Geheim Zamilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Z rhrgang <929 Freitag, den i8. Januar Nummer 5
Die Sorglichen«
Von Gustas Falke,
Im Frühling, als der Märzwind ging, als jeder Zweig voll Knospen hing, da fragten sie mit Zagen: Was wird der Sommer sagen?
Und als das Korn In Fülle stand, in lauter Sonne briet das Land, da seufzten ste und schwiegen: Bald wird der Herbstwmd fliegen. Der Herbstwind blies die Bäume an und liest auch nicht ein Blatt daran. Sie sahn sich an: Dahinter kommt nun der böse Winter.
Das war nicht eben falsch gedacht, der Winter kam auch über Rächt, die armen, armen Leute, was sorgen sie nur heute?
Ste sitzen htnterm Ofen still und warten, ob's nicht tauen will, und bangen sich und sorgen um morgen.
Der Dreher.
Novelle von Max S i d a w.
Der alte Dreher, der jeden Sonntagnachmittag den Spaziergängern am. Faste des Schloßberges sein? kläglichen Melodien vorwalzte, hatte alle Merkmale eines romantischen Leierkastenmannes. Eine verkümmerte Hand, die für kleine Gaben dankend zum schattigen Huke emporsalutierte, einen steingrauen, filzigen Bart, ein Holzbein, mit dem er mühsel g am Abend durch die Gassen stelzte. Außerdem roch er beständig nach Fusel und trug stets die verbeulte Schnapssflasche im flickenbesetzten Rocke.
Er war alt wie die Lieder seiner verst mmten Drehorgel, von denen niemand mehr wußte, wann sie einmal in Mode waren. Nur durch ihn sanden sie noch ein kümmerliches Leben. Die gute Zeit des alten Mannes war längst vorbei. Damals spielte er noch zu jeder Kirchweih, zu jedem Feste auf den Dörfern, und jeder Tag stand ihm frei, um aus Straßen und in Höfen feine Walzer zu leiern. Jetzt konnte er kaum weiter als bis zum Schloßberg humpeln, und die Polizei hatte ihm nur einen Wochentag erlaubt, an dem er für Bettelpfennige die Walzen drehen konnte. So war er immer mehr verkommen. Nun kümmerte es ihn schon nicht mehr, wenn die spottfrohe Schuljugend ihn hänselte, ihm Steine in den Teller warf oder ihm einen hohnvollen Vers sang. Das nahm er jetzt nur wie eine Rinde Brot. Das war ihm ebenso Gewohnheit geworden wie das Wort „Dreher", mit dem man ihn rief.
An einem Sonntag im Frühling stand er müde an feinem alten Platze und leierte. Und wieder waren Gassenjungen um ihn, die zu einer seiner Melodien den Spottreim gröhiten:
„'N Dreher sein' Orgel ist krumm und lahm und hinkt aus einem Bein.
Das kommt, weil sie nichts zu essen bekam, er selbst schläft vor Hunger kaum ein -.."
Dabei kamen drei junge Burschen, alle miteinander tose Vögel in Festtagslaune vorbei. Sie wollten den Berg hinauf zum Tanze, der heute just im Saale oben wirbelte. Der alte Invalide schien ihrem lieber- mute eine rechte Befeuerung geben zu können. Sie waren kaum bei ihm, da schlug der eine vor: „He, wir wollen den Dreher mit in den Saal nehmen, das gibt einen Spaß!" Die andern beiden waren munter dabei, so redeten sie alle drei auf ihr Opfer ein. Der Leierkastenmann mochte sich sperren soviel er wollte, als sie eine Mark in die verrunzelte Hand drückten, und sich der Keckste erbot, die Drehorgel den Berg hinaufzutragen, konnte er der Lockung n:d)t widerstehen: denn oben gab es Schnaps für ihn, wie er wohl wußte So hinkte er bald schnaufend dem Lachen und Gedudel der ausgelassenen Burschen hinterdrein, die steilen Serpentinen empor.
Auf der Höhe war ein heiteres Gewimmel. In der Wirtschaft, die in neuerer Zeit auf den Ruinen eines mittelalterlichen Schlosses erbaut worden war, drängten -sich die Frülingrmenschen. Auch an den Tischen auf dem weiten Rasenplatze war kaum noch ein freier Stuhl zu finden. Als die seltsame Schar mit dem Leierkasten voran und dem keuchenden Alten als Beschluß in den Kranz der Gäste einbrach, schlugen
Gelächter, Johlen und Verwunderung ein buntes Rad Auf dem Tanzboden völlig gab es ein endloses Kreischen und Schreien um den Zug der Spaßmacher. Zuerst wurde ein Umgang über Stühle und Bänke veranstaltet. Sann, als der Tumult in vollstem Wirbel lärmte, sollte der Tanz nach den Walzern der Drehorgel beginnen.
Die Musikanten, die erst belust.gte, dann unwillige Gesichter schnitten, wurden rasch mit einigen Runden Bier besänftigt Selbst der Wirt schmunzelte zu dem Unfug, da er sich davon gute Geschäfte versprach. Dazu waren die drei jungen Leute mit jedem bekannt und befreundet, wie es bei solchen Allerweltskerlen zu fein pflegt, jo daß niemand an ihrem Treiben Anstoß nahm. Den Dreher hatten fröhliche Kumpane, in eine Ecke gezogen, wo sie ihn mit Branntwein traktierten
Inzwischen hatte der Tanz den wirren Menschenknäuel gelöst. „Nun mal das Dreherlied!" schrie einer aus der Menge. Der junge Hans Uebermut, der noch immer über seinen hellen Sommeranzug den schwarzen, fettigen Riemen des Leierkastens trug, begann sofort mit dem Walzer, auf den man den Spottvers gedichtet hatte und sang dazu mit durchdringender Stimme. Gleich fielen alle ein und walzten summend oder gröhlend über die Bretter, „’n Dreher fein' Orgel ist krumm und lahm ..Das klang wirklich, als ob ein ganzer Chor von Wimmer- schachteln auf einmal losheutte.
Der alte Invalide, vom Alkohol und dem Gefühl solcher Ehrung berauscht, ließ sich auf einen Stuhl heben, schlug wild und ungeschickt m t seinem Krückstock den Takt und zitterte mit unsicher knarrender Stimme den Spottgesang mit: ,,... er selbst schläft vor Hunger kaum einei-hel-heln." Das vollends ließ den Staubach der Tollheit über« schäumen.
Inzwischen machte der eine der drei Anstifter die Runde im Saal, sammelte mit seinem Hute für den stelzbeinigen Drehorgelspieler ein und schüttete dann einen ganzen Haufen von Kupfergeld und auch größeren Münzen vor ihm hin. Immer noch jammerte der Leierkasten den verstimmten Walzer: „'n Dreher sein' Orgel ..."
So ging es eine ganze Weile, bis zuerst die Tanzjungfern, dann auch viele der jungen Burschen des Tumultes müde und überdrüssig wurden, Rufe nach den Musikanten erschallen, und auf einmal das dröhnende Blech und der Schlag der Pauke den Lärm überlärmten.
Der Spaß war nun bald wieder vergessen. Das Interesse am Dreher versiegte, zugleich auch der Scbnaps, der ihm gespendet worden war. Freilich mochte der alte Mann jetzt voll genug sein: denn als er wieder seinen Kasten schulterte und den Saal seiner Seligkeit verließ, wankte er bedenklich unter der Last. Das war kein Humpeln mehr, kein Fallen vom Holzbein auf den nachschleifenden gesunden Fuß. die Welt, durch die er lallend schwankte, drehte sich ihm recht bedenklich im Kreise.
Der Ort, zu dem der Invalide hintorkelte, lag abseits von den Wegen, die vielfach die Anlagen des Schloßberges durchschnitten. Das Gemäuer fiel hier noch am steilsten zu dem halb verschütteten Graben ab, in dem Schlehdornhecken und wilde Kirschen weiße Blütenhüge! wölbten. Aus den Steinritzen quoll junges Grün, Grasbüschel und Löwenzahn mit ersten Goldkrönchen. Unten überzog der frische Rasen ein paar nieder- gefallene Mauerblöcke.
Der Dreher streckte sich trällernd in der Wonne seines Rausches. Er spürte den Boden nicht mehr, auf dem er tag. Nebelhaft kam ihm die Empfindung, irgendwo in der Luft zu schweben, vielleicht auf Wolken oder den Dufthauch.en der Blütenbüsche. So sank er immer tiefer in Dämmerung und Schlaf. Zuerst nickte sein Kopf auf die Brust herab, dann fiel der Arm, der sich auf den Kasten gelehnt hatte, nieder. Ohne Stütze glitt schließlich der Leib ins Gras, der Kopf schlug auf die Orgel auf, dann lag auch er im Rasen.
Letztes Sonnengold glühte in die Träume des Schlummernden hinein und verklärte fein Antlitz, das immer kindlicher in feinen Runzeln wurde. Welche Gesichte mochte es schauen? Welches Glück stieg darin aus entfremdeter Vergangenheit auf und bot dem elenden Krüppel verschwenderisch Wunder über Wunder? Gewiß gingen die Lieder der Jugend durch seinen Schlaf, die alten Walzer, die er jahrzehntelang kümmerlich geleiert hatte, die aber einmal vollen Klang, berauschende Fülle und zärtliche Lockung längst verschollenen Menschen tönten. Nun wieder jung, wie in vergessener Zeit, fangen sie durch seinen Traum, sch'angen zauberische Reigen der Besellgung um ihn. Und so reich, so beglückend und jubelnd tanzten die Lieder um ihn, daß fein Leib sich ihren Schwingungen entgegendehnte, seine Hände sich lösten und auftaten, um all die Geschenke gütiger Gesichte zu empfangen.
In diesem Augenblick fühlte der alte Drehorgelspieler keine Schwere mehr, er schwebte wirklich, gesund, leicht und blühend jung seinem seligen Traume zu.
Am andern Morgen fand der Wirt vom Schioßberg den alten Dreher tot im Wallgraben. Der Trunkene war von der hohen Mauer herab in die T efe gestürzt und mit dem Schädel auf einen großen Ste!nblock aufgeschlagen.


