
Linker Hand flog Wald weg, rechts Getrümmer von Felsen. Zwei Stunden ging es nun dahin, die Nacht war hell. Dem Fahrer war der Kops etwas schwer, aber er hatte die Hände fest an der Lenkstange. Die Straße kannte er auswendig. Der Motor schnatterte.
Wenn Petro heiratete, würden Difunto und Dolores auf seiner Hochzeit sein. Dann, nachts, konnten sie zurückpendeln, mit schweren Köpfen zu ihrer Estancia am Rio del Agua. Bald, bald! Das mit Marcela, dem lieben Mädchen, war in Ordnung. Sie hatten sich gefunden ...
Die Straße glänzte mondweiß. Finster zackten die beschatteten Felsen vorbei. Der Wald blieb zurück. Freies Land stob dem Fahrer entgegen, in der Niederung schwebten silberne Dünste.
Sie hatten sich gefunden, bei einem kleinen Morgenritt durch den Johannisbrotwald. Vorgestern hatte Marcela ihre Mutter, die gute Dona Oliviero, vorbereitet. Alles in Ordnung. Nun, der Papa ...
Petro pfiff einen kleinen Schlager
Olalla, mimalla,
Wilder Tobaquillostrauch, Meine Liebste kennt dich auch ... Olalla ...
„ Aus! Die Melodie zerflatterte, weggerifsen, denn die Maschine flitzte über einen kleinen, heimtückischen Straßenbuckel — und Petro hatte nicht aufgepaßi. Das hätte schief gehen können. Fester umpreßte er mit den Händen die Griffe der Lenkstange, rückte den Fuß ein wenig näher gegen die Fußbremse. Der Weindunst schwamm ihm im Schädel herum, wie eine zähe Wolke am Nachmittagshimmel, die die Sonne verdunkelt.
Olalla, mimalla. Meine Liebste
Süßes, lustiges Mädchen! Morgen wird er sie wiedersehen ,m Jo- hannisbrotwald. Er fühlte grenzenlose Zärtlichkeit. Die laue Lust zer- sprühte an seinem Gesicht. Jetzt kam die Brücke. Hopp, hupp! Er horte das Geräusch des Motors nicht mehr, donnernd schäumte das Wasser des Rio de Agua unter der Brücke. Schöne Grüße, dachte Petro lustig. Schone Gruße an Difunto und Dolores!
Seine Maschine schnurrte bereits um eine Waldflanke, Brücke und Fluß weit hinter sich lassend. So. voller Liebesgedanken und Hochzeitsplane, raste Petro durch die Nacht, heimwärts. Vom Johannisbrotwald, daran die Straße entlangschnitt, hatte er noch ungefähr zehn Minuten bis zum Hoftor. Der Mond leuchtete in breiten Streifen durch die Bäume, em Streifen Lichtes, ein Streifen Schatten. Glanz und Dunkel über« flirrten wechselnd den gemächlich hinfahrenden Petro.
Ah, hier der Waldweg, auf dem er vorgestern mit Marcela heraus- geritten war. Vor feinem Traumblick tauchte der lachende Kopf des Mädchens auf, die reizend geschwungenen Lippen, der weiße Blitz der Zahne ...
Seine Lampe schickte ihren Laternenstrahl voraus, peitschte die Straße, das Vorderrad lies rundum hinein in die Helle, beharrlich, als wollt« es das lockende Mädchengestcht einholen, das beständig vor Petros Gesicht traumflimmerte.
Plötzlich, oh Gott! — die Wahrnehmung geschah blitzhaft, im Bruchteil einer rasenden Sekunde — das war gar nicht Marcelos Gesicht, das war, gräßlich! das war ein aufschnellender Schlangenkops, grell beleuchtet vom Scheinwerferstrahl. Ein Schlangenkops und ein Leid, der sich wie ein Stahlbogen ihm entgegenbäumte, ein giftiges Reptil, das ihm wütend gegen die Brust sprang, abglitt und die rechte Hand schmerz- haft traf. Was weiter geschah, drang nicht in Petros Bewußtsein. Er verlor die Gewalt über das Motorrad, fiel hintenüber, betäubt vom furchtbaren Schreck, wurde aus die Seite geschleudert und sauste voll Wucht in einen Maisstrohhaufen, am Ende des Waldes. Darin blieb Petro bewußtlos liegen, bis ihn, kurze Zeit darauf, ein ausreitendec Gaucho fand. Der Mann brachte den Verunglückten ins Haus und alarmierte die Schläfer.
Seine Mutter und die Schwester, nichtsahnend von seiner seltsamen Schlangenbegegnung, gossen ihm kaltes Wasser über den Kops, und der Gaucho schüttete ihm für alle Fälle einen Becher voll Whisky zwischen die Zähne. Der Schnaps weckte denn auch bald die betäubten Lebenskräfte des Gestürzten, er regte sich und flüsterte Unverständliches. Ge- jährlich war er ja wohl nicht gestürzt, wenigstens war kein Knochenbruch festzustellen, aber seine rechte Hand war bös abgeschürft. Man reinigte die Wunde und verband sie.
Als Petro feine Augen aufschlug, starrte er entsetzten Blicks. Er war noch verwirrt. „Schlange! Schlange!" keuchte er, riß feine rechte Hand oor die Augen, sah den Verband, brüllte dumpf und sank auf die Seite, wild schluchzend. „Mutter... oh, eine Klapperschlange! Sie hat mich gebissen ... Sooo!" und er deutete hastig den verhängnisvollen Vorgang an.
Signora Ontiveros drohte umzusinken. Petro riß den Leinwandstreifen ab, betrachtete grimmig die zerschundene Hand: natürlich, kein Schlangenbiß zu sehen, alle Haut weg! Doch der Gaucho klopfte ihm auf die Schulter, ihm einen vollen Becher Whisky vor die Rase haltend. „Schnell! Trinkt, sauft! Immer sauft! Gegengift ..." Petro stürzte den Whisky hinunter, noch einen, noch einen. Der Gaucho zwang ihm einen vierten Becher aus.
„Jetzt los!" schrie er dann. „Aus die Straße, lauft, rennt! Ich renne mit, damit ihr das Gift ausschwitzt." Schon fegten sie hinaus auf die nächtliche Straße.
„Grüßt Marcelo ..." rief Petro nach oben.
Sie jagten die Straße vor. Ein zweiter und ein dritter Gaucho warteten vor der Tür, damit sie antreten konnten, sobald ihr Herr mit dem ausgepumpten Begleiter zuriickkäme.
Petro und der Gaucho stürzten am Johannisbrotwald entlang. Zwi- scheu den Bäumen lag, ein glitzernder Metallhaufen, das zerbrochen« Motorrad. Wild rannten sie an ihm vorüber ... und die Bäume flogen zurück ... und da, in einem Schattenstreifen, wäre der flinke Gaucho fast gestürzt; auf einem glatten, runden Ding war er ausgeglitten. Sein Fuß schleuderte den Gegenstand ins Helle, sie trauten ihren Augen kaum: war das nicht eine Schlange? Sie rutschte ein paar Fuß vorwärts und blieb liegen, ein schwärzlicher Halbkreis.
Krampfhaft blieben sie stehen. Weiß Gott! „Die Klapperschlange!" japste Petro. „Tot? Totgesahren? Biest!"
Der Gaucho näherte sich der Schlange, die da klar im Mondglanz lag, versetzte ihr einen Tritt, sie war tot. Er beugte sich nieder und lacht« wild auf, daß fein Gelächter durch den Johannisbrotwald schallt«. Dann nahm er den steifen Kadaver in die Hande und schwenkte ihn in» Mondlicht.
»Nicht totgefahren!' sagte er. .Feine Spur! Totgeschossen!' Und er geigte auf zwei Schußöffnungen am Kopf der Schlange. „Feine Arbeit!''


