indischen Tempeln gesucht hatten. Sie tauschten unter sich die Vermutung daß der ganze Tempel nichts anderes wäre als eine Fremdenfalle. Weil die Mehrzahl der Passagierdampfer nämlich nicht lange genug hielt, um <jeit zu geben für eine Bergfahrt nach Kandy, zu dem wirklichen, felsumschauerten, historischen Heiligtum« der Insel, sei hier in der Hafenstadt schnell ein moderner indischer Ableger aufgebaut worden, um die Sensation der Reisenden, einen indischen Tempel betreten zu haben, nicht ungemunzt zu lassen.
Priester, der sie geleitet hatte, lächelte: Cr hatte alles verstanden, obwohl sie holländisch sprachen. Das Heiligtum der Singhalesen, sagte er plötzlich in fließendem Englisch, sei in der Tat in Kandy, und dieser Raum sei nur für die Herrschaften aus Europa bestimmt. Aber damit sie sahen, daß dies Haus dennoch die Gottheit herberge, daß diese aber nur, wes Furcht vor Diebstahl, in einem nicht der Oeffentlichkeit zugänglichen Raume untergebracht sei, wolle er ihnen ausnahmsweise ein Gelaß zeigen, welches nur selten ein Nichtinder betreten habe. — Er schlug bei diesen Worten einen Vorhang zurü<k und enthüllte das zweite Gemach des Tempels.
Die Holländer sahen in «ine Kammer, welche vom Tageslicht abgeschlossen war. In d«r Mitte hing von der Decke herab eine europäische altmodische Hängelampe und brannte trübselig. Rings an den Wänden aber strahlte und leuchtete es. Es waren Strahlen von warmem und verräterischem Glanz. Die Holländer erschraken bis aufs Herz, als sie diese Erscheinung bemerkten; denn was sie sahen, war Gold.
Der Kapitän hatte gerade noch Zeit, murmelnd zu seinen Leuten zu sagen: jeder, der auch nur die Hand nach einem der Schätze erhebe, prügele er morgen halbtot — als auch schon die ganze Schar der weißgekleideten Tempeldiener in der Oeffnung des Raumes auftauchte und mit ihren dunklen Augen jeden der Fremden einzeln in Beobachtung nahm.
Der Priester begann mit feinen Erklärungen. Er erzählte von der Herkunft all dieser Ringe und Kronen, aber auch von der Geschichte der vielen großen Götterbilder in diesem Raume aus eitel Gold. Den Fremden ging der Atem aus beim Anblick dieser Brüste und Schlangen und gewundenen Hälse und Spangen ans Gold, Gold, Gold. Es befand sich darunter eine Nachbildung des weltberühmten Schivabildes aus dem Felsentempel der Clefanten-Jnsel. Dreifach waren dessen Häupter und Hälse. Der Priester erläuterte Schivas dreifache Eigenschaften, Schöpfertum, Zerstörung und Fruchtbarkeit, so eifrig, daß er das kleine Buddhastandbild nebenan, welches sich so glatt und behaglich in seinem freundlichen, molli- gen Körper aus Gold zu dehnen schien, nur flüchtig behandelte und sich zum Kontrast nach d«r großen Gottheit sogleich einer Schachtel mit 3u= tvelen zu wandte. Jan Pieterjahn indessen gefiel gerade dieser kleine Buddha am allerbesten.
Betäubt und geblendet traten die Europäer aus dieser Schatzkammer und ihren ungeheuren Reichtümern wieder ans Tageslicht. Der'Kapitän gab ein reichliches Geschenk an den Priester und an all« Tempeldiener. Auch dankte er, jetzt ebenfalls auf englisch, in einer wohlgesetzten Rede. Danach bestiegen all«, von der Priesterschar höflich hinauskomplimentiert, ihre Rikschas, die vor dein Tempel gewartet hatten. Man fuhr die Palmenstraße nach Mount Lavinia zu, nun schon viel stiller und bescheidener als vorher ouf dem Wege vom Hafen.
Mit eins schrie Jan Pieterjahn aus der letzten Rikscha, daß er um- kehren müsse, ihm sei ganz erbärmlich schlecht zumute. Der Kapitän und die anderen lachten. Sie glaubten nicht an feine Krankheit, aber sie glaubten an seine Lust, in eine Hafenkneipe zu singhalesischen Mädchen einkehren zu wollen, und erlaubten es ihm augenzwinkernd, umzudrehen und heimzufahren.
Jan Pieterjahn bedeutete seinem Rikscha-Kuli und fuhr zurück. Als er die Gefährten nicht mehr sah, sprang er aus der Menschendroschke, hielt ein Auto an und jagte mit diesem dem Hafen zu. Dort nahm er ein Boot und trieb es mit hastigen Ruderschlägen zu seinem Schiffe. An Bord angelangt, heulte er aufs erbärmlichste und hielt sich den schmerzenden Leib. Er ging sogleich in die Mannschaftskabine und ließ sich einen warmen Wickel geben, um ihn auf den kranken Bauch zu legen. Es fiel nicht weiter auf, daß er vorher noch einmal kurz im Maschinenraum gewesen war.
Als im Tempel entdeckt wurde, daß der kleine Buddha aus Gold, der neben dem Schirmbilds gestanden hatte, verschwunden war, ließ der singhalesische Priester die Fremden sogleich verfolgen. Sie wurden arretiert und in einem englischen Polizeiauto zum Hafen gebracht. Ein verfilzter Haufe von Eingeborenen, außer sich über das Vorgefallene, stürzte hinterdrein. Die Engländer brachten die Holländer als ihre Gefangenen auf das Schiff. Dort wurde sofort eine Untersuchung aller Schiffsangehörigen, insbesondere des verdächtigen Jan Pieterjahns, angeordnet, an welche sich dieser Zeit seines Lebens nur höchst ungern erinnern sollte. Am Ufer raste das ständig wachsende ob der Tempelschändung stündlich erregter werdende indische Volk. An Bord walteten zwei englische Detektive sowie die eingeboren« singhalesische Polizei ihres Amtes. Die Holländer waren bleich. Die Singhalesen suchten mit jener doppelten Psychologie, wie sie nur asiatische Völker kennen. Sie waren auch im Maschinenraum, aber sie fanden nichts. Sie krochen in die Oefen des Schiffes. Jan Pieterjahns Sabine und Jahn Pieterjahns Körper wurden aufs peinlichste geprüft. Man sand weder den Buddha noch das indische Gold, das ihn, wenn er es gewagt haben sollte, den Gott inzwischen zu verkaufen, sicher verraten hatte. Jan Pieterjahn besaß aber überhaupt kein Geld.
Erst am nächsten Abend wurde das Schiff freigegeben. Es fuhr nach Trineomali, und hier wartet« seiner eine weitere, astatisch unheimliche und überraschende Unannehmlichkeit: eine abermalige Durchsuchung. Denn die Singhalesen glaubten, daß die Holländer das geraubte Gut. weil sie sich nun in Sicherheit dünkten, zum Vorschein gebracht hätten. Auch diese zweite Untersuchung sowie eine dritte in Bombay blieben ohne Erfolg trotz der furchterregenden Genauigkeit, welche gerade die eingeborene Polizei auch in diesen beiden anderen Häfen bewies.
,@s wurde eine unfreundliche Heimreise für die Holländer. Jan Pieterjahn leugnete auch seinen Schiffsgenossen gegenüber den Diebstahl. Daß «r damals vorzeitig umgekehrt sei, das hätte, so meinte er nach wie vor, nur an seinem gewaltigen Bauchweh gelegen. Selbst in Amsterdam
gestand er noch nichts ein. — Erst eine Woche später, als er, abgemustert, vor dem schönen Aquarium seiner Heimatstadt herumspürte und seinem Kapitän begegnete, der nun nicht mehr als Vorgesetzter, sondern als Freund vor ihm stand, erst damals ging Jan Pieterjahn, lustig greinend, ein wenig mehr aus sich heraus.
„Nu sag' mal", sprach zu ihm der alte Kapitän, „nu schadet es ja nichts mehr, nu kannst du es wohl sagen: hast du damals den Buddha gestohlen oder nich?"
„dal" sprach Jan Pieterjahn.
„Du verfluchter Hund", rief der Kapitän, „weißt du auch, daß uns das allen, wegen der verrückten Inder, das Leben hätte kosten können? Wo hattest du ihn dann aber versteckt?"
„In der Maschinenwelle."
„O du verfluchter Hund!"
„Kapitän", sagte Jan Pieterjahn grinsend (er erstand sich bald darauf ein kleines Häuschen in Groningen, weil er den milden, gütigen Gott in das gottlose Amerika verkauft hatte), „Kapitän, der wollte damals zu mir um jeden Preis. Denn wie hätte ich ihn sonst, beobachtet von mindestens zwölf solchen braunen Hunden, doch von seinem kleinen Altar herunter und in meine Hose hineinbekommen sollen? Kapitän, wie soll das nun wohl mit rechten Dingen zugegangen sein?"
Der Engel Ltnbekannt.
Von Bruno G « r s b a ch.
Am zarten Silberbande seiner Hand Führt er dich, Kind, durch deinen Frühlingsgarten. Die kleinen Tage rinnen in den Sand, Die Nächte wehn mit bunten Traumstandarien Von Sehnsuchtsgipfeln in dein Morgenland. Er hält die Fahnenwacht, bereit, zu warten. Denn immer ist er da. Die leichten Stunden Begrüßen ihn mit frohem Glockenschlag, Und hundertfach hast du ihn schon empfunden, Wenn es wie Wind in deinen Haaren lag. Und oftmals stauntest du in lichte Ferne, Von feinem süßen Flügelrausch beglückt.
Und angelacht von einem goldnen Sterne, Warst du gewiß: er hat dich angeblickt. Und wie dein liebes Kinderlächeln leise Und tiefoerträumt aus holden Wundern schweigt, Fühl ich: der Engel steht in einem blauen Kreise, Und fremd uinblaßt von sanfter Himmelsweise, Hat er den Bogen in der Hand und geigt.
Nußknacker und Mausekönig.
Ein Märchen von E. T. A. H o f f m a n n.
(Fortsetzung.)
Der Geheime Staatsrat wurde berufen; man beschloß, der Frau Mau- serinks den Prozeß zu machen und ihre sämtlichen Güter einzuziehen; da aber der König meinte, daß sie unterdessen ihm doch noch immer den Speck wegfressen könnte, so wurde die ganze Sache dem Hofuhrmacher und Ar- kanisten übertragen. Dieser Mann, der ebenso hieß als ich, nämlich Christian Elias Drosselmeier, versprach durch eine ganz besonders ftaats- kluge Operation die Frau Mauserinks mit ihrer Familie auf ewige Zeiten aus dem Palast zu vertreiben. Er erfand auch wirklich kleine, sehr künstliche Maschinen, in die an einem Fädchen gebratener Speck getan wurde, und die Drosselmeier rings um die Wohnung der Frau Speckfresferin auffteUte. Frau Mauserinks selber war viel zu weise, um nicht Drosselmeiers List einzusehen; aber alle ihre Warnungen, alle ihre Vorstellungen halsen nichts; von dem süßen Geruch des gebratenen Specks verlockt, gingen alle sieben Söhne und viele, viele Gevattern und Muhmen der Frau Mauserinks in Drosselmeiers Maschinen hinein und wurden, als sie eben den Speck wegnaschen wollten, durch ein plötzlich vorfallendes Gitter gefangen, dann aber in der Küche selbst schmachvoll hingerichtet. Frau Mauserinks verließ mit ihrem kleinen Häuflein den Ort des Schreckens. Gram, Verzweiflung, Rache erfüllten ihre Brust. Der Hof jubelte sehr; aber die Königin war besorgt, weil sie die Gemütsart der Frau Mauserinks kannte und wohl wußte, daß sie den Tod ihrer Söhne und Verwandten nicht ungerächt hingehen lassen würde. In der Tat erschien auch Frau Mauserinks, als die Königin eben für den königlichen Gemahl ein Lnngenmus bereitete, das er sehr gern aß, und sprach: „Meine Söhne, — Gevattern und Muhmen sind erschlagen; gib wohl acht, Frau Königin, daß Mausekönigin dir nicht dein Prinzeßchen entzwei beißt, — gib wohl acht!" Daraus verschwand sie wieder und ließ sich nicht mehr sehen; aber die Königin war so erschrocken, daß sie das Lungenmus ins Feuer fallen ließ, und zum zweitenmal verdarb Frau Mauserinks dem Könige eine Lieblingsspeise, worüber er sehr zornig war. — Nun ist's aber genug für heute abend; — künftig das übrige!
So sehr auch Diarie, die bei der Geschichte ihre ganz eigenen Gedanken hatte, den Paten Drosselmeier bat, doch nur ja weiter zu erzählen, so lieh er sich doch nicht erbitten, sondern sprang auf, sprechend: „Zu viel auf einmal ist ungesund; morgen das übrige!" Eben als der Obergerichtsrat im Begriff stand, zur Tür hinauszuschreiten, fragte Fritz: „Aber sag mal, Pate Drosselmeier, ist's denn wirklich wahr, daß du die Mausefallen erfunden hast?" — „Wie kann man nur so albern fragen?" rief die Mutter; aber der Obergerichtsrat lächelte sehr seltsam und sprach leise: „Bin ich denn nicht ein künstlicher Uhrmacher, und sollt' nicht einmal Mausefallen erfinden können?"


