Eines Tages kam die Schreckensnachricht, das Bankhaus habe seine Zahlungen eingestellt. Er selbst, im Amt zurückgehalten, schickte seine Frau nach Frankfurt, zu retten, was zu retten sei. Dort stand sie unter einem Knäuel verzweifelter Menschen, die die Kasse belagerten und am Ende erfuhren, daß ihr Geld verloren war.
Spät abends kehrte sie zurück. Sie hatte sich den Verlust dermaßen zu Herzen genommen, daß sie darüber irrsinnig geworden war und in eine Anstalt gebracht werden mußte. Nach Jahresfrist der Familie zurückgegeben, ließ sie der Wahn nicht los, sie müsse mit Mann und Kind verhungern. Ein Schlagfluß setzte ihrem Leben ein Ziel. Ihr Tod war für sie und ihn eine Erlösung.
In dieser Zeit der Trübsal war alle Lebensfreude von ihm gewichen. Die Krankheit der Frau hatte Summen verschlungen. Hätte ein Freund nicht die helfende Hand geboten, er wäre in die schwerste Bedrängnis geraten. —
Gleich zu Beginn seiner Ehe hatte er mancherlei Bitternis erfahren. Seine Frau, auf ihr Vermögen pochend, umgab sich mit einem Stolz, der der Erwägung entsprang, sie müsse ihrem Mann, der sie geistig weit überragte, mit ihrem Geld ein Paroli bieten. Jhnr war es nie in den Sinn gekommen, sie seine Ueberiegenheit fühlen zu lassen; er hatte sich im Gegenteil redlich bemüht, sie für alles zu interessieren, was ihm wichtig und erstrebenswert schien. Freilich mit völligem Mißerfolg.
Gelegentlich spielte sie auf seine „verfehlte Laufbahn" an und meinte, er sei töricht gewesen, auf die fette Pfarre zu verzichten und das magere Schulamt zu ergreifen. Als junger Mensch habe er seinen Schwärmereien zu viel nachgegeben, habe nicht gelernt, den Wert des Geldes zu schätzen, das in der Welt die größte Rolle spiele. Jetzt, im Genuß der Kapitalrente, sehe er doch wohl ein, was es bedeute, ein hübsches Ein- komnten zu besitzen. Derlei Sticheleien verletzten und erbitterten ihn.
Den kleinen Theo verhätschelte sie. Sie meinte, das sei in ihres Mannes Berufsleben auch ein wunder Punkt, daß ihm, der so viele fremde Rangen erziehe, keine Zeit verbleibe, dem eigenen Kind die nötige Aufmerksamkeit zu schenken. Der Vorwurf war nicht unberechtigt; denn die Stunden waren zu zählen, die er dem Kleinen widmete.
Indessen wußte sie den Jungen ganz an sich zu fesseln. Als dieser einmal bei einer heftigen Szene zugegen war, die sich zwischen seinen Eltern abspielte, brach er in leidenschaftliches Schluchzen aus.
Das Erkenntnisvermögen der Kinder wird in der Regel unterschätzt. Was mag in ihrer Seele vorgehen, wenn sie die Eltern miteinander hadern sehen? Gewiß, daß die traurigen Eindrücke, die sie da empfangen, auf ihre Charakterbildung die unheilvollste Wirkung ausüben. Die finsteren Blicke, die Theo seinem Vater zuwarf, ließen keinen Zweifel darüber, wessen Partei er ergriffen hatte.
Der Mutter Tod erschütterte den Jungen gewaltig. Jammernd lief er in den Zimmern umher und rief der Abgeschiedenen Namen. Gegen den Vater trat eine Scheu, ja eine Abneigung hervor, die die liebevollste Behandlung nicht zu mindern vermochte. Erst als das Bild der Abgeschiedenen in seiner Erinnerung verblich, zeigte er sich freundlicher Ermahnung zugänglich. Und nun das Eis einmal gebrochen war, vollzog sich in seinem Gebaren eine völlige Umwandlung, dergestalt, daß er sich seinem Vater zutraulich näherte und sich ersichtlich Mühe gab, ihm seine Anhänglichkeit zu beweisen.
Die Natur der Vechältnisse brachte es mit sich, daß Theo zu viel sich selbst überlassen war. Seinen großen und kleinen Fehlern zu wehren, hätte es steter Ueberwachung bedurft. Wie die Dinge ändern? Bollhardt dachte an Lene Launsbach. Sie wäre ihm eben recht gewesen, das vorlaute Bürschchen in Schranken zu halten. Allein, so lange die Gehaltsfrage der Volksschullehrer im Landtag nicht entschieden war, würde es ihm schwer fallen, die Kosten für einen größeren Hausstand aufzubringen. Und dann der entscheidende Grund, von Lene Launsbach abzusehen: er stand in der Vollkraft seiner Jahre und war für Frauenschönheit empfänglich. Dessen brauchte er sich nicht zu schämen. Aber dein reizvollen Mädchen nahe, fühlte er Wünsche rege werden, die er nicht in sich aufkommen lassen wollte. So war es am besten, es blieb beim alten. Mochte Lene den Laufdienst besorgen, als Wirtschafterin nahm er sie nicht ins Haus.
7.
Der Löwenheinrich ist ein stämmiger Dreißiger. Kränkeln und Klagen kennt er nicht. Er nennt ein stattliches Haus sein eigen, und seine Wirtschaft ist gut besucht. Schlecht und recht lebt er dahin und erfüllt gewissenhaft feine Bürgerpflichten. Soweit also ein honetter Mann. Nichtsdestoweniger hat Herr Konrad Schollas, der entlassene Notarschreiber und jetzige Lebensversicherungsagent, ein Manko an ihm entdeckt: er hat fein Leben noch nicht versichert.
Wer früh aussteht, kommt früh an, denkt Herr Schollas und kehrt mit dem Glockenschlag neun im „Löwen" ein. Um diese Zeit sind selten Gäste da. Wirklich trifft er den Wirt ohne Zeugen. Zweimal bereits hat er ihn in der Mache gehabt; heut wird er sich hoffentlich breitschlagen lassen.
Der Lebensversicherungsagent, der sein Brot unter Kleinbürgern und Bauern sucht, hat einen schweren Stand. Da heißt es: Dem ist nicht um di« Ecke zu trauen, der nimmt das Geld von den Leuten, von den Säumen kann er es nicht schütteln. Und alssort das Gerede vom Sterben, daß man eine Gänsehaut kriegt. Hab und Gut gegen Feuer versichern, ja, das ist rvas andres. Abbrennen kann man jeden Tag. Das Leben ruht in Gottes Hand; fein Leben versichern, ist Gottlosigkeit.
Kommt der Agent mit Tabellen und Zahlen, begegnet er erst recht "ühtrauifchen Gesichtern. Das geht nicht mit rechten Dingen zu; da wird die Wohltat der Lebensversicherung vom Volk selten erkannt, und der Agent verfährt wie der Handlungsreifende, der mit allerlei Ueberredungs- tunften feine Ware an den Mann bringen muß.
Bus den Reklamefchristen feiner Versicherungsanstalt hat sich Herr Schollas eine Methode zurechtgelegt, die er regelmäßig ins Treffen führt.
„Kurz und gut, Löwenheinrich," schließt er seinen Erguß, „die Prämie, die sie zahlen, ist die beste Kapitalanlage, die Sie machen können. Sie
»«raniwortlich: Dr. Hans Thhriot. — Druck und Verlag: Vrühl
sind ein kerngesunder Mann. Ein langes Leben, glauben Sie, ist Ihnen so sicher wie das Amen in der Kirche. Gehen Sie mal auf den Friedhof hinauf. Da liegt gar mancher, der mitten in seiner Kräftigkeit fori- gemu&t hat. Gott verhüt es, aber es kann Ihnen auch passieren. Nun sind Sie hin. Frau und Kinder bleiben zurück. Wer weiß, ob die Wirtschaft dann noch so geht! Mit eins ist das Vermögen fort, und die Not klopft an die Tür. Haben Sie aber vorgesorgt, kommt der verschriene Agent und legt die blauen Scheine hin. Sie haben freilich nichts mehr davon; aber Ihre Angehörigen danken's Ihnen übers Grab hinaus. Noch einmal Löwenheinrich: wenn Sie's gut mit Ihrer Familie meinen, schieben Sie es nicht auf die lange Bank und versichern Sie Ihr Leben."
Der Löwenheinrich denkt nicht daran, sich versichern zu lassen; aber als gewiegter Wirt will er es mit keinem seiner Gäste verderben. Darum steckt er sich hinter seine Frau. Die behaupte steif und fest, habe er sich heute versichert, werde ihn morgen der Sensenmann holen. Von dem Wahn sei sie nicht zu kurieren. Um des lieben Friedens willen habe er tf)r das Versprechen gegeben, keinen Antrag zu unterzeichnen.
Herr Schollas gerät in Hitze.
„Was? Ist Ihre Frau denn so borniert?"
Der Löwenheinrich zuckt die Achseln.
„Machen Sie's anders."
„Möchte doch einmal mit ihr sprechen."
„Ei, sie hat droben Raumerei."
„Dann wart' ich, bis sie kommt. Geben Sie mir derweil noch ein Glas Bier."
Die Wirtin blieb geflissentlich fort. Der Löwenwirt hatte im Keller zu tun und ließ den Gast allein. Der zündete eine Zigarre an und grübelte vor sich hin.
Vorhin war ihm der Notar begegnet und hatte den Kopf weggetan Das war der Dank für die treuen Dienste, die er ihm geleistet! Elf Jahre hatte er feinen Posten innegehabt. Eine schöne Zeit! Was war nicht alle» durch seine Hände gegangen. Der Notar hatte ihm fein Vertrauen ge> schenkt, und er hatte sich dessen würdig gezeigt. Die Bezahlung war miserabel gewesen, tausend Mark, das Neujahrsgeschenk mit einbegriffen. Da konnte man keine großen Sprünge machen. Wie oft hätte er Gelegen- heil gehabt, sich Nebeneinkünftchen zu verschaffen, allerdings auf krummen Wegen. Immer hatte er der Versuchung widerstanden. Er konnte frei den Blick erheben; er hatte den Notar um nichts gebracht und war als ehrlicher Mann gegangen. Und nun die verächtliche Art, wie man ihn ver- abschiedet hatte: „Sie haben eine Person geheiratet, die in notorisch schlechtem Rufe steht. Wie konnten Sie so leichtfertig handeln? Ihre Steilung bei mir ist unhaltbar geworden. Sehen Sie, daß Sie sonstwo unter« kommen."
Er war die Antwort nicht fchuidig geblieben. Der Herr btotar habe bloß zu befinden, ob er seine Schuldigkeit getan oder nicht. Wen er geheiratet habe, sei seine Sache. Unter sotanen Verhältnissen lege er gleich die Feder hin.
Der Kollege Muggenthaler, der Schuft, kicherte hinter ihm her. Drunten auf der Straße wollte er vor Wut zerbersten. Fortgejagt wie ein ehrloser Sump! Er schnaubte nach Rache. Den Muggenthaler würde er er- würgen und dem Notar den roten Hahn aufs Dach stecken. Gleichviel, ob er ins Zuchthaus wanderte. Nur Rache! Wie besessen lief er um die Stadt herum. Allmählich ebbte die Sturmflut feiner Erregung. Dann kam wie immer bei ihm die Reaktion. Im Grunde konnte er es dem Notar nicht verargen, daß er den Mann einer Stadlern auf [einem Bureau nicht dulden wollte. Warum war er sich früher darüber nicht klar geworden? Hinterher kam die Erkenntnis zu spät. Er hatte sich die Suppe einge- brockt; nun mußte er sie essen. Niedergeschlagen kehrte er nach Hause zurück. Seine Frau tröstete und ermutigte ihn. Er solle sich es nicht zu Herzen nehmen. Sie hätten selbander genug zu leben. Ja, sie betrachtete es als ein Glück, daß er des Schreiberdienftes ledig sei. Ein Vetter von ihr in gleicher Stellung sei an einer Blutkrankheit zugrunde gegangen, und der Arzt habe seibigmal gesprochen, das ewige Sitzen sei daran schuld. Er könne jetzt nachholen, was er versäumt, könne sich tüchtig Bewegung machen. Die Zeit auszufüllen, finde sich wohl ein Aemtchen. Dalegte sie ihm wohlmeinend dar und träufelte Balsam in seine Wunde. 3n der Tat war es am klügsten, sich ins Unabänderliche zu schicken. Vor allen Dingen war er jetzt ein freier Mann, lebte sozusagen von feinen Renten. Dieser Gipfelpunkt bürgerlichen Wohlbehagens war stets da» Ziel seiner Wünsche gewesen. Dabei brauchte man keineswegs die Hände in den Schoß zu legen. Der Faule verdarb. Just suchte eine ausländische Lebensversicherungsanstalt im Blättchen einen Agenten. Dem Buckeft Müller war zu Ohren gekommen, die Gesellschaft sei wenig geachtet und schlecht fundiert. Wahrscheinlich hatte gehässige Konkurrenz das Gerücht verbreitet. Er bewarb sich um die Agentur und erhielt sie. Darauf machte er in der Stadt und in den benachbarten Dorffchasten feine Besuche. Lag es an ihm ober an seiner Anstalt, niemand biß an. Man mußte nicht gleich den Mut verlieren; die Leute wollten bearbeitet fein. Tagelang ging er außer dem Haufe feinem neuen Geschäfte nach und verzehrte in den Wirtshäusern sein Geld. Ueber Ebbe in der Tasche hatte er nicht zu klagen; feine Frau gab willig, was er verlangte. Kam er bann heim, geschah es zuweilen, daß sie ihm mit hochrotem Kopf entgegentrat. Er witterte Unrat und herrschte sie an, tpas sie getrieben habe. Sie setzte eine harmlose Miene auf und war um ihre Rechtfertigung nicht verlegen. Der lange Zutt, der auch in der Kaplansgasse wohnte, hatte ihm zng?- tufchelt, er solle auf der Hut fein; seine Frau hintergehe ihn. Der Mann war ein großer Schalk; man wußte nie, woran man bei ihm war. Dennoch nistete der Argwohn sich in ihm ein. Er versuchte, ihr Fallen zu stellen. Vergebens. Möglich, daß sie unschuldig war. Aber der quälende Zweifel! Das war der Fluch dieser Heirat. Er hatte gewußt, wie es um ihren Leumund stand. Jetzt geschah ihm recht. Eins tröstete ihn: betrog fie ihn wirklich, gab es eine strafende Gerechtigkeit. Er würde sie doch einmal erwischen. Dann wehe ihr !
(Fortsetzung folgt.)
sche Aniversitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.


