Ausgabe 
17.5.1929
 
Einzelbild herunterladen

Ich komme in den Wold. Die Stille ist noch da und die Kuhle mit den abertausend Sonnenaugen, die durch Baumgeast nach Gluck aus­spähen. Nein, sie sind nicht mehr neugierig, sie sehen nur eben vor sich hin, sie sind blind und stumpf. Die Vögel singen auch nicht, die schreien wie besessen, frech und lästig. .

Ein Lachen klingt, vielleicht macht sich ein Häher über einen alten Mann lustig, der im Grase hockt und mit leeren Augen in ein Wunder ausschaut, das sich versagt. Oder sitzt nicht doch ein Pärchen im Gluck? sRein, nein, wie denn auch? das Glück ist ja tot ... Jngeborg ist tot ...

Wer wiederholte dies Unsagbare? War dies ein Echo? Aber der Wald hat kein Echo. Meine Seele? Aber meine Seele ist ohne Hall und Widerhall.

Ja, ja, Blumen stehen dicht, der Frühling kam zeitig, und mit schwülen Mittagen, alle Freude ist heiß und überreif, man verbrennt und hat doch nicht genossen. Schmetterlinge gaukeln liebestoll, die kleine Eiche ist gewachsen und bläht sich im Winde auf. Nun, was geht s mich an? was habe ich mit allem zu schaffen? Jngeborg ist nicht da.

Die Stadt im Abend ist mir treu geblieben: laut, grell und bunt. Mit Staub, Karussell, Trommel und Drehorgel. Und einer wogenden Menschenherde, die sich vor farbigen Buden und schreienden Attraktionen ^"^Jch lasse einige Kinder auf dem glitzernden Karussell fahren. Sie freuen sich laut, und ihre Freude tut mir weh und macht mich bos. Ich taufe einen Luftballon und viel, sehr viele Makronen, die billig sind und nach Seife schmecken.

Dann gehe ich heim ... Heim?

Der Ballon hängt unter der Decke. Er beginnt einzuschrumpfen.

Die Makronen liegen aus meinem Nachttisch, ich werde jeden Tag eine von ihnen essen, ich werde sie wie eine Hostie mit Andacht und Liebe zu mir nehmen. .

Und an Jngeborg denken ... und an einen Pfingsttag, den ich in einem andern Leben beging.

Maler aus Liebe.

Eine pfingstnovelle um Ouinkin Metsys.

Von Else Arnhem.

Das schöne, blühende Fest der Pfingsten zog durch die Lande, flaggte Straßen und Häuser mit Maien und die Herzen mit Frühlingsfreude. Man schrieb das Jahr 1480, und die Bürger von Antwerpen schickten sich an auf der Festwiese vor der Stadt mit niederländischer Behaglichkeit, aber auch mit niederländischer Derbheit die Heiligkeit des morgendlichen Messeganges in die Weltlichkeit erlaubter Vergnügungen umzuwandeln.

An langen, niedrigen Tischen, die wie bunte Flecke im grünen Gras leuchteten und unter der Spcisenlast noch tiefer in den weichen Boden sanken, saßen die ehrenwerten Bürger der Stadt mit ihren Frauen und Töchtern, während die Söhne, genau so achtsam nach Würde und Rang ihrer Väter verteilt, an einem besonderen Tisch, sich den Genüssen der Speisen und Getränke Hingaben und mit zündenden Blicken nach erröten­den Mädchengesichtern nicht kargten.

Abseits sahen die Bauern der Umgegend mit ihren Familien, und hier war es, wo nach ausgiebigem Trunk die ersten Streitigkeiten auf­zischten, noch ehe die langen Tonpfeifen in Brand gesetzt waren. Da sah man bald Fäuste schwirren und Leiber im Grase kollern, daß ein Brueghel seine Helle Freude an den vcrknäulten, schimpfenden Gestalten gehabt hätte. .

-Zwar war es nicht ein Brueghel, der die kräftigen Fauste in die Hüften gestemmt, schütternd vor Lachen, dem tollen Treiben zuschaute, sondern der Antwerpener Hufschmied Quintin Metsys, der, als ihm die Sache doch gar zu bedrohlich schien, mit seinen Schmicdepranken zugriff, ein paar der Streitenden trennte, und sie beim Rockkragen hochhebend, ein Weilchen in der Lust zappeln ließ wie sich pusternde Kampfhahne, was sofort eine außerordentliche Wirkung hatte. Wer sich eben noch prügelte, ließ von dem Gegner ab und reihte sich zu den Gaffenden, die den Schmied umstanden, und eine Woge des Beisalls brauste auf, die sich bis zu den Bürger- und Gildetischen fortpflanzte.

Neugierig geworden, lief man herbei und achtete nicht mehr aus Rang und Abstand. Ja, manch zartes Mägdlein, soeben noch schüchtern, drängte sich durch die Gruppen, um auch einen Blick zu erhaschen, und jo kam es, daß eine hübsche Jungfrau, von einem jungen Bürgerssohn sorglich durch die Menge bis in die vorderste Reihe geleitet, gerade in dem Augenblick in des starken Hufschmieds lustiges Antlitz blickte, als er feine Beute noch einmal mit dröhnendem Lachen in die Luft hob und schüttelte, daß den Armen die Kiefer nur so klapperten. Plötzlich jedoch fühlten sie sich losgelassen und plumpsten wie Säcke in das Gras, was sie gewiß nicht der Großmut ihres Peinigers, sondern einzig und allein dem fröhlichen und bewundernden Blick des Jungfräuleins zu verdanken hatten, das der Hufschmied eben erschaute. Dieses Jungfräulei^s Blick Sr ihm wie ein Blitz in das pfingstfrohe Herz und richtete darin einen fruhr an, der nicht mit zwei starken Fäusten zu unterdrücken war, der sich aber gleicherweise in einen Blick verwandelte, unter dem die Empfängerin verwirrt die Augen schloß.

Heiliger Petrus, wer ist das Mägdlein?" Dem Quintin Metsys stand mit einem Male die ganze Welt auf dem Kopfe. Breit daher stapfend näherte er sich der schönen Jungfrau, was dem Bürgersöhnchen das Blut in die Stirn jagte, denn daß der stiernackige Mann mit den eisernen Fäusten nicht mit sich spaßen ließ, daß hatte er rasch überlegt. So zog er das Mädchen blitzschnell zwischen die schützende Mauer der Schaulustigen, die noch ein zweites Stücklein von dem Schmied zu er­warten schienen, und gelangte eilenden Laufes zum Tisch der Lukas- gilde zurück, wo die Maler mit ihren Angehörigen sahen, und gab seine Schutzbefohlene aufatmend in die Hut ihrer Eltern.

Allein das Fräulein schien über die Wendung dieses kleinen Aben­teuers nicht beglückt zu sein. Es reckte ein paar Mal den Hals und feine

Eine

3m lauen Teich.

quabblige, schwabblige Geschichte.

Von Egon v. K a p h e r r.

einen Grabstein, auf Hufschmied machte die

den Meister herein. _ .... , _ . ,.

Der kam und erwartete von seinem Gast eine Erklärung, aber Quintin Metsys deutete nur auf das Bild, das einen Sturz der Engel darstellte.

Sehr schön," sagte er,wirklich sehr schön." Geschmeichelt trat Dirk Cock vor die Staffelei. Da entdeckte er auf dem hellen Gewand eines Engels eine dicke Fliege, eine von jener Art, die nicht nur unerträglich brummen, sondern auch einige schmutzige Andenken auf dem Platz zu hinterlassen pflegen, auf dem sie sich niedergelassen.

Erzürnt schlug der Maler nach ihr, einmal und noch einmal, und nun erst erkannte er überrascht, daß diese Fliege eine Täuschung war, cm treffliches Meisterstück von der Hand des Metsys, dessen Kunst er nun nicht mehr bestritt. . . . ,

Quintin Metsys bekam seine Liebste zum Weibe und seine Male­reien machten ihm einen so guten Namen, daß er wenige Jahre spater in die Lukasqilde ausgenommen wurde. Als er 1592 starb, setzte man ihm ~ ' dem Lateinisch die Worte standen: Aus einem

Liebe einen Apelles.

Gloria, Gloriola", pfiff der Pfingstvogel von der Spitze ber alten Ulme am Teich.Krätfch", antwortete feine grünlich gefärbte Gattin. So da wären wir nun", meinte der Pirol, fein dottergelbes Gefieder 'spreizend und schüttelnd.Trotzdem wir aber dieses Jahr gerade zehn Tage später angekommen sind als sonst, muß ich bemerken, daß das Klima keineswegs südlich anmutet."Ach," seufzte die grünliche Gattin, Pommern ist arg rückständig geworden. Auch Nachbar Starmatz be­schwerte sich: Wenig Fliegen und Brummer und gar kein Klima - krätsch."Es will Abend werden, Olle", meinte der Pirol.Zu tun haben wir ohnehin nichts, und mit der Nesterbauerei jetzt schon anzufangen, hal keinen Zweck. Wir wollen mal zum kleinen Waldsee fliegen und uns das große Symphoniekonzert anhören."Wie, spielen sie schon?" fragte die Frau Pirolin.Jawohl," meinte ihr Gatte,Starmatz ist gestern schm dagewrsen,großartig," sagte er,besonders das Blasorchester ist her­vorragend". Die Leitung liegt in den Händen des berühmten Dirigenten Patsch Quabbelmann, den du ja auch vom vorigen Jahre her kennp. Es ist ein Frosch von hervorragenden Gaben. Er war im vorigen Jayre als Solist tätig du erinnerst dich doch als noch der berühmte W pietsch die Leitung des Orchesters hatte. Jetzt ist Großpietsch im Storchen- magen."Ach, der Arme", seuszte die grünliche Frau P>roliN. .^e Sonne sinkt schon," meinte der Mann,wir wollen eilen, sonst bekommen wir keine guten Plätze mehr; denn heute ist ein wärrnstcher Tag, und «u bin überzeugt, daß alle Stare, Amseln und was da noch alles in oe Büschen herumflattert und -zwitschert, zur Stelle sein werden, daru auf!" Er breitete die schwärzlichen Flügel aus und schoß wie ein gew Goldsunke durch das srische, junge Grün der Bäume. Schwirrend jag ihm seine Frau. Die beiden hatten Glück. Im Geäst eines schon zarten Blättern geschmückten Birkbaumes fanden sie einen guten pi » Sie kamen keinen Augenblick zu früh; denn der Dirigent Patsch Qua mann tarn bereits in kurzen, hastigen Rucken in die Mitte des Tu ? geschwommen, ließ seinen Hinterkörper ein wenig sinken, hob das Spaltmaul in die Höhe, blies seine Backen auf, wie bohnengroße, we Säcke und intonierte die Arie vom lauen Pfuhl: Doooarrquarr, erej.

flinken Augen suchten rückwärts einen gewissen Quintin Metsys, der auch nicht lange auf sich warten ließ.

Die Hände in den Taschen, eine Tonpfeife zwischen den Zähnen, machte sich der Schmied in der Nähe der Gildeleute zu schaffen, bis er einen VorübereilepLen anhielt und lange mit ihm sprach. Das Ergebnis dieses Gespräches hatte zur Folge, daß am zweiten Pfingsttag der Huf­schmied Quintin Metsys im Hause des Malers Dirk Cock vorsprach und den Meister um nichts Geringeres als um die Hand feiner Tochter bat.

Dirk Cock hatte wohl feiten in feinem Leben so gelacht wie an die­sem Feiertag. Ein Hufschmied, der feine einzige Tochter ehelichen wollte? Nein, Freund, Euer Handwerk in Ehren, aber eines Malers Kind bleibt in der Zunft. Wäret Ihr ein Maler, wollte ich sie Euch gern geben, wenn

töchterleins die Ruhe zerstört hatten, deren er sich feit manchem Jahr in seinem ehrbaren Beruf erfreut hatte, trug keine Bedenken, fein Hand­werk an den Nagel zu hängen, um ein Maler zu werden.

Man sollte meinen, daß dieses ein vergebliches Unterfangen gewesen fein müsse, aus einem Hufschmied einen Maler zu machen, aber man vergesse die Wunder nicht, mit denen die Liebe jene beschenkt, die neben ihrem entflammten Herzen auch die Härte eines Willens haben, der fähig ist, sich die Sterne vom Himmel herabzuholen.

Quintin Metsys, mit Wagemut die Anfangsgründe der Zeichnerei überspringend, machte sich gleich an die Kopie eines Stiches heran, und die groben Fäuste regierten den feinen Stichel genau so gut wie den Hammer. Als die Kopie fertig war, sah er befriedigt, daß er sein Vor­bild noch übertroffen hatte. Da traute er es sich zu, frisch-fröhlich mit Pinsel und Farben das Bildnis seiner Liebsten auf einer Leinwand fest- zuhalten, und die lieblichen Züge des Mädchens hasteten noch so unver- wischi in Herz und Gedächtnis, und die Liebe tat ein übriges dazu, daß bas wohlgelungene Konterfei alsbald in die Werkstatt des Dirk Cock geschafft wurde, wo es Staunen, aber auch Zweifel hervorrief.

Junger Mann," sagte Dirk Cock,wenn das wirklich Eurer Hände Werk ist, dann hat die Liebe das Wunder vollbracht, aus einem Huf­schmied einen Apelles zu machen, und wenn es so ist, will ich Euch meine Tochter wohl zum Weibe geben. Doch verzeiht, wenn ich noch zweifle.

So geht einen Augenblick hinaus," antwortete Metsys,und ich will Euch den Beweis führen." . ,

Als er allein in der Werkstatt war, sah er sich um, nahm Pinsel und Palette zur Hand, trat vor die Staffelei, auf der ein eben voll­endetes Gemälde stand und machte sich daran zu schaffen. Dann rief er

sie Euch liebte. ,

So hatte er gesagt, und Quintin Metsys, dem die Reize des Maler- 'jterleins die Ruhe zerstört hatten, deren er sich seit manchem Jahr