SiehenerZamilieMStter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang 1929
Montag, den lr.Iuni
Nummer 46
Juni.
Von Else von Hollander-Lossow.
Dies sind die Tage, die das Werden bringen! Was gestern schlummerte, ist heute wach. Aus tausend Hüllen tausend Knospen springen Zu einem neuen, langen Sommertag.
Ein leiser Regen rieselt wohlig nieder, Und jede Pore saugt ihn ein.
EEin warmes Duften quillt vom blauen Flieder, Auf Blütenbäumen liegt’s wie Sonnenschein.
Aus fernen Büschen klingt der Kinder Lachen, Flugleicht wie Hoffnung, unbeschwert.
Wenn aus der Kindheit Träumen sie erwachen, Ist ihrer Stirn der Erntekranz beschert.
Heinrich Sohnrey und die Volkskunde.
Zu Sohnreys 70. Geburtstag, IS. Juni 1929.
Von Gustav Mahr.
1.
Heinrich Sohnreys Schrifttum hat einen großen Leserkreis gefunden. Vielen ist Sohnrey bekannt als Dichter von „FiedestnchensLebenslauf"; andere kennen ihn als Verfasser der Geschichte „Die hinter den Bergen", „3m grünen Klee — im weihen Schnee", „Der Bruderhof". Die Landjugend liebt ihn als Verfasser der prachtvollen Schriften „Der Hirschreiter", „Wenn die Sonne aufgeht", „Draußen im Grünen". Und wer ihn nicht als Erzähler kennt, kennt ihn vielleicht von der Bühne her. Sein Bauerndrama „Düwels" brachte vor ein paar Jahren das Gießener Stadttheater heraus; fein Volksstück „Die Dorfmusikanten" ist aus vielen Volksbühnen aufgeführt worden. Andere schätzen Sohnrey vor allem als sozialen Reformer, als Begründer und Führer in der ländlichen Heimat- unü.Wohlfahrtspflege. Viel zu wenig ist Heinrich Sohnrey bekannt als der fleißige und erfolgreiche Volkskundler. Seine Schriften find erfüllt vom Heimatgedanken; sie verraten eine ungewöhnliche Kenntnis des Volkstums. Es wundert einen nachgerade daß man so wenig Heinrich Sohnrey von dieser Seite aus sieht.
Heinrich Sohnrey ist aus dem Volk hervorgegangen. Ein Niedersachse ist er; noch heute kann er den Niedersachsen nicht verleugnen. Wenn man mit ihm spricht, hört man ihm an, daß er aus der Göttinger Gegend stammt. Er selbst, sein ganzes Schrifttum wurzelt im niedersächsifchen Volkstum. Aus armen Verhältnissen ist er herausgewachsen. Aber so hart und entbehrungsreich seine Jugend war, fröhlich und sonnig war sie doch. Sohnrey ist voll Erinnerungen an seine Jugendzeit. Immer wieder kehrt er in seinen Gesprächen, in seinen Erinnerungen dazu zurück: Der Dorsjugend gehört heute noch sein Herz. Zur Kenntnis des Volkstums trug besonders feine sechsjährige Lehrertätigkeit in Nienhagen bei, einem Dorf un den Ausläufern des Sollings. Eifrig studiert er das niedersächsische Dorf und sein Leben. Seine erste größere Erzählung entsteht, „Hütte und Schloß". Stark ist schon damals in Sohnrey der Drang zur schriftstellerischen Gestaltung. Entscheidend beeinflussen ihn die Volkserzählungen Heinrich Schaumbergers, eines thüringischen Bolksschullehrers. Kein Wunder, daß Sohnrey bei seinem rastlosen Geist nicht bei der Schule aushielt. Er erbittet sich Urlaub, studiert in Göttingen, um sich dann um den Posten eines Schriftleiters zu bewerben. Nach langem Kampf — „Friedefinchens Lebenslauf", die Erzählung „Verschworen, Verloren" u. a. ist bereits veröffentlicht — gelingt es ihm, Schriftleiter der Freiburger Zeitung zu werden (1890). Nun ist Sohnreys Schicksal besiegelt. Die weite Welt gehört ihm, und doch — charakteristisch für Sohnrey — immer wieder sieht er die weite Welt in einem konkreten Stück Heimat. Heimatgebunden und doch weltweit! Das Schwarzwälder Volkstum fesselt ihn. Indem er es studiert, wird er zum Sozialreformer. Sein Weg führt ihn weiter. Es war nur konsequent, wenn Sohnrey nach Berlin übersiedelte. Eine umfangreiche Tätigkeit beginnt, dem ungesunden Wachstum der Großstadt sucht er in erfolgreicher sozialpolitischer Arbeit ein gesundes heimatfrohes, innerlich reiches ländliches Volksleben entgetzenzuftellen.
Die Sorge um die Seele unseres Volkes, insbesondere des Landvolkes, hat Sohnrey zum Dichter, zum Sozialpolitiker gemacht. Sie hat ihn auch zum Volkskundler gemacht. Nur von dieser Sorge um die Seele seines Volkes ist Sohnrey richtig zu verstehen. Man kann Volkskunde treiben aus reinem wissenschaftlichen Interesse, aus dem Trieb der Erkenntnis heraus; auch diesen Trieb hat Sohnrey. Man kann sie treiben aus Freude an dem Schatz der Poesie, den uns das Volkstum erschließt, an der ursprünglichen Denkweise, Kraft und Frische, die allem Volkstum eigen ist. 2as ist sicher mit eine der Wurzeln, aus denen Sohnreys volkskundliche Arbeit herauswächst. Freilich, das hat die Gefahr, das Volkstum als
Dichter ästhetisch zu sehen. Sohnrey kennt diese Gefahr. Er fordert, daß es ein strenges Gesetz für den Volkskundler sein müsse, sich vor allen dichterischen Idealisierungen zu hüten und in jeder Hinsicht die Sitten und Bräuche, die Stimme des Volkes so naturgetreu wie möglich niederzuschreiben. „Nicht als Romantiker, nicht als Moderner, nicht als Moralist sagt Sohnrey, stehe ich dem alten naiven Volkstum gegenüber; einzig von Gedanken erfüllt, ein unverfälschtes naturgetreues Abbild des Volkstums zu geben, will ich nichts anderes als ein sorgsamer pietätvoller Beobachter, ein zuverlässiger Schilderer und Berichterstatter sein." Grundtrieb aller, seiner volkskundlichen Arbeit bleibt das Bangen um das Landvolk, daß es nicht verderbe und verwüstet werde von der Großstadt her. Wohin Sohnrey sieht, sieht er Landverwüstung, Flucht vor dem Lande, sieht er die Quellen verstopft, aus denen ein gesundes, starkes ländliches Leben und Volksleben erwächst. Darum müht er sich systematisch; um immer tiefere Erkenntnis des Volkstums. Er sammelt Volkslieder, Volksbräuche und Volkssagen, Sprichwörter und anderes. Darum sucht er in Dichtungen dem Volke das eigene Leben lieb zu machen, dem Verhängnis der Landflucht, der Heimatlosigkeit zu wehren, das Glück der Heimat und der Scholle dem Volk vor Augen zu stellen. Darum treibt er Sozialpolitik. Volkskundlich und sozialpolitisch zugleich sind die zwei kleinen Schriften: „Der Meineid im deutschen Volksbewußtsein", Osterfeuer". Es ist ein imponierendes Lebenswerk, das Sohnrey aufweist, nur zu begreifen aus dem gewaltigen Fleiß eines Mannes, der sich als Motto feines Lebens das Sprüchlein gewählt: „Stets habe vor Augen ein herrliches Zielt Erreichst du nicht alles, erreicht du doch viel."
2.
W. H. Riehl hat eine kleine Studie „Handwerksgeheimnisse des Volksstudiums" geschrieben: Er beginnt seine Arbeit mit dem Satz: „Der Forscher des Volkslebens muß vor allen Dingen auf Reifen gehen." Das hat Sohnrey beherzigt. Sohnrey ist viel auf Reifen gewesen. Wo war er nicht all? Und wie versteht er es, mit dem Volke umzugehen! Beziehungen hat er in allen Landschaftsgebieten, und er nutzt sie aus, um den Weg ins Volk zu finden. Keine seiner Geschichten, Erzählungen, die nicht irgendwie erlebt ist: seine Dichtung ist Leben aus dem Leben des Volkes. Das macht Sohnreys Eigenart geradezu aus, daß er in seinen Erzählungen, seinen Dichtungen das Volk sprechen läßt, daß er keinen ihm fremden Zug beimischt. Es ist Volkskunst, was er gibt. Man kann Sohnrey nicht mehr mißverstehen, als wenn man in seinen Dichtungen Literatur sucht. Alles ist so schlicht, so anspruchslos, so gesund und geschmackvoll und doch gestaltet mit sicherer Kraft, wie es die Volksdichtung selber ist. Wo Sohnrey versucht, mehr zu geben, etwa Charakterzeichnung, wo er versucht, Weltbilder zu gestalten, ist er nicht ein Eigener und Besonderer. Sohnrey ist als Dichter nicht eine Persönlichkeit, die durch Originalität der Welt- und Kunstanschauung, durch Vortragsart und Stil, durch Feinheit der Technik, Umwertung und Neuwertung etwas sein will. In seiner Schlichtheit liegt seine Größe, darin, daß er in den besten seiner Sachen sich selbst treu bleibt.
Wer mit Sohnrey zusammenkommt, weiß, daß er geradezu einen Hunger nach Anekdoten, Geschichten, allerhand Erzählungen aus dem Volke hat. Die Sammelleidenschaft beherrscht ihn. Auch das Kleinste wird ihm wichtig, nichts entgeht ihm. Diese Lust am Sammeln hört man heraus, wenn er einmal klagt, wie ungeheuer viel noch zu sammeln und zu tun wäre, wenn er sagt: „Aus jedem Dorf wäre ein volkskundliches Buch herauszuholen. Sie sterben allmählich aus, die alten Märchen- und Sagenerzähler, die letzten Gewährsmänner alter Bräuche. Jeder nimmt einen Teil alter Ueberlieferung, alter Volkspoesie mit ins Grab. Es ist höchste Zeit, das mündlich Ueberlieferte niederzuschreiben, zu sammeln und zu bewahren."
Sohnrey hat im Sammeln eine glückliche Hand. Wo er einkehrt, in Pfarr- und Schulhäusern, in Bauernhäusern und Wirtshäusern, immer ist er auf der Jagd nach Charakterzügen und Geschichten aus dem Volke. Wie eifrig er notiert! Wie er sich freut, wenn er etwas Gelungenes hört, wie er durch Erzählen, und Sohnrey hat einen lachenden Humor, zum Erzählen reizt! Wie er einfache Leute überrasckt durch seine Kenntnis des Volkstums, durch seine Geschichten, die Geschichte dieses besonderen Dorfs und wie er gerade dadurch ihnen verborgenste Hintergründe des Volkslebens, längst Vergessenes entlockt.
Sohnrey kommt in seiner volkskundlichen Forschung der Spürsinn des Dichters zugute, der hinter der Oberfläche, hinter den äußeren Zusammenhängen die tiefsten inneren Zusammenhänge schaut. Der darum auf glückliche Fahrten ist, wenn er wandert. Am liebsten weilt Sohnrey im Solling. Auch aus Rügen, aus dem Mecklenburger Land, hat er wunderbare Geschichten ^holt. Das Büchlein „Herzbluten" z.B. stammt wesentlich seinem Stoffe nach aus dem Mecklenburgischen.
Sohnreys volkskundliches Interesse wandte sich besonders den Sagen und Volksbräuchen zu. Aber nicht nur Sagen und Gebräuche sammelt er, sondern ebenso Lieder und Sprüche. Sohnrey kennt die Grenzen seiner volkskundlichen Arbeitsweise. E>- w'ifc. daß er kein Mann der strengen


