Wellen dem Meere zuströmten. Er versuchte, sie festzuhasten, clls sie auf ihrem Weg auch dem dunklen Sp.egei an ihm votbeitam; aber die wirre, Wahnsinnige Gestalt, die wilde und und schreckliche Liebe, die Verzweiflung, die alles menschliche Hindernis weit hinter sich gelassen hatte, rauchle wie der Wind an ihm vorbei.
Er folgte ihr. Sie hielt einen Augenblick an dem Rand inne, ehe sie den entsetzlichen Sprung tat. Er fiel aus seine Knie nieder und rief kreischend den Gestalten in den Glocken zu, die setzt über ihnen schwebten.
„Ich habe es gelernt!" ries der alte Mann. „Von dem Wesen, das meinem Herzen am teuersten ist! O rettet sie, rettet sie!"
Er konnte seine Finger in ihren Anzug krampfen, konnte ihn halten! Als diese Worte seinen Lippen entschlüpft waren, fühlte er feinen Tastsinn zurückkehren, und er wußte, daß er sie abhieit.
Die Gestalten schauten festen Blickes auf ihn nieder.
„Ich habe es gelernt!" rief der alte Mann. „O habt Erbarmen mit mir in dieser Stunde, wenn ich in meiner Liebe zu ihr, die so jung und so gut ist, Die Natur in den Herzen der Mütter schmähte und sie zur Ver- <>weislung brachte! Habt Mitleid mit meiner Anmaßung, mit meinem Frevel und mit meiner Unwissenheit — rettet sie!"
Er fühlte, wie seine Hand kraftloser wurde. Sie schwiegen noch immer.
„Habt Erbarmen mit ihr!" rief er. „Dieses schreckliche Verbrechen wurde nur durch sinnlose Liebe gezeitigt; durch die stärkste, innigste Liebe, die wir gefallenen Menschen kennen! Bedenkt, wie groß ihr Elend gewesen sein mutz, wenn solcher Same solche Frucht trägt Der Himmel hat sie zum Guten beffmmt. Es gibt keine liebende Mutter auf der Erde, die nicht auch so weit getrieben werden könnte, wenn ein solches Leben »orhergcgangen. D habt Erbarmen m't meinem Kinde, das selbst in diesem Augenblick Erbarmen mit dem ihren hegt und selber stirbt und ihre unsterbliche Seele dem Verderben prelsgbt, um es zu erlösen!"
Sie lag in feinen Armen. Er hielt sie fest. Er hatte die Kraft eines Riesen.
„Ich sehe den Geist der Glocken unter euch", sagte der alte Mann, das Kind erblickend, mit einer Art von Begeisterung, die dessen Blicke in ihm entzündeten. „Ich weiß, daß die Zeit unser Erbteil uns verwaltet. Ich weiß, daß eines Tages ein Meer der Zeit sich erheben und alle wie Blätter wegsplllen wird, die uns unrecht tun und uns unterdrücken. Ich sehe, wie es heranflutet! Ich weiß, daß wir vertrauen und hoffen müssen und weder an uns noch an andern das Gute bezweifeln dürfen. Ich habe es von dem Wesen gelernt, das meinem Herzen am teuersten. Ich halte es wieder in meinen Armen. O ihr gnädigen und gütigen Geister, ich verschließe eure Lehre in die Brust, an der ich sie halte. O ihr gnädigen und guten Geister, ich danke euch!"
Er hätte vielleicht noch mehr gesagt, wenn nicht die Glocken, die alten, lieben Glocken, seine guten, treuen, bestand gen Freunde, ihr Freudengeläul zum neuen Jahr so munter, so fröhlich und so schwellend begonnen hätten, daß er auf die Füße sprang und so den Zauber löste, der ihn fesselte. —
„Und was du auch tust," sagte Meg, „du mußt jedenfalls den Arzt befragen, bevor du wieder Kuttelflecke ißt, damit er dir sagen kann, ob sie dir zuträglich sind. Denn was du getrieben hast! Du lieber Gott!"
Sie saß an dem kleinen Tisch am Feuer und nähte an ihrem einfachen Hochzeitskleide, das sie mit Bändern schmückte, und war so st.llselig, so blühend und jugendlich, so voll schöner Verheißung, daß er laut ausschrie, als wenn ein Engel in seinem Haus wäre. Dann stürzte er aus sie zu, um sie in seine Arme zu schließen. Doch er verwickelte sich mit den Füßen in die Zeitung, die auf die Erde gefallen war, und jemand drängte sich zwischen ihn und Meg.
„Nein", sagte die Stimme des besagten jemand, und es war eine prächtige, helle Stimme! „Nicht einmal Ihr. Der erste Kuß von Meg im neuen Jahr gehört mir. Mir! Ich habe eine Stunde vor dem Haus gestanden, um die Glocken zu hören und mir ihn zu verdienen. Meg. mein liebster Schatz, ein glückliches Neujahr! und mögen wir noch recht viel glückliche Jahre verleben, mein liebes Weibchen!"
Und Richard erstickte sie fast mit feinen Küsten.
Als dies geschah, konnte man keinen glücklicheren Menschen sehen als Trotty. Ich kümmere mich nicht um das, was ihr gesehen und wo ihr es erlebt habt, denn es ist ausgeschlossen, daß ihr auch nur annähernd etwas Aehniiches geschaut habt. Er setzte sich auf seinen Stuhl, schlug sich auf die Knie und weinte. Er setzte sich auf seinen Stuhl und schlug sich aus die Knie und lachte. Er setzte sich auf seinen Stuhl und schlug sich auf die Knie und lachte und weinte in einem Atem. Er stand von seinem Stuhl auf und herzte Meg. Er stand von feinem Stuhl auf und herzte Richard. Er stand von seinemMuhl auf und herzte beide zu gleicher Zeit. Er tief zu Meg und nahm ihr frisches Gesicht zwischen seine Hände und küßte sie und ging rückwärts wie ein Krebs, um sie nicht aus den Augen zu verlieren, und lief wieder auf sie zu, wie eine Figur in einer Zauberlaterne; und was immer er tat, er fetzte sich beständig wieder in seinen Stuhl, blieb aber nicht einen Augenblick sitzen. Genug — und das ist die Wahrheit — er war außer sich vor Freude.
„Und morgen ist dein Hochzeitstag, mein Herzenskind?" sagte Trotty, „wirklich dein glücklicher Hochzeitstag?"
„Heute!" jauchzte Richard und schüttelte ihm die Hände, „heute! Die Glocken läuten eben das neue Jahr ein. Hört sie nur!"
Und sie läuteten wirklich.
Gott segne die kräftigen Burschen! 0, es waren große Glocken, melodische, tiefstimmige, edle Glocken, von keinem gemeinen Metall gegossen, von keinem gemeinen Gießer geformt. Wann hätten sie jemals geläutet wie heute!
„Heute, meine Meg," sagte Trotty, „hattest du wohl mit Richard einen kleinen Wortwechsel?"
„Weil er ein so schlechter Mensch ist, Vater", sagte Meg. „Bist du das nicht, Richard? Solch ein heftiger, halsstarriger Mensch! Wollte er
hoch dem großen Herrn Alderman seine Meinung sagen, und er geniert« sich jo wenig, als er sich genieren würde ...“
„Aieg zu küssen", Hais Richard ein und tat es sogleich
„Nein, nicht ein bißchen mehr. Doch ich wollte ihn nicht lassen, Vater« Was hätte es genützt?"
„Richard, mein Junge," sagte Trotty, „du bist ein Prachtkerl und wirst em Prachtkerl bleiben bis an dein seliges Ende Doch du, mein Liebling, weintest heute abend am Feuer, als ich nach «Hause kam? Warum weintest du denn am Feuer?"
„Ich dachte an die Jahre, die wir miteinander verleb! haben, Vater. Bloß deshalb. Und ich dachte, du würdest mich recht vermissen und dich allein suhlen."
Trotty kehrte wieder zu jenem ominösen Stuhl zurück, als das Kind, das von dem Lärm erwacht war, halb angekleidet hereinkam.
„Ei, hier ist sie ja," sagte Trotty und hob sie auf, „hier ist sie ja, die kleine Lilian! Ha, ha! hier sind wir und hier gehen wir! O, hier sind wir und hier gehen wir wieder! Und hier sind wir und hier gehen wir und auch Onkel Will!"
Er hielt in seinem Trab inne, um ihn herzlich zu begrüßen. „Ach, Onkel Will, was hab ich heute abend für eine Erscheinung gehabt, weil ich Euch beherbergt habe. Ach, Onkel Will, wie bin ich Euch verpflichtet, daß Ihr zu mir gekommen seid, mein guter Freund!"
Ehe Will Fern die mindeste Antwort geben konnte, trat eine Musikbande in das Zimmer in Begleitung von einer Menge Nachbarn, dis alle: „Glückliches Neujahr, Meg! Fröhliche Hochzeit! Noch recht lange Jahre!" und andere gute Wünsche dieser Art riefen. Der Trommler, der ein. besonders guter Freund Trottys war, trat hervor und sagte: „Trotty Beck, mein alter Knabe, wir haben erfahren, daß Eure Tochter heute heiratet. Es gibt keine Menfchenfeele, die Euch kennt und Euch nicht das beste Glück wünscht, oder sie kennt und ihr nicht Segen gönnt, oder die Euch beide kennt und Euch beiden nicht alles Glück wünscht, da» das neue Jahr bescheren kann. Und hier sind wir deshalb, um es ein« zufpielen und einzutanzen."
Das wurde mit allgemeinem Jubel ausgenommen. Der Trommler war freilich ziemlich betrunken, aber das schadet weiter nichts.
„Was für ein Glück ist es doch," sagte Trotty, „in solcher Achtung zu stehen! Wie freundlich und nachbarlich ihr seid! Das geschieht alles meiner lieben Tochter wegen. Sie verdient es!"
Sie waren in einer halben Sekunde zum Tanz fertig, Meg und Richard voran, und der Trompeter war eben im Begriff, aus allen Kräften loszuledern, da ließ sich draußen ein Gemisch von wunderbaren Tönen hören, und eine gutmütig aussehende, schmucke Frau von fünfzig Jahren oder dahsrnm trat herein in Begleitung eines Mannes, der einen steinernen Henkelkrug von erschrecklichem Umfang trug. Dicht hinter ihnen wurden die Klapperinstrumente und Glocken getragen: aber nicht d i e Glocken, sondern ein tragbares Glockensp el in einem Gestell.
Trotty sagte: „Frau Chickenstalker!" und setzte sich nieder und schlug sich wieder auf die Knie.
„Was? heiraten und mir kein Wort davon sagen, Meg?" jagte di« gute Frau. „Unerhört! Ich konnte am letzten Abend des alten Jahres nicht ruhen, ohne zu kommen und dir Glück und Freude zu wünschen. Nein, ich hätte es nicht gekonnt, Meg, und wenn ich bettlägerig gewesen wäre. Und so bin ich denn hier, und da es Neujahrsabend und zugleich dein Polterabend ist, so habe ich ein wenig Eierpunsch machen lassen und denselben mitgebracht."
Frau Chickenstalkers Begriff von „ein wenig Eierpunsch" macht« ihrem Charakter alle Ehre. Der Krug dampfte und rauchte wie ein Vulkan, und dem Mann, der ihn trug, war ganz schwach zumute.
„Frau Tugby," sagte Trotty, der ganz entzückt um sie herumging, „ich wollte sagen Chickenstalker, Gott segne Sie! Ein glückliches Neujahr und noch recht viele hinterdrein, Frau Tugby," sagte Trotty. als er sie geküßt hatte, „ich wollte sagen Chickenstalker — dies ist William Fern und Lilly."
Die würdige Frau wurde zu [einem Erstaunen sehr bloß und sehr rot.
„Doch nicht L.lly Fern, deren Mutter in Dorsetshire gestorben ist?" sagte sie.
Ihr Onkel bejahte, und sie wechselten schnell einige Worte mitein« einder, deren Ergebnis war, daß Frau CH ckenstalker ihm beide Hände schüttelte, Trotty noch einmal aus freien Stücken aus die Wange küßt« und das Kind an ihre geräum'ge Brust drückte.
„Will Fern," sagte Trotty, indem er seinen Fausthandschuh anzog, „doch nicht die Freundin, die Ihr zu finden hofftet?"
„Freilich," entgegnete Will und legte Trotty beide Hände auf di« Schultern, „und wie es scheint, eine ebenso gute Freundin, wenn das fein kann, wie der Freund, den ich in Euch gefunden habe."
„Oh!" sagte Trotty, „wollt ihr dort nicht aufspielen? Seid so gut!”
Bei dem Klang der Musik, der Schellen, der Klapperinstrumente — alles zu gleicher Zeit — und während noch die Glocken luftig vom Turm nteberbrummien, führte Trotty Frau Chickenstalker, Meg und Richard als zweites Paar folgend, zum Tanz und haspelte benfelben in einem vorher und nachher unbekannten Pas ab, der auf feinen eigentümlichen Trab begründet war. —
Hatte Trotty geträumt? Oder sind feine Freuden und Leiden und di« handelnden Personen darin nur ein Traum? Er selber ein Traum? Der Erzähler dieser Geschichte ein Träumer, der eben erwacht? — Sollte dies so fein, lieber Leser, bann präge bie bösen Wirklichkeiten, aus denen diese Schatten entspringen, deiner Seele ein und suche sie in deinem Kreise — keiner ist zu weit und keiner zu enge für solch einen Zweck — zu bessern und m'nber drückend zu machen. Möge bas neue Jahr ein glückliches für dich, ein glückliches noch für viele fein, deren Glück von dir abhängt! Möge jedes Jahr glücklicher fein als das letzte, und nicht der geringste unserer Brüder ober Schwestern ausgesch'ossen bleiben von dem gerechten Anteil an dem, was unser großer Schöpfer zu ihrer Freude geschaffen!
BerantwortUÄ: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Vrühl'fche Universitäts^Buch« und Sleindruckerei. R. Lange, Gießen«


