Ausgabe 
17.6.1929
 
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Nirgends hat die Kunstwelt, die wir mit dem Namen Rokoko bezeich­nen, gastlichere Aufnahme gefunden und sich inniger eingelebt als in Deutschland. Im ganzen Umfang der Lebens- und Formgedanken, die sie in Frankreich heraufbefchworen, ist sie in das Haus des Nachbarn über­siedelt und am gründlichsten freundete man sich hier merkwürdiger­weise gerade mit ihren Kernvorstellungen an, in denen wir mit Fug eine ureigene Erfindung des französischen Geistes erblicken: mit den charakteri­stischen Stilgebilden der Innendekoration. Ja, sie fanden in Deutschland weitere Verbreitung, längere Lebensdauer und darum mannigfaltigere

Deutsches Rokoko.

Von Max Osborn.

Als neuer Band derP r o P y l ä e n - K u n st g e sch ich t e" erscheint demnächstDie Kunst des Rokoko (206) von Max Osborn. Nach dem Gesamtpläne des großen Werks fugt sich dieser Band zwischen die Darstellungen derKunst des Barock" von Weisbach und derKunst des Klassizismus und der Romantik" von Pauli ein. Wir geben aus dem Werke Osborns, das mit seinem umfassenden, in dieser Reichhaltigkeit an keiner anderen Stelle gebotenen Bildermaterials das Zeit­alter des Rokoko in ein ganz neues Licht setzt mit Erlaub­nis des Propyläen-Verlages, im folgenden eine Probe:

Wissenschaft ist; eine wissenschaftliche Bearbeitung der Sagen und Sitten, der Lieder und Gebräuche liegt ihm fern. Aber, was er vermag, ist mehr; er versteht es,hineinzuhorchen" ins Volkstum, wie er einmal sagt, und, was er gehört, naturgetreu wiederzugeben. Bezeichnend für Sohnrey ist, daß er in Sammlung und Bearbeitung der landwirtschaftlichen Volks- Überlieferung immer mehr den Menschen der Landschaft ins Auge saht, j daß er ihn schildert und ihn darstellt als typische Gestalt der Landschaft. Sohnrey hat recht, wenn er gelegentlich eines Vortrages im Verein für Volkskunde in Berlin sagte:Ich sehe bei vielen Werken über Volkskunde einen Mangel darin, daß die volkskundlichen Schatzgräber sozusagen nur I die Blätter, Blüten und Früchte des Volkstums einsammeln, fid) aber um den Stamm, der die Früchte trägt, nicht kümmern. So entsteht sein großes volkskundliches WerkDie Sollinger" (2 Bande), das in blut- I vollen Gestalten und Bildern aus dem Volksleben, in Hunderten von I Einzelzüqen das Volkstum des Sollings zeichnet, ein Volkstum, das im Sterben ist. Ein Werk, das feinen Wert behalten wird, auch wenn die volkskundliche Wissenschaft weiter fortgeschritten und neue Einsichten in Wesen und Werden der einzelnen Volksüberlieferung aufgekommen sein werden. Denn diese Bilder sind photographisch genau; diese Gestalten und Ueberlieferungen wirken wie große Naturdenkmäler, die man m der I Heide findet. I

Auf ein Buch darf ich noch besonders Hinweisen, das Sohnrey mit seinem Freunde Kück herausgegeben hat:Feste und Spiele des deut chen Landvolks", 3. Auflage, 1925. Die große Not des Volkes, ferne seelische Verödung, die Not des Landvolkes, das immer mehr fein frohes Spiel verlor, nicht nur durch Preisgabe des Gemeindeangers m der Verkoppe­lung", sondern noch mehr durch Einzug der modernen Stadtkultur, durch kurzsichtige, würdelose Unterschätzung der alten Dorfkultur, veranlaßte Sohnrey zur Sammlung der alten Ueberlieferungen an ländlichen Festen I und Spielen. In einer lesenswerten Einleitung zeigt Sohnrey, wie im I alten Volksfest das innere Miterleben der Feiernden die Hauptsache ist, nichtFressen und Saufen", sondern die Teilnahme am Wledererwachen der Natur, die Freude der Erntezeit, der fromme Sinn des Landvolks, seine sinnige Fröhlichkeit nach sauren Wochen ehrenvoller Arbeit Helmat- sinn und Christensinn in eins verwoben. Lebendige, schöpferische Kräfte des | Volkes äußern sich in feinen Festen und Spielen. Heute aber sitzen die Jungen und die Alten auf dem Lande, statt auf dem Singer zu tummeln, im Wirtshaus; die Volkslieder von den Gaffenhauern verdrängt, die Volks­musik von Musikautomat, dem Grammophon, abgelost. Die Feste sind eine Sache des Dorfwirtes, nicht des Dorfes felbst. Es braucht eine Reform der ländlichen Feste und Spiels in Anknüpfung an die eigene Vergangenheit. Die Turnvereine auf dem Lande, die kirchlichen Vereine, Kirche, Schule und Regierung haben eine, große Aufgabe. Alles, was Freude an der Heimat und Verständnis für deutsches Wesen hat, sollte mithelfen,den papiernen Spielen und schablonenhaf^n Festen auf dem Lande" entgegenzuwirken, die Lust an reformerischer Mitarbeit zu wecken, auf daß wieder eine finnige Fröhlichkeit in die verödeten, aus vielen Wunden blutenden Dörfer unseres Vaterlandes emkehren. Das Buch bringt ein erstaunliches Material herbei; es gibt einen Einblick m den Reichtum, in Tiefe und Gemüt unseres Volkes wie wenig andere Bucher. Wer arbeiten will am Dors, wird sich dies feine, liebenswerte Buch nicht entgehen lassen.

Nicht vergessen werden soll das 1927 erschienene BüchleinDas lachende Dorf". Der Schalk in Sohnrey, von dem feine Freunds im Seminar, seins Spielkameraden im Dorf manches zu erzählen wußten, hat sich hier ein Denkmal gesetzt. Geschichten, Schnurren und Schnaken bringt Sohnrey. Die Geschichten sind erzählt, wie sie das Leben bot, die Schnurren und Schnaken wiedergegeben, so wie sie das Landvolk erzählt. Man sieht an diesen lustigen Anekdoten dem Volk ins Herz: Wie unver­wüstlich es ist in seinem Humor, derb oft in seiner Steuerung, aber immer gesund, nichts von der lüfteten und schmutzigen Art des Witzes, wie sie großstädtische Literatur und Bühne kennt. In diesen Schnurren und Schnaken schaut man hinein in die Tiefen der Volksseele. Hinter allem Humor spürt man die tiefe Frömmigkeit, aus der allein die Ver- föhnung mit dem Leben, feinem Leid und Kamps, feiner Brüchigkeit und Zwiespältigkeit erwächst.

Wenn Sohnrey eins lehrt, dann ist es dies, daß keine volkserziehs- rifchs Arbeit auf dem Lande möglich ist ohne gründliches Verständnis des Landvolks, ohne Fühlung mit dem Lande felbst; ohne daß fte vorstoßt jum Zentrum des Lebens, dahin, wo die Ouellen des Lebens, Die Quellen des Volkstums rauschen.

Entwicklung als In Frankreich selbst. Man griff die neuen Ideen, die über die Grenze sprangen, mit Leidenschaft auf, aber in jenen glücklichen Zeiten, da alle künstlerische Schöpferarbeit, auch die bescheidene, noch mit dem Boden verbunden blieb, wurden die fremden Anregungen sofort in dies organische Getriebe einbezogen. Das Rokokoornament machte um merkliche Wandlungen und Fortbildungen durch. Seine Formen lernen sogar deutsche Mundarten. Sie reden anders in Süddeutschland, anders am Rhein, anders in Berlin und Potsdam, und selbst französische Mei­ster die nach Deutschland berufen werden, geraten unversehens unter das - natürliche Gesetz, das sich hier auswirkt. So geschah es bei den Wittels- | bachern in München, so am kurfürstlichen Hof zu Köln. Die Ziersprache i des Rokoko verliert dabei mitunter etwas von der Präzision und der ge- | wissenhaften Durchbildung im Detail. Sie erscheint dann wohl Willkür- I sicher derber und oberflächlicher, mehr auf schwungvolle Gesamtwirkung ' als auf Anmut im einzelnen bedacht. Doch auch wo dies der Fall ist, werden wir wunderbar entschädigt durch den erstaunlichen Reichtum und die spielende Ausnutzung der Motive, durch die phantafievolle Erweite­rung und Steigerung ihrer Möglichkeiten. Ein ganzes Gebiet, das sich in Frankreich dem Rokoko spröde verschloß: die Kirche, öffnet ihm in Deutschland weit das Tor. Mit ihr, mit den Fürsten, mit den Adligen, nimmt zugleich das Bürgertum lebhaften Anteil an der Bewegung.

In den wesentlichen Punkten aber haben wir den gleichen Verlauf vor uns wie im Ursprungslande des europäischen Zeitstils. Auch in Deutsch­land geht die Befreiung, Erleichterung, Entfesselung der barocken Orna­mentik schließlich Hand in Hand mit der neu erwachten Neigung zur An­tike um mit ihr zusammen, aus einem uns nicht mehr ohne weiteres ge­läufigen Gemeinschaftsgefühl, dem Ruf des Jahrhunderts zu Natur und ^Einfachheit zu dienen, um später freilich in scharfen Gegensatz zu der Schwester zu geraten und schließlich von ihr, der mächtiger gewordenen, des Landes verwiesen zu werden. In der Architektur kommt dies Zu­sammenwirken oft in der bekannten Formel zum Ausdruck: außen Klas­sizismus, innen Rokoko. Doch auch hier heben sich die deutschen Verhali-

I nisse nicht unbeträchtlich von den französischen ab. In Frankreich fuhrt eine gerade Linie der Entwicklung zur Antikenverehrung des Louis XV. In Deutschland war ein Umweg zurückzulegen. Hier war m den ersten Jahrzehnten nach 1700 noch der italienische Einfluß mächtig, der schon im Zeitabschnitt zuvor eingerückt war und die schweren, auf Wucht und Pathos bedachten Formen eingeführt hatte. Jetzt tritt namentlich das , römische Barock in den Vordergrund. Die deutsche Phantasie entzündet sich ; an der starken Bewegtheit, dem üppig quellenden Formenreichtum, den vielfältigen, aller Gemessenheitsregeln spottenden Schwellungen uno Sam schlingen des Stils. Er breitet sich naturgemäß vor allem im südlichen ( Deutschland, in Oesterreich und Bayern aus, wo man von jeljer über Die . Alpenpässe hin lebhaften Ideenaustausch mit Italien unterhalten hatte.

| Aber er drang auch in das Nordgebiet ein, wo er nun wieder mit nieder­ländischen Einflüssen zusammentraf.

Das römische Barock erfährt indessen auf diesen Wanderungen man­cherlei Schick ale. War es einst von italienischen Architekten, Dekorateuren, Stukkateuren und sonstigen Handwerkern importiert worden so wurde es nun von der breiten Front der bedeutenden Künstlerpersonlichkeit-n

I aufgenommen, die plötzlich in Deutschland wie durch einen Zauber aus dem Boden stieg. Von diesen einheimischen Kräften wird ber ans der Fremde stammende Stil durchaus selbständig, mit großer Sicherheit be­handelt und umgemodelt. Dabei macht sich schon frühzeitig eine Einwir­kung der künstlerischen Freiheitsbewegung geltend die seit des Iap hunderts Beginn wie auf höheres Geheiß allenthalben gart unb R in Frankreich im Geschmack der Rögenee durchsetzt. Die schweren Barock- formen werden auch in Deutschland leichter, beweglicher, m den Biegun­gen und Krümmungen der Bauglieder kühner, graziöser. Manche Sun t- betrauter ziehen eine scharfe Scheidelinie zwischen den architektonischen Erzeugnissen dieser Jahre und den späteren, die m,t ihnen verwandt e - scheinen - zwischen den auf- und abwogenden, gezwungenen, malen sehen Bildungen, die wir jetzt antreffen, und den Schmuckgedanken de- eigentlichen Rokoko. Es ist richtigi die spezifischen Merkmale ber R°k° m Dekoration fehlen noch, von Muschel-, Ranken- und Gitterwerk v°m Genre rocaille" ist etwa an Pöppelmanns Dresdener Zwinger n ch keine Rede. Jrn strengen Sinne gehören diese Bauwerke zweifellos noch unter den älteren Begriff der Barockkunst sie [mb Darum auch imRahnM der Propyläen-Kunstgeschichte von W. Weisbach bereits behandel1 wor­den (vgl. Bd. XI). Mir scheint indessen, wir können auch bei un|er« Uebersicht nicht ganz darauf verzichten, an sie ruruckzudenken; dennje läuten in Deutschland mit vernehmlichem Klang Das Zusammenwirken verschieDenartiger künstlerischer unD geistiger Strömungen em. Das Dem Zeitalter Des Rokoko sein Gepräge gibt. Um so mehr, da bald neben dem römischen auch das französische Element ferne Forderungen anmeldei, wobei es zunächst, seiner Natur nach, sich den Jnnenraum unterw,rst.

So kommt es, daß Die erwähnte Formel: außen Klassizismus, >nnm Rokoko, für Deutschland durchaus nicht in Dem Maße mächtig wir» w für Frankreich. Sie ist gewiß auch hier oft entscheidend " dem u fang, in Dem Das französische Element seine Einflußsphäre erwe t, schließlich Die Alleinherrschaft zu gewinnen. Indessen, sie ist mq Regel. Sluch in Den späteren Jahrzehnten nicht. Denn nun deg °> i ) in'Deutschland etwas, was in Frankreich undenkbar mar. Das Iw : fand den Mut, gelegentlich von innen nach außen zu dringen aw : der Fassade das Zeichen seiner eigentümlichen Schmuckwelt aufzupsms j( Wo dies aber geschah, wird unverkennbar wiederum an jene erm nungen des späten Barock angeknupft die Beziehung, die zM^ dem Dresdener Zwinger und Schloß Sanssouei besteht, spridst d ^ genug. So schließt sich der Kreis. Das Schicksal der deutschen Arq unseres Zeitraums wird gleichermaßen von einer sabelform gen Wicklung bestimmt, deren Motive fugenartig sich ablosen um) e|V verdrängt werden. Bis die antikisierende Anschauung von geftaltung auch nach innen wirkt, Dabei allem, was noch von abstammt. Den Todesstoß versetzt und den Fruhklassizismus

auf Den Thron fetzt.