Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Drühl'sche Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Giehe"-
einigen ließ, mit dem Hinweis auf dir unbedingte Hörbarkeit der vier musikalischen Wagenrädchen.
Aber er sollte sich verrechnet haben. Mutter Schulzen hatte sich diesmal unheimlich beeilt, denn sie traute Gottlieb nicht und wollte ihn über- raschen. Auch hatte sie unterwegs eine Speckschwarte gefunden, und da sie so schmutzig war, daß sie sich auch beim schwersten Nachdenken nicht für die Küche verwenden ließ, hatte Mutter Schulzen damit ihre vier lustigen Wagenrädchen eingeschmiert, aus daß sie besser liefen So kam es, daß sie heute ohne Lluietschmusik ins Dorf einzog. Kein Hund nahm diesmal Notiz von ihr. Sie schob das Wäglein leise durch das schiese Hostor, schlich auf den Strümpfen über die ausgetretenen Ziegelfliesen des Hausflurs und öffnete vorsichtig die Hintertür, ihren Gottlieb zu visitieren, ob er auch getreulich seines Amtes waltete.
Als sie aber die vielen Kinder erblickte, die teil» auf, teils über der Erde ihrer äpfelmordenden Tätigkeit mit Eifer und Lautlosigkeit oblagen, da entfuhr ein schrecklicher Kreijchton ihrer Kehle. Zorn und Wut stießen ihr das Blut zum Herzen, daß sie sich an die Wand lehnen mußte, um Atem zu schöpfen. Puterrot wurde ihr Gesicht, und sie krallte mit den dürren Fingern in der Lust herum, als wollte sie Fliegen fangen.
Kathrina Krause war die erste überm Zaun. Die andern Mädchen Soben schreiend nach allen Seiten ins neutrale Gebiet. Und daß sie iutter Schulzen entsliehen lassen mußte, warf neues Oel ins Feuer ihres Grimms. Sie strebte nach einer Stange, allein die Glieder gehorchten ihr nicht. Unterdessen plumpsten die räuberischen Jungen an den glatten Aststützen vom Baum herunter ins hohe Gras hinein wie die reifen Kürbisse von der Dachtraufe und suchten das Weite wie Ratten aus der Falle.
Gottlieb war der letzte, schweren Gewissens und mit Hangenden Ohren krabbelte er langsam den krummen Stamm herunter. Fort lief er nicht, denn Mutter Schulzen hatte sich inzwischen erholt und fing ihn weid- Öab. Dann bekam er eine Prügelsuppe zu kosten, die ihm den t nach Aepfeln auf acht Tage verdarb.
' Die andern verklagte sie nach den Ferien beim Lehrer, der es aber mit einer kräftigen Ermahnung genug sein lieh, denn des bösen Volks war gar zu viel.
Gottlieb zog sie seitdem die Zügel straffer an. Er mußte mit aufs Feld und arbeiten wie ein Großer, daß ihm ost vor Anstrengung die Hellen Tränen über die Backen kollerten. Im Winter durste er nicht hinaus aufs Eis, weil Kleidung und Schuhwerk geschont werden muhten. Damit er aber im Hause nicht Langeweile hatte, setzte ihm Mutter Schulzen einen beträchtlichen Topf mit Gänsefedern vor die Nase, die er mit vieler Mühe und mit angehaltenem Atem von den kitzelnden Kielen säubern sollte. Es kochte in seinem Innern ein Vulkan, und doch durste er sich weder durch Heulen von seinem Schmerz, noch durch Schnauben von seiner Entrüstung befreien. Denn bei dem geringsten Luftstoß flogen die Federhäufchen, die vor ihm auf dem Tische lagen, in alle vier Himmelsgegenden der Stube, und Mutter Schulzen griff wie gewöhnlich hinter den Ofen nach dem hölzernen Racheengel. Waren die Federn alle aufgeschlissen, suchte Mutter Schulzen das Spinnrad hervor, und Gottlieb mußte treten und den Faden drehen, obgleich er sich vorgenommen hatte, gleich am ersten Tage daran zu sterben, so groß deuchte ihm diese Schmach.
Kam das Frühjahr, plagte sie ihn mit der Aufzucht der jungen Gänse. Solange sie noch gelb und niedlich waren, fand er es ganz unterhaltsam, als sie aber mit den Wochen grau und schmutzig wurden und das Bestreben zeigten, ihrem eigenen Schnabel nachzugehen, wandte sich sein Herz von ihnen ab. Leichtsinnig lieh er sie auf dem Anger und den angrenzenden Ländereien laufen, wohin sie mochten, und vertrieb sich die Zeit in angenehmerer Gesellschaft, besonders mit Kathrina Krause, die er einmal, als man die beiden neckte, ganz öffentlich für seine Braut erklärte. Sie war auch vollständig damit einverstanden, und die andern hatten nun erst recht Grund, sie zu foppen. Gottliebs Verlobung ging im ganzen Dorf herum, man lachte ein wenig, fand aber an dem jungen Brautstand nichts auszusetzen, da er nicht über seinen Stand gewählt hatte. Denn Kathrina Krauses Eltern waren arme, mit vielen Kindern gesegnete Taglöhnersleute, denen eine Verbindung , mit Mutter Schulzen weder Ehre nahm, noch Ehre gab. Zum Glück aber kam es nicht zu ihren Ohren.
Immer steckten die beiden beieinander. Sah man Gottlieb irgendwo, war Kathrina nicht weit davon. Vielleicht schon hinterm nächsten Baum. Immer hatten sie sich hunderterlei zu erzählen. Am Küssen aber fanden sie noch gar keinen Geschmack, das überließen sie den großen Leuten.
Dabei konnte Gottlieb natürlich kein Auge auf seinen schnatternden, Nimmersatten Peinigern haben. Und als er sie eines Tages Heimtreiben wollte, waren sie nirgends zu finden. Gleich dachte er sich das Schlimmste, dpM der Gänsejahrgang war diesmal weniger klug als früher geraten. Im Verein mit Kathrina Krause, die treu bei ihm aushielt, forschte er das Dorf entlang nach den Verschwundenen, bis er endlich die traurige Kunde erhielt, daß der Bauer Thielscher sie in seinem Hafer erwischt und eingetrieben hätte. Für jede Gans fünfzig Pfennig Strafe, eher gäbe er sie nicht heraus. Gottlieb zog vor seiner Mutter Haus wie einer, der alle Hoffnungen verabschiedet hat. Kathrina Krause hielt ihn an der Hand und sprach ihm Mut zu. Aber Gottlieb war über sein Schicksal im klaren.
Doch Mutter Schulzen fuhr ihm nur in die braune Perücke, schüttelte feinen Kops daran dreimal hin und her und schlug ihm die Tür vor der Nase zu. Er solle sich nicht eher unterstehen wiederzukommen, bis er die Gänse zurückgebracht hätte. Wenn ihn Kathrina Krause nicht fest bei der Hand gehalten hätte, er wäre mindestens bis an den Nabel ins Wasser gegangen, um sich das Leben zu nehmen. Fortwährend schwatzte sie auf ihn ein. Er sollte zum Bauer gehen und ihn bitten. Das wollte Gottlieb durchaus nicht. Dann wollte sie für ihn bitten. Das wollte er erst recht nicht leiden. Dann wollten sie bei dem Bauern soviel Gänse zurücklassen
wie die Strafe ausmacht. In der Dunkelheit zählte Mutter Schulzen doch nicht genau nach. Das wollte Gottlieb versuchen.
Als sie aber vor dem Hause standen, da schlug das Meer feiner Schmerzen über ihm zusammen. Er setzte sich auf die Schwelle der Haus, tür, stützte die Ellenbogen auf die Knie und das Gesicht in die Hände und fing ganz erbarmungswürdig an zu schluchzen. Jämmerliche, herzzerreißende Töne stieß er in die milde Sommerabendluft hinaus, so laut und durchdringend, daß die Hunde im weiten Umkreise beunruhigt wurden. Kathrina Krause quoll es warm von ihrem Herzchen herauf nach den ? Augenlidern zu. Das echte, tiefe Leid ihres Freundes rührte sie so sehr, daß sie sich neben ihn auf die Türschwelle niederließ und ihm heulen hals. Und dadurch wieder wurde Gottlieb ermuntert, in seinem tränenfördern- j den Tun eifriger als bisher fortzufahren. Und auch die Gänfe, die feine I Stimme kannten und in der Nähe hinter dem Gitter faßen, meldeten ' ihre Trauer über die schmachvolle Gefangenschaft durch lautes Geschnatter und gellende Gigackstöße.
Einige Nachbarsleute liefen herzu und fragten, was es gäbe. Aber Gottlieb und Kathrina konnten sich vor Tränen nicht lassen und ftatf zu reden, heulten sie nur noch stärker. Das dauerte eine ganze Stund«. Dann ließ der Bauer Thielscher die Gänse ohne Strafgeld heraus, denn er war kein Unmensch und wollte zu Bette. Und da er ein feines Gehör, aber nur eine einzige Nachtmütze hatte, war das Deffnen des Gänse haltenden Gitters die einzige Möglichkeit, von dem ruhestörenden Lärm befreit zu werden.
Diesmal bekam Gottlieb keine Schläge, und er versprach am nächsten Tage Kathrina Krause, sie später einmal bestimmt zu heiraten. Aber sie lachte nur darüber und gab ihm einen kleinen Klaps auf den Arm. Doch von jetzt an sorgte sie für die Gänse und trieb ihnen das Gelüst, nach Thielschers Hafer brandschatzende Streifzüge zu unternehmen, gründlich und endgültig aus.
Immer fester spann sich das Band zwischen den beiden. Beim Weiden- schälen, das zwischen Ostern und Pfingsten auf dem Dorfanger vor sich ging, sahen sie dicht nebeneinander im Grase und zogen wetteifernd die biegsamen Ruten durch die ©raffe, daß sie ihr grünes Fell lassen mußten. Und wenn Gottlieb des Abends zu wenig Geld nach Hause brachte, so war er nicht etwa faul gewesen, sondern er hatte Kathrina Krause ein wenig geholfen, daß sie beim Korbfabrikanten immer das Doppelte und Dreifache abliefern konnte, wenn er mit feinem Wagen aus der Stadt kam.
Mutter Schulzen kam dahinter und störte mit rauhem Griff das zarte Verhältnis: Gottlieb durfte nicht mehr Weiden schälen, sondern mußte die Hammelherde des Schlächtermeisters Trillemann aus der Vorstadt aus ; die Stoppeln treiben. Aber Kathrina Krause hielt auch da zu ihm, schlich zu ihm hinaus, wärmte sich an seinem Feuerchen die erstarrten Finger und briet ihm in der heißen Asche duftige Kartoffeln, die ihm besser schmeckten als Honigkuchen und Marzipan. Dann schlichen sie in den Busch und sahen die Sprenkel nach, ob sich darin ein Vogel gefangen hatte, oder nach dem nahen Teiche, um die Angeln zu untersuchen, die Gottlieb dort klüglich und mit List dem Flossenvieh gestellt hatte.
Am Abend gingen sie engumschlungen hinter der blökenden Herde her durch die kühle Dunkelheit des Herbstes. Und an einem solchen Abend war es auch, daß ihr Gottlieb mitten auf den Mund den ersten Kuß gab. Sie hielt mit geschlossenen Augen still und drückte sogar ein wenig wieder, woraus Gottlieb schloß, daß ihr das Küssen wohl nicht mehr so greulich vorkam. ,
Den Winter über trafen sie sich nur noch in der Schule. Gottlieb mußte sich zum letzten Male durch sechs große Federtöpse und einen riesengroßen Flachsberg hindurcharbeiten. Ostern wurde er aus der Schule entlassen.
Nun war er erwachsen, und die Freiheit winkte ihm. Mit Kathrin» Krause kam er dadurch auseinander, denn sie mußte noch ein Jahr zur Schule gehen, und er hielt es für unter seiner Würde, mit einem Schulmädchen jetzt noch bekannt zu fein. Er grüßte sie nur von oben herab, und sie sah ihm betrübt nach, wischte sich mit dem Schürzenzipfel über die Augen und ließ die Mundwinkel hängen. Seitdem lernte sie nichts mehr in der Schule, wurde widerspenstig, daß der Lehrer eine wahre Last mit ihr hatte.
Mutter Schulzen war der unerschütterlichen Ueberzeugung, daß der Mensch nur zum Geldverdienen auf der Welt sei, und daher sollte Gottlieb sofort nach der Stadt, um sich in einer der vielen Fabriken Arbeit zu suchen, Gottlieb aber konnte das durchaus nicht verstehen. Mutier Schulzen starrte ihn an wie einen Wahnsinnigen. Es war ihr in dem Sohn ein neuer Fernand erwachsen, nur ein ungleich eigensinnigerer. Zu schlagen wagte sie ihn nicht, denn wie sie im Laufe der Jahre an ihrer übermäßigen Arbeitssamkeit zusammengeschrumpft war, so war er aufgeschossen, daß er sie bald um Haupteslänge überragte. Auch war ihr Arm schwächer und sein Fell derber geworden. Kurz und bündig erklärte er ihr, in die Fabrik ginge er nicht, denn da könne man mch» Vernünftiges lernen, stülpte sich die Mütze auf den kugelrunden Kopf uno lief zum ersten besten Zimmermeister, dem er seine Dienste antrug.
Mutter Schulzen aber sank wehklagend auf die Ofenbank uni) jammerte über ihren ungeratenen Sohn. Von dem Tage an gingen sie stumm aneinander vorbei und sprachen nur das Allernotwendigste.
Gottlieb lernte Säge und Beil handhaben, die Arbeit war ihm eine Lust. Ein Haus unter Dach und Fach bringen, darin fand er doch wenigstens Sinn und Verstand, das war das Gegenteil von dem hastendes zwecklosen Geldzusarnrnenscharren seiner Mutter.
Die wurde schwächer und schwächer, Gottliebs bodenloser Leichtstn hatte ihr ein Stück vom Herzen gerissen. Denn sie liebte ihn, wie n eine Mutter lieben kann, nur daß sie es ihm nicht zeigte. Und das um so gefährlicher in einer Zeit, wo er Kathrina Krause ganz uno g vergessen hatte.
(Schluß folgt.) _______
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