auch dieser kühne Traum der Forschung erfüllt sein wird. Schon heute ehen wir, daß die winzigen Mengen radioaktiver Stosse, die in der festen Erdkruste in Uran- und Thormineralien vorkommen, der Chemie und Physik, der Geologie und der praktischen Heilkunde von unschätzbarem Nutzen sind.
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Das Atom, dis Kraftquelle der Zukunft?
Von Professor Dr. OttoHahn,
Direktor des Kaiser-Wilhelm-Jnstituts für Chemie, Berlin-Dahlem.
Dis Entdeckungsgeschichte der radioaktiven Substanzen ist wohl ein Schulbeispiel dafür, wie sich aus einer unscheinbaren, fast zufälligen Beobachtung durch folgerichtige Weiterforschung eine kaum Übersehbare Fülle neuer Erkenntnisse von allergrößter Tragweite entwickeln kann.
Als vor etwa einem Menschenalter der französische Physiker Henri Becquerel die Beobachtung machte, daß gewisse Uransalze im Stande smd in schwarzes Papier lichtdicht eingehüllte photographische Platten durch das Papier hindurch zu schwärzen, konnte er schwerlich ahnen, daß ec mit dieser Entdeckung der „Radioaktivität" eine neue Epoche der Naturwissenschaften eingeleitet hatte. Das zwei Jahre später als Folge der Becquerelschen Entdeckung von dem Ehepaar Curie (1898) ausge- wndene radioaktive Element Radium zeigte die neuartigen Erscheinungen der Radioaktivität aber in so drastischer Weise, daß diese Entdeckung eine Sensation für die ganze naturwissenschaftlich interessierte Welt wurde. Die weitere Entwicklung des neuen Forschungsgebiets ging nun lawinenartig weiter. Im Jahre 1903 wurde von Rutherford und Soddy die berühmte Atomzsrfallstheorie aufgestellt, die alle die rätselhaften Erscheinungen, die mit dem Radium verknüpft waren, unter einem einheitlichen, allerdings revolutionierenden Standpunkt zu verstehen lehrte: die Atome der radioaktiven Elemente sind nicht stabil, sie zerfallen. Die Umwandlung eines Elements in ein anderes, der jahrhundertelange Traum der Alchimisten, war bewiesen. Dabei verlaufen diefs Elementumwand- lungen unter solch gewaltiger Energieentwicklung, daß wir diese Prozesse mit dem üblichen Rüstzeug des Chemikers oder Physikers in keiner Weise beeinflussen können. v. ...
Eine Begleiterscheinung des allmählichen Abbaues der radwaktwen Atome sind die sogenannten radioaktiven Strahlen, und ihnen ist es zu danken, daß der Nachweis radioaktiver Umwandlungsprozesse so unvergleichlich viel empfindlicher ist, als der gewöhnlicher chemischer oder physikalischer Prozesse. Um nur ein Beispiel zu nennen: Ein Billionstel Gramm radioaktives Blei läßt sich durch seine Strahlung leichter und K nachweisen, als eine milliardenmal größere Menge gewöhnliches ch den Üblichen Methoden des Chemikers. Daher kommt es, daß hier mit den radioaktiven Substanzen — es gibt deren fast vierzig! — Untersuchungen anstellen können, die sich mit den gewöhnlichen inaktiven Elementarstoffen niemals anstellen ließen. Für eine ganze Reihe von Arbeitsgebieten chemischer und pysikalischer Richtung lassen sich diese radioaktiven Methoden mit Vorteil verwenden, und es steht zu hoffen, daß sie nicht nur wie bisher in speziell dazu eingerichteten Laboratorien Eingang finden. m .
Aber die Empfindlichkeit des Nachweises radioaktiver Prozesse gcht noch viel weiter. Die von den Radioelementen ausgesandten Strahlenteilchen lassen sich unter geeigneten Versuchsbedingungen einzeln, jedes für sich, quasi objektiv sichtbar machen und da diese Strahlen mit ungeheurer Geschwindigkeit die radioaktiven Atome verlassen, kann man außerhalb des Atoms die Wirkung dieser enorm brisanten Atomgeschosse studieren. So hat sich in den letzten Jahren durch die Untersuchungen des genialen englischen Physikers Ruthersord der Nachweis erbringen lassen, daß die Strahlenteilchen, wenn sie zentral auf gewisse gewöhnliche chemische Atome wie Stickstoff, Phosphor oder Aluminium u. a. m. ausprallen, diese Atome zertrümmern, Wasserstoff aus ihnen herausschlagen, der dann seinerseits mit ungeheurer Geschwindigkeit das explodierende Atom verläßt. Allerdings find die Mengen von Wasserstoff, die auf diese Weise durcl, künstliche Atomzertrümmerung entstehen, außerordenttich klein; sie wären niemals nachweisbar, wenn die betr. Wasserstofsteilchen nicht die Eigenschaften radioaktiver Strahlen besäßen, sich also als einzelne Atome Nachweisen ließen. So läßt sich berechnen, daß ein Gramm Radium mit allen Strahlen seiner Zersallsprodukte im Verlauf eines Jahres aus dem Aluminium, dem am leichtesten zertrümmerbaren Element, nur einige zehntausendstel Kubikmillimeter Wasserstoff frei macht.
Immerhin hat man aber durch diese künstlich« Atomzertrummerung Kenntnis von Energieansammlungen innerhalb unserer Atomwelt sest- gestellt, die man sich noch vor kurzem nicht hätte träumen lassen.
Die große Frage ist daher, wird es einmal gelingen, solche Atomzertrümmerungen und die damit frei werdenden Energien, in einem größeren Maßstabe als bisher, mit anderen Hilfsmitteln nutzbar zu machen. Verheißungsvolle Ansätze zur Lösung dieses gewaltigen Problems liegen bereits vor. . „ . „ . .
Der amerikanische Physiker Coolidge hat Vakuumröhren konstruiert, in denen sich Elektronen von 300 000 Volt Energien erzeugen lassen. Durch Hintereinanderschalten dreier solcher Röhren konnte er brs au 900 000 Volt gelangen. Wenn die Energie der auf diese Weise erzeugten Strahlen bisher auch noch nicht die Energie der schnellsten Radium- Strahlen erreicht, so ist doch die Anzahl von Strahlen, die sich so her- . stellen lassen, sehr viel größer als die uns das Radium liefert. In den genannten Versuchen entsprach diese Menge der von etwa 150 000 Gramm Radium. Es liegt auf der Hand, welch ungemein wirksames Mittel zur Erforschung des Atominnern man zur Verfügung bekäme, wenn es gelänge, derartig enorme Strahlungen von der zu künstlichen Zertrümmerungen erforderlichen Energie sich willkürlich herzustellen. .
Noch eine andere Möglichkeit kann man denken, die zur Erzielung von solch energiereichen Teilchen erforderlichen extrem hohen Spannungen zu erreichen, und zwar bietet uns die Natur diesen Weg durch die bet Gewittern auftretenden starken elektrischen Felder. .
Versuche, die auf Veranlassung von Nernst auf einem wegen ferner Gewitterhäufigkeit besonders geeigneten Berge in der Schweiz, dem Monte Generoso, in Angriff genommen worden sind, lassen schon jetzt erkennen, daß es auf diesem Wege möglich ist, die technisch erreichbaren höchsten Spannungen bei weitem zu übertreffen.
Wenn wir vorerst auch noch nicht wissen, wie hier die weitere Entwicklung sein wird, so können wir jetzt, kaum dreißig Jahse nach der Entdeckung des Radiums, doch hoffen, daß in abermals dreißig Jahren
Mutter Schurzen.
(Fortsetzung.)
Bog Mutter Schulzen von dem holprigen Pflaster in die von zermahlenem Staub weichgepolsterte Dorfstrahe ein, dann konnte man das greuliche Quartett der gepeinigten Räder ohne störende Nebenlaute in feiner ganzen grausamen Schauderhaftigkeit genießen: das keuchte, nieste, pfiff und zischte, klapperte, schnarrte, knurrte, brummte, grunzte, daß alle Hunde des Dorfes gleichzeitig anfingen aufs tollste zu lärmen und an der Kette zu zerren. Stets war sie vor Schluß der Schule zurück. Danach konnte keine Macht des Himmels und der Erde Mutter Schulzen von ihrem Butterapfelbaum wegbringen, denn die Dorsjugend hat über den Saum, der die ersten Früchte hervorhringt, immer eigenartige Eigentumsbegriffe, ganz gleich, auf welchem Grundstück er zufälligerweise steht.
In diesen schweren Zeiten trieb Mutter Schulzen die lungernden Kinder wohl zwanzigmal des Tages mit wütendem Gekeif von ihrem Zaun hinweg. Doch solange noch ein einziger Apfel an diesem Wunderbaume hing, so lange bewahrte er seine magische Kraft, die Leckermäuler anzuziehen. Doch Mutter Schulzen bewachte ihren Stolz gut. Man sagte ihr sogar nach, daß sie in dieser bösen Zeit des Nachts immer abwechselnd nur auf einem Auge schlafe.
Nicht einmal Gottlieb bekam einen zu schmecken, höchstens daß er einen heruntergefallenen aufheben und ihr bringen durfte. Selbst einen zu essen, wäre ihr wie ein Verbrechen erschienen. Keinen Menschen ließ sie an den Baum heran. Mit vieler Mühe kletterte sie selbst hinauf, um die Aepfel zu pflücken. Doch ihre Knochen wurden mit der Zeit steif, uni) wohl oder übel mußte sie eines Jahres Gottlieb auf den Saum hinauf» schicken. Ein strenger Befehl zwang ihn aber, jeden Apfel, den er in den Korb legte, laut zu zählen. Wehe, er machte eine Pause, oder brachte weniger herunter, als er gezählt hatte, oder er zählte mit undeutlicher Stimme, als wenn er einen Bissen im Hals hätte! Am letzten Schultage vor den Ferien wurde der Baum bis zum letzten Stiel gesäubert und die grünen Aepfel mußten auf dem Boden im Stroh Nachreifen.
Eines Jahres aber wollte das Unglück, daß die großen Ferien zwei Wochen zeitiger begannen als sonst, da in der Familie des Lehrers die Masern ausgebrochen waren. Mutter Schulzen rührte beinahe der Schlag, als Gottlieb die fröhliche Hiobspost nach Hause brachte. Denn der Butter- apfelbaum prangte gerade im Schmuck seiner süßen, reifenden Sastbälle, und ihre städtische Morgenkundschaft durfte sie nicht im Stiche lassen. Also wurde Gottlieb unter den fürchterlichsten Zusicherungen, sofern er fein Amt nicht ordnungsgemäß verwaltete, zum Hüter des Baumes bestellt. Zur Belohnung sollte er nachher einen der heruntergefallenen Aepfel essen dürfen.
Mutter Schulzen guietschte nach der Stadt, Gottlieb setzte sich mit bett besten Vorsätzen unter den Saum, sammelte drei heruntergefallene Aepfel, aß mit Gewissensbissen den vierten und da er ihm ganz außerordentlich gut bekam, die drei ersten hinterdrein.
Währenddessen standen seine Freunde und Freundinnen hinter dem Zaun, und das Wasser lief ihnen im Munde zusammen. Sie flehten mit Worten, Fingern, Händen und Armen, Gottlieb kehrte sich nicht daran. Sie schrien und schimpften wie die Rohrspatzen, Gottlieb drehte ihnen be« Rücken. Sie versprachen ihm alle Schätze ber Erde, Gottlieb verharrte in eisigem Stillschweigen und freute sich seiner Macht. Sis Kathrina Krause kam und mit rührendem Gebettel einen Apfel heischte. Da konnte er nicht länger hartnäckig fein, und reichte ihr einen über den Zaun hinüber. Die andern aber warfen ihr neidische Sticke zu und wollten ihr endlich gar den Apfel entreißen. Gottlieb sah sich gezwungen, einen zweite« Apfel zu opfern. Er ließ ihn in hohem Sogen über den Zaun fliegen, und um seinen Besitz entspann sich ein härteres Kampfgetümmel als um feinen berühmten goldenen Sruder aus dem Altertum.
Unterdessen lockte Gottliebs felsenfeste Zusicherung, daß seine Mutter nicht daheim sei, die kleine lüsterne Kathrina über den Zaun.
Die andern bemerkten es sofort, stutzten einen Augenblick, brandeten in qetoloi ener Masse wie eine Woge an dem Zaun empor und schäumten unter Geschrei und Gekreisch in Mutter Schützens langverschlossenes Gartenreich hinein. ~ A , ...
Gottlieb fand das durchaus nicht in Ordnung, konnte sie aber nicht vertreiben, denn er muhte Kathrina Krause von der höchsten Spitze des Baumes die drei schönen, durchsichtigen Aepfel herunterholen, nach denen ihr begehrliches Zünglein verlangt hatte. Die andern hielten das fürfin Signal der allgemeinen Baumplimderung und fliegen am Stamm und an den Stützen der dreiundzwanzig Aeste in Hellen Schwärmen in die gelbgrüne Krone hinauf. ,
Gottlieb pflückte die drei wunderbaren Aepfel und warf sie Katynna Krause hinunter, die sie geschickt in der Schürze auffing. Dann erhaschte er für sich selbst ein paar von derselben Sorte und sie schmeckten ihm köstlich. Deshalb auch trieb ihn sein gutes Herz, die andern. nicht in dem Genuß zu stören, und er ließ sie aus dem golönen Uebersluh nach Herzenslust brechen, essen und hinunterwerfen.
Der Baum sah jetzt aus wie eine große, grüne, Ijutförmige Torte mit unzähligen gelb glänzenden Mandelkernen, das waren die Aepfel, und vielen blonden und braunen Rosinen, das waren die Kopfe der diebischen $Un®ottlieb aß, was er nur konnte, und er konnte immer sehr viel essen, viel viel mehr, als Mutter Schulzen ihm gab. Er dachte auch an seine Mutter, widmete ihr aber nur ein einziges ganz ganz kleines Gedanklein. Sie war noch weit! Ui.d wenn ihm einer die Besorgnis zurief, ov Mutter Schulzen auch nicht zu bald wiederköme, dann beruhigte er den Zaghaften, so gut es sich mit (einer andauernden Kaubewegung ver-
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