' In all dieser Zeit litt sie Rot, fiechte dahin in schrecklichem, oer- zehrendem Mangel. Das Kind in ihren Armen, wanderte sie da- und dorthin, um Beschäftigung zu suchen, und während sein hageres Gesichtchen in ihrem Schatz lag und zu ihrem Antlitz aufblickie, verrichtete sie jede Arbeit für den erbärmlichsten Preis — Tag und Nacht sich abmühend für jo viele Kreuzer, als da Ziffern sind auf dem Uhrblatt! Wenn sie es gezankt, vernachlässigt, nur einen Augenblick mit Haß angesehen oder gar in hastigem Zornaufwallen geschlagen hätte! Nein. Sein Trost war, Latz sie es immer liebte.
Sie teilte niemand ihre äutzerste Not mit und wanderte tags draußen umher, um nicht von ihrer einzigen Freundin befragt zu werden, denn jede neue Hilfe, die sie von ihren Händen erhielt, hatte einen neuen Hader zwischen der guten Frau und ihrem Gatten zur Folge. Und der Gedanke, da auch noch die Ursache zu täglichem Zank und Wortwechsel zu werden, wo sie schon so viel schuldete, bereitete ihr neues Leid.
Dennoch liebte sie ihr Kind. Sie liebte es mehr und mehr. Aber es kam sine Nacht, in der auch ihre Liebe sich anders gestaltete
Damals sang sie es leise in den Schlaf und ging auf und ab, um eg einzulullen, als sich facht die Tür öffnete und ein Mann hereinsah.
)r8um letztenmall" sagte er.
„William Fern!"
„Zum letztenmal!"
Er lauschte wie einer, hinter dem die Verfolger her sind, und sprach flüsternd:
„Margarete, meine Uhr ist nahezu abgelaufen. Ich konnte nicht enden, ohne Abschied von dir zu nehmen, ohne dir ein Wort des Dankes zu sagen."
„Was habt Ihr getan?" fragte sie, ihn mit Entsetzen betrachtend.
Er sah sie an, gab aber keine Antwort.
Nach einem kurzen Schweigen machte er eine Gebärde mit der Hand, tzls wollte er ihre Frage abwehren, sie beiseiteschieben, und sagte:
„Es ist jetzt schon lange her, Margarete; aber jene Nacht ist noch so frisch in meinem Gedächtnis, als wäre es erst gestern gewesen. Damals dachten wir nicht," fügte er, mit einem Blick auf ihre Umgebung, hinzu, „datz wir uns jemals unter solchen Umständen wiedersehen sollten, Ist das dein Kind-, Margarete? Latz es mich umarmen. Gib mir dein Kind."
Er legte seinen Hut auf den Boden und nahm es auf, zitterte aber dabei vom Kopf bis zum Fuß.
„3ft es ein Mädchen?"
„3a."
Er hielt feine Hand vor ihr kleines Gesichtchen.
„Schau, wie schwach ich geworden bin, Margarete, wenn ich nicht einmal den Mut habe, es anzufehen! Latz sie mir einen Augenblick. Ich tue ihr nichts. Es ist lange her, aber ... Wie heißt die Kleine?"
„Margarete", antwortete sie rasch.
„Das freut mich", jagte er. „Das freut mich."
Er schien freier zu atmen. Nach einer kurzen Pause nahm er seine Hand weg und sah dem Kind ins Antlitz. Dann aber bedeckte er es augenblicklich wieder.
„Margarete!" jagte er und gab ihr das Kind zurück. „Es ist Lilians Gesicht."
.Kilians?"
„Ich hielt dasselbe Gesicht in meinen Armen, als Lilians Mutter starb und sie zurückließ."
„Als Sillans Mutter starb und sie zurücklietz?" wiederholte sie außer sich.
„Wie schrill du sprichst! Warum starrst du mich jo an, Margarete?"
Sie jank in einen Stuhl, preßte das Kind an ihre Brust und weinte. Dann sah sie ihm ängstlich ins Gesicht und drückte es abermals an ihr Herz. Wenn sie es aber jo betrachtete, jchien sich etwas Wildes und Schreckliches in ihre Liebe zu mijchen, und ihr aller Vater begann darob zu zittern.
„Folge ihr!" tönte es durch das Haus. „Lerne es von dem Wejen, das deinem Herzen am teuersten ist!"
„Margarete", jagte Fern, sich über sie beugend und sie auf die Stirn küßend „Ich danke dir zum letztenmal. Gute Nacht. Gott behüte dich! Gib mir deine Hand und verjprick mir, mich von diejer Stunde an zu vergessen, und bilde dir ein, ich sei hier gestorben."
„Was habt Ihr getan?" jagte sie abermals.
„Es wird heute nacht ein Feuer geben", jagte er, von ihr zurücktretend. „Es werden in diejem Winter viele Feuer fein, um die dunkeln Nächte zu erhellen im Osten, Westen, Norden und Süden Wenn du den fernen Himmel rot siehst, dann wird die Farbe von Flammen herrühren. Wenn du den fernen Himmel rot siehst, denke nicht mehr an mich, oder wenn du nicht anders kannst, jo erinnere dich, welche Hölle in meinem Innern angezündet wurde, und denke, es feien ihre Flammen, die sich in den Wolken spiegeln. Gute Nacht. Gott befohlen!^'
Sie rief ihm nach; aber er war fort. Dann setzte sie sich betäubt nieder, bis sie durch ihr Kind zum Gefühl des Hungers, der Kälte und der Dunkelheit geweckt wurde. Sie ging die liebe lange Nacht in der Stube auf und ab, es in den Arme» wiegend und beschwichtigend, wobei sie mitunter vor sich hinmurmelte: „Es gleicht Lilian, als ihre Mutter starb und sie zurückließ!" Warum war ihr Schritt so hastig, ihr Auge so wild, ihre Liede so ungestüm und schrecklich, sooft sie diese Worte wiederholte?
,, „Aber es ist Liebe", sagte Trotty. „Es ist Liebe. Sie wird nie ouf- horen, es zu lieben. Meine arme Meg!"
Am andern Morgen kleidete sie das Kind mit ungewöhnlicher Sorgfalt — ach, welch eitle Mühe bei so elenden Fetzen! — und versuchte aber« Wals, irgendeinen Verdienst aufzutreiben. Es war der letzte Tag des alten Jahres. Ohne etwas über die Lippen zu bringen, lief sie bis in die Nacht Umber; aber all ihre Bemühungen waren vergeblich!
Sie mischte sich unter eine Gruppe herabgekommener Bittsteller, die m» Schnee standen, bis ein Beamter, der zur Verteilung der öffentlichen Almosen — die das Gesetz gebot, nicht aber die Barmherzigkeit, die einst aus einem Berg gepredigt wurde — bestellt worden war, sich gnüdigst
herbeilietz, die Leute hereinzurufen, ins Verhör zu nehmen, dem einem zu sagen, „er solle da und dahin gehen/' dem andern zu bemerken, „er solle nächste Woche wiederkommen", oder einen dritten Elenden wie einen Ball von hierher dorthin, von Hand zu Hand, von Haus zu Haus zu schleudern, bis er kraftlos umsank, um zu sterben, ober wieder aussprang, um einen Diebstahl zu begehen und so zu einer höheren Art von Verbrecher zu werden, dessen Ansprüche keine Zögerung gestatteten. Aber auch hier sollte sie ihre Erwartung trügen. Sie liebte ihr Kind und wünschte, daß es an ihrer Brust läge. Dies war ganz genug.
Cs war Nacht — eine kalte, dunkle, schneidende Nacht, als sie, das Kind an ihrem Leid wärmend, an das Haus gelangte, das sie ihr Heim nannte. Sie war jo matt und schwindlig, daß sie niemand unter dem Haustor stehen sah, bis sie dicht daran war und eintreten rooUle. Jetzt erst erkannte sie den Hausherrn, der sich so ausgepflanzt hatte — bei seiner Beleibtheit war dies nicht schwer — daß er den ganzen Eingang versperrte.
sie
es
ging.
„Sie liebt es!" rief er in dringlichem Flehen. „Ihr Glocken, sie liebt noch immer!"
„Folge ihr!"
Die Schatten schwebten in die Richtung, die sie eingetragen hatte,
„Dl" sagte er halblaut. „Ihr seid zurückgekommen?"
Sie blickte ihr Kind an und schüttelte den Kopf.
„Glaubt Ihr nicht, Ihr habt hier lange genug gewohnt, ohne Miete zu bezahlen? Glaubt Ihr nicht, datz Ihr für jemand, der nichts zahlt, eine recht anhängliche Kundin gewesen seid?" sagte Herr Tugby
Sie wiederholte dieselbe stumme, flehentliche Bitte.
„Was würdet Ihr dazu sagen, wenn Ihr es versuchtet, woanders einzukaufen," meinte er, „und Euch ein anderes Quartier zu verschaffen? Nun?! Glaubt Ihr nicht, es ließe sich machen?"
Sie versetzte mit gedämpfter Stimme, „daß es schon sehr spät fei. Morgen."
„Ah, ich sehe schon, was Ihr wollt und was Ihr im Sinn habt," entgegnete Tugby; „Ihr wißt, daß es in diesem Hause wegen Euch zwei Parteien g.bt, und es macht Euch Freude, sie gegeneinander zu Hetzen. Ich will keinen Streit Haden und spreche jetzt so leise, um jeder Zänkerei vorzubeugen; aber wenn Ihr nicht geht, will ich laut reden, und es wird Worte setzen, die stolz und heftig genug sind, um Euch zu gefallen. Ader herein kommt Ihr mir nicht, das steht fest."
Sie strich sich das Haar mit der Hand zurück und sah plötzlich zum Himmel auf in die düstere, dunkle Ferne.
„Dies ist die letzte Nacht des alten Jahres, und ich will nicht Euch ober irgend jemand anberm zuliebe böses Blut, Händel und Unfrieden ins neue hinübernehmen", jagte Tugby, der in kleinerem Maßstab ein „Freund und Berater" war. „Es wundert mich, daß Ihr Euch nicht vor Euch selbst schämt, mit solchen Krusten ein neues Jahr anzufangen. Wenn Ihr in der Welt nichts anderes zu tun habt als stets zu heulen und den Samen der Zwietracht zu (treuen zwischen Mann und Weib, so tut Ihr besser, aus ihr hinauszugehen. Fori mit Euch!"
„Folge ihr! zur Verzweiflung!" ,
Abermals horte der alte Mann die Stimmen. Er blickte auf und sah die Gestalten in der Lust schweben, die ihm den dunkeln Weg zeigten, de«
gleich einer Wolke. ..
Er schloß sich den Verfolgern an, hielt sich dicht an die Unglückliche und blickte ihr ins Gesicht. Da war derselbe wilde, schreckliche Ausdruck, der sich in ihre Liebe mengte und aus ihren Augen blitzte. Er horte sie sagen: „Wie Lilian! So zu werden wie Lilian!" und ihre Eile verdoppelte sich.
D, gab es denn gar nichts, das sie aus ihrem Taumel reihen konnte? Nur ein Anblick, ein Schall, ein Geruch, der in einem Gehirn voll Feuer zartere (Erinnerungen heraufbeschwören könnte? O Gott, nur ein einziges friedliches Bild der Vergangenheit sollte sich ihrem Auge zeigen!
„Ich war ihr Vater! ich war ihr Vater!" rief der alte Mann, seine Hand nach den dunkeln Schatten ausstreckend, die in der Lust bahnst!ogen. „Habt (Erbarmen mit ihr und mit mir! Wohin geht sie? Führt sie zurück! Ich war ihr Vater!"
Aber sie beuteten bloß nach ihr hin, während sie weiter eilte, unö sagten:
„Zur Verzweiflung! Lerne es an dem Geschöpf, bas deinem Herzen am teuersten war!"
Hundert Stimmen hallten es nach, und die ganze Lust war ein für diese Worte verbrauchter Atem. Toby jchien sie mit jedem seiner Atemzüge in sich zu saugen. Sie waren Überall, und er konnte ihnen nicht entkommen. Dennoch eilte sie weiter — dasselbe unheimliche Licht in ihren Augen, dieselben Laute auf ihren Lippen: „Wie Lilian! So zu werden wie Lilian!"
Mit einem Male machte sie halt.
O holt sie zurück!" rief der alte Mann, sich bas weiße Haar zerraufend. „Mein Kind! Meine Meg! Holt sie zurück! Ewiger Vater, tu ihr Einhalt!" _
Sie wickelte bas Kind warm in ihr eignes dünnes Halstuch. Mit fieberigen Händen streichelte sie seine Glieder, legte sein Köpflein zurecht und ordnete den armseligen Anzug. Sie umschlang es mit ihren abgezehrten Armen, als wollte sie es nimmer von sich lassen, und mit ihren vertrockneten Lippen küßte sie es im höchsten Schmerz und im letzten langen Kampf der Liebe.
Sie legte des Kindes abgezehrte Hand auf ihren Hals, hielt es unter ihrem Kleid geschützt, drückte es an ihr verzweifeltes Herz und wandte das schlafende Gesichtchen dem ihren zu — dann eilte sie dem Fluh
entgegen.
Dem rollenden, raschen und trüben Strom entgegen, auf dem die Winternacht brütend saß wie die letzten düsteren Gedanken vieler, die früher hier eine Zuflucht gesucht hatten. Wo zerstreute Lichter am Ufer unheimlich rot und trübe g'ommen, als wären sie Fackeln, die den Weg zum Tode wiesen. Wo kein Wohnplatz lebender Menschen seinen Schatten warf auf das tiefe, undurchdringliche, melancholische Schattenreich.
Dem Fluß entgegen! Zu jener Pforte der Ewigkeit lenkte sie ihre verzweifelten Schritte mit derselben Schnelligkeit, mit der seine raschen


