Ausgabe 
16.12.1929
 
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nes Kind zu behandeln, in der Gegenwart des Dienstmädchens! Na sa, sie hätte das Mädchen nicht anzuschnauzen brauchen. Aber sie konnte nichts dafür, es war ihr Temperament. Vom Vater aber war es taktlos, sie aus ihr Zimmer zu schicken. Mit siebzehn Jahren war man doch kein Kind mehr! Und seinen strengen Augen gegenüber hatte sie sich doch nicht ge­traut, zu widersprechen. Wenn er böse wurde, war er ernst! Eine Falte grub sich zwischen ihren Augen. Was Mutti dazu sagen würde? Die war in der Küche gewesen, wußte wohl noch nichts davon und es würde ihr furchtbar leid tun, gerade heute am Wcihnachtstage ... Es war taktlos vom Vater! Im Geiste hörte sie die traurige Stimme ihrer Mutter: Kind, wieviele Schmerzen wirst du dir und andern noch bereiten! Das hatte die Mutter gesagt, als sie sich mit ihrer Freundin gezankt hatte, und als ihr die Mutter so dringend zugeredet, sie solle lernen, sich zu beherrschen. Ein Mensch ohne Selbstzucht wäre das unglücklichste Geschöpf auf Erden. Sie hatte sich gezankt mit der Freundin um nichts. Es war ja immer um nichts. Wenn sie sich mit Hans oder Vater zankte, wenn sie unangenehm zum Mädchen war, wenn sie sich unglücklich fühlte ... Auch setzt, wo ihre Aufregung sich legte, sah sie wieder klar: es war nur ihre Schuld gewe­sen, sie hätte diesem Auftritt zuvorkommen sollen, gerade heute. Wie immer schlug ihre Stimmung um, von Selbstmitleid und Entrüstung zur tiefsten Selbstverachtung und Reue. Sie war ein elendes Geschöpf! Sie verdiente es gar nicht, ein so herrliches Heim zu haben. Und sie verdarb sich alles mit ihren Dummheiten .sich alles mit ihren chck chck sich alles mit ihren Dummheiten. Ja, es rvar, wie Vater gesagt hatte: unverträglich war sie und egoistisch.

Sie warf sich auf dem Bett herum und sing, jetzt ganz beruhigt, «ine erbarmungslose Selbstkritik an.

Mit allem war es so. Die Musikstunden ... nie studierte sie Klavier, sie haßte es, und hatte doch selbst früher darum gebeten, Klavierspielen zu lernen. Immer fing sie etwas an, eine Handarbeit, ein Studium ... und dann, nach kurzer Zeit, langweilte es sie. Könnte sie nicht das schönste Leben der Welt führen? Und dennoch war sie immer unglücklich, weil sie sich mit der ganzen Welt herumstritt. Das Leben mußte doch viel schöner werden, wenn man versuchte, gut zu sein. Es überkam sie ein heißes Verlangen, mit einem Schlage «in Ende zu machen und neu an­zufangen. Von heute ab! Ja, nach Weihnachten würde sie ihr Lehen ganz anders einrichten, würde inal ernstlich Klavier studieren. Und würde endlich das Kissen fertig machen, das sie für Mutter angefangen hatte und nach einer Woche in irgendeinen Schrank geworfen ... Jetzt gleich würde sie mit ihrem neuen Leben anfangen, würde zum Vater hingehen und ihn bitten, der Mutter nichts zu sagen und ihm versprechen, sich zu ändern ...

Es wurde so hell, so weit und warm in ihr. Oh, es war herrlich, gut zu sein, das Schöne und Gute zu wollen. Warum hatte sie das erst heute so deutlich eingesehen?

Kurt kam kurz vor dem Essen. Er entschuldigte sich: ein Bekannter, dem er zufällig begegnet war und der ihn aufgehalten hatte. Er war lustig und gesprächig, neckte seine kleine Schwägerin, die besonders sanft und freundlich war heute und scherzte mit seiner Frau. Nur sein« Augen ivaren etwas gerötet, wie immer, wenn er nervös war. Er redete viel am Tisch, um zu verbergen, daß er kaum etwas.

Eine verfluchte Komödie! Und was war der Zweck? Die alten Leute mußten es doch bald wissen. Komisch, wie sie hier saßen, alsglückliche Familie"! Er schaute flüchtig zu seiner Frau hin. Das Leben war sonder­bar, wie ein irrer Traum. Sie hatten sich doch geliebt, sie waren glücklich gewesen, und jetzt ... Oh, gewiß, nichtsSchlimmes" war geschehen, ab«r ihm kam es vor, als hätte er etwas Ernstliches, einen Streit, eine Un­treue sogar, weniger schlimm gefunden als diese langsame, verräterische Entfremdung. Na, es war ja bald vorbei. Komisch! Und vor drei Jahren hatten sie strahlend unter dem Weihnachtsbaum gestanden ... Am vori- rigen Jahre noch ... obwohl doch damals schon vieles sich geändert hatte ... Aber trotzdem, der Gedanke an eine Scheidung war ihm da­mals noch nicht gekommen.

Er hob sein Glas und starrte gedankenverloren in den rotfunkelnden Wein. Vorbei vorbei...

Man hatte eben geträumt, von Glück und Liebe, von der Heimat eines andern Menschenherzen ... von Kindern ...

Ja, wenn sie bloß Kinder hätten ... Er leerte das Glas auf «inen Zug. Irgend etwas mußte er herunterjchlucken.

Und dann erzählte er einen lustigen Witz. *

Die alte Frau schaute mit träumenden Augen zu, wie ihre Kinder die Lichter anzündeten. Silbern glitzerte der festlich geschmückte Baum in dem sanften, schönen Kerzenschein. Dann setzte sich Annalist ans Kla­vier und spielte die alten, lieben Lieder. Sogar der Vater sang mit, ganz leise, weil er immer falsch sang und die anderen dadurch in Verwirrung brachte. Die alte Frau lächelte mit unendlicher Zärtlichkeit, und ihr« Hand suchte die ihres Mannes. Lieber Freund, lieber, treuer alter Freund... Wie war es doch möglich, daß sie sich manchmal stritten, zwei solche Ka­meraden! War es denn überhaupt möglich, sich noch zu streiten, wenn man soviel zusammen durchgemacht hat, soviel zusammen gesorgt und gehofft, gejauchzt und geweint ... soviele Jahre lang? Ach, es war ja immer nur um Kleinigkeiten. Daß er auch das Rauchen nicht lassen wollte, wo ihm der Arzt doch so sehr abgeraten hatte. Aber sie hatte Unrecht, sich darüber so zu ärgern. Sie mußte es mit Geduld und Liebe versuchen. Ja, sie rvar fest entschlossen, es würde nie mehr vorkommen, daß sie sich wegen solcher Dummheiten stritten. Nie mehr, von heut« abend an.

Dann erschrak sie auf, weil die sanfte Musik plötzlich abbrach, nur noch einige Stimmen vereinzelt weitersano^en und dann schwiegen ... Anna- kis« hatte den Kopf auf die Tasten gesenkt und weinte ... weinte ...

Was ist mit Dir, Kindchen? Annalise, was fehlt dir? ... Gib doch mal ein Glas Wasser! ... Na, Töchterchen, was sind das für Dumm­heiten!" ... Sie umdrängten sie alle, streichelten den gebeugten Kopf, schauten sich ängstlich fragend an ... Aber Kurt nahm das Glas Wasser seinem Schwiegervater aus der Hand.

Einen Arm fest um die schmalen Schultern seiner Frau gelegt, sagte er leise, zärtlich-dringend:Trink etwas, Liebling ... es ist nichts ... fit ist nervös ..Er beugte sich über Annalise und küßte sie.

Annalise hatte Einkäufe gemacht, an einem schönen Sommermorgen, und sprach im Vorübergehen bei ihren Eltern vor. Sie fand die alten Leute im Wohnzimmer, in ein wenig gutes verheißendes Schweigen ge­hüllt. Der Vater tat, als ob ihn die Lektüre einer Zeitung außerordent­lich interessiere, die Mutter häkelte. Annalise lächelte.

Was ist denn mit Euch? Hat Vater wieder geraucht, der bös« Mann?" Eine Zigarre!" kam es von hinter der Zeitung her.Ich bitt' dieh, eine Zigarre ... Und deswegen macht deine Mutter ein Aufsehen?"

Ich mache gar kein Aussehen!" sagte die alte Frau, heftig häkelnd, garnicht. Ich werd« überhaupt gar nie wieder etwas sagen. Es ist mir ganz egal, wenn du die Ratschläge deines Arztes in den Wind schlägst. Aber ich werde dich auch nicht bemitleiden, wenn du wieder krank wirft. Wenn du mich so wenig liebst, daß du meinetwegen das Rauchen nicht lassen willst ...!

Menschenskind, übertreibe doch nicht so furchtbar."

Die Zeitung wurde knisternd auf den Tisch geworfen.

Wegen einer Zigarre! Ich habe dir wohl nie andere Beweise meiner Liebe gegeben? Na, schön, ich gehe lieber."

Die Tür schlug zu. Es blieb eine Weile still.

Ra, Muttchen", tröstete Annalise,seit wielange streitet ihr Euch nun schon herum wegen der dummen Raucherei?"

Ihre Mutter seufzte.

Ach ja, Kind, hatte mir am Weihnachtsabend vorgenommen, nie mehr mit deinem Vater darüber zu zanken. Was man sich alles vor­nimmt, wenn die Kerzen brennen und man sich so feierlich fühlt! Hans hatte mir so versprochen, jetzt endlich mit der Arbeit anzufangen, und nun ist er wieder durchgefallen."

Er ist noch jung," sagte Annalise entschuldigend.

Und Milly weinte heute und sagte, sie wäre ein Schwächling und eine elende Egoistin ... Sie hatte sich am Weihnachtsabend vorgenommen, sich zu ändern, und nun hatte sie schon wieder zwei Wochen kein Klavier geübt und noch immer das Kissen für mich nicht fertig gemacht und sich mit der ganzen Welt gezankt!"

Annalise lachte. Aber ihre Mutter sagte etwas melancholisch:Ja, einige Stunden lang erscheint es uns leicht und einfach, gut zu fein: die Stunden, wenn die Weihnachtslichter brennen und alles so schön, so feierlich um und in uns ist. Aber später ..." Sie stockte. Annalise hatte angefangen, eines der kleinen Paket«, die sie bei sich hatte, zu öffnen. Ihre Mutter starrte hin, setzte sich di« Brille zurecht und fragte mit plötz­lich veränderter, etwas unsicherer Stimm«:Was hast du denn da? Für wen hast du das gekauft?"

Annalise antwortete nicht. Sie hielt die niedlichen, wollenen Baby­schuhe zwischen den Fingern und schaute di« Mutter an, mit strahlendem Lächeln. Dies« nahm ihr die Schuhe ab, streichelte sie und bekämpfte ihre Rührung.

Dann sagt« Annalist leise, mit verträumten Augen in weite Ferne schauend:Meine Kerzen ... brennen noch, Mutter."

Buddha will in die Welt.

Von Martin B o r r m a n n.

Dies ist die Geschichte von der kleinen Buddhastatu« aus dem Singha- lesentempel in Colombo auf Ceylon, welche so gern von Ort und Stelle verreisen wollte und von Jan Pieterjahn, dem Amsterdamer Matro­sen, der ihr dazu verhalf. Ich erzähle sie, wie sie mir Alois Timpfer, der Schiffsheizer, Feuerschlucker und Dichter der Landstraßen, den ich in Oesterreich tennengelernt habe, berichtete. Der aber hat st« von Jan Pieterjahn selbst.

Jan Pieterjahn war Maat auf einem holländischen Frachtschiff, das Ladung nach Colombo und Trincomali hatte. Nachdem die Fracht im Hasen von Colombo gelöscht war, widmeten sich die Offiziere den Ver­gnügungen der paradiesischen Stadt. Sie beschlossen, drei von den Mann­schaften des Schiffes an Land mitzunehmen, um sie auszuzeichnen. Jan Pieterjahn gehörte zu den auserlesenen Leuten. Er zog seine beste Uni­form an und setzte mit den Offizieren ans Ufer über.

Es war Frühling in Indien, die Regenzeit hotte soeben aufgehört, fern noch waren Dürre und Staub; die Bäume wucherten und blühten und strömten Himmel und Höllen von Gerüchen aus.

Jan Pieterjahn saß in der letzten von sechs Rikschas, welche, von fast gänzlich entkleideten Eingeborenen gezogen, im schaukelnden Trab nach der inneren Stadt fuhren. In jeder Rikscha hatte es sich ein Holländer bequem gemacht. Alle lachten fröhlich und fchrieen sich Gesprächsbrocken zu. Um sie herum aber lief, wie reißendes Wasser um kleine Inseln, der Strom des indischen Straßenverkehrs. Pieterjahn fühlte sich wie berauscht.

Die Rikschas durchrollten die Innenstadt und bogen in stillere, pal» menbepslanzte Wege ein. Sie hielten vor einem kleinen Tempel der Singhalesen, einer der hauptsächlichsten Sehenswürdigkeiten Colombos. Schon sah man herannahende weißgekleidete Diener in der Vorhalle des Tempels, welche das kleine Heiligtum wie eine Art offener Veranda auf allen Seiten umzog.

Die Diener bedeuteten den Besuchern, daß sie Filzschuhe über ihre Stiefel streifen müßten. Man darf einen indischen Tempel nicht mit Schuhen betreten. Freundlich grinsend zog Jan Pieterjahn die Filzschuhe über seine Halbstiefel aus Segeltuch.

Der erste Raum, den sie betraten, war eine Enttäuschung. Zunächst: er war modern, ein Neubau, rote es der ganze Tempel zu fein schien. Sodann: er enthielt keine Statue von Göttern, wie sie die Holländer eigentlich erwartet hatten, sondern war kahl und einfach. Nur der liegende Buddha verzierte {eine Längswand als Freskogemälde. Unendlich sauber war der ganze Raum, von einer freundlichen und gewissermaßen vege­tarischen Reinlichkeit erfüllt. Aber nichts war da von dem Schauer und der grausamen Andacht, die sie, die einfachen holländischen Seeleute, in