Rund um dsu Kachelofen.
- Von Dr, Hedwig Fischmann.
Man hot ihm gar oft schon das nahe Ende prophezeit, unserem lieben, alten Kachelofen, diesem argen Wärmeverschwender, wie ihn die moderne Technik, diesem ireuesten, wärmsten Freund der Menschheit in bitteren Wintersnöten, wie ihn jedes für poesieverklärte Behaglichkeit empfängliche Menfchenkind nennt. Aber noch lebt er nicht bloß in unferer Erinnerung, Nicht nur in den Museen und h storischen Schlossern, in die die schönsten und kunstreichsten Stücke seiner weit zurückreichenden, stolzen Ahnenreihe gewandert sind, oder in den Vergangenheit bewahrenden Worten unserer Dichter ein zweckentrücktes Scheindasein; nein, auch feine hartnäckigsten Widersacher in der Gunst des Menschen, der aus andern Himmelsstrichen zu uns eingedrungene und eine Zeitlang für befonders vornehm geltende, aber höchst unpraktische offene Kamin oder die moderns Zentralheizung, wie auch der weit verbreitete Plebejer unter den Defen, der schwarze, eiserne Genosse, haben den treuen, alt bewährten Gesellen nicht ganz aus unseren Häusern und Herzen vertreiben können.
Freilich, von seiner den ganzen Raum überragenden, machtvollen Herrscherstellung, die er in den Tagen seines Ruhmes und Glanzes, im ausgehenden Mittelalter und mehr nach in der Renaissance- und Barockkunst, innegehabi und in denen er sich zu einem selbständigen architektonischen Gebäude innerhalb des Gebäudes entwickelt hat, muhte er in unseren Tagen wieder herabfteigen und sich als ein dienendes Glied, eingedenk feiner Zweckbestimmung, harmonisch dem Gesamteindruck des Raumes einfügen. Nun, er hat auch das gelernt, denn er hat, durchdrungen von dem wackeren, handwerklichen Bürgergeist feiner Vergangenheit, nicht die bescheidenen Anfänge vergessen, aus denen er sich zu jener der reinen Kunst benachbarten Höhe in verhältnismäß g schnellem Ausstieg entwickelt hat.
Zum erstenmal wohl tut ein Grundriß des Klosters St. Gallen aus dem Anfang des 9. Jahrhunderts des Kachelofens Erwähnung und zeigt ihn schon in eine Ecke des Zimmers gewandert, während feine primitiven Vorgänger, die in eine Grube des gestampften Lehmbodens verlegte offene Feuerstätte des germanischen Hauses und der schon im 6. Jahrhundert zugleich zur Erwärmung des Wohnraumes verwandte Backofen, ein plumpes Bauwerk aus Lehm und Feldstein, sich in der Mitte der Stube breitgemacht haben. Aber nicht etwa als ein nur geduldeter Eindringling drückt sich der Kachelofen scheu in die Ecke, nein, um so stattl cher baut er sich nun dort auf, sich dem Formenfchatz des jeweiligen Baustils der Zeit anpassend. Und hohe Ehren wurden ihm von allen Familienangehörigen erwiesen, seine Stellung und Bedeutung jener der Sausfrau gleichgesetzt. Schreibt doch der Elsässer Humorist Johannes a u 1 i in seinem Schwankbuch „Schimpf und Ernst" zu Anfang des 16. Jahrhunderts: „Als ein luftig Ding ist zu sehen eine hübsche Frau und ein hübscher Öfen in einer Stube .
Hübsch und lustig — damit war der Kachelofen der Renaissance gekennzeichnet, die an Stelle der dunkeln Einfarbigkeit der oftmals drohenden Bescst gungstürmen gleichenden Defen der Gotik helle Farbenfreude, eine sorgfältig aufgetragene, leuchtende Glasur und reichen plastischen Schmuck treten ließ, während kräftige Gesimfe und Pfeiler den architektonischen Ausbau wirkungsvoll gliederten. Das 16. Jahrhundert war die Zeit, da sich die Töpferei zu dem hohen Range eines Kunsthandwerks auffchwang. Die Kacheln wurden immer größer, verloren ihren früheren fchüffelartigen Charakter und roiefen nun reichen Relieffchmuck innerhalb, eines Rahmenwerks oder auch üppig aus ihm herausquellend auf, der sich auf den Ecken des Aufbaus häufig zu vollrunden, selbständig modellierten Figuren steigert, wie sie Augsburger und Nürnberger Prachtöfen aufweifen. Die Modelle der Kacheln wurden damals meist von tüchtigen Bildhauern gebildet. Was die Künstler jener Zeit in ihren weit verbreiteten Holzschnitten und Kupferstichen schufen, das wurde wie in einem anschaulichen Bilderbuch, an dem sich große und kleine Kinder an langen Winterabenden in der warmen Stube ergötzten, in dem Kachelschmuck des Ofens mehr oder weniger getreu nachgebildet. Da reihen sich, häufig in mehrfacher Wiederholung, die großen, dramatisch bewegten Momente der heiligen Geschichte aneinander, dort wetteifern Darstellungen der Menschenalter, der Tugenden, der sieben freien Künste, der Planeten ober auch mythologische Göttergeschichten mit den Porträts römischer Imperatoren oder der Feldherren des Dreißigjährigen Krieges um ein warmes Plätzchen am Kachelofen. Häufig sind die bildl'chen Darstellungen von erklärenden und erbaulichen Sprüchlein begleitet, so daß der Ofen Neben der Fibel den ersten Buchstabierkünsten der kleinen Osenhocker, wie auch der Belehrung und Ermahnung von jung und alt diente. So weist z, B. ein mit antiken Heldengestalten geschmückter Ofen unter dem Bilde des Curtius, zugleich an seine Bestimmung gemahnend, den Vers auf: «Schleckhaft Sieben und Braten / Taucht nicht vor die Soldaten"
Zu einer fast regelmäßigen Einrichtung werden die erklärenden und Moralisierenden Sprüchlein auf den Defen der Schweiz, die ganz besonders ben' Charakter lehrhafter Bilderbücher tragen und durch die Verherrlichung der Bürgertugenden, nicht am wenigsten der Vaterlandsliebe, zur Nacheiferung, durch wohlausgewählte biblische Szenen und Totentänze aber an die Vergänglichkeit und Nichtigkeit irdischen Besitzes mahnen wollten. Zumal in der Gegend von Winterthur gelangte im 17. Jahrhundert unter der Hafnerfamilie Pfau die Töpferkunst zu hohem Range. Doch um diese Zeit beginnt auch schon der plastische Schmuck vielfach zugunsten des malerifchen zurückzutreten, eine Wandlung, die sich bann im 18. Jahrhundert im Zeichen der allgemein bevorzugten weihen, glänzend glasierten Kachel, die an das allverehrte Porzellan erinnerte, noch energischer vollzog.
Aber ein Kachelofen der traulichen alten Art, noch reich verziert mit Plastischem Schmuck ist es, dem Gottfried Keller in seinem „Dietegen" eine so eingehende und liebevolle Schilderung weiht. Wie sich dort das in milder Gefangenschaft in der Wohnstube gehaltene mit einem Kett- lein an den Fuß des Ofens gefesselte Mädchen an ben grünen Gesellen schmiegt, an dieses „nicht unzierlich gegliederte Monument", das in vier ober fünf Darstellungen in steter Wiederholung treuherzig die Geschichte
von der Erschaffung der Menschen und ihrem Siindenfav erzählt, in» dessen an den vier Ecken die großen Propheten auf freistehenden, gewundenen Säulchen standen; wie sie das Gesicht mit einer, bald mit bet andern Wange bis zum schmerzhaften Druck gegen die plastischen Gestalten preßte, erfüllt in all ihrem Elend von dem Gefühl des Geborgenseins in der Nähe des freundlichen Wärmefpenders, das ist ein aus tiefstem ursprünglichsten Erleben emporsteigender Hymnus auf ben treuen Freund, ro.e er in ähnlicher Schlichtheit und Ueberzeugungskrast uns vielleicht nur noch aus Mörikes „Altem Turmhahn" entgegentont Freilich, dieser Ofen in der schwäbischen Pfarrei, dieser „gute Hort für Kind und Kegel und alte Leut", auf dem der abgedankte Turmhahn seinen Ruhesitz gesunden, muß ein gar stattliches Kunstwerk gewesen fein, bas sich wie ein großer Münsterbau zur Decke streckte „Mit Schil- bereien wohl geziert. Mit Reimen christlich ausftaffiert", und das, unbeschwert von chronologischen ober anbern Strubeln, im heiteren Nebeneinander Darstellungen aus der biblischen Geschichte und der rheinischen Sage aufwies.
„Ja, das war noch einer jener echten, gemütlichen Kachelöfen aus ben Ruhmestagen bes Ofenhaus, wie er in der deutschen Bürgerstube in feiner Mischung von stattlicher Behäbigkeit und anmutiger Heiterkeit fo ganz am Platze war. Nicht feiten gehörten auch zu ihm die traulichen Kachelsitze zu beiden Seiten und die bei alt und jung, bei Mensch und Haustier gleichermaßen beliebte „Hölle", der Platz hinter ihm, der mit feiner Traulichkeit zum Ofenhocken verlockte, mochte auch das Sprichwort noch fo sehr darüber spotten.
Mit ben Tagen des prunkvollen Barock und des zierlich bewegten Rokoko bringen neue Elemente auch in die Töpferkunst ein, die dem gradlinigen, ruhigen Ausbau des Ofens widerstreben und mit denen sich ehrenvoll abzufinden eine Aufgabe bedeutet, die die höchsten Anforderungen an die Kunstfertigkeit ihres Erbauers stellt. Dann aber kam die Zeit, da sich unser alter Ofen „klassisch" gebärden muhte, eine Kostü- niierung, die ihm im allgemeinen nicht allzu gut bekommen ist und deren Ueberwindung und Rückkehr zu größerer Einfachheit und Zweckmäßigkeit zweifellos eine Erlösung bedeutete.
So hat der Ofen im Laufe der Jahrhunderte gar manche tief einschneidende Wandlung in seiner Gestaltung erfahren; immer aber ist et der Wohlbehagen spendende Freund der Menschheit, zumal in unserem Himmelsstrich, geblieben. In diesem Sinne zählt auch Goethe dankbar einen Ofen ben größten Gütern seines Lebens zu. indem er in einem Brief an Herder einmal schreibt: „Wann Ihr mich lieb behaltet, wenige Gute mir geneigt bleiben, mein Mädchen treu ist, mein Kind lebt, mein großer Ofen gut heizt, fo habe ich zunächst nichts weiter zu wünschen".
Winternacht,
Von Gottfried Keller.
Nicht ein Flügelfchlag ging durch die Welt, Still und blendend lag der weihe Schnee. Nicht ein Wölklein hing am Sternenzelt, Keine Welle schlug im starren See.
Aus der liefe stieg der Seebaum auf, Bis-sein Wipfel in dem Eis gefror. An ben tieften klomm die Nix herauf, Schaute durch das grüne Eis empor. Auf dem dünsten Glase stand ich da, Das die fchnEHk.'Tiese von mir schiev; Dicht ich unter Minen Füßen sah Ihre weiße Schönheit Glied um Glied. Mit ersticktem Jammer tastet fie An der harten Decke her und hin," Ich vergeh bas dunkle Antlitz nie^ Immer, immer liegt es mir im Sinn.
Die SikvestergioMen.
Von Charles Dickens.,
(Schluß.)
Abermals hörte Trotty die Stimmen sagen: „Folge ihr!" Er wandte sich nach seinem Führer um und sah, wie dieser sich in die Lust schwang. „Folge ihr!" sagte er und verschwand.
Trotty schwebte um sie her, setzte sich zu ihren Füßen nieder, blickte zu ihrem Gesicht auf, um auch nur eine einzige Spur ihres früheren Aussehens zu finden, und lauschte auf einen Ton ihrer alten lieblichen Stimme. Auch das Kind umwandelte er — es war so abgezehrt, fo frühalt, fo schrecklich in feinem Ernst, so kläglich in feinem schwachen, traurigen Wimmern. Er betete es beinahe an; er klammerte sich an das kleine Geschöpf als ihren einzigen Schutz, als das letzte lebendige Glied, das sie noch an die Welt fesselte. Er setzte seine Vaterhoffnung, fein ganzes Vertrauen auf dieses hinfällige Kind, bewachte jeden ihrer Blicke, als sie es in ihren Armen hielt, und rief zu taufend Malen:
„Sie liebt es! Gott fei Dank, sie liebt es!"
Er war Zeuge, wie die Frau sie nachts pflegte und zu ihr zuruck- kehrte, fabalb ihr brummender Mann jchüef und alles still war, um ihr Nahrung zu bringen, sie zu ermutigen und mit ihr zu weinen. Der Tag kam und bann wieder die Nacht — abermals ein Tag und wieder eine Nacht; die Zeit entschwand. Das Haus des Todes entledigte sich feines Toten, und das Zimmer blieb ihr und dem Kind überladen. Er hörte es stöhnen und meinen; er sah, wie es die Mutter quälte und ermüdete — ja, die vor Erfchöpfung kaum Eingefchlummerte wieder wachrief und fie mit feinen kleinen Händchen auf der Folter erhielt. Aber sie biieb ausdauernd, sanft und geduldig. Geduldig! Sie war seine liebende Mutter von ganzer Seele und ganzem Herzen, und fein Leben war mit dem ihrigen fo verknüpft, als sei es noch nicht geboren.


