Ausgabe 
16.12.1929
 
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Fortsetzung des Märchens von der Harken

Nun wißt ihr wohl, Kinder,o fuhr der Obsrgerichtsrnt Drosselmeier am nächsten Abende fort, warum die Königin das wunderschöne Prin- zeßchen Pirlipat so sorglich bewachen ließ. Mußte sie nicht fürchten, daß Frau Mauserinks ihre Drohung erfüllen, wiederkommen und das Prin- zeßchen totbeißen würde? Drosselmeiers Maschinen halfen gegen die kluge und gewitzigte Frau Mauserinks ganz und gar nichts, und nur der Astronom des Hofes, der zugleich Geheimer Oberzeichen- und Sterndeuter war, wollte wissen, daß die Familie des Katers Schnurr imstande sein werde, die Frau Mauserinks von der Wiege abzuharten; demnach geschah es also, daß jede der Wärterinnen einen der Söhne jener Familie, die übrigens bei Hofe als Geheime Legationsräte angestellt waren, auf dem Schoße halten und durch schickliches Krauen ihm den beschwerlichen Staats­dienst zu versüßen suchen mußte.

Es war einmal schon Mitternacht, als die eine der beiden Geheimen Oberwärterinnen, die dicht an der Wiege saßen, wie aus tiefem Schlafe ansluhr. Alles rundumher lag vom Schlafe befangen kein Schnur­ren tiefe Totenstille, in der man das Picken des Holzwurms vernahm! Doch wie ward der Gelreimen. Oberwärterin, als sie dicht vor sich eine große, sehr häßliche Maus erblickte, die auf den Hinterfüßen aufgerichtet stand und den fatalen Kopf auf das Gesicht der Prinzessin gelegt hatte. Mit einem Schrei des Entsetzens sprang sie auf, alles erwachte; aber in dem Augenblick rannte Frau Mauseriiiks niemand anders war die große Maus an Pirlipats Wiege schnell nach der Ecke des Zimmers. Die Legationsräte stürzten ihr nach, aber zu spät! Durch eine Ritze in dem Fußboden des Zimmers war sie verschwunden. Piriipatchen er­wachte von dem Rumor und weinte sehr kläglich.Dank dem Himmel," riesen die Wärterinnen,sie lebt?" Doch wie groß war ihr Schrecken, als sie hinblickten nach Pirlipatchen und ivahrnahmen, rvas aus dem schönen, zarten Kinde geworden. Statt des weiß und roten, goldgelockten Engels- kopfchen saß ein unförmlicher dicker Kopf auf einem winzig kleinen zu- sammengekrümmken Lewe; die azurblauen Aeuglein hatten sich verwandelt in grüne, Hervorstehende, starrblickcnde Augen, und das Mündchen hatte sich verzogen von einem Ohr zum andern. Die Königin wollte vergehen in Wehklagen und Jammer, und des Königs Studierzimmer mußte mit wattierten Tapeten ausgeschlagen werden, weil er einmal über das andere mit dem Kopf gegen die Wand rannte und dabei mit sehr jämmerlicher Stimme rief:O, ich unglückseliger Monarch!" Er konnte zwar nun einsehen, daß es besser gewesen wäre, die Würste ohne Speck zu essen und die Frau Mauserinks mit ihrer Sippschaft unter dem Herde in Ruhe zu lassen: daran dachte aber Pirlipats Vater nicht, sondern er schob einmal alle Schuld auf den Hofuhrmacher und Arkanisten Christian Elias Drosselmeier aus Nürnberg. Deshalb erließ er den weisen Befehl: Drossel - meier habe binnen vier Wochen die Prinzessin Pirlipat in den vorigen Zustand herzuftellen oder wenigstens ein bestimmtes untrügliches Mittel anzugeben, wie dies zu bewerkstelligen fei, widrigenfalls er dem schmach­vollen Tode unter dem Beil des Henkers verfallen sein solle.

Drosselmeier erichrak nicht wenig; indessen vertraute er bald seiner Kunst und seinem iZlück und schritt sogleich zu der ersten Operation, die ihm nützlich schien. Er nahm Prinzeßchen Pirlipat sehr geschickt ausein­ander, schrob ihr Händchen und Füßchen ab und besah sogleich die innere Struktur: aber da fand er leider, daß die Prinzessin, je größer, desto un­förmlicher werden würde, und wußte sich nicht zu raten, nicht zu helfen. Er setzte die Prinzessin behutsam wieder zusammen und versank an ihrer Wiege, die er nie verlassen durfte, in Schwermut. Schon war die vierte Woche angegangen ja bereits Mittwoch, als der König mit zornfun­kelnden Augen hineinblickte und mit dem Zepter drohend rief:Christian Elias Drosselmeier, kuriere die Prinzessin, oder du mußt sterben!" Drossel­meier fing an bitterlich zu meinen; aber Prinzessin Pirlipat knackte ver­gnügt Nüsse. Zum erstemnal fiel dem Arkanisten Pirlipats ungewöhnlicher Appetit nach Nüssen und der Umstand auf, daß sie mit Zähnchen zur Welt gekommen. In der Tat hatte sie gleich nach der Verwandlung so lange ge­schrien. bis ihr zufällig eine Nuß vvrkam, die sie sogleich aufknackte, den Kern und dann ruhig wurde. Seit der Zeit fanden die Wärte­rinnen nichts geraten, als ihr Nüsse zu bringen.O heiliger Instinkt der Natur, ewig unerforschliche Sympathie aller Wesen!" rief Christian Elias Drofselmeier aus, du zeigst mir die Pforte zum Geheimnis; ich will an­klopfen, und sie wird sich öffnen!" Er bat sogleich um die Erlaubnis, mit dem Hofastronom sprechen zu können, und wurde mit starker Wache hin­geführt. Beide Herren umarmten sich unter vielen Tränen, da sie zärtliche Freunde waren, zogen sich dann in ein geheimes Kabinett zurück und schlugen viele Bücher nach, die von dem Instinkt, von den Sympathien und Antipathien und anderen geheimnisvollen Dingen handelten. Die Nacht brach herein, der Hofastronom sah nach den Sternen und setzte mit Hilfe des auch hierin sehr geschickten Drosselmeiers das Horoskop der Prinzessin Pirlipat. Das war eine große Mühe; denn die Linien verwirrten sich immer mehr und mehr; endlich aber welche Freude! endlich lag es klar vor ihnen, daß die Prinzessin Pirlipat, um den Zauber, der sie ver- häßlicht, zu lösen, und um wieder so schön zu werden als vorher, nichts zu tun hatte, als den süßen Kern der Nuß Krakatuk zu genießen.

Die Nuß Krakatuk hatte eine solche harte Schale, daß eine achtund- vierzigpfündige Kanone darüber wegfahren konnte, ohne sie zu zerbrechen. Diese harte Nuß mußte aber von einem Manne, der noch nie rasiert worden und der niemals Stiefeln getragen, vor der Prinzessin aufge­bissen werden und ihr von ihm mit verschossenen Augen der Kern dar­gereicht werden. Erst nachdem er sieben Schritte rückwärts gegangen, ohne zu stolpern, durste der junge Mann wieder die Augen erschließen. Drei Tage und drei Nächte hatte Drosselmeier mit dem Astronomen ununter­brochen gearbeitet, und es saß gerade des Samstags der König bei dem Mittagstisch, als Drofselmeier, der Sonntag in aller Frühe geköpft werden sollte, voller Freude und Jubel hereinstürzte und das gefundene Mittel, der Prinzessin Pirlipat die verlorene Schönheit wiederzugeben, verkündete. Der König umarmte ihn mtt heftigem Wohlwollen, versprach ihm einen

diamantenen Degen, itfer Orden und zwei neue Sonntagsröcke.Gleich nach Tische," setzte er freundlich hinzu,soll es ans Werk gehen: sorgen Sie, teurer Arkanist, daß der junge unrasierte Mann in Schuhen mit der Ruß Krakatuk gehörig bei der Hand sei, und lassen Sie ihn vorher keinen Wein trinken, damit er nicht stolpert, wenn er sieben Schritte rück­wärts geht wie ein Krebs; nachher kann er erklecklich saufen!" Drossel­meier wurde über diese Rede des Königs sehr bestürzt, und nicht ohne Zittern und Zagen brachte er es stammelnd heraus, daß das Mittel zwar gefunden wäre, beides, die Nuß Krakatuk und der junge Mann zum Auf­beißen derselben, aber erst gesucht werden müßten, wobei es noch obenein zweifelhaft bliebe, ob Nuß und Naßknacker jemals gefunden werden dürf­ten. Hoch erzürnt schwang der König den Zepter über das gekrönte Haupt und schrie mit einer Löwenstimme: ,So bleibt es bei dem Köpfen!" Ein Glück war es für den in Angst und Not versetzten Drofselmeier, daß dem Könige das Essen gerade den Tag sehr wohl geschmeckt hatte, er mithin in der guten Laune war, vernünftigen Vorstellungen Gehör zu geben, cm denen es die großmütige und von Drosselmeiers Schicksal gerührte Königin nicht mangeln lieh. Drosselmeier faßte Mut und stellte zuletzt vor, daß er doch eigentlich die Aufgabe, das Mittel, wodurch die Prinzessin gehellt werden könne, zu nennen, gelöst und sein Leben gewonnen habe. Der König nannte, das dumme Ausreden unb einfältigen Schnickschnack, be­schloß aber endlich, nachdem er ein Gläschen Magenwasser zu sich ge­nommen, daß beide, der Uhrmacher und der Astronom, sich auf die Beine machen und nicht anders als mit der Nuß Krakatuk in der Tasche wieder­kehren sollten. Der Mann zum Ausbeißen derselben sollte, wie es bie Königin vermittelte, durch mehrmaliges Einrücken einer Aufforderung in einheimische und auswärtige Zeitungen und Inielligenzblätter herbeige- fchafst werden. Der Obergerichtsrat brach hier wieder ab und ver­sprach, den andern Abend das übrig« zu erzählen.

Beschluß des Märchens von der harte» Nuß.

Am andern Abende, sowie kaum bie Lichter angesteckt worden, fand sich Pate Drosselmeier wirklich wieder ein und erzählte also weiter:

Drosselmeier und der Hofastronom waren schon fünfzehn Jahre unter­wegs, ohne der Nuß Krakatuk auf die Spur gekommen zu sein. Wo sie überall waren, welche sonderbare seltsame Dinge ihnen widerfuhren, davon könnte ich euch, ihr Kinder, vier Wochen lang erzählen; ich will es aber nicht tun, sondern nur gleich sagen, daß Drofsesineier in seiner tiefen Be­trübnis zuletzt eine sehr große Sehnsucht nach seiner lieben Vaterstadt Nürnberg empfand. Ganz besonders überfiel ihn diese Sehnsucht, als er gerade einmal mit feinem Freunde mitten in einem großen Walde in Asien ein Pfeifchen Knaster rauchte.O schöne, schöne Vaterstadt Nürn­berg Nürnberg, schöne Stadt wer dich nicht gesehen hat mag er auch viel gereist sein nach London, Paris und Peterwardein ist ihm das Herz doch nicht aufgegangen mutz er doch stets nach dir »er­langen nach dir, o Nürnberg, schöne Stadt die schöne Häuser mit Fenstern hat!"Als Drvsselmeier so sehr wehmütig klagte, wurde der Äftronom von tiefem Mi kleiden ergriffen und fing so jämmerlich zu heulen an, daß man es weit und breit in Asten hören konnte. Doch faßte er sich wieder, wischte sich die Tränen aus den Augen und fragte:Aber, wertgeschätzter Kollege, warum sitzen wir hier und heulen? Warum gehen wir nicht nach Nürnberg? Ist's denn nicht gänzlich egal, wo und wie wir die fatale Nuß Krakatuk suchen?"Das ist auch wahr", erwidert« Drosielmeier getröstet. Beide standen alsbald auf, klopften bie Pfeifen aus und gingen schnurgerade in einem Strich fort aus dem Walde mitten in Asien nach Nürnberg.

Kaum nmren sie dort angekommen, so lief Drofselmeier schnell zu seinem Vetter, dem Puppendrechsler, Lackierer und Vergolder Christoph Zacharias Drosselmeier, den er in vielen, vielen Jahren nicht mehr ge­sehen. Dem erzählte nun der Uhrmacher die ganz« Geschichte von der Prinzessin Pirlipat, der Frau Mauserinks unb der Nuß Krakatuk, so daß der einmal über das andere die Hände zusammenschlug und voll Er­staunen ausrief:Ei Vetter, Vetter, was sind das für wunderbare Dinge!" Drofselmeier erzählte weiter von den Abenteuern seiner weiten Reise, wie er zwei Jahre bei dem Dattelkönig zugebracht, wie er vom Pkandelfursten schnöde abgewiesen, wie er bei der naturforschenden Gesellschaft in Eich­hornshausen vergebens angefragt, kurz, wie es ihm überall mißlungen fei, auch nur eine Spur von der Nuß Krakatuk zu erhalten. Während dieser Erzählung hatte Christoph Zacharias oftmals mit den Fingern ge­schnippt sich auf einem Fuße herumgedreht mit der Zunge ge- schnalzt dann gerufen:Hm, hm i ei o das wäre der Teufel!" Endlich warf er Mütze und Perücke in die Höhe, umhalste den Vetter mit Heftigkeit und rief:Vetter Vetter! Ihr seid geborgen, geborgen seid Ihr, sag' ich; denn alles müßte mich trügen, oder ich besitze selbst die Nuß Krakatuk." Er holte alsbald eine schachtel hervor, ans der er eine vergoldete Nuß von mittelmäßiger Grüße hervvrzog.

Seht," sprach er, indem er die Nuß dem Vetter zeigte,seht! Mit dieser Nuß hat es folgende Bewandtnis. Vor vielen Jahren kam einst zur Weihnachtszeit ein fremder Mann mit einem Sack voll Nüssen hierher, die er feilbot. Gerade vor meiner Puppenbude geriet er in Streit und setzt« den Sack ab, um sich besser gegen den hiesigen Nußverkäufer, der nicht leiden wollte, daß der Fremde Nüsse verkaufe, unb ihn deshalb angrisf, zu wehren. In dem Augenblick fuhr ein schwer beladener Lastwagen über den Sack; alle Nüsfe wurden zerbrochen bis auf eine, die mir der fremde Mann, seltsam lächelnd, für einen blanken Zwanziger vom Jahre 1720 feilbot. Mir schien das wunderbar; ich fand gerade einen solchen Zwan­ziger in meiner Tasche, wie ihn her Mann haben wollte, kaufte die Nutz und vergoldete sie, selbst nicht wissend, warum ich die Nuß so teuer bezahlte und dann so wert hielt."

(Fortsetzung folgt.)

Verantwortlich: Dr. Hans Thyrivt. Druck und Berlag: Brüh! sche Untverfitäts'Bnch- und Steindrnckerei, B. Lange, Giehen.